Glück gehabt?

New Orleans ist auch Standort von Hochsicherheitslabors zur Forschung an Biowaffen, Tausende Versuchstiere starben in der Folge des Orkans Katrina, angeblich drang kein gefährlicher Erreger nach außen

Nach dem 11.9. zogen die USA unter Präsident Bush nicht nur in den Krieg, zunächst nach Afghanistan und dann mit gefinkelten Begründungen in den Irak, sondern auch ganz allgemein wurden Angst und Wut der Menschen instrumentalisiert, um alles auf die Abwehr vor dem Terrorismus abzustellen. Erst am 8. September, also noch nach der vom Orkan Katrina verursachten Katastrophe, hatte US-Präsident Bush den am 14.9.2001 ausgerufenen Notstand aufgrund der Terrorbedrohung noch einmal für ein Jahr verlängert. Die Anthrax-Briefe, deren Absender trotz umfangreicher Suche noch immer nicht gefunden wurde, dienten schließlich dazu, eine Panik vor den neuen "Massenvernichtungswaffen" zu schüren, um nicht nur neue Gesetze zu schaffen, sondern auch viele Milliarden in die Entwicklung von Sicherheitstechniken zu stecken, vor allem auch zur Vorbereitung vor und zur Bewältigung von Angriffen mit biologischen Waffen. Gemündet ist das in das Projekt Bioshield.

Dass die Umschichtung von Ressourcen in den zwar politisch und medial besser ausschlachtbaren Antiterrorkampf eben diese abzieht, wenn es um die Bekämpfung des (organisierten) Verbrechens oder um die Vorsorge vor Naturkatastrophen geht, konnten die Amerikaner und die ganze Welt beobachten, als der Orkan Katrina schon lange vorausgesehene Schäden verursachte. Das Problem stellt sich natürlich nicht nur in den USA so. Die Bekämpfung von Terroristen und das Schüren der Angst vor Anschlägen kommt – solange keine Katastrophe eintritt – allemal besser an, als eine Beseitigung von Mängeln, die Katastrophen ermöglichen (oder Terrorismus verursachen). So berichtete auch der Spiegel unlängst: Organisierte Kriminalität profitiert von Anti-Terror-Kampf.

Obwohl die Zahl der Opfer der Anthrax-Briefe gegenüber denen, die von dem "konventionellen" Terroranschlag auf New York verursacht wurden, äußerst gering war, schien die – durchaus auch von Regierung und Medien, schließlich waren Medienvertreter auch Ziele, geschürte – Panik vor den künftig möglichen Folgen von Bio-Waffen weitaus höher zu sein (Milzbrand und die Angst, Die Panik, die Medien und die Politiker). Ziemlich sicher hatten die Briefe nichts mit islamistischen Terroristen zu tun, zudem gab es auch keine beweisbaren Hinweise darauf, dass diese im Besitz von biologischen Waffen sind. Überdies sind mögliche Folgen von waffenfähigen Organismen, die sich schnell verbreiten und tödlich wirken, höchst spekulativ. Aber die pure Möglichkeit einer geheimnisvollen, ansteckenden tödlichen Seuche ermöglichte es, viel Geld in die Abwehr vor dem Möglichen durch Einrichtung neuer Labors zu stecken. Dort müssen Versuchstiere mit gefährlichen Erregern infiziert werden, um Mittel zur Abwehr oder zum Impfen zu entwickeln.

Die Dialektik der Sicherheit: Naturkatastrophe vs. Biologische Waffen

In aller Regel ist die Welt komplizierter, als einfache Lösungswege dies voraussetzen. Früher nannte man dies beispielsweise dialektisch, heute spricht man eher von unerwünschten und vor allem unvorhergesehenen Nebenwirkungen oder – militärisch – auch von Kollateralschäden. Forschung an Impfstoffen vergrößert etwa auch die Erkenntnisse über Herstellung und Einsatz von waffenfähigen Organismen. Labors, die aufgefüllt sind mit Versuchtieren, die mit Milzbrand, Pest oder Pocken infiziert wurden, können, sind sie nicht hinreichend gesichert, eben diese verbreiten. Offenbar ist eben auch schon der Versender der Anthrax-Briefe in den Besitz von Anthrax-Sporen gekommen, die von militärischen US-Forschungslabors angeblich für defensive Zwecke hergestellt wurden. Erst vor kurzem hatten US-Mikrobiologen kritisiert, dass zuviel Geld in die Erforschung von waffenfähigen Erregern fließt, das zur Bekämpfung der wirklich gefährlichen Krankheiten fehlt (Die vage Bedrohung durch Bioterrorismus bindet Forschungsgelder). So mindert man bestenfalls die Möglichkeit, zum relativ unwahrscheinlichen Opfer eines Bio-Anschlags zu werden, aber erhöht das Risiko, von "normalen" gefährlichen Erregern infiziert zu werden.

Besonders heimtückisch ist aber, wenn die Versuche, Mittel zum Schutz vor Angriffen mit biologischen Agenten zu entwickeln, direkt die Menschen gefährden. Wie das gehen kann, zeigt just die Flutkatastrophe. Da die Abwehr von nur theoretisch möglichen Terrorangriffen die Ressourcen für den Schutz vor voraussehbaren Naturkatastrophen gesenkt und die vermeintliche Gefahr von Angriffen mit biologischen Waffen als dringlich beurteilt wurde, hat man schnell die Forschung angestoßen und dabei seltsamerweise oder aber auch symptomatisch wenig auf Sicherheit geachtet, wie beispielsweise das Sunshine Project eruiert hat. Es gab auch bereits Sicherheitsvorfälle aufgrund mangelnder Vorsichtsmaßnahmen (Schritt zum biologischen Wettrüsten; Gefährlicher Grippevirus wurde an 5.000 Labors verschickt). Erst kürzlich verschwanden drei mit Pest infizierte Mäuse aus einem Bioterrorismus-Forschungslabor der University of Medicine and Dentistry of New Jersey.

Das Sunshine Project wies bereits letztes Jahr auf die militärische Forschung an biologischen Erregern der Tulane University in New Orleans hin. Obgleich es hier einige Labors der Sicherheitsstufe 3 gibt, in denen etwa mit Milzbrand, Pest oder Mäusepocken infizierte Versuchstiere leben, konnte die Universität offenbar keine Belege vorlegen, ob überhaupt ein Institutional Biosafety Committee eingesetzt wurde, um die Sicherheit zu überwachen, und was dessen Tätigkeit war. Zwar scheint das außerhalb von New Orleans gelegene Primatenzentrum, in dem Tausende von Affen auch mit Krankheiten infiziert zu Versuchszwecken gehalten werden, angeblich nicht beschädigt worden zu sein.

Wie AP berichtete, seien alle 8.000 Versuchstiere, darunter Mäuse, Ratten, Hunde und Affen, der Forschungslabors der Universitäten von New Orleans gestorben. Dabei handelte es sich auch um "Tiermodelle", also auch um genetisch veränderte Tiere zur Erforschung von Krebskrankheiten oder von AIDS, aber auch um Tiere, die im Rahmen der Forschung über biologische Waffen mit Milzbrand oder Pest infiziert waren. Die meisten der Tiere seien ertrunken oder verdurstet bzw. verhungert. Die überlebenden Tiere seien schließlich, so Larry Hollier, Vorstand des LSU Health Sciences Center School of Medicine, getötet worden.

Und berichtet wird auch, dass angeblich keine gefährlichen Erreger aus den Labors, "in denen die Forscher mit einigen der gefährlichsten Erreger der Welt umgehen", ins Freie gelangt seien. So sei auch kein einziges der 5.000 Versuchstiere des Primatenzentrums entkommen. Nach Angaben der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) seien zwar einige Labors, die mit der Forschung an biologischen Waffen beschäftigt sind, beschädigt worden, aber es sei nichts nach außen gedrungen. Wenn dies zutrifft, dann war wohl auch reichlich Glück im Spiel. (Florian Rötzer)