Glock: Der Hype um die Pistole aus Österreich

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Fritz Ofner über seinen Dokufilm "Weapon of Choice", der die Geschichte des tödlichen Kultobjekts und seines damit reich gewordenen Erfinders erzählt

Gaston Glock darf als graue Eminenz der österreichischen Politik gelten. Die Filmemacher Fritz Ofner und Eva Hausberger haben es gewagt, einen Film mit dem Titel "Weapon of Choice" über Glock und sein Imperium zu machen, in dem die Verwobenheit des österreichischen Staates und weiter Teile der Bevölkerung mit dem Waffenhandel deutlich werden.

Gratuliere zu dem Film, der ist wirklich gelungen.
Fritz Ofner: Oh, vielen Dank.
Trotzdem stellen wir jetzt ein paar kritische Fragen.
Fritz Ofner: Absolut, deswegen bin ich hier.
Fritz Ofner
Zunächst sollten wir das Technische abhandeln. Warum ist die Glock-Pistole überhaupt besser als ein Revolver?
Fritz Ofner: Die Glock-Pistole hat mit ihrer Erfindung in den frühen 1980er Jahren die Waffentechnik revolutioniert. Der wichtigste Unterschied zu allen vorhergehenden Waffenmodellen war, dass sie zum großen Teil aus Kunststoff gefertigt wird. Der zweite große Vorteil war, dass sie die erste CNC-gefertigte Waffe war, bei der verschiedene Bauteile ausgetauscht werden konnten. Beim Colt musste man beispielsweise einen eigenen Waffentechniker haben, der alle Teile anpasst. Dadurch war die Wartung sehr kompliziert. Die CNC-gefertigten Teile der Glock lassen sich problemlos austauschen.
Außerdem besteht die Glock aus nur 60 Teilen, was viel weniger ist, als bei allen anderen Waffen jener Zeit. Auch dies macht sie wartungsärmer. Dann ist ihr großes Magazin ein Vorteil. Die Glock hat siebzehn Schuss, ein Colt nur sechs. Sie war leichter als jede bis dorthin gebaute Waffe. Als letzten Vorteil kann man anführen, sie hat keine Sicherung - also keinen eigenen Sicherungsknopf - und deswegen ist sie immer schussbereit.
Und lösen sich dann nicht manchmal Schüsse?
Fritz Ofner: Es lösen sich sogar sehr oft Schüsse. Das Phänomen wird in den USA "Glock-leg" genannt, wenn sich Leute versehentlich in den Fuß schießen. Sie hat allerdings einen zweiteiligen Abzug und nur wenn der Abzug durchgezogen ist, schießt die Waffe. Diese Mischung aus neuen Materialien, neuen Fertigungstechniken, größere Magazinkapazität, leichter, robuster und wartungsärmer hat zu einem durchschlagendem Erfolg in der Waffenindustrie geführt.
Was Bruce Willis in "Stirb Langsam" sagt, man erkenne die Waffe nicht bei Flughafenkontrollen, ist aber nicht wahr?
Fritz Ofner: Nein, das Zitat ist voller Falschinformation. Bruce Willis sagt, es sei eine deutsche Waffe, sie sei aus Keramik und dass sie am Flughafendetektor nicht aufscheint. Nichts davon stimmt. Als die Glock in den USA aufkam, gab es diesen Aufschrei, dass die Waffe nicht entdeckt werden könne, aber der Lauf, Schlagbolzen und Abzug sind aus Metall. Diese Falschinformationen haben aber zu dem Mythos Glock beigetragen.
Wenn wir jetzt diese technischen Fragen erörtern, begeben wir uns in eine ambivalente Position, weil wir - ohne Waffennarren sein zu wollen - die Ingenieurskunst Gaston Glocks anerkennen müssen. Dies passiert in nahezu allen Berichten über Glock. Aber ist dies nicht Ergebnis einer falschen Inszenierung? Hatte Gaston Glock, wie der Autor Paul Barrett argumentiert, vielleicht einfach auch großes Glück, weil seine Waffe vom österreichischen Militär und später von der US-Polizei ausgewählt wurde und es gab damals zahlreiche andere hochwertige Produkte am Markt?
Fritz Ofner: Ja das stimmt auch, es hat natürlich verschieden Faktoren gegeben, die zum Erfolg beigetragen haben. Paul Barrett beschreibt ja den ersten Messebesuch von Glock in den USA, wo man mit 1000 Bestellungen gerechnet hat und es waren dann 50.000. Also die Waffe hatte schon einen plötzlichen und unerwarteten Erfolg. Ich wurde ja zwangsläufig zu einem Waffenexperten durch den Film und ich habe die konstruktionstechnischen Vorteile von vielen Seiten bestätigt bekommen.
Bleiben wir noch bei diesem Punkt der Ambivalenz. Es besteht ja auch die Schwierigkeit mit der Filmgestaltung, nicht einem Kult auf den Leim zu gehen. "Weapon of Choice" ist ein sehr hochwertig gemachter Film, Sound und Bilder sind sehr gut, die Titelsequenz erinnert ein wenig an jene von David Finchers "Seven". Also eine dunkle Horrorfilmstimmung, die dem Thema durchaus angemessen ist. Diese Ästhetisierung verstärkt aber eine Ambivalenz, die intrinsisch darauf aufbaut zu sagen: "Es ist falsch, es ist gefährlich, es ist tödlich aber irgendwie auch geil." Die Frage wäre, wie stellt man ein Waffe ohne diese Ambivalenz dar, als ein Stück Mist, das Menschen tötet und unglaubliches Leid schafft?
Fritz Ofner: Das war eines der Kernprobleme des Films und eine der Kernfragen: "Wie kann ich einen Film über einen Hype machen, über ein gehyptes Objekt, ohne diesen Hype weiter zu füttern?" Das ist eine Frage die mich in der Bewerbung des Films begleitet. Wie kann ich kommunizieren, dass dies ein Film über diese Waffe ist, der den Hype nicht weitertragen will?
Ich komme aus der Kultur- und Sozialanthropologie und ich habe versucht, mir die Waffe als ein Objekt anzusehen. Wertfrei betrachtet ist eine Pistole ein Tötungswerkzeug. Sie hat keine andere Funktion. Man kann mit einer Pistole nicht auf die Jagd gehen. Es gibt also keinen sekundären Gebrauch dieses Objekts. Die Idee des Films war, diesem Objekt von seiner Produktion in Österreich dorthin zu folgen, wo es verwendet wird, um zu sehen, mit welchen Bedeutungen dieses Objekt aufgeladen wird.
Die Menschen die Tötungswerkzeuge verwenden, geben dem Objekt eine Bedeutung. Ich wollte herausfinden, in welchen Milieus und in welchem sozialen Umfeld dieser Gegenstand auftaucht, um dann der Waffe zurück nach Österreich zu folgen und zu klären, wie dieses kleine österreichische Familienunternehmen zu einem Global Player der Rüstungsindustrie aufsteigen konnte. Aber der Ansatz war dabei, die Waffe als ein Objekt zu betrach,ten ohne moralische Wertung.
Natürlich habe ich meine Les- und Betrachtungsart des Themas über die Montage und Aneinanderreihung der Geschichten reingebracht. Aber wenn man seine Lesart den Zusehern nicht aufdrängen will und die moralische Deutungshoheit nicht mitliefert, dann gibt man dem Publikum die Möglichkeit, das Gesehene in die eine oder andere Richtung zu interpretieren. Menschen, die eine Waffenaffinität haben, könnten durch den Film zu der Entscheidung kommen: "Ich kauf mir jetzt eine Glock".
Man kann natürlich von dem Film nicht etwas verlangen, was sonst niemandem gelingt. Die intellektuellen Abwehrkräfte der Popkultur sind gering, wenn es um Warenwerte geht. Alle Rapper z.B. inszenieren sich mit Dingen, die man kaufen kann. Besonders bei Autos und Knarren kommt eine ungeheure Markenloyalität dazu. Man macht ständig neue Rhymes und Beatz, aber man bleibt bei Mercedes und Glock. Wie ist diese Loyalität zu erklären?
Fritz Ofner: Der Erfolg Glocks in der Populärkultur basiert auf zwei Stützen. Auf der einen Seite auf dem Hollywoodfilm, der die Waffe relativ früh eingesetzt hat. Neben "Stirb langsam", dem ersten Auftritt der Waffe im populären Kino, gab es zahlreiche weitere, bei denen die Waffe Ende der 1980er/Anfang der 1990er hauptsächlich in die Hände von Bösewichten gegeben wurde. Glock hat dies damals - meinem Wissen nach - auch unterstützt. Die Waffe wurde nicht auf die Verwendung der "Guten" beschränkt. Damit hat die Waffe sehr schnell eine große Popularität bekommen, indem viele Leute sie gesehen haben und sie auch kaufen wollten.
Einer der ersten großen Auftritte war in "Menace II Society", diesem Gangsterfilm, der in Los Angeles spielt. Das zweite, noch wichtigere Element waren Hip-Hop und Gangsterrap, weil der Eintritt der Glock-Pistole auf dem amerikanischen Markt zusammentraf mit der Entstehung von Hip-Hop und Rap. Da trafen mehrere Dinge zusammen. Es war ein neues Modell und die Ästhetik hat der Gangsterrap-Ästhetik entsprochen. Die Waffe ist schwarz und sehr reduziert im Design - nichts für John Wayne also.
Aber das Hauptargument war eindeutig der Name "Glock", der sich eben sehr gut reimen lässt. Glock reimt sich auf lock, pop, drop, cock. Eine große Rolle hat hier Tupac gespielt, der diese Waffe sehr populär gemacht hat. Er hat immer wieder über diese Waffe gerappt. Es gibt ein sehr berühmtes Foto von ihm, wo er mit nacktem, tätowiertem Oberkörper dasteht und die Glock in seiner Hose stecken hat.
Und zwar in seinem Schritt.
Fritz Ofner: Ganz genau. Tupac hat immer wieder darüber gerappt und wurde mit einer Glock erschossen. Das ganze Leben von Tupac, seine ganze Karriere war in den 1990er verknüpft mit Glock. Bis jetzt ist es einer der am meisten genannten Marketingnamen in Billboardcharthits. Das hat dazu geführt, dass Glock fast zu einem generischen Ausdruck für Pistole wurde. So wie Soletti oder Tixo. Die Rapper meinten dann schon oftmals gar nicht mehr die Glock-Pistole, sondern benutzten Glock als Ausdruck, weil der sich besser rappen lässt. Das wurde dann wiederum in den späten 1990ern von Glock bekämpft, die dann gegen die Rap-Artists vorgegangen sind. Sie haben sie versucht einzuschüchtern, weil das Bedenken der Firma Glock war, wenn das Wort zu inflationär verwendet wird, dann nehmen die Leute Glock nicht mehr als Markennamen wahr und die Marke wird beschädigt.
Hier hat Gaston Glock wieder Glück gehabt, hätte er Anton Käsbohrer geheißen, dann hätte sich dieser Erfolg nicht eingestellt. Heißt er denn überhaupt Gaston Glock? Das klingt wie ein Künstlername.
Fritz Ofner: Nein, er heißt tatsächlich Gaston Glock. Er wurde in den 1920er Jahren in Niederösterreich als Sohn eines Eisenbahners geboren. Es ist sein echter Name und kein Künstlername.
In Kärnten ist Gaston Glock ein völlig unhinterfragter Heiliger. Das "Glock Horse Performance Center" wirbt für die Veranstaltung "Horses and Stars" am Ossiacher See mit Pferden und Pistolen auf dem Plakat. Beschwerden des österreichischen Werberats werden vom Konzern ignoriert. Viele Leute sagen nun, was ist falsch dabei, schließlich produziert er ja Waffen. Der Film macht sehr deutlich, dass die Komplizenschaft des österreichischen Staates und weiter Teile der Gesellschaft mit dem Arbeitgeber Glock anscheinend nicht aufzubrechen ist?
Fritz Ofner: Ja. Das hat sehr viel mit dem Tabu zu tun, über Glock zu berichten. Glock hat seit den 1980er Jahren eine Medienpolitik betrieben, bei der alle - oder so gut wie alle -, die über diese Waffe oder das Unternehmen berichtet haben, mit Klagen eingedeckt wurden. Das hat zu einem Informationsvakuum in der Öffentlichkeit geführt und das war die Hauptmotivation diesen Film zu machen.
Dieses Diskursvakuum wollte ich aufbrechen, mit dem geleugnet wird, dass Österreich am internationalen Waffenhandel partizipiert, vornehmlich in Form von Glock-Pistolen. Wenn man auf diese Pferdereitveranstaltung in Kärnten geht, dann glaubt man, man sei auf der Veranstaltung eines Oligarchen in Russland. Da wird Luxus ausgestellt und da wird mit der Symbolik der Pistole gearbeitet.
Wenn man einen Cappuccino bestellt, wird mit Kakao das Glock-Logo auf den Milchschaum gezuckert. Die Öffentlichkeit sonnt sich im Glanz des Patriarchen, der mit seinen unendlichen Reichtümern die Stars an den Ossiacher See holt. Einen solchen Event zu besuchen, war für mich sehr verstörend. Es ist unglaublich, wie unkritisch die österreichische Öffentlichkeit mit diesem Unternehmen umgeht.
Der Film macht deutlich: Die Eskalation der Gewalt entsteht als ein Nebenprodukt eines wirtschaftlichen Prozesses. Ein Unternehmen verkauft der Polizei und Zivilisten Waffen. Letztere sind - das lässt sich nicht verhindern - zuweilen Kriminelle. Das Geschäft wird dann angeheizt, weil beide Seiten ständig nachrüsten müssen, wenn die Gegenseite ein höheres Kaliber bezieht. Dies passiert in Kriegsgebieten natürlich ebenso. Womit das Argument der österreichischen Bundesregierung umfassend widerlegt ist, dass ein Export okay sei, solange die Waffen nicht in die Hände von Terroristen fallen. Die verfügen aber in aller Welt über Glocks, weil korrupte Polizisten und Soldaten sie ihnen verkauft haben. Diesen eigentlich leicht durchschaubaren Prozess anzuprangern, scheint aber wenig Wirkung zu haben.
Fritz Ofner: Tja, ich befürchte, die Öffentlichkeit ist an so viele Missstände gewöhnt, dass es kaum noch Erregung zu geben scheint, wenn man solche Zusammenhänge aufzeigt. Was ich besonders perfide finde, ist ein Detail, das auch im Film zu sehen ist. Als die amerikanische Übergangsregierung Glock-Pistolen für die Bewaffnung der neuen Sicherheitskräfte im Irak bestellte, war das in Österreich eine große Diskussion: Darf man Waffen in Kriegsgebiete liefern?
Glock hat damals der Regierung gedroht, wenn man die Waffen nicht liefern dürfe, dann ziehe man die Produktion aus Österreich ab. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde dann umgeschwenkt und die Lieferungen wurden erlaubt. Natürlich sind die Waffen in den Händen von Aufständischen gelandet. Der Islamische Staat verwendet die Glock-Pistolen in Propaganda-Videos, um Leute für den Dschihad zu rekrutieren. Der ganze Konflikt in Syrien, im Irak und mit dem Islamischen Staat hat zu einer großen Flüchtlings- und Migrationsbewegung geführt. Diese Bewegung hat zu einer Verunsicherung der Bevölkerung geführt und mit dem Beginn dieser Migrationskrise 2015 ist der private Waffenbesitz in Österreich sprunghaft angestiegen.
Womit wir wieder diesen Aufschaukelungskreislauf haben, bei dem der Konzern Glock von der Zunahme des Elends profitiert.
Fritz Ofner: Das ist das große Dilemma. Wenn man Waffen produziert, dann führt dies zwangsläufig zu mehr Gewalt. Und wem nützt mehr Gewalt? Den Waffenproduzenten. Eisenhower warnte ja vor der Gefahr des militärisch-industriellen Komplexes bei seiner Abtrittsrede und im kleineren Maß können wir das bei Glock sehen. Wenn Gewalt entsteht, verkauft ein Waffenhändler mehr Waffen, was wiederum zu besseren Verkäufen führt. Das ist eine einfache Rechnung.
Im Film wird diese Verdrängung sehr gut illustriert. Bei der Erweiterung des Betriebsgeländes hat die Firma Glock einen jüdischen Friedhof umflossen. Dieser ist jetzt eng umringt von hohen Betonmauern. Offenbar lässt man das Friedhofsgelände trotz anderer Vereinbarungen zerfallen und niemand will etwas in der Gemeinde Deutsch-Wagram davon wissen. Als Metaphern hätte man dies in keinem fiktionalen Drehbuch nutzen könnte, weil es viel zu übertrieben wirkt, nicht wahr?
Fritz Ofner: Als ich bei der Recherche auf diesen Friedhof gestoßen bin, konnte ich meinen Augen nicht glauben, weil sich kein stärkeres Symbol finden lässt, um diese Parallele zur gesellschaftlichen Verdrängung zu ziehen. Genauso wie man in Österreich lange Zeit mit der Erinnerung an den Holocaust und den Nationalsozialismus umgegangen ist, so übertrug sich dann in weiterer Folge diese Verdrängung auf den Waffenhandel und ganz speziell auf die Firma Glock. Das alles findet sich im Bild des verfallenen jüdischen Friedhofs wieder, der eingefriedet ist von den Betonmauern des Werksgeländes von Glock.
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