Glück ist ansteckend

Menschen, die glücklich sind, beeinflussen damit nicht nur ihre Umgebung - sie stecken über ihr soziales Netzwerk auch Freunde und Freundesfreunde an

Haben Sie sich in der vergangenen Woche regelmäßig anderen überlegen gefühlt? Ging Ihnen die Arbeit stets ohne Anstrengung von der Hand? Fühlten Sie sich von Kollegen und Freunden geliebt? Wenn Sie alle drei Fragen mit „ja“ beantwortet haben, wären sie zum einen ganz sicher durchgefallen - der Center for Epidemiological Studies Depression Index (CES-D) hätte ihnen einen niedrigen Depressions-Score attestiert. Zum anderen aber haben Sie damit ihre Freunde, ihre Partner oder Kollegen glücklich gemacht - und nicht nur die: Auch deren soziale Kontakte hätten von Ihnen profitiert. Und die Kontakte der Kontakte der Kontakte ihrer Freunde.

Das ist das Ergebnis einer Analyse, die zwei amerikanische Forscher jetzt in der Online-Ausgabe des British Medical Journal (BMJ) veröffentlicht haben. Das Material, auf das sie sich dabei stützen, war eigentlich für einen anderen Zweck gesammelt worden: Es basiert auf Daten der Framingham Heart Study, einer schon seit 1948 laufenden Studie an Tausenden Einwohnern der kleinen Stadt Framingham im US-Bundesstaat Massachusetts. Wie ihr Name schon verrät, geht es in der Studie um Herz-Kreislauf-Erkrankungen, es ist eine der größten und am längsten laufenden ihrer Art.

Über die Jahre haben sich aber auch Daten angesammelt, die mit dem ursprünglichen Studienziel wenig zu tun haben. Man muss insofern den Studienbetreuern der früheren Jahre danken - erst mit heutiger Technik lassen sich diese Daten auch wirklich auswerten. Es geht nämlich um die sozialen Beziehungen der über die Jahre regelmäßig befragten Menschen untereinander - und wie diese Beziehungen das Leben der Beteiligten beeinflussen. Die beiden Forscher James Fowler und Nicholas Christakis haben nun das in umfangreicher Kleinarbeit ermittelte soziale Netzwerk der Kleinstadtbewohner mit dem Depressions-Index CES-D und dessen zeitlicher Veränderung in Beziehung gesetzt - und sind dadurch zu interessanten Ergebnissen gekommen.

Das Chart zeigt ein großes Cluster von Freunden, Geschwistern und Partnern. Kreise stellen Frauen dar, Quadrate Männer, die Farbe der Verbindungen charakterisiert ihre Art (Schwarz für Geschwister, Rot für Freunde und Ehepartner). Der mittlere Glücksfaktor wird durch die Farben der Nodes dargestellt: Gelb steht für glücklich, Blau für unglücklich und Grüntöne für Werte dazwischen (Bild: James Fowler)

Welche Faktoren den Glückzustand eines Menschen beeinflussen, darüber gibt es nämlich schon diverse Studien und Statistiken. Macht uns die Ehe glücklich, viel Geld, Karriere oder wilder Sex? Dazu finden sich Zahlen. Doch wie steht es um den Einfluss anderer Menschen? Bekannt ist zum Beispiel das Phänomen der emotionalen Ansteckung. Studenten, die drei Monate mit einem depressiven Kommilitonen verbringen mussten, waren danach deutlich weniger glücklich. Wie unmittelbar uns der griesgrämige Gesichtsausdruck eines anderen beeinflussen kann, wissen wir ja aus dem Alltag.

Fowler und Christakis haben nun Zahlen dafür: Der Freund eines glücklichen Individuums wird zum Beispiel mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent ebenfalls glücklich. Gattin oder Gatte eines glücklichen Menschen, im selben Haus lebend, erhöhen ihre Chance auf Glück nur um 8 Prozent. Geschwister haben immerhin eine 14-prozentige Chance auf Glück. Am besten geht’s den Nachbarn: die haben zu 34 Prozent am Glück teil. Interessanterweise vererbt sich dieser Effekt auch über das soziale Netz. Der Freund des oben genannten Freundes profitiert noch mit zehn Prozent, und sogar die Glückswahrscheinlichkeit von dessen Freund steigt um 5,6 Prozent. Zum Vergleich: jemandem 5000 Dollar in bar in die Hand zu drücken, bringt ihm nur eine zweiprozentige Chance auf Glück.

Der Effekt ist allerdings durch Entfernung und Zeit begrenzt. Nach einem Jahr ist er nicht mehr zu bemerken - und er nimmt mit der Entfernung ab. Deshalb profitieren auch nur die direkten Nachbarn, nicht aber die ein paar Straßen weiter. Während die Menschen in der Studie im Mittel über sechs Stationen miteinander verbunden waren, erstreckt sich der Einfluss des Glücks nur über drei Stationen. Das ist gar nicht mal ausgesprochen schade, denn anderenfalls würden wir über den Rückkopplungseffekt quasi zum Dauerglück gezwungen.

Das liegt daran, dass Unglück offenbar weit weniger ansteckend ist: jeder unglückliche Freund reduziert die Glückschance eines Individuums nur um sieben Prozent. Tatsache ist allerdings, dass Menschen im Zentrum des sozialen Netzwerks, also solche mit vielen Freunden, im Regelfall glücklicher als andere sind. Popularität ist also ebenfalls ein Glücksfaktor.

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