Go East, forget Europe

Die neue Energiestrategie des Kreml - Teil 1

Russland will seine Erdgas- und Erdölexporte verstärkt gen Osten lenken. Europa muss daher auf Energieressourcen in Afrika, im Nahen Osten sowie Zentralasien setzen. Die deutsche Politik scheint dies aber noch nicht erkannt zu haben.

Eigentlich hätte Bundeskanzler Gerhard Schröder aus der Jukos-Affäre als Kriegsgewinnler hervorgehen können. Doch nun sieht es aus, als ob er gemeinsam mit der Deutschen Bank, die den Kauf des früheren Jukos-Ölförderers Juganskneftegas finanzieren wollte, leer ausginge. Politisch ist dies ein doppeltes Desaster für den Bundeskanzler. Er setzte mit seiner betont unkritischen Haltung nicht nur seine politische Glaubwürdigkeit aufs Spiel, er zeigte sich außerdem als kurzsichtiger Wirtschaftspolitiker. Denn er scheint schlicht die Energiestrategie des Kremls verkannt zu haben.

Mit der Verstaatlichung von Juganskneftegas setzt der Kreml nämlich konsequent seine im August 2003 verabschiedete Energiestrategie um. Sie sieht die zunehmende Öffnung in Richtung der südostasiatischen Märkte - und eine langsame Emanzipation von den westeuropäischen Abnehmern vor. Zwar scheint Russland angesichts seiner riesigen Energievorräte für die Rolle als Hauptlieferant Europas prädestiniert zu sein. Das eurasische Land verfügt immerhin über die weltweit größten Erdgasreserven und auch bei den vermuteten Erdölvorkommen steht es an erster Stelle. Doch die im August 2003 beschlossene Energiestrategie des Kremls sieht eine deutliche Umorientierung in der bisherigen Energiepolitik vor:

Während die Exporte nach China, Japan und sogar in die USA erheblich ausgebaut werden sollen, sollen die in die Europäische Union nur geringfügig erhöht werden. Deutlich zeigte dies kürzlich eine Studie der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zum Thema Russlands Energiestrategie und die Energieversorgung Europas auf.

Die russischen Erdöllieferungen decken demnach zur Zeit rund 30 Prozent des EU-Bedarfs ab. Dieser Anteil soll auf 27 Prozent leicht abnehmen. Zwar will Russland seine Erdölförderung jährlich um 2,4 Prozent ausweiten, die Exporte nach Europa will es allerdings nur um 1,1 Prozent pro Jahr auf 160 Millionen Tonnen ausweiten. Die größte Zuwächse bei der Erdölförderung erwarten die Energiestrategen nämlich in Ostsibirien. Die Orienterung gen Osten manifestiert sich auch in Plänen für den Ausbau des russischen Öl- und Gaspipelinenetzes sowie für den Bau von Gasverflüssigungsanlagen im hohen Norden Russlands und an der Pazifikküste.

Obgleich Russland in der Vergangenheit so gut wie kein Erdöl in die USA exportierte und auch die Lieferungen nach China mit wenigen Millionen Tonnen unbedeutend waren, sollen die Exporte in beide Länder schon ab 2010 eine Größenordnung von 100 Millionen Tonnen erreichen. Während 2000 der Anteil Chinas und der USA nur 3 Prozent betrug, soll er 2020 mindestens ein Drittel betragen. Zum Vergleich: Europas Bedarf an Erdölimporten wird nach den Prognosen der amerikanischen Energieinformationsbehörde EIA und der Europäischen Kommission bis 2020 um rund 180 Millionen Tonnen zunehmen. Denn einerseits wird der Verbrauch steigen, andererseits wird die europäische Erdölförderung abnehmen. Über 80 Prozent des bis 2020 entstehenden Zusatzbedarfs müssen die Europäer daher aus anderen Weltregionen decken.

Mit der Öffnung Richtung Südostasien und dem pazifischen Raum ist auch das geostrategische Interesse der USA am russischen Erdöl zu erklären. Noch bis zur Verhaftung von Jukos-Chef Michail Chodorkowskij im Oktober 2003 bemühten sich die US-Ölkonzerne Exxon Mobil und Chevron um eine Beteiligung. Damit hätten die Amerikaner das russische Ölgeschäft mitbestimmen können. Doch mit der Verstaatlichung von Jukos behält Putin nun vorläufig das Heft in der Hand. Der russische Energieminister Viktor Christenko kündigte an, 20 Prozent von Juganskneftegas an die staatliche chinesische Ölfirma CNPC zu verkaufen. Auch die indische ONGC meldete Interesse an (Indien strebt Einstieg bei früherer Jukos-Tochter an.

Wäre Juganskneftegas hingegen, wie von Beobachtern zunächst vermutet, dem Gasprom-Konzern zugeschlagen worden, hätte sich die geplante Ostorientierung vermutlich etwas schwieriger gestaltet. Denn der deutsche Energiekonzern E.ON besitzt mit einer Beteiligung von 6,5 Prozent bei Gasprom ein gewisses Mitspracherecht und hätte sicherlich die bestehende Westorientierung forciert.

Aus Sicht der Europäer ist die Entwicklung im Erdgasbereich noch dramatischer: Die Energiestrategie des Kremls will den russischen Erdgasanteil an den europäischen Importen von heute 70 Prozent auf rund 30 Prozent im Jahr 2020 drastisch absenken - obgleich der europäische Bedarf steigt: Während laut EIA der Importbedarf der Europäischen Union beim Erdöl gegenüber dem Jahr 2000 immerhin um 40 Prozent bis 2020 steigt, sind es beim Erdgas sogar mehr als 200 Prozent, im Falle eines langsamen Wirtschaftswachstums sogar noch 150 Prozent.

Ein wichtiger Grund für Russlands Orientierung gen Osten ist die zunehmende Erschöpfung der westsibirischen Erdgasfelder: Bei den für die Belieferung Westeuropas entscheidenden Feldern spätestens ab 2015 ein deutlicher Rückgang der Fördermenge zu erwarten. Die drei westsibirischen Gigantenfelder Urengoj, Jamburg und Medveschje sind nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe bereits zu 50, 26 und 68 Prozent erschöpft. Bestenfalls wird dies durch das erst seit 2001 produzierende, letzte russische Festland-Riesenfeld Zapoljarnoe ausgeglichen werden können. Bislang nicht angetastete arktische Großvorkommen stellen extrem klimatische und hohe technische Anforderungen. Die Ausbeutung des Begleitgases, das bei der Erdölförderung anfällt, kann aber nur dann stattfinden, wenn die Ölgesellschaften einen fairen Zugang zum Pipelinenetz erhalten, das von Gasprom verwaltet wird.

Wie beim Erdöl sieht die Energiestrategie auch für das Erdgas eine Erhöhung für den Gasexport nach China und in die USA von heute Null auf um die 100 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2020 vor. Der Gasexport in die die Europäische Union soll hingegen nur um 31 Milliarden Kubikmeter ansteigen. Der Export in den Osten soll vor allem von Produktionszuwächsen in Ostsibirien und im Fernen Osten gedeckt werden. Das Erdgas wird entweder auf dem Landweg nach China oder als Flüssiggas per Schiff transportiert werden.

Auch beim Erdgas muss die Europäische Union daher ihren Bedarf zunehmend aus anderen Regionen decken. Aus geographischen Gründen kommen hierfür Nordafrika, der Nahe Osten und der kaspische Raum in Betracht. Die Türkei wird zu einem wichtigen Transitland für Erdgas werden. "Diese Notwendigkeit der Neuerschließung europäischer Bezugsquellen für Erdgas scheint in Europa noch wenig Aufmerksamkeit gefunden zu haben", stellte jedoch Roland Götz, Leiter der SWP-Forschungsgruppe Russland in seiner Studie fest.

Deutschlands Antwort auf die absehbare Kluft zwischen Energiebedarf und russischen Exporten scheint eine zunehmend enge Verflechtung der deutschen und russischen Volkswirtschaft zu sein. Nach Ansicht von Götz sollte Deutschland aber auch langfristige Bindungen zu verschiedenen Lieferanten in Afrika, im Nahen Osten sowie Zentralasien aufbauen. Im Erdölbereich ist dies wegen des Weltmarktcharakters der Erdölversorgung weniger kritisch. Im Erdgasbereich erfordert dies wegen der hohen Bedeutung von Pipelines eine Umorientierung. So müsste etwa eine Südtrasse Iran-Europa rechtzeitig geplant werden. Dass damit auch die Abhängigkeit der Europäer von russischen Energieressourcen sinkt, ist nur zu begrüßen. Doch die Umorientierung sollte auch in der Europäischen Union rechtzeitig erfolgen. Schröders Politik lässt dies allerdings noch nicht vermuten. (Christiane Schulzki-Haddouti)

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