Gomringer-Gedicht "Avenidas" wird stabiles Mem

Bild: Barbara Halstenberg/IDW

Wie eine materielle Entfernung zu einer virtuellen Entfaltung führt.

2011 verlieh die Berliner Alice-Salomon-Hochschule dem Schweizer Konkrete-Poesie-Erfinder Eugen Gomringer einem Preis. Seitdem ziert eines seiner Gedichte eine Außenmauer der Lehranstalt für Sozialpädagogen:


"avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador"

Übersetzt lautet es:


"Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer"

Im August 2017 forderte der AStA der Hochschule die Entfernung dieses Gedichts, weil es "irgendwie […] ein komisches Bauchgefühl" verursache und an "patriarchale Strukturen" erinnere. Eine "im Grunde frauenverachtende Interpretation", wie Peter Epperlein im Oktober in einer Analyse für Telepolis darlegte (vgl. Wie Studentinnen Frauen sehen).

Trotzdem gewann der ASTA mit dieser Interpretation eine Mehrheit im Akademischen Senat, der letzte Woche beschloss, das Gedicht mit einem anderen übermalen zu lassen. In Sozialen Medien wertete man das überwiegend als weiteren Beleg für ein an US-Hochschulen entstandenes "Paralleluniversum, das versucht, in unseres einzudringen". Das führte dazu, dass sich das Gedicht (beziehungsweise dessen Metrik) in Sozialen Medien in zig Abwandlungen und Zitaten so sehr verbreitete, dass es auf dem besten Wege ist, eines der bekanntesten Gedichte in Deutschland zu werden. Zumindest Twitter-Nutzer dürften es inzwischen deutlich flüssiger aufsagen können als ältere Klassiker wie die Glocke, den Osterspaziergang oder den Panther.

Wie geeignet die Form des Gedichts ist, um Inhalte auf den Punkt zu bringen, zeigt unter anderem die Adaption von Lyllith Beaumont:


"Hochschule
Hochschule und Studierende
Hochschule
Hochschule und Gedicht
Studierende
Studierende und Gedicht
Hochschule und Studierende und
kein Gedicht"

Etwas gröber drückt sich der Berliner Tagespiegel aus, wenn er schreibt:


"Köpfe
Köpfe und Bretter
Bretter
Bretter und Nägel
Köpfe
Köpfe und Nägel
Köpfe und Bretter und Nägel und
eine Schraube (locker)"

Andere Nutzer versuchen sich an Fassungen, von denen sich auch noch so empfindliche "Schneeflöckchen" nicht angesprochen fühlen können (vgl. Beim Sexismus und der Zensur soll das Ich entscheiden). Frea von Wegen dichtet beispielsweise:


"Bärte
Bärte und Sägespäne
Sägespäne
Sägespäne und Männer
Bärte
Bärte und Männer
Bärte und Sägespäne und Männer und
eine Bewunderin"

Und eine Evelyn fantasiert im selben Sozialen Netzwerk über


"Pub
Pub und Bier
Bier
Bier und Männer
Pub
Pub und Männer
Pub und Bier und Männer und
eine stille Bewunderin"

Politischer sieht die Angelegenheit ein Twitter-Nutzer mit dem Pseudonym Tschaka wenn er meint:


"Zensur
Zensur und Verbote
Verbote
Verbote und Feminismus
Zensur
Zensur und Feminismus
Zensur und Verbote und Feminismus und
eine korrumpierte politische Elite"

Anscheinend auf ein anderes politisches Ereignis bezieht sich Claudia Mertes, die in ihrer Avenidas-Adaption Namen nennt und dadurch gleichzeitig konkreter und abstrakter wird:


"SPD
SPD und Martin
Martin
Martin und Andrea
SPD
SPD und Andrea
SPD und Martin und Andrea und
ein Juso"

Andere Politiker - darunter die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer und der Merkel-Rivale Jens Spahn - distanzierten sich von der AStA-Forderung, indem sie den Originaltext des Gedichts twitterten; der zur Linkspartei gehörige Berliner Kultursenator bezeichnete den Sexismusvorwurf gegen den Text in der Fragestunde des Abgeordnetenhauses als "absurd".

Die Verlautbarung des AStA, die Entfernungsentscheidung habe "mit Zensur oder gar Faschismus […] nichts zu tun, sondern sei bloß "gelebte Demokratie" über "demokratisch gewählte Gremien", verstärkte letzte Woche die Kritik eher, als sie zum Verstummen zu bringen. Alexander Kissler meinte beispielsweise im Cicero: "Künftig kann man in Kreuzworträtseln nach 'Bildungsverlierern mit vier Buchstaben' fragen - Die Antwort wird 'AStA' lauten." Andere stellen sich das Gremium so vor wie die Harpyien in John Fords Stagecoach oder twittern Vorher-Nachher-Gegenüberstellungen mit der Gedichtwand (vorher) und den von den Taliban leergesprengten Buddha-Höhlen in Bamian (nachher).

Eine Parallele zum Ikonoklasmus der Islamisten zieht auch Lyllith Beaumont, wenn sie als Ersatz für das Gomringer-Gedicht die Koransure 24:30 vorschlägt: "Sprich zu den gläubigen Männern, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen. Das ist reiner für sie". Frea von Wegen konfrontiert die Millenials vom AStA dagegen mit den bemerkenswert unterschiedlichen Maßstäben dieser Generation, indem sie mit einem Bildbearbeitungsprogramm einen Text des Rappers Kool Savas an die Hochschulwand projiziert.

Nora Gomringer, die Tochter des Avenidas-Dichters, hat anscheinend nichts gegen eine Verbreitung des Gedichts und meint: "Wird ihm [dem Gedicht] 'seine' Mauer entzogen, soll es viele andere erhalten", damit es "und seine Schönheit weiterleben".

Ebenso wie ihr 93-Jähriger Vater behält sie sich stattdessen rechtliche Schritte gegen die Entscheidung der Sozialpädagogenhochschule vor. "Ich will hoffen", so die selbst dichtende Bachmannpreisträgerin sarkastisch, "dass stets genug Weichspüler im Haus vorhanden ist, um Texte zu finden, die niemanden echauffieren, also am besten politically so correct sind, dass es um sie niemals eine Diskussion geben muss." (Peter Mühlbauer)

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