Und die Linke?

Als Wurzel allen Übels sieht Damore die seiner Ansicht nach linkslastigen Sozialwissenschaften. Dieser Logik zufolge müsste die Linke ein Paradies für Feministinnen und die Sozialwissenschaften ein Hort der Gleichberechtigung sein. Schön wär's.

Manchmal drängt sich der Gedanke auf: Gerade da nicht. Als die CDU schon lange eine BundeskanzlerIN stellte, konnte Gregor Gysi noch die Quotenfrau Sahra Wagenknecht neben ihm wegputschen. In linken Medien besetzen - bis auf Ausnahmen - Männer die entscheidenden Posten. Bezahlte Jobs in linken Organisationen werden vorrangig an Männer vergeben, Frauen dürfen ehrenamtlich Kuchen backen. Und das Protokoll der Vorstandssitzung schreiben. Für Die Linke in Hamburg machen zwei Frauen Wahlkampf, damit ein Mann in den Bundestag einzieht.

Soziale Medien und User-Foren von Medien sind männlich dominiert. Wenn Frau ihre Meinung äußert, finden sich mindestens drei Männer, die es besser wissen. Wenn Frau eine unliebsame Meinung äußert, wird sie mit massenhaften Hasskommentaren überzogen. Das Telepolis-User-Forum ist ein Paradebeispiel dafür. Frauen, die sich öffentlich äußern, müssen damit rechnen, dass sie als Reaktion mit Gewaltphantasien bis hin zu Morddrohungen konfrontiert werden.

Männer, insbesondere junge Männer, sind es überhaupt nicht mehr gewohnt, dass eine Frau eine eigene Meinung hat, die sie nachdrücklich vertritt. Das erscheint ihnen "aggressiv". "Das Ideal des westlichen Durchschnittsmannes ist eine Frau, die sich freiwillig seiner Herrschaft unterwirft, die seine Ideen nicht ohne Diskussion übernimmt, sich seinen Argumenten aber beugt, die ihm intelligent widerspricht, um sich dann aber doch überzeugen zu lassen", wusste einst Simone de Beauvoir.

Männer, insbesondere junge Männer, sind es überhaupt nicht mehr gewohnt, dass eine Frau nicht einknickt. Mit der schönsten Selbstverständlichkeit erklären Mittzwanziger (wie Damore) älteren, gestandenen Frauen die Welt- und wundern sich, wenn diese die anders sehen - und wenn sie partout die Sicht der Jungspunde nicht übernehmen will, dann geht es unter die Gürtellinie. Toxic Masculinity par excellence.

Wenn Frauen sich in der Linken behaupten, sprich, wenn sie etwas werden wollen, dann müssen sie analog des von Beauvoir erkannten Musters agieren. Ansprüche stellen, aber zurückschrauben. Das ist dann die von Damore so gerühmte "Kompromissfähigkeit".

Eine Meinung haben, am besten die der Mehrheit der Männer. Die übliche Frauenquote fordern, das zeichnet eine als "Feministin" aus, die als Alibi-Frau gern in Vorständen gesehen ist. Aber bloß nicht auf Umsetzung beharren. Und mindestens drei Mal pro Monat öffentlich von Alice Schwarzer abschwören.

Kurz und gut: Feministinnen werden in der Linken genauso als Querulantinnen betrachtet, wie von Damore, dem selbst die wenigen Erfolge der Frauenbewegung Seelenqualen bereiten.

Um zu verstehen, dass nicht biologische Komponenten, sondern gesellschaftliche Machtverhältnisse ausschlaggebend sind für die Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, müssen wir ein wenig in die Geschichte zurückgehen.

Frauenerwerbsarbeit etablierte sich im Zuge der Industrialisierung. Die materielle Not trieb die Frauen aus dem Haus. Somit entstand auch die soziale Frage, also die nach den Arbeitsbedingungen und der Entlohnung und mit ihr schließlich die Frauenbewegung. Außer der sozialen Frage war das Frauen-Wahlrecht deren großes Thema und später dann auch das Thema Krieg und Frieden.

Am 27. August 1910 beschloss die II. Internationale Sozialistische Frauenkonferenz (100 Delegierte aus 17 Ländern) auf Initiative von Clara Zetkin in Kopenhagen die Einführung eines jährlichen Internationalen Frauentages für die Interessen der Frauen - gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Dieser wurde ab 1911 begangen.

Am 8. März 1917 streikten in St. Petersburg Textilarbeiterinnen machtvoll gegen Krieg, Hunger und das Regime des Zaren. Dieser Textilarbeiterinnenstreik weitete sich zu einem Generalstreik aus, der als Auslöser der Februarrevolution gilt. Zu Ehren der Textilarbeiterinnen in Russland und in New York, die am 8. März 1958 streikten, wurde dieses Datum als fester Termin für den jährlichen Internationalen Frauentag festgelegt.

Anfang des 20. Jahrhunderts waren Frauen noch von den Universitäten ausgeschlossen. Wissenschaftler wie der Arzt Theodor von Bischoff waren der Ansicht, die Stufe der Entwicklung des weiblichen Hirns entspräche eher der eines Kindes als der eines Mannes. So gesehen ist Damores "Manifest" nicht von vor-, sondern von vorvorgestern.

Die Frauenbewegung erkämpfte indes trotzdem den Zugang. Zunächst wurden in Preußen 1896 Frauen als Gasthörerinnen zugelassen. 1904 wurde Frauen in Württemberg gestattet, an der Universität Tübingen zu studieren. 1908 durften sie sich auch in Preußen ordentlich immatrikulieren. Bis 1930 stieg der Anteil von Frauen unter den Studierenden auf 30%.

In den "goldenen Zwanzigern" waren Frauen auf vielen Ebenen der Gesellschaft vertreten. 1919 konnte das Wahlrecht durchgesetzt werden und Frauen konnten für den Reichstag kandidieren. Am 30. August 1932 hielt Clara Zetkin, die für die KPD in den Reichstag eingezogen war, ihre legendäre Rede als Alterspräsidentin.

Danach folgte das, was im Allgemeinen als die "dunklen Jahre" der deutschen Geschichte gilt. Die Nazis hatten ein ziemlich eindimensionales Frauenbild - auch wenn viele Nazi-Frauen diesem selbst nicht entsprachen. Berufstätige verheiratete Frauen wurden als "Doppelverdienerinnen" diffamiert, und als die wirtschaftliche Not größer wurde, waren verheiratete Beamtinnen die ersten, die entlassen wurden.

Und spätestens als die Männer im Krieg waren und die Wehrmacht Nachschub an Waffen und Munition brauchte, fragte niemand mehr nach geistigem Entwicklungsstand, körperlicher Beschaffenheit oder gar zarten Seelen, die Frauen mussten in den Fabriken schuften bis zum Umfallen. Mit ihnen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die aus den KZs geholt wurden und/oder aus Osteuropa verschleppt worden waren.

Nach dem Krieg hieß es erst einmal "Rama dama". Und wieder waren es die Frauen, die fest zupacken mussten. Bis die Männer aus dem Krieg zurückkamen - so sie denn zurückkamen - und die Frauen zurück an den Herd drängten.

Als in Westdeutschland die wirtschaftliche Situation etwas besser wurde, setzt sich das sogenannte Hausfrauen-Modell durch. Frauen gaben nach der Eheschließung den Beruf auf und kümmerten sich fortan um Gatten und Kinder.

Obwohl das immer ein privilegiertes Modell war, gilt Frauenarbeit bis heute entweder als Beschäftigungstherapie oder als Zubrot, z. B. um Luxusgüter oder Urlaub zu finanzieren. Dass auch Frauen von ihrem Lohn oder Gehalt leben oder gar eine Familie ernähren können müssen, dieses Denken hat sich bis heute nicht durchsetzen können. Obwohl Berufstätigkeit von Frauen in der DDR völlig selbstverständlich war. Allerdings waren auch dort die Frauen für die Familienarbeit zuständig und typische Frauenberufe wie z. B. Lehrerin relativ schlecht bezahlt.

Generationen von Frauen wurde der Zugang zu weiterführenden Bildungseinrichtungen mit dem Argument "Du heiratest ja doch" verwehrt. Ende der 1960er Jahre ging es gegen den "Muff unter den Talaren". In der Folge wurde das Bildungswesen reformiert und Zugangsmöglichkeiten zu Universitäten auch für Kinder der Arbeiterschicht erkämpft.

Ende der 1970er drängte die letzte "Du heiratest ja doch"-Generation in die Berufe und auch an die Unis. Die jungen Frauen wollten zeigen, dass sie genau das nicht wollten: Heiraten, Kinder kriegen und ausschließlich für Mann und Kinder sorgen. Auch wollten sie nicht ausschließlich in die klassischen Frauenberufe. Doch Arbeitsschutzbestimmungen, Nachtarbeitsverbot für Frauen, z. B. und der "zu kurze Daumen" bremsten sie aus.

Dass Frauen frei darüber entscheiden können, ob und was sie arbeiten wollen ,war damals noch ziemlich neu. Bis 1975 brauchten verheiratete Frauen die Zustimmung des Mannes, Töchter die des Vaters für ein Arbeitsverhältnis. Dieses konnte von ihm jederzeit gekündigt werden.

Mit der zunehmenden Erwerbsarbeit von Frauen, 1978 waren 38% aller Erwerbstätigen weiblich, kam es zu signifikanten Entwicklungen in der Berufswelt. Berufe, in denen Frauen vermehrt Fuß fassten, wurden entwertet und erheblich schlechter bezahlt, Grundschullehrerinnen z. B. Auch wurden Frauen als Lohndrückerinnen missbraucht, so wie heute Flüchtlinge dazu missbraucht werden, miserable Arbeitsbedingungen und Bezahlung u.a. im Handwerk aufrecht zu erhalten.

Andererseits wurden klassische Frauentätigkeiten zur Männersache, sobald sie zur bezahlten Arbeit wurden, Koch z. B.

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