Goliath gegen David

Die Frankfurter Kultrocker Böhse Onkelz scheitern vor Gericht - dafür rocken ihre Fans Net-Foren

Am 15. Mai hob das Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung der Böhsen Onkelz auf, die es der tageszeitung (taz) untersagt hatte, die Frankfurter Kultrocker als "berüchtigte rechtsradikale Band" zu bezeichnen. Die Verfügung war von der Band erwirkt worden, nachdem die taz in ihrer Ausgabe vom 23. Oktober 2000 die Onkelz als eine solche dargestellt hatte. Band und Anwalt war es nicht gelungen, die umfangreiche Klageerwiderung der taz zu entkräften.

Bild von der Homepage der Band

"Wehrt euch auch mal im großen Stil gegen diesen linken Meinungsterror," postete ein Fan im Gästebuch der Onkelz, von denen offiziell bis zum Nachmittag des 18. Mai kein Statement auf ihrer Homepage zu finden war. "Ach ja, die haben auch ein Forum," schlug ein anderer richtungweisend vor. Einmal mehr schien es beim Wir-Gefühl der Anhänger zu bleiben, dem erklärten Gegner "vor die Füße zu pissen" (frei nach einer Songzeile der Band).

Schon in der Begründung, warum die Onkelz eine "berüchtigte rechtsradikale Band" seien, hatte der Jurist der taz aus Liedtexten der Band zitiert und ahnen können, was drohte: "Derartige pauschale Medienschelte, welche auf 'die Medien, die großen wie die kleinen' zielt, ist gewiss einfacher, als auf Kritik, auf Argumente und Belege einzugehen. Auf der anderen Seite geben die Kläger sich dünnhäutig und versuchen systematisch, kritische Journalisten und Zeitungen mundtot zu machen."

Seit Anfang der 90er Jahre distanzieren sich die Böhsen Onkelz über die von ihnen gescholtenen Medien von ihrer Vergangenheit als Skinhead-Band mit rechten Ansichten und rechtsradikalem Fanvolk. Anfangs geschah dies mittels Schützenhilfe von dem Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit oder der Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer, für die die Band 1993 "einfach spannenden Rock" spielte – aus Dank interviewte sie die Jungs in ihrem Hausblatt. Nunmehr scheinen die zu Plattenmillionären avancierten Frankfurter Ex-Underdogs und ihr Management weder Kosten noch Mühen zu scheuen, ihre liebsten Feinde, die Medien, mit rechtlichen Schritten oder Unterlassungsklagen einzudecken, wenn auf ihrer Vergangenheit herumgeritten wird.

Böse genug also für die Band, dass die allgegenwärtig am Hungertuch nagende taz sich die Mühe machte, ausführlich darzulegen, warum sie sich die Freiheit nehmen darf, von einer "berüchtigten rechtsradikalen Band" zu schreiben und sich gleich mit ihrer Begründung eine mögliche weitere Klage einhandelt. So schreibt sie darin auch vom "rechtsradikalen Musikmagazin Rockhard". Jenes Blatt war das erste große Musikmagazin, das sich an der gesellschaftlichen Rehabilitation der Band beteiligte.

Die Denkweise der Onkelz-Community – Wir gegen den Rest der Welt! – wurde hierbei aufgegriffen. So stilisierten und stilisieren sich die Böhsen eigenmächtig als die Guten und kommen keineswegs am Märtyrerpathos vorbei, von den "99 Prozent Arschlöcher auf der Welt" (Onkelz-Basser und Bandboss Stefan Weidner im Rock Hard) verleumdet und verfolgt zu werden. Der Logik einer Verschwörungstheorie folgend betreibt die taz deswegen auch keinen "seriösen Journalismus". Vielmehr gab sie sich einem Niveau hin, "welches noch weit unter dem der Bild-Zeitung liegt". Sie sei ein "kleines Hetzblättchen", so eines der Postings in den letzten Tagen.

Geht man davon voraus, dass die meisten Statements in den Foren keine Fakes sind, so untermauern sie eine Aussage der taz wider das Rock Hard respektive die Onkelz. Beide, so die taz, geben sich dem Glauben hin, über eine "die Grenze zur Selbstherrlichkeit überschreitende Selbstgewissheit" zu verfügen, womit vorgegeben wird, "was man unterstützen muss und was man nicht ablehnen darf". Umgekehrt weiß man sodann genau, was man ablehnen und keineswegs unterstützen darf.

"Wir fänden es schön, wenn ihr – unsere Leserinnen und Leser – ein paar Minuten eurer Zeit opfert, um der Taz mal gehörig den Marsch zu blasen – der Angriff richtet sich indirekt ja auch gegen euch," heißt es auf der Rock Hard-Homepage. "Wir sind für jeden Eintrag dankbar, der (...) klar macht, wo das Rock Hard und seine Leserschaft definitiv nicht stehen – nämlich rechts." Die taz betreibe eine "Hetzkampagne" gegen sie.

Dem schließt sich manch einer an, stellt aber im Gästebuch des Metalmagazins auch fest, man "stimme mit der Einschätzung der taz bzgl. Onkelz überein. Die Hörerschaft, die mir bislang über den Weg gelaufen ist – ob mit oder ohne Glatze – war leider eindeutig vom rechten Ufer des Universums (ohne das nun auf alle zu verallgemeinern)." Ein anderer Poster steuert – ohne sich explizit in die Diskussion um den Onkelz-Prozess einzubringen oder sich als deren Fan zu outen – zur Definition des Begriffs Rechtsradikalismus bei:

"Für mich hat die Ausweisung von illegalen oder straffälligen Ausländern nichts mit rechtsradikalem Gedankengut zu tun, sondern mit der Erhaltung der Ordnung in unserer Heimat. (...) Wir sind keine Mitläufer und WIR haben keine Juden getötet! Punkt! Ich habe es satt für das zu büßen, was meine Großeltern feige verbockt haben!!! Und an alle Juden: Begreift das endlich mal!!!" Die taz hatte vor Gericht dargelegt, die Böhsen Onkelz hätten noch viele Fans, die rechtem Gedankengut nachhängen. Die Band aber distanziere sich nicht eindeutig genug von diesen. Betrifft das auch Rock Hard?

Zurück zum taz-Forum, das jetzt über so viele Postings wie nie zuvor verfügt. Das "Geschreibsel" der taz sei "das faschistischste, was ich je unter die Augen bekommen" habe, schreibt derselbe, der das auch schon wortgleich im Onkelz-Gästebuch hinterließ. Gallig wird ergänzt: "Ich freue mich nur darauf, dass mir ausländische Mitbürger wieder auf mein Auto spucken, mich und meine Familie beschimpfen, nur weil ein Onkelz-Aufkleber auf meiner Heckscheibe klebt. Im Endeffekt leiden dann wieder unschuldige Ausländer."

Längst ist Rationalität in dieser Diskussion zum Fremdwort geworden und Verschwörungstheorien erhalten neue Nahrung: Eberhard Seidel, taz-Inlandchef und Autor zweier Beiträge zum Thema, "hat nämlich seinen Namen geändert, hieß früher Seidel-Pielen (...).Was lernen wir daraus? Ändere deinen Namen, verschweige Deine Vergangenheit (...)." Dass man etwa wegen einer Scheidung oder Hochzeit eines Teilnamens verlustig gehen kann, erscheint mittlerweile undenkbar. Das letzte Wort zwischen Pro, Contra, Überzeugung und Naivität dürfte deswegen wohl noch lange nicht gepostet sein...

Michael Klarmann arbeitet als freier Journalist, auch für die taz. (Michael Klarmann)

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