Glock: Der Hype um die Pistole aus Österreich

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Fritz Ofner über seinen Dokufilm "Weapon of Choice", der die Geschichte des tödlichen Kultobjekts und seines damit reich gewordenen Erfinders erzählt

Gaston Glock darf als graue Eminenz der österreichischen Politik gelten. Die Filmemacher Fritz Ofner und Eva Hausberger haben es gewagt, einen Film mit dem Titel "Weapon of Choice" über Glock und sein Imperium zu machen, in dem die Verwobenheit des österreichischen Staates und weiter Teile der Bevölkerung mit dem Waffenhandel deutlich werden.

Gratuliere zu dem Film, der ist wirklich gelungen.
Fritz Ofner: Oh, vielen Dank.
Trotzdem stellen wir jetzt ein paar kritische Fragen.
Fritz Ofner: Absolut, deswegen bin ich hier.
Fritz Ofner
Zunächst sollten wir das Technische abhandeln. Warum ist die Glock-Pistole überhaupt besser als ein Revolver?
Fritz Ofner: Die Glock-Pistole hat mit ihrer Erfindung in den frühen 1980er Jahren die Waffentechnik revolutioniert. Der wichtigste Unterschied zu allen vorhergehenden Waffenmodellen war, dass sie zum großen Teil aus Kunststoff gefertigt wird. Der zweite große Vorteil war, dass sie die erste CNC-gefertigte Waffe war, bei der verschiedene Bauteile ausgetauscht werden konnten. Beim Colt musste man beispielsweise einen eigenen Waffentechniker haben, der alle Teile anpasst. Dadurch war die Wartung sehr kompliziert. Die CNC-gefertigten Teile der Glock lassen sich problemlos austauschen.
Außerdem besteht die Glock aus nur 60 Teilen, was viel weniger ist, als bei allen anderen Waffen jener Zeit. Auch dies macht sie wartungsärmer. Dann ist ihr großes Magazin ein Vorteil. Die Glock hat siebzehn Schuss, ein Colt nur sechs. Sie war leichter als jede bis dorthin gebaute Waffe. Als letzten Vorteil kann man anführen, sie hat keine Sicherung - also keinen eigenen Sicherungsknopf - und deswegen ist sie immer schussbereit.
Und lösen sich dann nicht manchmal Schüsse?
Fritz Ofner: Es lösen sich sogar sehr oft Schüsse. Das Phänomen wird in den USA "Glock-leg" genannt, wenn sich Leute versehentlich in den Fuß schießen. Sie hat allerdings einen zweiteiligen Abzug und nur wenn der Abzug durchgezogen ist, schießt die Waffe. Diese Mischung aus neuen Materialien, neuen Fertigungstechniken, größere Magazinkapazität, leichter, robuster und wartungsärmer hat zu einem durchschlagendem Erfolg in der Waffenindustrie geführt.
Was Bruce Willis in "Stirb Langsam" sagt, man erkenne die Waffe nicht bei Flughafenkontrollen, ist aber nicht wahr?
Fritz Ofner: Nein, das Zitat ist voller Falschinformation. Bruce Willis sagt, es sei eine deutsche Waffe, sie sei aus Keramik und dass sie am Flughafendetektor nicht aufscheint. Nichts davon stimmt. Als die Glock in den USA aufkam, gab es diesen Aufschrei, dass die Waffe nicht entdeckt werden könne, aber der Lauf, Schlagbolzen und Abzug sind aus Metall. Diese Falschinformationen haben aber zu dem Mythos Glock beigetragen.
Wenn wir jetzt diese technischen Fragen erörtern, begeben wir uns in eine ambivalente Position, weil wir - ohne Waffennarren sein zu wollen - die Ingenieurskunst Gaston Glocks anerkennen müssen. Dies passiert in nahezu allen Berichten über Glock. Aber ist dies nicht Ergebnis einer falschen Inszenierung? Hatte Gaston Glock, wie der Autor Paul Barrett argumentiert, vielleicht einfach auch großes Glück, weil seine Waffe vom österreichischen Militär und später von der US-Polizei ausgewählt wurde und es gab damals zahlreiche andere hochwertige Produkte am Markt?
Fritz Ofner: Ja das stimmt auch, es hat natürlich verschieden Faktoren gegeben, die zum Erfolg beigetragen haben. Paul Barrett beschreibt ja den ersten Messebesuch von Glock in den USA, wo man mit 1000 Bestellungen gerechnet hat und es waren dann 50.000. Also die Waffe hatte schon einen plötzlichen und unerwarteten Erfolg. Ich wurde ja zwangsläufig zu einem Waffenexperten durch den Film und ich habe die konstruktionstechnischen Vorteile von vielen Seiten bestätigt bekommen.
Bleiben wir noch bei diesem Punkt der Ambivalenz. Es besteht ja auch die Schwierigkeit mit der Filmgestaltung, nicht einem Kult auf den Leim zu gehen. "Weapon of Choice" ist ein sehr hochwertig gemachter Film, Sound und Bilder sind sehr gut, die Titelsequenz erinnert ein wenig an jene von David Finchers "Seven". Also eine dunkle Horrorfilmstimmung, die dem Thema durchaus angemessen ist. Diese Ästhetisierung verstärkt aber eine Ambivalenz, die intrinsisch darauf aufbaut zu sagen: "Es ist falsch, es ist gefährlich, es ist tödlich aber irgendwie auch geil." Die Frage wäre, wie stellt man ein Waffe ohne diese Ambivalenz dar, als ein Stück Mist, das Menschen tötet und unglaubliches Leid schafft?
Fritz Ofner: Das war eines der Kernprobleme des Films und eine der Kernfragen: "Wie kann ich einen Film über einen Hype machen, über ein gehyptes Objekt, ohne diesen Hype weiter zu füttern?" Das ist eine Frage die mich in der Bewerbung des Films begleitet. Wie kann ich kommunizieren, dass dies ein Film über diese Waffe ist, der den Hype nicht weitertragen will?
Ich komme aus der Kultur- und Sozialanthropologie und ich habe versucht, mir die Waffe als ein Objekt anzusehen. Wertfrei betrachtet ist eine Pistole ein Tötungswerkzeug. Sie hat keine andere Funktion. Man kann mit einer Pistole nicht auf die Jagd gehen. Es gibt also keinen sekundären Gebrauch dieses Objekts. Die Idee des Films war, diesem Objekt von seiner Produktion in Österreich dorthin zu folgen, wo es verwendet wird, um zu sehen, mit welchen Bedeutungen dieses Objekt aufgeladen wird.
Die Menschen die Tötungswerkzeuge verwenden, geben dem Objekt eine Bedeutung. Ich wollte herausfinden, in welchen Milieus und in welchem sozialen Umfeld dieser Gegenstand auftaucht, um dann der Waffe zurück nach Österreich zu folgen und zu klären, wie dieses kleine österreichische Familienunternehmen zu einem Global Player der Rüstungsindustrie aufsteigen konnte. Aber der Ansatz war dabei, die Waffe als ein Objekt zu betrach,ten ohne moralische Wertung.
Natürlich habe ich meine Les- und Betrachtungsart des Themas über die Montage und Aneinanderreihung der Geschichten reingebracht. Aber wenn man seine Lesart den Zusehern nicht aufdrängen will und die moralische Deutungshoheit nicht mitliefert, dann gibt man dem Publikum die Möglichkeit, das Gesehene in die eine oder andere Richtung zu interpretieren. Menschen, die eine Waffenaffinität haben, könnten durch den Film zu der Entscheidung kommen: "Ich kauf mir jetzt eine Glock".

Weapon of Choice (12 Bilder)

Statussymbol Glock

Man kann natürlich von dem Film nicht etwas verlangen, was sonst niemandem gelingt. Die intellektuellen Abwehrkräfte der Popkultur sind gering, wenn es um Warenwerte geht. Alle Rapper z.B. inszenieren sich mit Dingen, die man kaufen kann. Besonders bei Autos und Knarren kommt eine ungeheure Markenloyalität dazu. Man macht ständig neue Rhymes und Beatz, aber man bleibt bei Mercedes und Glock. Wie ist diese Loyalität zu erklären?
Fritz Ofner: Der Erfolg Glocks in der Populärkultur basiert auf zwei Stützen. Auf der einen Seite auf dem Hollywoodfilm, der die Waffe relativ früh eingesetzt hat. Neben "Stirb langsam", dem ersten Auftritt der Waffe im populären Kino, gab es zahlreiche weitere, bei denen die Waffe Ende der 1980er/Anfang der 1990er hauptsächlich in die Hände von Bösewichten gegeben wurde. Glock hat dies damals - meinem Wissen nach - auch unterstützt. Die Waffe wurde nicht auf die Verwendung der "Guten" beschränkt. Damit hat die Waffe sehr schnell eine große Popularität bekommen, indem viele Leute sie gesehen haben und sie auch kaufen wollten.
Einer der ersten großen Auftritte war in "Menace II Society", diesem Gangsterfilm, der in Los Angeles spielt. Das zweite, noch wichtigere Element waren Hip-Hop und Gangsterrap, weil der Eintritt der Glock-Pistole auf dem amerikanischen Markt zusammentraf mit der Entstehung von Hip-Hop und Rap. Da trafen mehrere Dinge zusammen. Es war ein neues Modell und die Ästhetik hat der Gangsterrap-Ästhetik entsprochen. Die Waffe ist schwarz und sehr reduziert im Design - nichts für John Wayne also.
Aber das Hauptargument war eindeutig der Name "Glock", der sich eben sehr gut reimen lässt. Glock reimt sich auf lock, pop, drop, cock. Eine große Rolle hat hier Tupac gespielt, der diese Waffe sehr populär gemacht hat. Er hat immer wieder über diese Waffe gerappt. Es gibt ein sehr berühmtes Foto von ihm, wo er mit nacktem, tätowiertem Oberkörper dasteht und die Glock in seiner Hose stecken hat.
Und zwar in seinem Schritt.
Fritz Ofner: Ganz genau. Tupac hat immer wieder darüber gerappt und wurde mit einer Glock erschossen. Das ganze Leben von Tupac, seine ganze Karriere war in den 1990er verknüpft mit Glock. Bis jetzt ist es einer der am meisten genannten Marketingnamen in Billboardcharthits. Das hat dazu geführt, dass Glock fast zu einem generischen Ausdruck für Pistole wurde. So wie Soletti oder Tixo. Die Rapper meinten dann schon oftmals gar nicht mehr die Glock-Pistole, sondern benutzten Glock als Ausdruck, weil der sich besser rappen lässt. Das wurde dann wiederum in den späten 1990ern von Glock bekämpft, die dann gegen die Rap-Artists vorgegangen sind. Sie haben sie versucht einzuschüchtern, weil das Bedenken der Firma Glock war, wenn das Wort zu inflationär verwendet wird, dann nehmen die Leute Glock nicht mehr als Markennamen wahr und die Marke wird beschädigt.
Hier hat Gaston Glock wieder Glück gehabt, hätte er Anton Käsbohrer geheißen, dann hätte sich dieser Erfolg nicht eingestellt. Heißt er denn überhaupt Gaston Glock? Das klingt wie ein Künstlername.
Fritz Ofner: Nein, er heißt tatsächlich Gaston Glock. Er wurde in den 1920er Jahren in Niederösterreich als Sohn eines Eisenbahners geboren. Es ist sein echter Name und kein Künstlername.
In Kärnten ist Gaston Glock ein völlig unhinterfragter Heiliger. Das "Glock Horse Performance Center" wirbt für die Veranstaltung "Horses and Stars" am Ossiacher See mit Pferden und Pistolen auf dem Plakat. Beschwerden des österreichischen Werberats werden vom Konzern ignoriert. Viele Leute sagen nun, was ist falsch dabei, schließlich produziert er ja Waffen. Der Film macht sehr deutlich, dass die Komplizenschaft des österreichischen Staates und weiter Teile der Gesellschaft mit dem Arbeitgeber Glock anscheinend nicht aufzubrechen ist?
Fritz Ofner: Ja. Das hat sehr viel mit dem Tabu zu tun, über Glock zu berichten. Glock hat seit den 1980er Jahren eine Medienpolitik betrieben, bei der alle - oder so gut wie alle -, die über diese Waffe oder das Unternehmen berichtet haben, mit Klagen eingedeckt wurden. Das hat zu einem Informationsvakuum in der Öffentlichkeit geführt und das war die Hauptmotivation diesen Film zu machen.
Dieses Diskursvakuum wollte ich aufbrechen, mit dem geleugnet wird, dass Österreich am internationalen Waffenhandel partizipiert, vornehmlich in Form von Glock-Pistolen. Wenn man auf diese Pferdereitveranstaltung in Kärnten geht, dann glaubt man, man sei auf der Veranstaltung eines Oligarchen in Russland. Da wird Luxus ausgestellt und da wird mit der Symbolik der Pistole gearbeitet.
Wenn man einen Cappuccino bestellt, wird mit Kakao das Glock-Logo auf den Milchschaum gezuckert. Die Öffentlichkeit sonnt sich im Glanz des Patriarchen, der mit seinen unendlichen Reichtümern die Stars an den Ossiacher See holt. Einen solchen Event zu besuchen, war für mich sehr verstörend. Es ist unglaublich, wie unkritisch die österreichische Öffentlichkeit mit diesem Unternehmen umgeht.
Der Film macht deutlich: Die Eskalation der Gewalt entsteht als ein Nebenprodukt eines wirtschaftlichen Prozesses. Ein Unternehmen verkauft der Polizei und Zivilisten Waffen. Letztere sind - das lässt sich nicht verhindern - zuweilen Kriminelle. Das Geschäft wird dann angeheizt, weil beide Seiten ständig nachrüsten müssen, wenn die Gegenseite ein höheres Kaliber bezieht. Dies passiert in Kriegsgebieten natürlich ebenso. Womit das Argument der österreichischen Bundesregierung umfassend widerlegt ist, dass ein Export okay sei, solange die Waffen nicht in die Hände von Terroristen fallen. Die verfügen aber in aller Welt über Glocks, weil korrupte Polizisten und Soldaten sie ihnen verkauft haben. Diesen eigentlich leicht durchschaubaren Prozess anzuprangern, scheint aber wenig Wirkung zu haben.
Fritz Ofner: Tja, ich befürchte, die Öffentlichkeit ist an so viele Missstände gewöhnt, dass es kaum noch Erregung zu geben scheint, wenn man solche Zusammenhänge aufzeigt. Was ich besonders perfide finde, ist ein Detail, das auch im Film zu sehen ist. Als die amerikanische Übergangsregierung Glock-Pistolen für die Bewaffnung der neuen Sicherheitskräfte im Irak bestellte, war das in Österreich eine große Diskussion: Darf man Waffen in Kriegsgebiete liefern?
Glock hat damals der Regierung gedroht, wenn man die Waffen nicht liefern dürfe, dann ziehe man die Produktion aus Österreich ab. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde dann umgeschwenkt und die Lieferungen wurden erlaubt. Natürlich sind die Waffen in den Händen von Aufständischen gelandet. Der Islamische Staat verwendet die Glock-Pistolen in Propaganda-Videos, um Leute für den Dschihad zu rekrutieren. Der ganze Konflikt in Syrien, im Irak und mit dem Islamischen Staat hat zu einer großen Flüchtlings- und Migrationsbewegung geführt. Diese Bewegung hat zu einer Verunsicherung der Bevölkerung geführt und mit dem Beginn dieser Migrationskrise 2015 ist der private Waffenbesitz in Österreich sprunghaft angestiegen.
Womit wir wieder diesen Aufschaukelungskreislauf haben, bei dem der Konzern Glock von der Zunahme des Elends profitiert.
Fritz Ofner: Das ist das große Dilemma. Wenn man Waffen produziert, dann führt dies zwangsläufig zu mehr Gewalt. Und wem nützt mehr Gewalt? Den Waffenproduzenten. Eisenhower warnte ja vor der Gefahr des militärisch-industriellen Komplexes bei seiner Abtrittsrede und im kleineren Maß können wir das bei Glock sehen. Wenn Gewalt entsteht, verkauft ein Waffenhändler mehr Waffen, was wiederum zu besseren Verkäufen führt. Das ist eine einfache Rechnung.
Im Film wird diese Verdrängung sehr gut illustriert. Bei der Erweiterung des Betriebsgeländes hat die Firma Glock einen jüdischen Friedhof umflossen. Dieser ist jetzt eng umringt von hohen Betonmauern. Offenbar lässt man das Friedhofsgelände trotz anderer Vereinbarungen zerfallen und niemand will etwas in der Gemeinde Deutsch-Wagram davon wissen. Als Metaphern hätte man dies in keinem fiktionalen Drehbuch nutzen könnte, weil es viel zu übertrieben wirkt, nicht wahr?
Fritz Ofner: Als ich bei der Recherche auf diesen Friedhof gestoßen bin, konnte ich meinen Augen nicht glauben, weil sich kein stärkeres Symbol finden lässt, um diese Parallele zur gesellschaftlichen Verdrängung zu ziehen. Genauso wie man in Österreich lange Zeit mit der Erinnerung an den Holocaust und den Nationalsozialismus umgegangen ist, so übertrug sich dann in weiterer Folge diese Verdrängung auf den Waffenhandel und ganz speziell auf die Firma Glock. Das alles findet sich im Bild des verfallenen jüdischen Friedhofs wieder, der eingefriedet ist von den Betonmauern des Werksgeländes von Glock.

In der Waffe wohnt ein Dämon

Der Film zeigt viele einsame, verlorene Männer, die sich an ihren Pistolen geradezu festhalten. Wie ließ sich mit ihnen ins Gespräch kommen, ohne dass der Film zu einer Freakshow wird?
Fritz Ofner: Für mich war es ganz wichtig, mich immer auf die Lebenswelt der Protagonisten einzulassen und meine eigenen moralischen Wertungen zurückzulassen. Ich habe immer versucht, mit den Leuten viel Zeit zu verbringen und mich in ihrer Lebenswelt zu bewegen. Da die meisten Dreharbeiten außerhalb von Österreich stattgefunden haben, war unser Türöffner, dass wir gesagt haben, wir kommen aus dem Land, in dem die Waffe gefertigt wird. In diesem Land gibt es aber kein Wissen über diese Waffe, kannst Du uns etwas über die Bedeutung dieser Waffe sagen?
Mit dieser sehr naiven Grundhaltung sind wir in die Situation reingegangen. Diese Naivität, oder nennen wir es besser Offenheit, hat uns die Türen geöffnet und die Leute haben uns die Möglichkeit gegeben, durch ihre Augen die Waffe zu sehen. Dann wird sehr schnell klar, mit welchen Bedeutungen diese aufgeladen wird.
Welche Bedeutungen sind dies?
Fritz Ofner: Eine Waffe hat sehr viel mit Angst zu tun. Man will eine Angst kompensieren durch die Macht, die einem diese Waffe gibt. Im Falle der Waffentrainerin im Film wird die Glock sogar zu einem Argument für den Feminismus, weil damit quasi der Kraftunterschied zwischen Mann und Frau aufgehoben wird. Auch für den ehemaligen Gangster in Chicago bedeutet die Waffe eine Nivellierung gesellschaftlicher Unterschiede.
So lernt man viel über die Formen struktureller Gewalt, wenn man diese Bedeutungen untersucht, mit denen die Waffe aufgeladen wird. Sie ist ein sehr gutes Mittel, um diese Milieus zu untersuchen und um soziale Ungleichheiten zu untersuchen, weil die Waffe als Argument gilt, soziale Ungleichheiten aufzuheben. Es gibt diesen Spruch über die Colt-Pistole "God created man, but Colt made them equal." Ähnlich wird die Glock mit Bedeutung aufgeladen. Auch der IS-Terrorist lädt die Waffe mit einer Bedeutung auf, denn für ihn ist sie ein Werkzeug des Dschihad.
Eingedenk all dieser gut nachvollziehbaren Argumentation, die davor warnt, vorschnell moralische Urteile einzuflechten, hätte man nicht doch dieser Waffentrainerin widersprechen können, die das feministische Argument macht mit der angeblichen Gleichberechtigung durch die Glock? Etwa: Die Wahrscheinlichkeit von der eigenen Waffe verletzt oder gar getötet zu werden, ist hunderte Male höher als jene, jemals einem Einbrecher zu begegnen. Und fast alle Einbrecher fliehen, wenn sie jemandem im Haus begegnen. Oder: Die allermeisten Vergewaltigungen finden in der Familie statt und Gewaltopfer kennen in den meisten Fällen die Täter. Der Film verzichtet auf Hinweise diese Art, sondern lässt die illusorische Weltsicht jener Waffennärrin unwidersprochen. Warum?
Fritz Ofner: Die Leute in den USA sind von der NRA (National Riffle Association) geschult. Wenn man mit ihnen in eine diskurshafte Konfrontation geht, dann werden immer wieder dieselben Argumente abgerufen. Das hat mich nicht interessiert, in diese Art des Diskurses mit den Protagonisten einzusteigen, weil es viel zu vorhersehbar war, was sie sagen werden.
Ich habe aber versucht, diese Zusammenhänge über die Montage herzustellen. Gerade die Waffentrainerin ist gegengeschnitten mit Crime Scenes, der Aufdeckung der Spirale der Gewalt, und einmal ist sie mit weinenden Frauen in Chicago zusammengeschnitten, die den Tod der Opfer einer Schießerei betrauern. Ich habe versucht, die Argumentationen meiner Protagonisten auf Augenhöhe abzuholen und dann meine Deutung des ganzen auf der Ebene der Montage herzustellen.
In einem der besten Momente des Films wird der alte, von Marshall McLuhan schon thematisierte Spruch: "Nicht die Waffe ist schlecht, sondern derjenige, der sie benutzt" sehr gut widerlegt. Einer der Protagonisten meint, er habe begriffen, dass in der Waffe ein Dämon lebt. Das Tragen einer Glock habe ihn regelrecht "high" macht. Die Waffe löst scheinbar Allmachtsfantasien von Personen aus, die sich in einer faschistischen Welt des Kampfes aller gegen alle wähnen. Und nur ganz wenige finden durch eigenes Leid da heraus. Wie dieser eine Mann im Film, der dann plötzlich eine Stimme hört, die ihn bekehrt.
Fritz Ofner: Das mit dem Dämon war etwas Besonderes. Ich bin bei meiner Recherche jemandem in Chicago begegnet, der meinte, in dieser Waffe lebe ein Dämon. Mit der Frage nach dem Dämon habe ich dann einen der Protagonisten des Films konfrontiert. Das ist ja ein wenig eine "Herr-der-Ringe"-Diskussion. Hat der Ring eine dunkle Macht in sich, die einen Einfluss auf den Besitzer ausübt? Auf dieses Argument konnte der Protagonist dann sogleich einsteigen und fand eine Referenz auf sein eigenes Leben.
Er ist ja auch einer der ganz wenigen Aussteiger.
Fritz Ofner: Ja, er ist der einzige, der wirklich sagt, er war nach dieser Waffe süchtig. Und andererseits dass er diese Sucht zurücklassen konnte. Er betreibt seit Jahren ein Boxprogramm auf den Straßen Chicagos und versucht, Jugendliche aus den Gangs zu holen und ihnen Boxunterricht zu geben. Sein Motto ist: "Put down the guns and pick up the gloves." Legt die Waffe nieder und zieht die Boxhandschuhe an. Da leistet er ganz wichtige Grasroots-Arbeit, um die Jugendlichen aus den Gangs zu holen.

Glock und die Halbwelt

Der Film behandelt auch eine Kriminalgeschichte. Sowohl der ehemalige Glock-Mitarbeiter Paul Jannuzzo als auch Charles Ewert, genannt "Panama Charly", sehen sich als Opfer einer Verschwörung. Es scheint dabei um enorme Steuerhinterziehung zu gehen und mafiöse Verbindungen, die allen Beteiligten eine Omertà auferlegen, weswegen sich nur wenigen Aussteiger zu Wort melden. Der Film bietet aber nun deren Verschwörungshypothesen nicht konkret und ausführlich an. Warum? Weil die zu verrückt sind? Weil dies zu viel Raum eingenommen hätte?
Fritz Ofner: Wir haben sehr viel Recherche investiert, gerade auch in die Geschichte mit dem Mordanschlag an Gaston Glock in einer Luxemburger Parkgarage im Jahr 1999.
Das betrifft Charles Ewert.
Fritz Ofner: Genau. Da hat sich gezeigt, es gibt sehr viele offene Fragen zu dem Vorfall. Zum einen war es ein Prozess, der rein auf Indizien basiert hat, weil der vermeintliche Attentäter Jaques "Spartacus" Pêcheur zu keinem Zeitpunkt gesagt hat, dass er in der Parkgarage gewesen wäre, um Gaston Glock anzugreifen, sondern er sprach von einem Zufall, der ihn in die Garage geführt hat.
Kurze Nachfrage, Spartacus ist nun ausnahmsweise wirklich ein Künstlername, weil der ein Catcher war, oder?
Fritz Ofner: Ganz genau. Jaques "Spartacus" Pêcheur war ein ehemaliger französischer Fallschirmjäger und Profi-Wrestler. Der Name Spartacus kommt daher, dass er ein Stuntdouble für Kirk Douglas in dem Film "Spartacus" war und er den deswegen als Kampfnamen gewählt hat. Zum Zeitpunkt des Attentats war Spartacus bereits Ende sechzig und erlitt wäre dem Kampf mit Gaston Glock eine Herzattacke. Jaques Pêcheur war ein sehr guter Schütze, was von vielen Seiten bestätigt wird. Er hat als Privatdetektiv gearbeitet. Er hätte viele Möglichkeiten gehabt, Gaston Glock umzubringen, wenn er dies wirklich gewollt hätte.
Er hat ja auch einen Gummihammer für den Überfall benutzt, was seltsam ist.
Fritz Ofner: Sehr richtig, warum ein Gummihammer? Da sind wir auf viele Antworten gestoßen. Eine der Aussagen von Pêcheur, warum er sich in der Parkgarage aufhielt, war, er sei als privater Ermittler beauftragt worden von einem Kunden, Vorerhebungen zu machen zu einem Pädophilenring. In dieser Parkgarage würden Kinder übergeben werden. Den Gummihammer hatte er mit, dass, falls er erwischt wird, er eine Autoscheibe einschlagen kann, um damit einen Alarm auszulösen, damit er flüchten kann.
Einer der Hauptpunkte, weshalb die Verbindung zwischen Spartacus und Panama-Charly hergestellt werden konnte, war, dass eine Visitenkarte von Charles Ewert im Auto von Jaques Pêcheur am Beifahrersitz lag. Es gibt sehr viele Fragen, mit denen sich ein Geschworenengericht viele Jahre beschäftigt hat, das ist durch verschiedene Revisionen gegangen. Das Gericht ist zu dem Urteil gekommen, dass Charles Ewert diesen Mordanschlag in Auftrag gegeben hat. Wir können mit unseren beschränkten Mitteln 16 Jahre nach dem Vorfall das Ganze nicht aufklären.
Aber die Geschichte hat mich dennoch interessiert, weil sie einen guten Einblick in das Milieu des Waffenhandels gibt. Nach dem Motto: "Zeig mir deine Freunde und ich zeig dir wer du bist." Dies ist vor Gericht thematisiert worden und ab dem Moment wusste man über dieses Finanzgebaren Bescheid.
Das hatte dann aber dank Jörg Haider nicht allzu viele Konsequenzen.
Fritz Ofner: Genau, wenn man so will. Es ist schon viel geredet worden über die Verbindungen von Gaston Glock und der FPÖ und Jörg Haider. Was man zweifelsfrei behaupten kann, ist, dass der Aufstieg von Glock und der Aufstieg der FPÖ zum selben Zeitpunkt passierten. Es gibt nachweislich diverse Verbindungen zwischen Gaston Glock und der FPÖ und insbesondere Jörg Haider.

Wie kam George W. Bush zur Glock von Saddam Hussein?

In dem letzten Filmkapitel "Karma is a bitch", wird jener Soldat proträtiert der Saddam Hussein gefangengenommen und dessen Glock erbeutet hat. Er spricht verächtlich über den Krieg, seine individuelle Kriegstraumatisierung wird aber nicht konkret erläutert. Weshalb?
Fritz Ofner: Die große Schwierigkeit, wenn man einen Film schneidet, liegt darin, dass komplexe Geschichten auf Teile heruntergebrochen werden müssen, die in einer Gesamtdramaturgie einen Sinn ergeben. Im Fall des Soldaten, der Saddam Hussein festgenommen hat, ist die Geschichte viel unglaublicher, als sich dies in dem Film zeigen ließ.
Der Mann war Security im World-Trade-Center und hat den Terroranschlag am 11. September 2001 überlebt. Dann wurde er in den Irak geschickt und hat dort Saddam Hussein festgenommen. Das ist fast unglaublich, dass diese beiden Punkte in einer Biografie sind. Das mussten wir aber rausnehmen, weil sie den Rahmen der Erzählung gesprengt hätte. Auch hat er uns erzählt, dass er zum ersten Mal eine Glock verwendet hat im Alter von 14 Jahren, als er in einer Gang war. Das sind Aspekte, die wir im Schnitt rauslassen mussten, weil es zu viele Handlungsstränge waren. Aus dem Material hätte man drei oder vier Filme machen können.
Seine Äußerungen waren sehr beeindruckend und man hätte Lust gehabt mehr von ihm zu erfahren. Zum Beispiel, warum er sich so deutlich vom US-Militär distanziert. Zur Urkunde, die er von George W. Bush erhalten hatte, meinte er, es sei schade um die Bäume, die für dieses Papier gefällt wurden.
Fritz Ofner: Da mussten sehr schöne Aspekte weggelassen werden. Allein ihn zu finden war echte Detektivarbeit. Als ich gehört habe, dass George W. Bush die Glock-Pistole von Saddam Hussein gerahmt im Weißen Haus aufgehängt hat, dachte ich mir, ich würde gerne mit dem Soldaten sprechen, der Hussein festgenommen hat. In der Washington Post gab es einen Artikel über den Umgang mit den Veteranen und deren Posttraumatische Belastungsstörungen.
Da gab es ein kurzes Interview mit diesem Soldaten und ein dazu verlinktes Video, wo er über die Straße geht und im Hintergrund war ein Straßenname in der Bronx. Also wussten wir seinen Namen und den Straßennamen und dann haben wir in der Gegend an Haustüren geläutet. Bis wir endlich jemand gefunden haben, der ihn kannte und ihm eine Nachricht hinterlassen hat. Es hat Wochen gedauert, ihn zu finden, und dann hat sich herausgestellt, dass er seine Lebensgeschichte verkauft hat an eine Managerin. Von der brauchten wir dann erst eine Genehmigung. Er ist quasi obdachlos, hat Posttraumatische Belastungsstörung und hat seine Lebensgeschichte verkauft.
War das ein buy and bury? Also sollte die Veröffentlichung verhindert werden?
Fritz Ofner: Nein, das war eine Produzentin, die einen Heldenfilm aus ihm machen wollte. Dieser Hollywoodfilm ist aber nie vom Boden gekommen. Da er die Rechte an seiner Lebensgeschichte aber verkauft hat, darf niemand anderes diesen Film machen und er selbst nicht darüber sprechen, ohne nachzufragen.
Sind wir jetzt eigentlich in Gefahr, wenn wir so offen über Gaston Glock reden?
Fritz Ofner: Hmmm. Mit allem was ich sage, bemühe ich mich, dass das alles mit Zitaten zu belegen ist. [Pause] Ich habe nicht gewusst, ob der Film seine Premiere überleben wird. Wir haben einen Brief von Glocks Anwalt vor der Premiere erhalten, in dem die Herausgabe des Films gefordert wird und eine Liste mit allen Mitarbeitern am Film. Wir haben dann den Glock-Anwalt zur Premiere eingeladen und danach gab es keine Kommunikation mehr mit der Firma Glock. Das ist der Status quo.
Der Film ist medienrechtlich mehrmals geprüft worden. Wir haben allerhöchste Sorgfalt walten lassen. Alle medienrechtlichen Standards und die journalistische Sorgfaltspflicht wurden eingehalten und insofern bin ich guter Dinge, dass der Film auch weiterhin gezeigt werden kann.
Wann kommt er in die Kinos?
Fritz Ofner: In Österreich kommt er am 28.9.2018 ins Kino. In Deutschland ist die Filmpremiere am Filmfestival in Hof, auch Ende Oktober.
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