Globaler Trend zu grünen Städten?

Hat die Weltgemeinschaft noch die Wahl, sich zukünftig für oder gegen grüne Städte zu entscheiden? Welche Faktoren implizieren die Notwendigkeit hin zur Trendwende, und was muss sich weltweit im Stadtbild verändern?

Von Sao Paulo bis Shanghai, alle Megacities haben künftig ein Grundproblem. Sie wachsen nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern durch den Zuzug der Landbevölkerung in die Städte. Experten der Vereinten Nationen prognostizieren den Anstieg der Weltbevölkerung bis 2050 auf 9,5 und bis zum Ende des 21. Jahrhunderts sogar auf bis zu 10,5 Milliarden Menschen.

Dabei ist der Zuwachs der Weltbevölkerung nicht in China, sondern in Afrika und auf dem indischen Subkontinent zu erwarten. Und die junge Bevölkerung zieht es nicht aufs Land, sondern in die Ballungszentren mit großräumiger städtischer Infrastruktur. Jetzt schon leben rund 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Bis 2070 werden es 70 Prozent sein. Der Run auf die Städte nimmt weiter zu, denn hier werden rund 60 Prozent des Weltbruttosozialproduktes erwirtschaftet.

Die derzeitigen Konflikte in Nordafrika für mehr Demokratie und bessere ökonomische Lebensbedingungen zeigen, dass die Weltbevölkerung auf eines nicht verzichten kann. Das Zauberwort heißt Entwicklung und steht in Verbindung mit einem neuen Friedensbegriff.

Hongkong. Ausgangsbild: Filzstift. Bildbearbeitung: TP. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die Voraussetzungen für Entwicklung müssen jedoch die Städte gewährleisten. Und das können sie nur, wenn sie auch genügend Energie zur Verfügung haben. Die Formel lautet demnach: "Entwicklung und Energie schaffen Frieden", so Klaus Töpfer, Vorsitzender der Ethikkommission für sichere Energieversorgung und Gründer des Instituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit in Potsdam, letzte Woche in einem Vortrag auf dem Kongress "Green Cities - Städte der Zukunft" in der Hafencity in Hamburg.

Aber implizieren wachsende Städte nicht die Konsequenz, dass noch mehr Autos täglich aus den Siedlungen in die Städte pendeln, noch mehr Stau vor den Stadttoren entstünde und sich noch mehr Smog in der Luft konzentriert? Und damit noch mehr Ozon die Städte bei Hitzewellen belastet?

Jedenfalls stehen weltweit Stadtplaner, Architekten, Politiker und Ökonomen vor der gleichen Herausforderung: Einerseits die Negativseiten der Städte zu modernisieren und gleichzeitig in allen Global Cities von Nairobi bis Athen neue ökologische Stadtstrukturen zu schaffen.

In der Bundesrepublik verbraucht der Verkehr rund 30 Prozent des Energiehaushaltes. Deshalb wird am 16. Mai der Bundesregierung ein Papier vorlegt, in dem Politiker und über hundert Wissenschaftler und Experten ein Ziel bis zum Jahr 2020 festlegen: In rund 10 Jahren sollen eine Million Elektroautos auf den bundesdeutschen Straßen rollen. Wir "wollen Flotten von Elektrofahrzeugen", erklärt Rainer Bomba, Staatssekretär des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in Hamburg.

Und nicht nur das. Um CO2 zu reduzieren und das 2-Grad-Ziel bis 2050 einzuhalten, setzt das Thesenpapier auf technologieoffene Innovationen: Hybridautos, die mit neuen Kraftstoffen wie Biokraftstoffen, neuen Wasserstoffen, Brennstoffzellentechnologie und über Batterie angetrieben werden sowie Autos mit Diesel- und Bezinmotoren, die noch sparsamer sind.

Autos mit Brennstoffzellentechnologie fahren bisher 500 Kilometer, bis sie aufgeladen werden müssen, und Elektroautos rund 130 Kilometer weit. Dies ist zwar keine neue, aber eine Idee mit neuer Brisanz, die nun auch in ein einheitliches ökologisches Städtekonzept integriert werden muss. Die Dialogpartner der Regierung: Trotz Klagen der Autoindustrie, dass die Bundesregierung den Wandel zu wenig unterstützt, leben Daimler und Porsche davon, in der industriellen Entwicklung "vorn dabei zu sein", so Rainer Bomba.

Alte und neue Kraftfahrstoffe

Auch wenn bis 2020 "CO2-freie Transporte" nach Auffassung von Regine Günther, Leiterin des WWF Deutschland für Klimaschutz und Energiepolitik, "wünschenswert sind", lässt sich die gänzliche Umrüstung der Autoindustrie auf die neuen Technologien auch bis 2050 nicht realisieren, da die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Autoindustrie gewährleistet bleiben muss. Zudem ist nicht klar, welcher neuer Kraftstofftyp sich durchsetzen wird.

Bomba geht von einem dynamischen Prozess aus, der stetig verfolgt und nach jedem Jahrzehnt intensiviert werden müsse. Allerdings werden ein durchgängiges Tempolimit und die City Maut nicht nur in Wahlkampfzeiten Tabuthemen bleiben, auch wenn europäische Städte wie London und Stockholm hierfür beispielhaft sind. Stau und knapper Parkraum sollen "Freiheiten des Deutschen bleiben", der ungehindert in deutsche Innenstädte mit dem Auto fahren darf, betont Bomba.

Zudem kann die Autoindustrie das Ziel der Nullemission nicht allein meistern. Der Individualverkehr, den die Bundesregierung nicht durch zu viele Verbote zu behindern gedenkt, muss geschultert werden durch CO2-freie Transportsysteme im Schwerlastverkehr, auf der Schiene und dem Wasserweg. Maximilian Gege vom Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M) setzt deshalb auf Belohnungsanreize für den Autofahrer, wenn er sein Auto in der Garage lässt und auf den kollektiven Nahverkehr umsteigt.

Karl-Friedrich Rausch, der im Vorstand von DB Mobility Logistics vertreten ist, sieht intelligente Nahverkehrsangebote als eine wichtige Säule zur Entlastung des Stadtverkehrs. Über ein "Touch and Travel-System" sollen die Nutzungsmöglichkeiten im Schienennahverkehr verbessert werden. Der Bahnfahrer loggt sich mit einer Karte in ein Computersystem ein, das ihn vom Ausgangspunkt bis zum Zielort mit Informationen über Carsharing und Bikes versorgt, so dass er auch bei Überlandfahrten ganz auf das eigene Auto verzichten kann.

Zu einem neuen Stadtbild gehört auch die Architektur. Die bisherige Bauweise in Großstädten nach architektonischen Plänen aus den dreißiger Jahren soll modernisiert werden. Ziel ist es, die künstliche räumliche Trennung zwischen Siedlungsgebieten und Arbeitsplatz aufzuheben. Innenstädte und Gebäude gilt es im Stil des CO2-armen und energieeffizienten Passivhauses zu renovieren oder den Energiebedarf über die Brennstoffzelle abzudecken. Innenstädte werden so wieder bewohnbar und hitzestauresistenter, da im Stil des Passivhauses sanierte Gebäude eine kombinierte Bodenheizung mit Dachbelüftung haben.

Meteorologen und Klimaforscher machen keinen Hehl daraus, dass sich im Rückblick die Erde in Klimadiagrammen zusehends rot färbt. Rot steht für die Erwärmung des Globus durch anthropogen erzeugte Abgase. Seit Beginn der Industrialisierung stieg die Erdtemperatur um durchschnittlich 0,7 Grad Celsius, in den nächsten zwanzig Jahren wird sie um weitere 0,5 Grad Celsius und bis 2050 für die gesamte Zeitspanne um insgesamt 2 Grad Celsius ansteigen.

Die 2-Grad-Marke ist zumindest das erklärte schriftliche Ziel der CO2-emittierenden Industriestaaten auf der letzten Umweltkonferenz im mexikanischen Cancun. Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher und Mitglied des Weltklimarates, sieht in Anlehnung an Ulrich Becks Theorie der Risikogesellschaft die zweite Moderne im Anschluss an die exponentielles Wachstum fördernde erste Moderne angebrochen. Die von Beck titulierte zweite oder reflexive Moderne, die Moderne, die die Konsequenzen zweckrationalen ökonomischen Profitdenkens in das menschliches Handeln einbezieht, hält parallel zur ersten Moderne Einzug in die Weltgesellschaft. Es ist die Moderne, in der alte Institutionen wie der Nationalstaat in seiner Funktion erodiert und sukzessive ersetzt wird durch supranationale und lokale Gremien, in denen Expertenwissen vereint wird, mit die Weltgesellschaft künftig Umweltrisiken für die Gesellschaft und die Städte steuert.

Schaffen es die Nationalstaaten nicht, ihre nationale neue Rolle als Klimaschützer wahrzunehmen, sieht Schellnhuber das Umweltchaos regieren: "Bis 2050 muss CO2 aus der Atmosphäre genommen werden. Das bedeutet, dass CO2 Emittenten CO2 soweit einsparen, dass der Emissionstrend negativ ist", mahnt Schellnhuber. Die Folgen sind bereits vielfach beschrieben und bedeuten in einer Konsequenz den Meeresspiegelanstieg um rund einen Meter. Dabei wird Grönland infolge der Eisschmelze Wasser verlieren. Die Wellenrücken ziehen dabei von Norden nach Süden und werden sich in den Tropen auswirken, aber auch Bangladesch, Tokio und die Fiji-Inseln überspülen.

Der Rousseausche Gesellschaftsvertrag, in dem die Staatsbürger ihre individuellen Rechte an den Staat veräußern und dieser dafür einerseits das Gewaltmonopol innehält, andererseits die Rechte der Bürger schützt, steht auf dem Prüfstand. Zu Beginn der Bildung der Nationalstaaten war der Schutz vor Krieg ein wichtiges Anliegen, heute ist es der Schutz der Erde vor ihrer Zerstörung und Ausbeutung für die nachfolgenden und noch ungeborenen Generationen. Die Kollektivverantwortung für das Erbe des Planeten Erde liegt in der Waagschale und muss trotz vielfältiger kontroverser Interessen, wie es auch das Beispiel Stuttgart 21 vor Augen geführt hat, demokratisch austariert werden, so Hans Joachim Schellnhuber.

Aufgrund des besonderen Ingenieurswissen könnten deutsche Experten eine wichtige Rolle spielen, um beispielsweise nach dem Reaktorunglück des Kernkraftwerkes Fukushima dazu beizutragen, die risikoreiche Brückentechnologie zu überwinden. Der deutsche Sonderweg quasi als Vorbild zur Nachahmung für Chinesen und andere Völker.

Inzwischen scheint die wissenschaftlich untermauerte Prognose der Erderwärmung auch bei der Wirtschaft angekommen zu sein, die dennoch wie GE (General Electrics) darin auch ein Zukunftsgeschäft sieht. Denn GE wirbt heute schon mit sauberen, umweltfreundlichen Technologien, die in integrierte diversifizierte Stromkreisläufe- und Netze integriert sind. Wirtschaftsakteure denken nun auch ethisch ökologisch. So hat sich die Idee der acht Kardinaltugenden verbreitet.

"Eine dieser Tugenden liegt in dem Konsens, fossile Rohstoffe wie die Steinkohle, die noch lange Zeit die Erde mit Energie versorgen könnte, unter der Erde zu lassen", sagt Marc Oliver Bettzüge, Direktor und Vorsitzender der Geschäftsleitung des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI). Eine zweite Tugend sei die internationale Solidarität im Hinblick auf den Erhalt der Erde. Kosten müssen neu verteilt werden, wobei nicht allein der Staat diese tragen kann. Ebenso wenig neu, aber sinnvoll ist die Idee der CO2-Steuer. Sie könnte als nicht unumstrittenes Modell für die Aufteilung der Kosten beim Verbrauch der natürlichen Ressourcen dienen, sagt Matthias Send vom Institut für Klima- und Umweltschutz NATURpur.

Der wirksamste Faktor für eine erträgliche Urbanisierung ist die Bevölkerungsstabilisierung. Städte der Zukunft müssen auf dem Human Development Index aufbauen, der ein Indikator für Bildung von Frauen weltweit ist. Nur so könnten nachhaltige Stadtgesellschaften entstehen, die kleine ökologische Fußabdrücke auf der Erde hinterlassen, führt Ernst Ulrich Michael Freiherr von Weizäcker in Hamburg aus. Das fängt beim Recycling an und hört bei energiesparenden Krankenhäusern auf, die einen Primärenergieverbrauch von 25 Prozent haben. Dabei sei nicht der Staat der Ingenieur oder Gesundheitsexperte. Er allein müsse nur die Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen: so können "Green Healthcare-Kliniken", von denen eine Musterklinik bereits in Bad Tölz steht bzw. auf der Expo 2010 in Shanghai gezeigt wurde, gebaut werden, die soziale Gerechtigkeit und ökologische Modernität vereinen, erklärt Ernst Ulrich von Weizäcker.

Städteplaner der Zukunft müssen sich das Stichwort "green cities" zu Herzen nehmen. Denn über das Ob kann nicht mehr diskutiert werden, nur noch über das Wie, Womit und bis Wann. (Claudia Hangen)

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