Gletscher in Deutschland: Da waren es nur noch vier

Eine Aufnahme von 2009. Foto: Svíčková / CC-BY-SA-3.0

Der "Südliche Schneeferner" hat aufgehört zu existieren: Dieser Sommer hat den Alpen in besonderer Weise zugesetzt. Allein an den Schweizer Gletschern gingen 6,2 Prozent der Eismassen verloren.

Deutschlands größter Gletscher, der "Schneeferner", bedeckte Mitte des 19. Jahrhunderts noch eine Fläche von 300 Hektar. Die Gletscherfläche unterhalb der Zugspitze schrumpfte bis 1979 auf nur noch 31,7 Hektar. Dann zeigte der ungebremste, menschengemachte Klimawandel seine volle Wirkung: Der Gletscher zerfiel in ein nördliches und südliches Gletscherfeld.

Besonders rasant nagte die Klimaerhitzung am südlichen Teil des Schneeferner: 2015 betrug dessen Fläche gerade noch 3,4 Hektar – knapp fünf Fußballfelder groß. Sieben Jahre später gibt es den Gletscher nun offiziell nicht mehr, wie die Bayerische Akademie der Wissenschaften bekannt gab: Aufgrund seiner geringen Eisdicke sei am "Südlichen Schneeferner" keine Eisbewegung mehr zu erwarten. Damit sei die Eisfläche nicht länger als Gletscher zu betrachten.

Bedeutet: In Deutschland existieren jetzt nur noch vier Gletscher – der Nördliche Schneeferner, der Höllentalferner, der Watzmanngletscher und der Blaueisgletscher. Aber natürlich leiden auch diese extrem stark unter dem Abschmelzen. Wissenschaftler haben in diesem Jahr die höchste Abschmelzrate an den Gletschern der Alpen gemessen, allein an den Schweizer Gletschern gingen nach Erhebung des Gletscherbeobachtungsprogramms Glamos 6,2 Prozent der Eismassen verloren.

Mit dem Schnee geht das Rückstrahlvermögen verloren

So viel wie noch nie seit Beginn der Messung: Grund für die neuen Horrordaten sei zum einen sehr wenig Schnee im Winter. Wenn weißer Schnee den Gletscher bedeckt, ist das Rückstrahlvermögen der Sonnenenergie größer als beim dunkleren Eis. Zweiter Grund: die anhaltenden Hitzewellen im Sommer. Seit dem Jahr 2000 hat sich die vergletscherte Gebirgsfläche in der Schweiz damit fast halbiert – auf gut 49 Quadratkilometer.

Anfang Juli waren auf dem 3.343 Meter hohen Berg Marmolata, dem höchsten und markantesten der Dolomiten in Italien, zehn Grad Celsius gemessen worden, die bislang höchste Temperatur. In der Folge stürzte ein Teil des Marmolata-Gletschers ab, die Eis- und Geröllmassen erfassten mehrere Seilschaften und rissen elf Bergsteiger in den Tod, acht weitere wurden zum Teil schwer verletzt.

Untersuchungen zufolge hat der Marmolata-Gletscher bereits 90 Prozent seines Volumens in den letzten hundert Jahren verloren und 70 Prozent seiner Fläche. Die Umweltvereinigung Legambiente warnt, dass der Gletscher in 15 Jahren vollständig verschwunden sein wird.

In Deutschland wird es da schon keine Gletscher mehr geben: Gemäß dem zweiten bayerischen Gletscherbericht "Zukunft ohne Eis" ist hier das "Ewige Eis" spätestens 2030 verschwunden. Das ist ganz offizielle Staatspolitik in Bayern, erstellt und getroffen hat diese Aussage nämlich das dortige Umweltministerium in seinem Bericht "Zukunft ohne Eis". An der Windkraft-Verhinderungspolitik hat Markus Söder (CSU) im Gegenzug aber nichts verändert.

Alpen als Hotspot des Klimawandels

Allgemein werden die Alpen als "Hotspot" des Klimawandels bezeichnet: Zwei Grad ist es in den Höhenlagen bereits wärmer geworden, gleichzeitig zog sich die Schnee- und Eisbedeckung spürbar zurück, stattdessen wachsen jetzt dort vermehrt Pflanzen.

Ein Effekt, der mittlerweile sogar aus dem Weltraum zu sehen ist, wie Forschende der Universität Basel beschreiben: Das europäische Gebirge wird grüner. Auf 77 Prozent jener Gebiete, die oberhalb der Baumgrenze liegen, wurde die Vegetation in den vergangenen 40 Jahren dichter, gleichzeitig schwand auf zehn Prozent der dortigen Flächen die Schneedecke. "Die Alpen wandeln sich von weiß nach grün", so Sabine Rumpf, Professorin an der Universität Basel.

Was wiederum Auswirkungen auf den Klimawandel in den Alpen selbst hat. "Eine grünere Bergwelt reflektiert weniger Sonnenlicht und führt somit zu einer weiteren Klimaerwärmung – und daher zum weiteren Schwinden reflektierender Schneeflächen", so Rumpf. Ein sich selbst verstärkender Effekt. Bereits bei früheren Untersuchungen anderer Teams war aufgefallen, dass die Schneeschichten in den Alpen immer dünner werden. Die Messwerte von 800 Wetterstationen belegen einen durchschnittlichen Rückgang von 8,4 Prozent pro Jahrzehnt.

Schwindende Gletscher bedeutet auf der anderen Seite, dass der Meeresspiegel ansteigt. Aktuell gehen in Alpen, Anden oder Rocky Mountains, im Altai, Pamir oder Himalaya jährlich rund 335 Gigatonnen Eis verloren – Tendenz rasant steigend. Um diese Schmelzmasse zu veranschaulichen: 335 Milliarden Tonnen – das entspricht einem Eisblock der Strecke Düsseldorf nach Karlsruhe, hundert Meter breit und zehn Kilometer hoch, so hoch wie Flugzeuge fliegen. Und das kommt natürlich auf unsere Küsten zu. (Nick Reimer)