Google News: Die große Leere

Ergebnis ökonomischer und politischer Interessen

Der User verliert sich in seinem ganz persönlichen Wahn, infolge der positiven Rückkopplungen zwischen Algorithmus und dem Surfverhalten, das er befördert. Um ungehindert im Internet zu recherchieren, müsste man eigentlich inzwischen den Inkognito-Modus der Browser benutzen, um gerade nicht von irgendwelchen Algorithmen in eine bestimmte Schublade gepackt zu werden, mittels derer die Perspektive immer weiter eingeengt wird.

Die wichtigste Nachrichtensuche im Netz wird de facto geschleift - und keiner redet darüber. Dies ist keine böse Verschwörungstheorie, bei der eine Gruppe von Weltbösewichten hinter irgendwelchen Kulissen zu finden wäre, die ihre Pläne im Verborgenen verfolgten. Das Ganze hat System.

Zum einen freut sich der Medienbetrieb darüber, dass eine wichtige Konkurrenzinstitution sich selber verstümmeln musste. Googlewatchblog, eine der wenigen Seiten, die kritisch über den Relaunch berichtete mutmaßte bereits, dass das Leistungsschutzrecht diesen "Design-Kompromiss" erzwang.

Der Relaunch von Google News samt der weitgehenden Aushöhlung der Recherchefunktionen ist folglich das Ergebnis der ökonomischen wie politischen Interessen, die ihn prägten: Zum einen scheint sich die alte Medienbranche durchgesetzt zu haben, die sich in einer schweren ökonomischen Krise befindet - und die wieder ihre Deutungshoheit über die öffentliche Meinung zurückgewinnen will. Hier treffen sich das ökonomische mit dem politischen Interesse nach stärkerer Kontrolle der Informationsströme.

Die intendierte "Einhegung" der Nachrichtenrecherche kann auch als eine Reaktion auf das Aufkommen des rechtsextremen Hassschwarms im Netz gedeutet werden. Die User im Netz sollen vor der Nachrichtenflut "geschützt" werden, damit sie nicht zu Internetnazis mutierten. Dies scheint die Logik des politischen Kalküls hinter dem Relaunch zu sein.

Dabei sind es nicht die konkreten Informationen, die den rechten Extremismus der Mitte im Netz aufkommen ließen, sondern gerade deren jahrzehntelange Verfälschung, Verdrehung und Manipulation im Medienmainstream, mit der immer wieder bestimmte politische Ziele forciert wurden. Die Ressentiments, die der Medienzirkus jahrelang instrumentalisierte, sie haben sich in den Sozialen Netzwerken verselbstständigt.

Das Verschwörungsdenken befördern

Die Beschneidung des Zugangs zu Informationen im Rahmen des Relaunch wird folglich dieses aus der "Mitte" der spätkapitalistischen Gesellschaft entspringende paranoide Verschwörungsdenken noch befördern. Der Wahn des Internetmobs nicht dadurch nicht abgebaut, sondern beflügelt werden.

Und selbstverständlich wird Google mit dem Relaunch durchkommen - trotz des Shitstorms im Netz. In der Frühzeit des Internets galt dieses ja noch als unzensierbar: Zensierte Nachrichten oder Informationen tauchten an anderen Orten vervielfältigt aus. Die Zeiten, in denen das Internet resistent war gegenüber Zensur, weil immer neue Informationsquellen entstehen konnten, sobald eine Informationsplattform verstümmelt wurde, sind angesichts der Kapitalkonzentration in der Branche vorbei. Der Aufbau einer ähnlich mächtigen Alternative zu Google News würde Milliarden verschlingen - allein schon der massiven Angriffe wegen, denen sie ausgesetzt wäre.

Doch letztendlich ist es einfach nur bequem, sich im Strom der allgemeinen Tendenz treiben zu lassen. Wozu noch eine umfassende Recherche nach Informationen, wenn alles auf einer handlichen Nachrichten-Karte von Herrn Google präsentiert wird? Verblödung ist bequem, gemütlich. Es ist das Treibenlassen im Nachrichtenstrom entlang des geringsten Widerstands, das vom System nach Kräften befördert wird.

Hinzu kommt die allgemeine Verdrängung des Lesens im Internet, die aus der historischen Tendenz zur Erhöhung der Datenübertragungsrate resultiert. Ursprünglich, in seiner wilden Anfangszeit, war das Internet vor allem ein Lesemedium. Nun wird es vornehmlich als individualisierte Glotze benutzt. Der Begriff wurde längst durch das Symbol, das Logo ersetzt, wie sie die omnipräsenten Benutzeroberflächen der mobilen Geräte prägen.

Das Denken in Begriffen, kausalen Zusammenhängen, Strukturen, Widersprüchen und Prozessen - es wird aufgelöst im bunten, strukturlosen Raster der Kacheln und Logos, die Apple, Google und Microsoft den Nutzern ihrer Betriebssysteme aufnötigen, mit denen dann die nun etablierten "Geschichten-Karten" konsumiert werden. (Tomasz Konicz)

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