Glyphosat: Monsanto soll 250 Millionen Dollar wegen "Heimtücke" bezahlen

Glyphosateinsatz zum Freihalten der Baumscheibe auf einer Apfelplantage in Südtirol. Bild: Mnolf / CC BY-SA 3.0

Das Gerichtsurteil in San Franzisko hat globalen Signalcharakter, weil die Jury einen wesentlichen Zusammenhang zwischen der Krebserkrankung des Klägers und dessen Verwendung von Unkrautbekämpfungsmittel wie Roundup statuiert

Es ist ein amerikanisches Gerichtsurteil mit einer typisch spektakulären Geldforderung, das der Superior Court of California in San Francisco gestern in einem weithin verfolgten Verfahren gegen Monsanto bekannt gab: 289 Millionen US-Dollar muss das Unternehmen an Dewayne Johnson zahlen. 39 Millionen Dollar als "compensatory" und 250 Millionen als "punitive damages", berichtet die New York Times. Wegen "Bosheit" und "Unterdrückung", wie beim berühmten Anwalt des Klägers, Robert F. Kennedy jr, nachzulesen.

In deutschen Berichten ist von knapp 250 Millionen Euro "Schmerzensgeld" die Rede, wie in der Tagesschau oder der SZ. Der Kläger Dewayne Johnson leidet an einem Non-Hodgkin-Lymphom, einer bösartige Erkrankung des Lymphgewebes, die zu den Krebserkrankungen zählt und er macht den Umgang mit "Roundup" und "Ranger Pro" dafür verantwortlich.

Beides sind Kernprodukte des "Saatgutriesen" Monsanto, der gerade vom deutschen Bayer-Konzern übernommen wurde. "Roundup" und "Ranger Pro" sind Unkrautbekämpfungsmittel, die Glyphosat enthalten, das jahrelang als Wundermittel galt und sehr viel verwendet wird, aber seit einiger Zeit wegen möglicher Gesundheitsgefahren im Zusammenhang mit seinem Gebrauch in Kritik steht.

Das Gerichtsurteil ist hier eindeutig. Die Geschworenen urteilten, die glyphosathaltigen Mittel hätten "wesentlich zur Krebserkrankung des Klägers beigetragen" - und: Der Konzern hätte Kunden davor warnen sollen, dass Herbizide Krebs auslösen können. So habe er sich der "Heimtücke" schuldig gemacht.

Befragt von einem seiner Anwälte sagte Johnson, er hätte das Mittel "niemals" verwendet, wäre er mittels einer Kennzeichnung über mögliche gesundheitliche Gefahren informiert worden. Zweimal habe die Spritze nicht richtig funktioniert, so dass seine Kleidung mit dem Mittel durchtränkt worden und seine Haut in direkten Kontakt mit der Flüssigkeit gekommen sei. Bei Johnson wurde 2014 Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Auch danach arbeitete er noch mit Roundup. Wegen der "unkontrollierbaren Ausbreitung" schmerzhafter Hautverletzungen habe er zweimal bei der Hotline von Monsanto angerufen, und gefragt, ob das Mittel dafür verantwortlich sein könnte. Versprochene Rückrufe habe er nie erhalten, erzählte er vor Gericht.

Die Welt, 24. Juli 2018

Davon abgesehen, welche systematischen Schäden ansonsten mit dem Einsatz von Glyphosat und der damit verbundenen Landwirtschaft diskutiert werden, ist der Vorwurf, das Breitbandherbizid könne Krebs auslösen, der mit der größten Aufmerksamkeit und wohl auch mit der größten Wirkung auf ein Riesengeschäft. 800.000 Tonnen werden jährlich weltweit versprüht. Für Monsanto ist das Geschäft mit Glyphosat das "Herzgeschäft", so Le Monde. Bayer kann das nicht egal sein.

Die Institutionen und die Experten sind sich uneins. Die Diskussion wird hitzig geführt wie ein "Glaubenskrieg". Die Wissenschaft sei sich einig, der Unkrautvernichter Glyphopsat sei nicht krebserregend, sagt zum Beispiel Andreas Hense, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), alles hänge von politischen Interessen ab, die Wissenschaft werde als Kampfmittel missbraucht. Kritiker des BfR werfen dem Institut vor, dass es "Tumoreffekte" ignoriert.

Bayer schließt sich den wissenschaftlichen Expertisen an, die den Einsatz von Glyphosat für unbedenklich halten: "Das Urteil steht im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, wonach kein Zusammenhang besteht zwischen dem Einsatz von Glyphosat und dem Non-Hodgkin-Lymphom", zitiert der Spiegel einen Konzern-Sprecher. Der Konzern sei überzeugt, dass Glyphosat "sicher und nicht krebserregend ist".

Dem widerspricht aber eine Einschätzung aus der WHO. Die zu ihr gehörende Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) sorfte mit der Einstufung von Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" für internationales Aufsehen.

Die US-Umweltbehörde EPA und EU-Behörden sind dagegen der Auffassung, dass keine Krebsgefahr von dem Herbizid ausgeht. Wer in das Konzert der Argumente mit Stimmen, die eher dafür oder dagegen sind (vgl. Glyphosat - und kein Ende?), hineinhört, verliert rasch den Boden unter den Füßen.

Daher kommt das Gewicht des Urteil der Geschworenen des Gerichts in San Franzisko. Mehrere tausend andere Fälle warten. Le Monde berichtet von 4.000 ähnlichen Fällen in den USA. BBC meldet sogar über 5.000 ähnliche Fälle, Hunderte würden wahrscheinlich vor Gericht kommen.

Indessen wäre man gespannt, was in den internen Monsanto-Dokumenten über die Gefahren der Glyphosat-Mittel steht. Diese Dokumente werden von Anwalt des Klägers, Brent Wisner, nämlich als entscheidend für das Urteil gewertet:

Wir konnten schließlich der Jury interne Monsanto-Dokumente zeigen, die beweisen, dass Monsanto seit Jahrzehnten weiß, dass (…) Roundup Krebs verursachen kann.

Guardian

In der Kontroverse über die Schädlichkeit von Glyphosat wird häufig eine Analogie zum Verhalten der Tabakindustrie gezogen. "Big Tobacco" habe auch lange Zeit nicht eingeräumt, wie gefährlich Rauchen sei. Aus internen Dokumenten sei aber hervorgegangen, dass die leitenden Stelle sich längst über die Schädlichkeit im Klaren waren, während sie noch lange Zeit nach außen eine ganz andere Botschaft richteten.

Ob die internen Monsanto-Dokumente diese Parallele tatsächlich stützen, ist laut der genannten Medienberichte nicht zu klären. Über den Inhalt der Dokumente wird nichts Kärendes bekannt gegeben (Nachtrag und Berichtigung: Tatsächlich wurden interne Dokumente unter dem Titel "The Monsanto Papers" bereits veröffentlicht. Die Antwort auf die Frage, ob sie Klärendes beinhalten, gab das Gericht.)

Monsanto hat Berufung eingelegt. (Thomas Pany)

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