Gleiches Geld für gleiche Arbeit?

Damit Gleichbehandlungsanforderungen erfüllt werden, müssen britische Männer jetzt mit empfindlichen Gehaltskürzungen rechnen

In der EU verdienen Frauen durchschnittlich 15 Prozent weniger als Männer. Dass Frauen für ihre Arbeit auch genauso viel Geld wie ihre männlichen Kollegen bekommen sollen, wird seit langem gefordert, durch Programme gefördert und durch Gesetze abgesichert. Doch an der Umsetzung hapert es oft noch. Und der Schuss kann auch nach hinten losgehen, wie sich derzeit in Großbritannien zeigt. Beschäftigte im öffentlichen Dienst – und zwar überwiegend Männer – müssen nämlich mit empfindlichen Gehaltseinbußen rechnen, damit Gleichbehandlungsregelungen erfüllt werden. Anderenfalls würde vielen Kommunen der finanzielle Kollaps drohen - eine paradoxe Situation.

Bereits im Jahr 1970 wurde in Großbritannien der sogenannte Equal Pay Act verabschiedet. Damals lagen die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen auf der Insel bei etwa 37 Prozent. Als das Gesetz 1975 schließlich in Kraft trat, verdienten Frauen durchschnittlich immer noch 30 Prozent weniger. Und die Mühlen mahlten langsam. Denn erst eine EU-Entscheidung aus dem Jahr 2003 verschärfte den Druck derart, dass zumindest der öffentliche Dienst den dringenden Handlungsbedarf erkannte und Konzepte erarbeitete, um der Forderung nach gleicher Entlohnung unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft nachzukommen. Laut einem Bericht der britischen Times wurde mit den britischen Gewerkschaften die Umsetzung bis Frühjahr dieses Jahres vereinbart. Die Arbeitnehmervertreter handelten zahlreiche Kompromisse mit den Kommunen aus und versuchten dabei den Spagat, einerseits die Ist-Gehälter der Männer weitgehend zu halten und gleichzeitig mehr Geld für Frauen durchzusetzen. Für die betroffenen Frauen bedeuten diese Agreements aber nicht unbedingt eine Kompensation in der Höhe, die ihnen von Rechts wegen zustehen würde. Denn bis zu 700.000 „council workers“ und etwa noch einmal so viele weibliche Beschäftigte im nationalen Gesundheitswesen ebenso wie einige Tausende Lehrerinnen könnten theoretisch für einige Jahre rückwirkend die gleiche Bezahlung einfordern. Die Times errechnete, dass die Klagen der öffentlichen Hand etwa zehn Milliarden britische Pfund kosten könnten.

“Over the past two years, unions have reached hundreds of compromise agreements with local councils to help to protect male workers’ pay and jobs while getting a good deal for women. But aggressive no-win, no-fee lawyers are now unpicking the agreements by winning higher compensation payments for thousands of individual claimaints. The result is a tougher squeeze on male pay, with some men having their salary hugely reduced.”

Da die Kommunen nicht über derart hohe Mittel verfügen, um die Differenz nach oben hin auszugleichen, müssten besser verdienende Angestellte jetzt eben mit bis zu 15.000 Pfund im Jahr weniger rechnen. Dabei trifft es nicht nur leitende Angestellte. Selbst ein britischer Müllmann könnte einiges verlieren. Diverse Medien haben dazu einige Fallbeispiele recherchiert. So würde der Müllmann Mark B. aus Coventry fast 4.000 Pfund, umgerechnet ca. 6.000 Euro, im Jahr weniger verdienen, wie ihm die Stadtverwaltung in einem Brief mitteilte. Er verfügte bisher über ein Jahreseinkommen von rund 15.300 Pfund. Dahingegen würde die afrobritische Altenpflegerin Millicent V., die in der gleichen Kommune tätig ist, statt wie bisher nur 11.000 Pfund künftig immerhin 14.000 Pfund erhalten.

Was diese Beispiele sicher transparent machen, ist die Tatsache, dass männlich dominierte Bereiche selbst im öffentlichen Dienst lange Zeit finanziell besser ausgestattet wurden. Die Abfallentsorgung ist europaweit überwiegend in männlicher Hand. Der Job als Müllmann ist aber fast überall besser dotiert als die Tätigkeit im Krankenwesen, ein Bereich, in dem traditionell sehr viele Frauen arbeiten. Die Arbeiten sind aber durchaus vergleichbar. Denn auch eine Krankenschwester muss schwere Lasten heben (z.B. wenn bettlägerige Patienten versorgt werden müssen), es gibt ein Ansteckungsrisiko, etc. ... Dass nun Männer einfach weniger verdienen sollen, um die Gleichbehandlung herzustellen, sorgt jedoch für einige Aufregung unter den Betroffenen.

Aber die Sache ist komplex. Viele hatten erwartet, dass einfach die Löhne auf das höhere – meist männliche - Niveau angeglichen werden. Doch dann müssten wieder die Steuerzahler zur Kasse gebeten werden und Leistungskürzungen im Gesundheitswesen wären unvermeidbar, heißt es von Seiten der Stadtverwaltungen. Insgesamt, so die Times, müssten nun etwa 250.000 Männer und einige besser verdienende „weiße“ Frauen mit Lohnkürzungen beziehungsweise dem Einfrieren ihrer Gehälter rechnen. Die Frist zur Umsetzung am 31. März haben viele Kommunen nicht erreicht. Dazu kommt jetzt noch eine Flut von Einzelklagen. Der Gewerkschaftsverband TUC forderte die Regierung auf, die Gemeinden zu unterstützen, die die Mehrkosten von 5 Milliarden Pfund nicht schultern können.

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