Globaler Wettlauf um die schlauesten Algorithmen

Grafik: TP

KI-Nationalismus - Teil 1

Weil sich die handels- und geopolitischen Spannungen verschärfen, fragmentiert der Weltmarkt für Digitaltechnik. Gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz hat ein neues technologisches Wettrüsten begonnen. Und Deutschland? Mit ihrer neuen "Nationalen KI-Strategie" will die Bundesregierungen an die Weltspitze - ohne industriepolitisches Konzept, ohne Europa und ohne Rücksicht auf die gesellschaftlichen Folgen.

"Wer über die leistungsfähigste Künstliche Intelligenz verfügt, wird die Welt beherrschen." So äußerte sich Wladimir Putin letztes Jahr. Der globale Wettkampf um die schlausten und schnellsten Algorithmen nimmt Fahrt auf. Künstliche Intelligenz (KI) gilt als die Schlüsseltechnologie der Zukunft. "Wir müssen kämpfen!", meint die deutsche Kanzlerin. Von einer "Aufholjagd" spricht ihr Wirtschaftsminister Peter Altmaier.

Solche martialischen Töne und dramatischen Warnrufe dominieren die Debatte. Selbst in den USA, die eigentlich mit einigem Vorsprung in dieses Rennen gehen, befürchten Kommentatoren, ihr Land könne abgehängt werden. Die jüngsten chinesischen Erfolge bei der KI müssten einen "Sputnik-Schock" auslösen, glaubt beispielsweise die Washington Post, in Anspielung auf das historische space race zwischen den USA und Russland. Die großen Mächte sehen sich in einem technologischen Wettrüsten, der Hauptgewinn lautet angeblich Weltherrschaft und die Verlierer werden untergehen …

Allerdings vermeiden sowohl Russland als auch China eine allzu aggressive Rhetorik. Der russische Präsident beispielsweise fügte sofort hinzu, dass, sollte sein Land dieses Wettrennen gewinnen, "wir unsere Ergebnisse mit der ganzen Welt teilen werden, so wie wir es heute bereits mit der Nukleartechnik tun." Es sei nicht wünschenswert, dass in diesem Bereich ein Machtmonopol entstünde, betonte Putin.

Ähnlich positioniert sich die chinesische Führung in ihren öffentlichen Stellungnahmen. Auf einer Konferenz in Shanghai im September vertrat Vizepremier Liu He einen ausgesprochen internationalistischen und freihändlerischen Standpunkt:

Wir hoffen, dass alle Länder, alle Bewohner des globalen Dorfes, einander unterstützen und niemanden ausschließen, damit wir Antworten auf die positiven und negativen Auswirkungen dieser Technologie finden." Auch Präsident Xi Jinping betonte, China werde "im Bereich der KI seine Ergebnisse mit anderen Ländern teilen. (Liu He)

Mit solchen Äußerungen reagieren China und Russland auf die protektionistischen Maßnahmen der USA. Die Trump-Regierung erschwert Import und Export von Digitaltechnik und anderer Hochtechnologie. Im März verbot sie die feindliche Übernahme des Chip-Herstellers Qualcomm durch das chinesische Unternehmen Broadcom. Im September beschloss sie Sanktionen gegen den chinesischen Chiphersteller Fujian Jinhua Integrated Circuit. Gegenwärtig bereitet sie ein Gesetz vor, das ausländische Investitionen in einheimische Technologie-Unternehmen beschränken soll. Es herrscht Handelskrieg, gerade auch im Bereich der KI.

Auch der chinesische Smartphone-Ausrüster ZTE wurde zeitweise sanktioniert, weil er an den Iran und Nord-Korea geliefert hatte. Der Smartphone-Hersteller Huawei wurde bereits vor vier Jahren von öffentlich finanzierten Projekten in den USA ausgeschlossen. Die amerikanische Regierung rechtfertigt all diese Maßnahmen mit einer "Gefahr für die nationale Sicherheit". Aber welches Gewicht kommt der Spionage- und Sabotageabwehr zu und welches den eigenen Wirtschaftsinteressen? Die amerikanischen Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste bemühen sich darum, auch die Verbündeten in Europa, Neuseeland und Australien davon zu überzeugen, keine Huawei-Produkte mehr einzusetzen. Der Vorwurf lautet, ZTE und Huawei ermöglichten mit ihren Mobiltelefonen über Backdoors Spionage. Im November veröffentlichte das Pentagon eine Studie, derzufolge das amerikanische Militär in großem Umfang asiatische, besonders chinesische Digitaltechnik einsetzt. In dem Bericht ist sogar die Rede von angeblichen Kill Switches, mit denen die Geräte in kritischen Situationen deaktiviert werden könnten.

Im Fall Huawei und ZTE kam der Anstoß zu protektionistischen Maßnahmen von Militär und Nachrichtendiensten, nicht vom amerikanischen Kapital. Auf Initiative des Präsidenten hin dürfen amerikanische Unternehmen seit Juni wieder mit ZTE Geschäfte machen. Nachdem Trump einen vorteilhaften Deal erzielt hatte (zu dem auch eine Geldstrafe von umgerechnet 8,1 Milliarden Euro gehört), nahm er die Sanktionen zurück - gegen den Willen von Kongressabgeordneten beider großen Parteien und der Sicherheitsapparate.

Das Handelsblatt vermutete damals, ZTE sei zu wichtig für die amerikanischen Konzerne Intel und Qualcomm:

Der Fall ZTE wirft die interessante Frage auf, ob wirtschaftliche Interessen im Zweifelsfall stärker wiegen als sicherheitspolitische Verwundbarkeit. US-Beamte befürchten, dass Peking in den USA verkaufte Technologie nutzen könnte, um Daten zu stehlen, Gespräche zu belauschen oder sogar Cyberangriffe durchzuführen. (Handelsblatt)

Das bedeutet: Donald Trump setzt sich unter Umständen über "nationale Sicherheitsinteressen" hinweg, sofern dies den einheimischen Unternehmen nutzt. Sein Protektionismus zielt nicht auf Abkopplung vom Weltmarkt, sondern darauf, die amerikanische Position im Weltmarkt zu verbessern.

Dennoch löste der Fall ZTE bei den Handelspartnern der USA große Besorgnis aus, auch in Deutschland. In einer Studie der Stiftung Neue Verantwortung (SNV) mit dem Titel Eckpunkte einer nationalen Strategie für Künstliche Intelligenz heißt es:

Präsident Trump hat die Strafmaßnahmen politisiert, als er sie in den Zusammenhang mit dem Handelskonflikt mit China stellte. Es ist daher nicht nur ein Beispiel für die großen Auswirkungen von Exportkontrollen von Schlüsseltechnologien, sondern beunruhigt auch vor dem Hintergrund, dass Technologieexporte zukünftig als Druckmittel in Handelskonflikten eingesetzt werden könnten. Gerade hier wäre die EU sehr verwundbar. (SNV)

Die SNV ist eine Denkfabrik, die sich aus wirtschaftsliberaler Perspektive mit der Digitalisierung beschäftigt. Verfasst wurde die Studie unter anderen vom Vorstandsmitglied Stefan Heumann und Dietmar Harhoff, der Direktor des Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation der Regierung. Sie sprechen sich dafür aus, Kapazitäten "für kritische Hardware-Komponenten (insbesondere spezielle KI-Chips)" aufzubauen.

Halten wir fest: Weil sich die Konkurrenz zwischen den Machtblöcken politisch und ökonomisch verschärft, fragmentiert der Weltmarkt für "strategisch wichtige" Digitaltechnik. Das reicht von den Internetdiensten wie den Soziale Medien (mit denen Spionage betrieben und Meinungen beeinflusst werden kann) über Smartphone-Prozessoren bis zu GPU-Rechenleistung aus der Cloud. Das Misstrauen wächst, die Nationen wollen nach Möglichkeit IT-Komponenten "aus eigener Herstellung".

Besonders die Chinesen versuchen, sich unabhängig von ausländischer Hardware zu machen. Die Konzerne Baidu, Huawei und Alibaba arbeiten an eigenen KI-Chips, um für ihre Big Data-Entwicklungen nicht länger auf Googles Tensor Flow-Chips angewiesen zu sein. "KI-Nationalismus" nennt der Autor Steven Hill diese Entwicklung treffend. Er verweist darauf, dass die amerikanische IT-Industrie ("Silicon Valley") immer schon mit militärischer Forschung verwoben war und mit staatlichen Geldern aufgebaut wurde.

Die Technik von morgen wurde niemals von Computer-Nerds in Garagen zusammengebastelt, wie beispielsweise Mariana Mazzucato in ihrem Buch "Der unternehmerische Staat" nachgewiesen hat. Für die USA gehörten Schlüsseltechnologien wie die KI ebenso sehr zu der Wirtschaftspolitik wie ihrer Militärstrategie schreibt Hill.

Darin unterscheiden sich die Amerikaner allerdings nicht von den übrigen Nationen. Ökonomisch hat die KI die Hoffnungen auf Effizienzgewinne und Wachstum bisher jedenfalls nicht erfüllt. Ob sie die Erwartungen überhaupt erfüllen kann (und die enormen Investitionen rechtfertigen), ist offen. KI ist aber für die Staaten auch ein Machtmittel, eng verwoben mit der Rüstung - etwa bei autonomen Waffensystemen oder der automatisierten Fernaufklärung - und der Kontrolle der Informationsflüsse. Digitaltechnik insgesamt dient der Kommunikation, damit der Kontrolle, deshalb hat sie strategische Bedeutung. Jede Regierung muss sich dafür interessieren.

Morgen in Teil 2: Die deutsche KI-Industriepolitik

(Matthias Becker)

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