zurück zum Artikel

God Modes

Der Computer als göttliche Maschine in der Science Fiction - Teil 1

Mit der Erfindung und Popularisierung des Computers ab den 1940er-Jahren revolutionierten sich nicht nur Wissenschaft und Technik, auch die Science Fiction fand in der Maschine ganz neue Möglichkeiten ihre Utopien und Dystopien zu entwickeln. Die scheinbare Allmacht des Apparates hat sich seit Ende der 1940er-Jahre dabei zu einem der stabilsten Motive des Genres entwickelt.

Fredric Browns Kürzestgeschichte Answer [1] aus dem Jahre 1954 könnte als Prototyp für etliche Erzählungen und Romane, die zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und heute im Science-Fiction-Genre geschrieben und publiziert worden sind, gelten. Sie ist zwar nicht das früheste Beispiel für den Gott gewordenen Computer, jedoch ein sehr prägnantes. In Erzählungen wie dieser erhalten Maschinen göttliche Eigenschaften, werden insbesondere Computer zur Gottheit erklärt - bzw. erklären sich selbst zur solchen, sind mit Allmacht und Allwissen ausgestattet und haben Einfluss auf die physikalische wie die metaphysische Welt. Dass diese besonderen Maschinen zuvor kaum je in eine göttliche Funktion gesetzt wurden, hat mehrere Gründe, die ich zu Beginn darstellen möchte. Ein kurzer Ausflug in die frühe Geschichte des Digitalcomputers soll zunächst die grundsätzlichen Motive, die sich in derartigen Science-Fiction-Erzählungen wiederfinden, skizzieren.

Der wichtigste Umbruch ist sicherlich in der Erfindung und Verbreitung des elektronischen Digitalcomputers seit den frühen 1940er-Jahren zu suchen. Zunächst entsteht 1941 in Deutschland Konrad Zuses Z3 [2], die allerdings noch mit elektronischen Röhren, sondern auf Relais-Basis funktionierte. Gefolgt wurde Zuses Erfindung 1943 von Colossus [3] in Großbritannien, die der Dechiffrierung von deutschen Geheimcodes diente. Danach stellen in den USA 1944 Howard H. Aiken seinen Mark I [4] und 1946 J. Presper Eckert und John W. Mauchly ihren ENIAC [5] vor und schließlich konstruierte 1950 Sergei Alexejewitsch Lebedew die erste sowjetische elektronische Rechenmaschine namens MESM [6]. Allen Geräten war nicht nur gemein, dass sie enorme Ausmaße hatten und weit größer als ihre Bediener waren. Sie waren auch schneller beim Berechnen mathematischer Probleme als jeder Mensch und sie waren "mächtig" im Sinne der frühen Computertheorie.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang "Macht"? Der britische Mathematiker Alan Turing hatte, bevor der erste Computer gebaut worden ist, bereits beschrieben, welche Möglichkeiten eine solche Maschine besitzen müsste. Diese später nach seiner Theorie benannte Turing-Maschine [7] sollte mittels dreier basaler Funktionen (Lesen, Schreiben und Bewegung des Schreib-Lese-Kopfes) sämtliche mathematischen Berechnungen automatisch kalkulierbar ("computierbar") machen. Diese Modell funktionierte theoretisch, obwohl der Name "Turing-Maschine" suggeriert, dass es sich dabei um eine konkrete Maschine handelt - ein nicht unwichtiges Detail für die Diskussion früher Computertheorie in der Science Fiction.

Damit die universelle Turing-Maschine funktioniert, benötigt sie nicht nur Hardware, sondern auch Software - also eine Sprache, die spezielle Berechnungsvorschriften an die Maschine weitergibt und die Eingaben des Nutzers für den Computer "verständlich" macht. Auf Basis dieser Sprache werden Werte in den Computer eingelesen und mathematisch berechnet. Sie sollte daher alle Möglichkeiten des Computers, auf dem sie eingesetzt wird, abbilden können. Eine solche Sprache nennt man - ebenfalls nach Alan Turing - "Turing-mächtig" [8]. Diese Eigenschaften des (frühen) Computers, seine enormen Größe, seine Geschwindigkeit und seine Universalität bilden nicht nur die technischen Grundlagen des Computerzeitalters, sondern auch die metaphorischen Technikbilder der Computer-Science-Fiction.

Wie kommt der Computer zu Gott oder wie kommt Gott in den Computer?

Neben den notwendigen technischen Voraussetzungen der Computer-Science-Fiction benötigt es jedoch auch einen "immateriellen" Zusammenhang, der das theologische mit dem technischen Thema verknüpft. Dieser existiert zunächst offensichtlich in der Negation, der Abstoßung und Fremdheit beider Sphären von- und zueinander. Der Kybernetiker Norbert Wiener, der sich sehr früh schon mit der Verbindung beider Bereiche auseinandergesetzt hat, schreibt 1956 in seinem Buch "Gott & Golem Inc." über das geltende, unausgesprochene Berührungsverbot: "Auf keinen Fall dürfen lebende Wesen und Maschinen in einem Atemzug erwähnt werden."1 [9] Mit anderen Worten: Das Geheimnis des Lebens hat nichts mit der Profanität der Technik zu tun - vergleichbar sind beide "Schöpfungen" daher nicht. Dass Gott die Welt und den Menschen geschaffen hat, hat keine Ähnlichkeit zur Erfindung des Computers durch den Menschen. Dieses unausgesprochene Vergleichsverbot gilt nicht nur für die faktische Wissenschaft, sondern spiegelt sich auch in der fiktionalen Wissenschaft, der Science Fiction: "Alle mit der Religion verknüpften Themen sind aus dem SF-Bereich verbannt"2 [10], schreibt der Autor Stanislaw Lem 1979 in seinem Essay "Der Roboter in der Science Fiction" und dies gälte insbesondere für die harte, maschinelle Science Fiction.

Das unausgesprochene Verbot beides zusammen zu denken, ist ein Erbe der Romantik und ihrer grauenerregenden Visionen von künstlichen Menschen. Mary Shelleys "Frankenstein"-Roman ist das prominenteste Beispiel für den Sturz eines "neuen Prometheus" (wie der Wissenschaftler im Untertitel der Erzählung genannt wird), der sich anmaßte, es Gott gleichzutun und zu "schöpfen" anstatt bloß zu erfinden. "Frankenstein" steht in einer Mythologie - der des Androiden, Homunkulus, Golems und wie die künstlichen Menschen noch alle hießen - und hat zahllose Beispiele in Kultur- und Geistesgeschichte, die diese Anmaßung des Menschen schon in der Vergangenheit als Sünde bestraft haben. "Was aber den Computer betrifft", schreibt Lem weiter, "so sind sie an einer mythisch leeren Stelle entstanden. Somit kann man sich [als Autor, S.H.] nicht an Sagen und Legenden halten, um fertige Handlungsstrukturen für die SF zu bekommen."3 [11]

Natürlich hat Lem Recht, wenn er die Mythologie des künstlichen Menschen von der griechischen Antike (bei Homer tauchen bereits Helfer-Automaten des Gottes Hephaistos auf) bis in die Romantik fortgesetzt sieht. Doch auch Computer-Konzepte reichen mindestens bis ins Mittelalter zurück und haben ihre eigene Legendengeschichte ... etwa jene Idee des katalanischen Philosophen, Logiker und Philosophen Ramon Llull (auch bekannt als Raimundus Lullus): Er erbaute im Hochmittelalter des 13. Jahrhunderts eine "Logische Maschine" [12], die mit Hilfe von Begriffsverknüpfungen die Wahrheit des göttlichen Gedankens herleiten wollte. Sie sollte als universelle Bekehrungsmaschine Einsatz bei der Missionierung Ungläubiger finden. Der Sage nach wurde Llull jedoch beim ersten Einsatz des Gerätes von den zu Missionierenden ermordet. Weitere derartig sagenhafte Zeugnisse früher Computerei sind allerdings rar - erst als im Barock das Experimentieren mit Rechenautomaten beginnt, bekommt der Computer eine stetige Geschichte und die dazugehörigen Anekdoten.

Sei es nun ein Verbot oder schlicht der Mangel an Mythologie, die den Computer mit dem Religiösen traditionell verbinden, Norbert Wiener sieht Mitte der 1950er-Jahre keine Denkverbote mehr. Er ruft den Wissenschaftler wie den Schriftsteller freimütig dazu auf "ketzerische und verbotene Ansichten experimentell zu hegen, selbst wenn er sie schließlich zurückweisen muß."4 [13] Und Lem pflichtet ihm ein viertel Jahrhundert später bei: "Er [der Computer in der SF-Literatur, S.H.] könnte die Grundlage einer experimentellen Philosophie bilden", etwa über "das Entstehen eines religiösen Glaubens", man könne mit ihm sogar "autonome Welten modellieren"5 [14]. Dass Computer dieses Potenzial besitzen, liege im Unterschied zu den Robotern darin, dass sie prinzipiell an kein evolutionäres "Ende" kommen, weil sie kein menschliches Vorbild haben, dem sie sich anzugleichen streben, außer dem Verstand, und der ist bekanntlich so gut wie unbegrenzt.

Diese Schrankenlosigkeit macht Computer zu einem mächtigen Motiv in der Science Fiction, weil mit ihnen alles möglich wird, was auch gedacht werden kann. Und dennoch müssen Computer meistens als Projektionsfläche für Technikangst herhalten, wie sich Lem beklagt: "Die Geschichte des Menschen ist aber voll von Beispielen, was er alles anstellte, nur um nicht selbständig denken zu müssen. Deshalb werden Computer, entgegen allen futurologischen Perspektiven, in der SF so stark vernachlässigt. Sie treten in ihr als strategische, regierende und beratende Maschinen auf."6 [15] In diesen Funktionen sind sie den allermeisten Lesern von SF-Literatur und Zuschauern von SF-Filmen bekannt. Nur einige Beispiele seien genannt: Kurt Vonneguts "Player Piano" (1952, dt. "Das höllische System", 1964) D. F. Jones' "Colossus"-Trilogie (1966, 1974, 1977), Martin Caidins "The God Machine" (1968, dt. "Der Grosse Computer", 1969), James Gunns "The Joy Makers" (1954/5, dt. "Die Freudenspender", 1990), Algis Budrys "Michaelmas" (1977, dt. 1980) oder Christopher Hodder-Williams' "A Fistful of Digits" (1969, dt. "Der große summende Gott", 1972).

An den verschiedenen Publikationsdaten zeigt sich bereits, wie "traditionsreich" das Motiv in der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts ist; dass in nicht wenigen dieser Romane allerdings Gott und der Computer bereits im Titel eine Rolle spielen, belegt, dass die SF sich von Beginn an Gedanken über die Analogie gemacht hat - wenngleich die Gottesfunktion in den meisten Erzählungen eher die eines Dämons ist: In Vonneguts "Player Piano" etwa hat die Computerisierung zur Sinnentleerung des Lebens geführt, weil alle Bedürfnisse durch die Maschine und ihre wirtschaftliche Beratung ermittelt und gleich gestillt werden. Hier ist der Computer zum mal heimlichen, mal gewollten Ersatz für die Regierung geworden. Seine "Dämonie" ist allerdings auch auf kleinere Menschengruppen beschränkt: In Arthur C. Clarkes "2001" (1968) taucht ein Computertyp auf, der dadurch dass er "durchdreht" zur Bedrohung für die Menschen, die mit ihm zu tun haben, wird. Für Lem stellt diese Art der Computerdarstellung ebenfalls eine Sackgasse dar: "den Computer zu vermenschlichen heißt nur, die Paralyse seiner Vorstellungskraft und seines Wissens zu entblößen. Ein Computer ist kein Mensch, sondern ein ganzes Universum von Möglichkeiten (entsprechend dem Theorem von Turing über seinen universellen Automaten)."7 [16]

Der Computer als Universum

Hier sollen allerdings die anderen Fälle interessieren, in denen der Computer weder vermenschlicht, noch einfach als Maschine der Bürokratisierung oder Tyrannei dargestellt oder einfach - wie in Jones' "Colossus"-Romanen - zur Kriegspartei wird. Ich möchte eine Hand voll Kurzgeschichten vorstellen, die mit der Motiv-Verbindung Computer und Gott operieren und die Maschine in Lems Sinn für "Hypothesen anthropologischen, futurologischen, philosophischen Charakters experimentell"8 [17] fiktional erweitern. Die Fragen dieser Erzählungen haben dabei sowohl physikalischen Charakter als auch metaphysischen: Es geht um die Zukunft des Menschen und des Universums wie auch um die Ethik. Der Computer in den im Folgenden untersuchten Texten ist also eine religiöse Maschine. Sie stellen nur eine kleine und wahrscheinlich nicht einmal repräsentative Auswahl möglicher Erzählungen dar, auch wenn Lem 1979 noch geglaubt hatte, dass Stories wie Arthur C. Clarkes Die Neun Milliarden Namen Gottes [18] von 1953 die löbliche Ausnahme von der Regel des Nichtauftauchens von Religion in der SF darstellen. Dass es ausgerechnet die Computer-Erzählungen sind, die diese Regel widerlegen, macht sie umso interessanter für die Genregeschichte des Science Fiction.

Clarkes Erzählung berichtet von zwei Computer-Ingenieuren, die einen seltsamen Auftrag erhalten haben: In einem tibetanischen Lama-Kloster sollen sie einen "Mark-V-Varianten-Kalkulator"9 [19] installieren. Aufgabe des Gerätes ist es, die Arbeit der dort lebenden Mönche abzukürzen: Sie müssen alle möglichen neun Milliarden Namen Gottes aufschreiben, damit sich die Prophezeiung erfüllt und die Welt an ihr Ende kommt (was im Buddhismus als Nirvana bekanntermaßen keine Schreck-, sondern eine Heilsvorstellung ist). Der Computer kann den Auftrag schneller ausführen, zumal es sich nur um neun Buchstaben handelt, die systematisch miteinander permutiert werden müssen. Überflüssige Buchstabenkombinationen (wie Dreifachreihungen etc.) kann der Rechner im Vornhinein herausfiltern und die Arbeit von 15.000 Jahren innerhalb von 100 Tagen erledigen. Dass die beiden Computer-Experten das Unternehmen für Unsinn halten, verschweigen sie nicht - als sie jedoch das Kloster verlassen und nach Oben blicken, stellen sie fest, dass die Sterne verlöschen, was auf die beginnende Auslöschung der Welt durch Gott hindeutet.

Der Computer ist bei Clarke selbst noch nicht vergöttlicht, sondern wird von den Menschen quasi zu dessen Arbeitsinstrument deklariert. Seine Fähigkeit, schneller als jeder Mensch/Mönch Buchstabenkombinationen herzustellen ist hier das übermenschliche Element, das das irdische Wirken der Mönche mit dem Willen Gottes verbindet; die Tatsache, dass er dabei auch noch "unsinnige" Buchstabenkombinationen filtert, deutet fast mehr noch als seine Geschwindigkeit darauf hin, dass er die Menschen in dieser Hinsicht bestens zu ersetzen imstande ist. Und so heißt es in der Geschichte auch, die menschliche Rasse sei von Gott ausschließlich dazu geschaffen, den Willen des Schöpfers zu erfüllen und seine Namen niederzuschreiben - "und es bestünde kein Grund mehr für sie, weiterzuexistieren." (10 [20] - "mehr" ist hier also nicht nur zeitlich, sondern auch als "zusätzlich" zu verstehen).

Dass das Gerät zur beschleunigten Erfüllung des Auftrags "Mark-V" heißt, koppelt die Fiktion natürlich an die technischen Fakten. Der "Mark I", sein realer Vorläufer, war an der Harvard-Universität gebaut worden, wog satte 35 Tonnen und war 16 Meter breit. Er war ein Relais-Computer, was verantwortlich für seine Ausmaße und sein Gewicht war. In ihm waren hunderte Meter Kabel und über 700.000 Bauteile verbaut. Ihm folgten bis 1952 drei Nachfolger mit den römischen Nummern II, III und IV - der letzte war bereits ein vollelektronischer Rechner mit Magnettrommelspeicher; die Evolution der frühen Computertechnik lässt sich an der Baureihe gut nachvollziehen.

Der "Mark V" existierte dann bereits nur noch in der Fiktion Clarkes, "bereits klein genug, um per Luft befördert zu werden. Dies ist auch der Grund, weshalb wir uns für Ihr Fabrikat entschieden haben"11 [21], so der Lama zu einem der Ingenieure. Die Beschleunigung der Arbeitsgeschwindigkeit und die beginnende Miniaturisierung (die mit dem Verbau elektronischer anstatt elektromechanischer Bauteile einherging) bildeten für Clarkes Geschichte bereits den technorealistischen Hintergrund. Die Vorstellung des Lesers von einem überdimensionalen Computer, der - wie die Geräte der "Mark"-Baureihe - eigentlich für militärische Zwecke erfunden wurde (was in den 1950er-Jahren so viel bedeutete wie: um die Welt auszulöschen) bildete das zusätzlich in die Lektüre eingebrachte Weltwissen.

into the supercircuit

Ein Jahr nach Clarkes Weltuntergangsvision erscheint Fredric Browns "Antwort" auf zumindest eine Frage, die die Menschheit seit langer Zeit beschäftigt: Gibt es einen Gott? In der Frage steckt natürlich mehr als nur der Wunsch über das Sein oder Nichtsein des höchsten Wesens sicheres Wissen zu besitzen. Damit verbunden ist die Frage nach der Willensfreiheit, dem Ursprung und dem Ziel der Welt und der Menschen, die Frage nach der Existenz des Guten und des Bösen (woraus sich ableiten lässt, ob hinter den Verhaltensregeln eine personifizierte Vernunft steckt, der es zu folgen gilt) und so weiter. Dass der Computer auf diese Frage nicht bloß mit "Ja" oder "Nein" antwortet oder - wie in Douglas Adams' "Hitchhiker's Guide Through the Galaxy" (1979-92), der Persiflage solcher Science Fiction - einfach eine unverständliche Antwort ("42") gibt, sondern, etwas lax übersetzt, mit "Jetzt schon!", rückt ihn in die Nähe jener anderen Science-Fiction-Erzählungen, weil seine Aussage wie eine Drohung klingt.

Was uns heute (angesichts von Zombie-Rechnern und Grid-Computern) wie ein etwas müder Kalauer erscheint, nämlich, dass vernetzte Technik weit mehr als die Summe ihrer Einzelteile verkörpert, dürft Mitte der 1950er-Jahre noch effektiver gewirkt haben. Computer hatten damals die wenigsten Menschen gesehen und vernetzte Computer überhaupt noch niemand; das Internet ist eine Erfindung der 1960er-Jahre; die Geschichte erzählt im Prinzip von einem universellen Netzwerk. Was macht nun aber einen vernetzten Computer zum Gott?

Aus den vielen, weit verteilten singulären Maschinen ist nun eine große geworden, die das ganze bewohnte Universum durchzieht und so quasi als Einheit allgegenwärtig geworden ist. Damit einher geht ein Machtzuwachs, der sich vielleicht schon sachte in der Annahme der beiden Wissenschaftler angedeutet hat, ein vernetzter Computer könnte die Frage eher beantworten als ein singulärer. Er kann dies nicht nur, sondern dieses Können ist gleichsam bereits die Antwort auf die Frage. Ob vor, nach oder zusätzlich zu diesem Computer noch ein anderer Gott existiert, scheint irrelevant. Der Computer hat die Menschen sozusagen vor eine "vollendete Tatsache" gestellt. Dass diese Tatsache als Pointe präsentiert wird, deutet darauf hin, dass mit der Antwort keiner der Protagonisten (und der Leser) gerechnet hat. Sie ist ein Schock, weil der Computer sich als etwas herausgestellt hat, vor dem man sich durchaus fürchten kann bzw. sollte.

"Emergenz" ist das Stichwort dafür, wenn bekannte Dinge etwas Unbekanntes hervorbringen. Der Computer als Emergenz-Maschine ist vielleicht das verbreitetste Motiv der Science Fiction: Ob er wie im Film "War Games" (1986) zum Bewusstsein erwacht und selbst Atomkrieg spielen will oder anderweitig "durchdreht" (womit ja eigentlich gemeint ist, dass er die vorherbestimmten Pfade seines Programmcodes zu verlassen scheint und etwas Unerwartetes tut). Die Angst, dass Computer so etwas prinzipiell können ist so alt wie die Maschine selbst, eben weil sie eine universelle Maschine ist, deren Grenzen zunächst einmal nur von der Imagination ihrer Erbauer und Programmierer abhängen. Die Eigenschaft, etwas Neues hervorzubringen, und sei es nur, sich selbst als Gott zu definieren, ist keine maschinelle Eigenschaft, sondern im beschränkten Maße dem Menschen und im unbeschränkten Maße Gott vorbehalten. Dass Browns Computer emergent ist und etwas Neues hervorgebracht hat, setzt ihn damit zumindest dem Menschen gleich; es muss sich nun zeigen, ob er seine Fähigkeiten in einem göttlichen Maßstab einsetzt.

Mitte der 1950er-Jahre, das war bereits bei Clarkes Geschichte angeklungen, hatten Computer zumindest die Fähigkeit, bei der Weltvernichtung mitzuwirken. 1952 hatte die US-Luftverteidigung das SAGE-Projekt in Betrieb genommen. Mit ihm sollten feindliche Bomber frühzeitig lokalisiert werden, um Atomangriffe auf die USA abzuwenden. Zur Berechnung der Flugballistik wurden Computer eingesetzt, etwa der Whirlwind [22], der erste Computer mit Monitor von 1951. Aus diesem Projekt gingen später andere, elaboriertere hervor, die auf die Bedrohung durch Atomraketen reagieren können sollten. Dazu wurden schnellere Computer und vor allem eine Vernetzung benötigt, um die zahlreichen Radar- und anderen Messinstrumente miteinander zu verkoppeln. Die Bemühungen kulminierten letztlich nicht nur in die Entwicklung des Internets, sondern brachten auch Emergenz-Effekte hervor, die gerade durch die Vernetzung und zunehmende Komplexität der Mikroelektronik entstanden: Tausende Fehlalarme aufgrund verschiedenster Ursachen haben während des Kalten Krieges für brenzlige Situationen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gesorgt; Computer spielten dabei die unrühmliche Hauptrolle.

Man könnte fast meinen, Geschichten wie Browns "The Answer" seinen ein sarkastischer Vorgriff hierauf und tatsächlich beschreibt insbesondere die Hardcore-Science-Fiction in ihren düsteren Technikvisionen häufig nicht bloß die zeitgenössischen Ängste vor der Technik, sondern entwirft Annahmen über Technikfolgen. Diese Frage, wohin eine Technik die Menschheit führt und welche Effekte sie, einmal losgelassen, hat, ist mittlerweile eine ernstzunehmende wissenschaftliche Aufgabe geworden, der sich Historiker, Politiker, Soziologen, Psychologen und natürlich Industrie und Ingenieure als "Technikfolgenantizipation" stellen. Science Fiction macht dies verstärkt seit Jules Vernes und je bedrohlicher die Technologien der Gegenwart sind, desto kreativer verlängert sie deren Folgen in die Zukunft, könnte man meinen.

Es werde Licht

Der Regisseur John Carpenter hat 1974 Browns Idee konkretisiert; in seinem Science-Fiction-Film "Dark Star" lässt er eine intelligente Atombombe tatsächlich zum göttlichen Weltvernichter werden und mit den Worten "Es werde Licht!" explodieren. Ihm zuvor gekommen ist Isaac Asimov jedoch bereits 1956 in der von Lem als rühmliche Ausnahme gelobten Erzählung The Last Question [23] (dt. "Die letzte Frage", 1984). Ausnahme, so Lem, sei hier die Verbindung von maschineller Intelligenz und metaphysischer Fragestellung. Lems Kurzgeschichte beschreibt einen Zeitraum von Milliarden von Jahren, in welchem Menschen immer leistungsfähigere Computer konstruieren, die ihnen das Leben erleichtern, die titelgebende letzte Frage jedoch nicht zu beantworten wissen. Anfangs noch eher als Scherz und aus Langeweile an die Maschine gerichtet, wird diese Frage im Verlaufe der Co-Evolution von Mensch und Computer (zuletzt bilden "der Mensch" und "der Computer" allgegenwärtige, unsterbliche geistige Wesenheiten, die überall im Universum gleichzeitig sind) immer bedeutsamer, denn sie fragt im Prinzip nach dem totalen Ende, dem, was danach kommt und ob es sich verhindern lässt: "Wie kann die Entropie aufgehoben werden?"12 [24]

Die Entropie, die hier gemeint ist, beschreibt ein Gesetz der physikalischen Thermodynamik, mit welcher die Unordnung eines Systems, die Verteilung von Energie und Wärme beschrieben wird. Prosaisch spricht die Kosmologie davon, dass das Universum den Zustand der größtmöglichen Gleichverteilung anstrebt und damit dem "Wärmetod" in der absoluten Gleichförmigkeit stirbt. Es ist, um zur Metaphorik von Clarkes Lama zurückzukehren, vielleicht der Moment des Weltunterganges. In Asimovs Geschichte beginnen zwei angetrunkene Wissenschaftler des Jahres 2061 ihren Computer Multivac zu fragen, ob "der Netto-Betrag der Entropie des Universums verringert werden"13 [25] kann. Der Computer verstummt und gibt dann zur Antwort, dass er nicht ausreichend viele Daten hat, um die Frage zu klären. (Übrigens hatte Douglas Adams Computer aus "The Hitchhiker's Guide Through the Galaxy", nachdem er auf die Frage "Was ist der Sinn von allem?" die Antwort "42" gegeben und festgestellt hatte, dass die Frage falsch gestellt war, angeboten, einen größeren Computer zu bauen, der die richtige Frage auf die Antwort "42" herausfindet - wohl auch ein kleiner Seitenhieb auf Asimovs berühmte Kurzgeschichte.)

Die Erzählung bricht an der Stelle ab und setzt zu einem viel späteren Zeitpunkt wieder ein. Dieses Mal ist es schon ein vernetztes System namens "Microvac" (eine Weiterentwicklung des "primitiven Multivac [26] [...] und beinahe so kompliziert wie der Planetare AC", 290), dem die Frage gestellt wird und der dieselbe Antwort gibt. Auch Äonen später begründet der "Galaktische AC" (295) das Ausbleiben der Antwort auf die schwache Datenlage. Immerhin belegt dieser Computer bereits "eine kleine Welt; ein Spinnennetz aus Energiestrahlen hielt die Materie zusammen, innerhalb derer submesonische Impulse die Stelle der alten, primitiven molekularen Verstärker einnahmen. Trotz dieser subätherischen Prozesse hatte der Galaktische AC einen Durchmesser von vollen tausend Fuß." (297)

Der nächste Computer, der "Universale AC", schließlich ist im Hyperraum beheimatet und nur noch via Sensoren mit dem normalen Raum und den Menschen verbunden. Deren unsterbliche Körper liegen auf zahllosen Welten verstreut, während ihre Geister das Universum durchmessen. Zwei von ihnen treffen irgendwo aufeinander und stellen zunächst sich, dann dem "Universalen AC" die Frage nach der Entropie. Dieser gibt zunächst dieselbe Antwort, teilt dann aber mit, dass er sich mit dem Problem weiter befassen wird, bis er genug Daten hat, denn "KEIN PROBLEM IST UNTER ALLEN VORSTELLBAREN UMSTÄNDEN UNLÖSBAR." (301) Doch kurz bevor die Entropie ihr höchstes Maß erreicht hat, gibt es immer noch keine Antwort und so vergeht der auch letzte Mensch und sein Geist. Der "AC"14 [27] existiert nur noch, um die letzte Frage zu beantworten und nach einem "zeitlosen Intervall" blickte er auf das Chaos, das zuvor das Universum war und "AC sagte: ‚ES WERDE LICHT!' Und es ward Licht ..."15 [28]

Auch dieses Ende ist beinahe vorhersehbar, zieht man die Richtung der Ko-Evolution von Mensch und Computer mit in Betracht: Beide werden größer, materiell unabhängiger aber gleichzeitig auch "weniger", weil sie vernetzt bzw. verschmolzen existieren. Wie keine andere der hier vorgestellten Erzählungen, nähert sich Asimov dem von Lem geforderten Ideal einer literarischen Gegenüberstellung von "Mensch und Transzendenz"16 [29] an. Diese Annäherung findet sich zum einen in der Dematerialisierung von Körper und Technik, andererseits natürlich auch in der Stilistik des Autors, die geradezu auf die biblische Sprache zuläuft. Und trotzdem ist der Autor natürlich ein Kind seiner Zeit und die war zur Entstehungszeit der Erzählung von den oben vorgestellten Riesencomputern geprägt. Deshalb werden seine ACs auch erst immer größer (bevor sie sich allgegenwärtig vergeistigen) - eine Tendenz, die in der Technikgeschichte des Computers ja genau in entgegengesetzter Richtung verläuft. Ein Hinweis für diese Tendenz ist natürlich die Buchstabenfolge "AC", die einer der Protagonisten der Geschichte mit "Analog Computer"17 [30] übersetzt.

Analogcomputer allerdings haben ihre große Zeit längst hinter sich gehabt, als Asimov seine Erzählung schrieb. Das "AC" aus den Geräten namens "ENIAC", "MINIAC", "RAYDAC" oder "UNIVAC" (dieser 1951 ausgelieferten ENIAC-Nachfolger könnte die namentliche Inspirationsquelle für den Autor gewesen sein) stand in diesen Akronymen stets für "... Automatic Computer" oder schlichter: "... And Computer". Diese ähnlich klingenden Namen brachten für die Computer-Science-Fiction jedoch eine nicht zu unterschätzende Kraft mit sich - aus dem selben Grund wählten wohl die Erbauer der Geräte auch immer wieder ähnlich klingende Akronyme: um sich in die große Tradition des "ENIAC" einzuschreiben und mit dem Doppeldeutigkeiten ("MANIAC") zu spielen. Das "höllische System" in Kurt Vonneguts "Player Piano" hieß daher auch "EPICAC XIV" und war bereits zwei Jahre zuvor in dessen Kurzgeschichte "EPICAC" das Thema. Dass fiktive Computer ebenfalls eine Traditionslinie begründen und besitzen zeigte sich in der Folge von Asimovs Geschichte daran, dass "MULTIVAC" noch bis 1985 in noch wenigstens 17 Erzählungen des Autors eine (Haupt)Rolle spielen sollte.

Eschatologie im Datenraum

Spinnt man die eigentlich religiös-eschatologische (das heißt, die letzten Dinge betreffende) Frage aus Asimovs Geschichte einmal weiter und stellt die Folgefrage, was danach kommt, ist man schnell bei dem Schluss angelangt, dass der biblische Gott und der Computer ein und dasselbe sind. Wir müssen den erzählerischen Kosmos nicht verlassen und den Computer, wie Hans-Dieter Mutschler kritisiert, zu einem "religiösen Symbol"18 [31] erklären, das unsere Gesellschaft mit einer "Wiederbelebung des Magischen durch die Technologie" 19 [32] versorgt. Viel potenter bleibt Asimovs Computer innerhalb seines fiktionalen Kosmos. Das Universum, das er sich mit seinem "Es werde Licht!"20 [33] schafft, begründet ja sozusagen gleichermaßen einen Datenraum, wie eine virtuelle Mythologie, an der es Lem zufolge in der Computer-SF-Geschichte immer schon gemangelt hat. MULTIVAC liefert sich also selbst seinen eigene historische Herleitung, könnte man schlussfolgern.

Viel folgenreicher ist allerdings die Idee eines vom bzw. im Computer geschaffenen Raumes. Die Cyberpunk-Literatur der 1980er-Jahre hält sich vorzugsweise in diesem "Cyberspace" (ein Begriff aus der Science Fiction William Gibsons, der längst die Literaturwelt verlassen hat) auf. Mit einigem Recht könnte man behaupten, dass die Trennung zwischen der harten (technischen) und der weichen (philosophischen) Science Fiction gar nie so strikt verlaufen ist, wenn Computer im Spiel waren. Als Maschine, die gleichermaßen in ihrer Hardware materiell und in ihrer Software immateriell ist, treffen beide Kategorien in den Computer-Fiktionen aufeinander, zeigt sich am Harten das Weiche (etwa in der zunehmenden Vergeistigung des "MULTIVAC") und im Weichen das Harte (zum Beispiel im Gottesnamen-Generierungsprogramm des "Mark-V", das das ganz materielle Ende der Welt verursacht).

Wo Gott auf den Computer trifft, da trifft also die harte auf die weiche Science Fiction, der Mensch auf die Transzendenz, die Hardware auf die Software, dort stellt sich die Frage nach der Dualität von Leib und Seele vor einem technologischen Hintergrund, indem der menschliche Körper durch die Hardware des Computers über sich hinauswächst, während sein Geist sich in den virtuellen Sphären des Netzes erweitert. Dort werden uns die Ängste der zeitgenössischen Gegenwart und gleichzeitig die Ängste vor der Zukunft der Technologie vor Augen geführt: Eine Zukunft, die von Computern (im negativen Sinne) beherrscht ist, wird für die Menschheit als Theoizeeproblem, als die Konfrontation mit einem ungerechten Gott, entworfen. In der Science Fiction lehnt er sich gegen diese "intellektronische Revolution"21 [34] auf, stürmt die Maschinen u nd zeigt nicht selten Modelle mit ihnen zu koexistieren.

Für Hinweise (insbesondere auf den Text von Kurt Vonnegut und Fredric Brown) danke ich Dr. Ralf Bülow von der FH Kiel.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3387786

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.alteich.com/oldsite/answer.htm
[2] http://www.youtube.com/watch?v=J98KVfeC8fU
[3] http://www.youtube.com/watch?v=O8WXNPn1Qko
[4] http://www.youtube.com/watch?v=xn2Mu1Q7tcY
[5] http://www.youtube.com/watch?v=OSYpYFEwr4o
[6] http://www.computer.org/portal/web/computing-lives/home/-/blogs/s-a-lebedev-and-the-birth-of-soviet-computing?_33_redirect=%2Fportal%2Fweb%2Fcomputing-lives%2Fhome
[7] http://ironphoenix.org/tril/tm/universelle
[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Turing-Vollst%C3%A4ndigkeit
[9] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_1
[10] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_2
[11] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_3
[12] http://www.math.tu-berlin.de/~felsner/KolKom08/lullus.html
[13] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_4
[14] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_5
[15] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_6
[16] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_7
[17] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_8
[18] http://duensch.org/xr/gimpel/clarke.htm
[19] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_9
[20] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_10
[21] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_11
[22] http://www.youtube.com/watch?v=o7ssZyRl6MU
[23] http://www.multivax.com/last_question.html
[24] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_12
[25] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_13
[26] http://www.multivax.com/
[27] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_14
[28] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_15
[29] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_16
[30] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_17
[31] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_18
[32] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_19
[33] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_20
[34] https://www.heise.de/tp/features/God-Modes-3387786.html?view=fussnoten#f_21