God Modes

into the supercircuit

Ein Jahr nach Clarkes Weltuntergangsvision erscheint Fredric Browns "Antwort" auf zumindest eine Frage, die die Menschheit seit langer Zeit beschäftigt: Gibt es einen Gott? In der Frage steckt natürlich mehr als nur der Wunsch über das Sein oder Nichtsein des höchsten Wesens sicheres Wissen zu besitzen. Damit verbunden ist die Frage nach der Willensfreiheit, dem Ursprung und dem Ziel der Welt und der Menschen, die Frage nach der Existenz des Guten und des Bösen (woraus sich ableiten lässt, ob hinter den Verhaltensregeln eine personifizierte Vernunft steckt, der es zu folgen gilt) und so weiter. Dass der Computer auf diese Frage nicht bloß mit "Ja" oder "Nein" antwortet oder - wie in Douglas Adams' "Hitchhiker's Guide Through the Galaxy" (1979-92), der Persiflage solcher Science Fiction - einfach eine unverständliche Antwort ("42") gibt, sondern, etwas lax übersetzt, mit "Jetzt schon!", rückt ihn in die Nähe jener anderen Science-Fiction-Erzählungen, weil seine Aussage wie eine Drohung klingt.

Was uns heute (angesichts von Zombie-Rechnern und Grid-Computern) wie ein etwas müder Kalauer erscheint, nämlich, dass vernetzte Technik weit mehr als die Summe ihrer Einzelteile verkörpert, dürft Mitte der 1950er-Jahre noch effektiver gewirkt haben. Computer hatten damals die wenigsten Menschen gesehen und vernetzte Computer überhaupt noch niemand; das Internet ist eine Erfindung der 1960er-Jahre; die Geschichte erzählt im Prinzip von einem universellen Netzwerk. Was macht nun aber einen vernetzten Computer zum Gott?

Aus den vielen, weit verteilten singulären Maschinen ist nun eine große geworden, die das ganze bewohnte Universum durchzieht und so quasi als Einheit allgegenwärtig geworden ist. Damit einher geht ein Machtzuwachs, der sich vielleicht schon sachte in der Annahme der beiden Wissenschaftler angedeutet hat, ein vernetzter Computer könnte die Frage eher beantworten als ein singulärer. Er kann dies nicht nur, sondern dieses Können ist gleichsam bereits die Antwort auf die Frage. Ob vor, nach oder zusätzlich zu diesem Computer noch ein anderer Gott existiert, scheint irrelevant. Der Computer hat die Menschen sozusagen vor eine "vollendete Tatsache" gestellt. Dass diese Tatsache als Pointe präsentiert wird, deutet darauf hin, dass mit der Antwort keiner der Protagonisten (und der Leser) gerechnet hat. Sie ist ein Schock, weil der Computer sich als etwas herausgestellt hat, vor dem man sich durchaus fürchten kann bzw. sollte.

"Emergenz" ist das Stichwort dafür, wenn bekannte Dinge etwas Unbekanntes hervorbringen. Der Computer als Emergenz-Maschine ist vielleicht das verbreitetste Motiv der Science Fiction: Ob er wie im Film "War Games" (1986) zum Bewusstsein erwacht und selbst Atomkrieg spielen will oder anderweitig "durchdreht" (womit ja eigentlich gemeint ist, dass er die vorherbestimmten Pfade seines Programmcodes zu verlassen scheint und etwas Unerwartetes tut). Die Angst, dass Computer so etwas prinzipiell können ist so alt wie die Maschine selbst, eben weil sie eine universelle Maschine ist, deren Grenzen zunächst einmal nur von der Imagination ihrer Erbauer und Programmierer abhängen. Die Eigenschaft, etwas Neues hervorzubringen, und sei es nur, sich selbst als Gott zu definieren, ist keine maschinelle Eigenschaft, sondern im beschränkten Maße dem Menschen und im unbeschränkten Maße Gott vorbehalten. Dass Browns Computer emergent ist und etwas Neues hervorgebracht hat, setzt ihn damit zumindest dem Menschen gleich; es muss sich nun zeigen, ob er seine Fähigkeiten in einem göttlichen Maßstab einsetzt.

Mitte der 1950er-Jahre, das war bereits bei Clarkes Geschichte angeklungen, hatten Computer zumindest die Fähigkeit, bei der Weltvernichtung mitzuwirken. 1952 hatte die US-Luftverteidigung das SAGE-Projekt in Betrieb genommen. Mit ihm sollten feindliche Bomber frühzeitig lokalisiert werden, um Atomangriffe auf die USA abzuwenden. Zur Berechnung der Flugballistik wurden Computer eingesetzt, etwa der Whirlwind, der erste Computer mit Monitor von 1951. Aus diesem Projekt gingen später andere, elaboriertere hervor, die auf die Bedrohung durch Atomraketen reagieren können sollten. Dazu wurden schnellere Computer und vor allem eine Vernetzung benötigt, um die zahlreichen Radar- und anderen Messinstrumente miteinander zu verkoppeln. Die Bemühungen kulminierten letztlich nicht nur in die Entwicklung des Internets, sondern brachten auch Emergenz-Effekte hervor, die gerade durch die Vernetzung und zunehmende Komplexität der Mikroelektronik entstanden: Tausende Fehlalarme aufgrund verschiedenster Ursachen haben während des Kalten Krieges für brenzlige Situationen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gesorgt; Computer spielten dabei die unrühmliche Hauptrolle.

Man könnte fast meinen, Geschichten wie Browns "The Answer" seinen ein sarkastischer Vorgriff hierauf und tatsächlich beschreibt insbesondere die Hardcore-Science-Fiction in ihren düsteren Technikvisionen häufig nicht bloß die zeitgenössischen Ängste vor der Technik, sondern entwirft Annahmen über Technikfolgen. Diese Frage, wohin eine Technik die Menschheit führt und welche Effekte sie, einmal losgelassen, hat, ist mittlerweile eine ernstzunehmende wissenschaftliche Aufgabe geworden, der sich Historiker, Politiker, Soziologen, Psychologen und natürlich Industrie und Ingenieure als "Technikfolgenantizipation" stellen. Science Fiction macht dies verstärkt seit Jules Vernes und je bedrohlicher die Technologien der Gegenwart sind, desto kreativer verlängert sie deren Folgen in die Zukunft, könnte man meinen.

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