God Modes

Es werde Licht

Der Regisseur John Carpenter hat 1974 Browns Idee konkretisiert; in seinem Science-Fiction-Film "Dark Star" lässt er eine intelligente Atombombe tatsächlich zum göttlichen Weltvernichter werden und mit den Worten "Es werde Licht!" explodieren. Ihm zuvor gekommen ist Isaac Asimov jedoch bereits 1956 in der von Lem als rühmliche Ausnahme gelobten Erzählung The Last Question (dt. "Die letzte Frage", 1984). Ausnahme, so Lem, sei hier die Verbindung von maschineller Intelligenz und metaphysischer Fragestellung. Lems Kurzgeschichte beschreibt einen Zeitraum von Milliarden von Jahren, in welchem Menschen immer leistungsfähigere Computer konstruieren, die ihnen das Leben erleichtern, die titelgebende letzte Frage jedoch nicht zu beantworten wissen. Anfangs noch eher als Scherz und aus Langeweile an die Maschine gerichtet, wird diese Frage im Verlaufe der Co-Evolution von Mensch und Computer (zuletzt bilden "der Mensch" und "der Computer" allgegenwärtige, unsterbliche geistige Wesenheiten, die überall im Universum gleichzeitig sind) immer bedeutsamer, denn sie fragt im Prinzip nach dem totalen Ende, dem, was danach kommt und ob es sich verhindern lässt: "Wie kann die Entropie aufgehoben werden?"12

Die Entropie, die hier gemeint ist, beschreibt ein Gesetz der physikalischen Thermodynamik, mit welcher die Unordnung eines Systems, die Verteilung von Energie und Wärme beschrieben wird. Prosaisch spricht die Kosmologie davon, dass das Universum den Zustand der größtmöglichen Gleichverteilung anstrebt und damit dem "Wärmetod" in der absoluten Gleichförmigkeit stirbt. Es ist, um zur Metaphorik von Clarkes Lama zurückzukehren, vielleicht der Moment des Weltunterganges. In Asimovs Geschichte beginnen zwei angetrunkene Wissenschaftler des Jahres 2061 ihren Computer Multivac zu fragen, ob "der Netto-Betrag der Entropie des Universums verringert werden"13 kann. Der Computer verstummt und gibt dann zur Antwort, dass er nicht ausreichend viele Daten hat, um die Frage zu klären. (Übrigens hatte Douglas Adams Computer aus "The Hitchhiker's Guide Through the Galaxy", nachdem er auf die Frage "Was ist der Sinn von allem?" die Antwort "42" gegeben und festgestellt hatte, dass die Frage falsch gestellt war, angeboten, einen größeren Computer zu bauen, der die richtige Frage auf die Antwort "42" herausfindet - wohl auch ein kleiner Seitenhieb auf Asimovs berühmte Kurzgeschichte.)

Die Erzählung bricht an der Stelle ab und setzt zu einem viel späteren Zeitpunkt wieder ein. Dieses Mal ist es schon ein vernetztes System namens "Microvac" (eine Weiterentwicklung des "primitiven Multivac [...] und beinahe so kompliziert wie der Planetare AC", 290), dem die Frage gestellt wird und der dieselbe Antwort gibt. Auch Äonen später begründet der "Galaktische AC" (295) das Ausbleiben der Antwort auf die schwache Datenlage. Immerhin belegt dieser Computer bereits "eine kleine Welt; ein Spinnennetz aus Energiestrahlen hielt die Materie zusammen, innerhalb derer submesonische Impulse die Stelle der alten, primitiven molekularen Verstärker einnahmen. Trotz dieser subätherischen Prozesse hatte der Galaktische AC einen Durchmesser von vollen tausend Fuß." (297)

Der nächste Computer, der "Universale AC", schließlich ist im Hyperraum beheimatet und nur noch via Sensoren mit dem normalen Raum und den Menschen verbunden. Deren unsterbliche Körper liegen auf zahllosen Welten verstreut, während ihre Geister das Universum durchmessen. Zwei von ihnen treffen irgendwo aufeinander und stellen zunächst sich, dann dem "Universalen AC" die Frage nach der Entropie. Dieser gibt zunächst dieselbe Antwort, teilt dann aber mit, dass er sich mit dem Problem weiter befassen wird, bis er genug Daten hat, denn "KEIN PROBLEM IST UNTER ALLEN VORSTELLBAREN UMSTÄNDEN UNLÖSBAR." (301) Doch kurz bevor die Entropie ihr höchstes Maß erreicht hat, gibt es immer noch keine Antwort und so vergeht der auch letzte Mensch und sein Geist. Der "AC"14 existiert nur noch, um die letzte Frage zu beantworten und nach einem "zeitlosen Intervall" blickte er auf das Chaos, das zuvor das Universum war und "AC sagte: ‚ES WERDE LICHT!' Und es ward Licht ..."15

Auch dieses Ende ist beinahe vorhersehbar, zieht man die Richtung der Ko-Evolution von Mensch und Computer mit in Betracht: Beide werden größer, materiell unabhängiger aber gleichzeitig auch "weniger", weil sie vernetzt bzw. verschmolzen existieren. Wie keine andere der hier vorgestellten Erzählungen, nähert sich Asimov dem von Lem geforderten Ideal einer literarischen Gegenüberstellung von "Mensch und Transzendenz"16 an. Diese Annäherung findet sich zum einen in der Dematerialisierung von Körper und Technik, andererseits natürlich auch in der Stilistik des Autors, die geradezu auf die biblische Sprache zuläuft. Und trotzdem ist der Autor natürlich ein Kind seiner Zeit und die war zur Entstehungszeit der Erzählung von den oben vorgestellten Riesencomputern geprägt. Deshalb werden seine ACs auch erst immer größer (bevor sie sich allgegenwärtig vergeistigen) - eine Tendenz, die in der Technikgeschichte des Computers ja genau in entgegengesetzter Richtung verläuft. Ein Hinweis für diese Tendenz ist natürlich die Buchstabenfolge "AC", die einer der Protagonisten der Geschichte mit "Analog Computer"17 übersetzt.

Analogcomputer allerdings haben ihre große Zeit längst hinter sich gehabt, als Asimov seine Erzählung schrieb. Das "AC" aus den Geräten namens "ENIAC", "MINIAC", "RAYDAC" oder "UNIVAC" (dieser 1951 ausgelieferten ENIAC-Nachfolger könnte die namentliche Inspirationsquelle für den Autor gewesen sein) stand in diesen Akronymen stets für "... Automatic Computer" oder schlichter: "... And Computer". Diese ähnlich klingenden Namen brachten für die Computer-Science-Fiction jedoch eine nicht zu unterschätzende Kraft mit sich - aus dem selben Grund wählten wohl die Erbauer der Geräte auch immer wieder ähnlich klingende Akronyme: um sich in die große Tradition des "ENIAC" einzuschreiben und mit dem Doppeldeutigkeiten ("MANIAC") zu spielen. Das "höllische System" in Kurt Vonneguts "Player Piano" hieß daher auch "EPICAC XIV" und war bereits zwei Jahre zuvor in dessen Kurzgeschichte "EPICAC" das Thema. Dass fiktive Computer ebenfalls eine Traditionslinie begründen und besitzen zeigte sich in der Folge von Asimovs Geschichte daran, dass "MULTIVAC" noch bis 1985 in noch wenigstens 17 Erzählungen des Autors eine (Haupt)Rolle spielen sollte.

Eschatologie im Datenraum

Spinnt man die eigentlich religiös-eschatologische (das heißt, die letzten Dinge betreffende) Frage aus Asimovs Geschichte einmal weiter und stellt die Folgefrage, was danach kommt, ist man schnell bei dem Schluss angelangt, dass der biblische Gott und der Computer ein und dasselbe sind. Wir müssen den erzählerischen Kosmos nicht verlassen und den Computer, wie Hans-Dieter Mutschler kritisiert, zu einem "religiösen Symbol"18 erklären, das unsere Gesellschaft mit einer "Wiederbelebung des Magischen durch die Technologie" 19 versorgt. Viel potenter bleibt Asimovs Computer innerhalb seines fiktionalen Kosmos. Das Universum, das er sich mit seinem "Es werde Licht!"20 schafft, begründet ja sozusagen gleichermaßen einen Datenraum, wie eine virtuelle Mythologie, an der es Lem zufolge in der Computer-SF-Geschichte immer schon gemangelt hat. MULTIVAC liefert sich also selbst seinen eigene historische Herleitung, könnte man schlussfolgern.

Viel folgenreicher ist allerdings die Idee eines vom bzw. im Computer geschaffenen Raumes. Die Cyberpunk-Literatur der 1980er-Jahre hält sich vorzugsweise in diesem "Cyberspace" (ein Begriff aus der Science Fiction William Gibsons, der längst die Literaturwelt verlassen hat) auf. Mit einigem Recht könnte man behaupten, dass die Trennung zwischen der harten (technischen) und der weichen (philosophischen) Science Fiction gar nie so strikt verlaufen ist, wenn Computer im Spiel waren. Als Maschine, die gleichermaßen in ihrer Hardware materiell und in ihrer Software immateriell ist, treffen beide Kategorien in den Computer-Fiktionen aufeinander, zeigt sich am Harten das Weiche (etwa in der zunehmenden Vergeistigung des "MULTIVAC") und im Weichen das Harte (zum Beispiel im Gottesnamen-Generierungsprogramm des "Mark-V", das das ganz materielle Ende der Welt verursacht).

Wo Gott auf den Computer trifft, da trifft also die harte auf die weiche Science Fiction, der Mensch auf die Transzendenz, die Hardware auf die Software, dort stellt sich die Frage nach der Dualität von Leib und Seele vor einem technologischen Hintergrund, indem der menschliche Körper durch die Hardware des Computers über sich hinauswächst, während sein Geist sich in den virtuellen Sphären des Netzes erweitert. Dort werden uns die Ängste der zeitgenössischen Gegenwart und gleichzeitig die Ängste vor der Zukunft der Technologie vor Augen geführt: Eine Zukunft, die von Computern (im negativen Sinne) beherrscht ist, wird für die Menschheit als Theoizeeproblem, als die Konfrontation mit einem ungerechten Gott, entworfen. In der Science Fiction lehnt er sich gegen diese "intellektronische Revolution"21 auf, stürmt die Maschinen u nd zeigt nicht selten Modelle mit ihnen zu koexistieren.

Für Hinweise (insbesondere auf den Text von Kurt Vonnegut und Fredric Brown) danke ich Dr. Ralf Bülow von der FH Kiel.

(Stefan Höltgen)

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