Götter, Gräber und Begehrte

Bild: © Universal Pictures

Die Mumie lebt und Tom Cruise ersteht als Zombie wieder auf

Eine Mumie wird lebendig, der altägyptische Totenkult trifft auf nachmetyphysische Esoterik und verwickelt sich mit Popkulturbandagen. Alex Kurtzmans Film "Die Mumie" ist kein Reboot von Stephen Sommers' Mumien-Trilogie, die zwischen 1999 und 2008 ins Kino kam und die ihrerseits wiederum auf dem Boris-Karloff-Klassiker "Die Mumie" von 1932 beruht, bei dem seinerzeit der Deutsche Karl Freund Regie führte.

Superstar Tom Cruise spielt die Hauptrolle, Russel Crowe eine zweite, daneben gibt es mit Annabelle Wallis und Sofia Boutella zwei bisher eher unbekannte, aber sehr hübsch anzusehende Frauen. Einmal mehr (wie in "Vanilla Sky") spielt Cruise einen Mann mit Doppelgesicht, der zwischen Gut und Böse ähnlich hin und her gerissen ist wie zwischen Gut und Böse, Leben und Tod, Blond und Braun.

Dies mal vorweg: Natürlich ist "Die Mumie" objektiv betrachtet kein guter Film. Nicht wegen der hanebüchenen Handlung, nicht weil es hier zuviel Klamauk gäbe für einen Actionfilm und zuviel Action für eine Slapstick-Klamotte, nicht weil dieser Film mindestens vier Filme in einem ist, aber keiner davon richtig, und noch nicht einmal wegen Tom Cruise.

Sondern weil diejenigen, die für diesen Film verantwortlich sind, sich offenbar weder für ihren eigenen Film interessieren noch irgendeine vage Ahnung von oder Liebe zu alldem haben, was sie hier versuchen anzuzitieren: Filmgeschichte vor allem, Archäologie, sexuelle Perversionen, altägyptische Totenriten, viktorianische Literatur. Wen nur das interessiert, der kann jetzt hier aufhören zu lesen.

Alle anderen können beruhigt sein. "Die Mumie", auf Englisch in schönster Doppeldeutigkeit "The Mummy" betitelt, ist nämlich alles in allem sehr vergnüglich.

Er ist sehr kurzweiliger Hollywood-Trash, der trotzdem mehr Tiefgang hat als zu erwarten war, vor allem wenn man in Rechnung stellt, dass der Universal Verleih am liebsten wohl gar keine Kritiken über diesen Film lesen würde. Denn immerhin hat man die weltweiten Pressevorführungen erst einen knappen Tag vor Filmstart gesetzt - das hat manchen Bericht komplett verhindert, und es setzt die Erwartungshaltung aller Branchenkenner auf unter Null.

Wie hoch und welches sind aber eigentlich heute noch die Erwartungshaltungen bei einem Tom-Cruise-Abenteuerfilm? Die Information, dass Tom Cruise am Ende des Films irgendwie Gott ist und irgendwie ein Monster, ist kein Spoiler, denn beides war Cruise ja schon immer. Schon immer schien Tom Cruise ein wenig am Peter-Pan-Syndrom zu leiden: Ein Mann, für den das Erwachsenwerden eine mission impossible ist, ein großes Kind, das das Pubertär-Jungenhafte in sich kultiviert und abseits der Leinwand von Gerüchten über Impotenz und Homosexualität verfolgt wird. Und das vielleicht gerade darum lange Zeit im Kino den starken Mann markierte.

Zwischendurch hatte Cruise für ein paar Jahre seiner Karriere seine Rollenauswahl auf intelligente Weise erweitert. An der Seite seiner damaligen Frau Nicole Kidman war er in Kubricks "Eyes Wide Shut" die schwächere Hälfte eines Paares, in Cameron Crowes "Jerry Maguire" brach er konsequent mit den Erwartungen des Publikums an eine romantic comedy, in "Magnolia" von Paul Thomas Anderson ironisierte er als Macho-Guru, der eine Selbsthilfegruppe für frauengeschädigte Männer leitet, voller Humor die harten Kerls in Hollywood-Filmen.

Auch "Vanilla Sky" (Regie wiederum Cameron Crowe) war über weite Strecken ein Essay über männliche Eitelkeit und irritierte Selbstbilder und der in vielem intelligente, mutige Versuch des Schauspielers, sich mit seinem Starimage offen auseinanderzusetzen und ihm damit auch ein Stück weit zu entkommen. Cruise hatte das Drehbuch des Spaniers Alejandro Amenábar, "Abre Los Ojos", gekauft und dessen Remake koproduziert.

Es hat alles nichts genutzt. Den Peter Pan in sich wurde Tom Cruise nicht los. Danach schwenkte Cruise wieder auf die Karriereautobahn ein, drehte noch ein paar "Mission Impossible"-Filme, die zwar nichts mehr vom Zauber der genialen ersten Teile der Serie hatten, bei denen Brian De Palma und John Woo Regie führten, aber immer noch solide Geld einspielten.

Aber auch in J.J.Abrams drittem MI-Teil finden wir das Wiederauferstehungsthema, von dem der spirituell veranlagte Cruise offenbar fasziniert ist: "Du musst mich töten, sonst sterbe ich", sagt er da, und man muss angesichts von Cruises esoterischen Kapriolen fürchten, die Wiederauferstehungsfarce sei am Ende ernst gemeint.

Drei Anfänge hat der Film "Die Mumie" in drei Zeiten, die er im folgenden munter durcheinanderwürfelt: Im Jahr 1127, zur Zeit des Zweiten Kreuzzugs wird ein Kreuzritter in den Katakomben von London begraben. Mit zum Leichnam legt man einen blutrot strahlenden Edelstein. 890 Jahre später finden Tunnelbauarbeiter die versteckte Grabstelle.

Schnell kommt Russel Crowe hinzu, er spielt nach "Beautiful Mind" endlich wieder einen Wissenschaftler, Doktor Henry Jekyll, dessen Name einem bekannt vorkommen dürfte, und der sich als chemischer Pathologie, Jurist und Immunologie vorstellt. Er formuliert in diesem Film immer wieder ein paar Sätze mit Grundsatzcharakter so wie diese Variante von Sigmund Freuds Diktum vom Verdrängten, das zurückkehrt: "Die Vergangenheit liegt niemals für immer begraben."

Vor allem erzählt er von der schönen und durchtriebenen ägyptischen Prinzessin Ahmanet (Sofia Boutella). Als Thronerbin des Pharaos war sie irgendwann vor mehreren tausend Jahren durch die späte Geburt eines männlichen Kronprinzen derart erschüttert, dass die gekränkte Tochter - "Macht wird einem nicht gegeben, man muss sie sich erobern", raunt Russel Crowe - einen Pakt mit Seth schließt, dem altägyptischen Gott des Todes. Daraufhin ermordet sie den Pharao und Vater, dessen Frau und den Thronerben. Doch das Komplott fliegt auf, und zur Strafe wird Ahmanet lebendig mumifiziert und in einem Quecksilberbad sicher verstaut.

Anzeige