Google will den Deutschen das Bezahlen via App schmackhaft machen

EMV-Logo

Schafft der Konzern, was der Telekom, O2 und Vodafone nicht gelang?

Das Bezahlen mit dem Mobiltelefon konnte sich in Deutschland bislang trotz mehrerer Anläufe großer Unternehmen wie der Telekom, O2, Vodafone oder Otto nicht durchsetzen. Nur sieben Prozent der Verbraucher dort nutzen das Verfahren überhaupt. Nun unternimmt der weltweit größte aller Player einen weiteren Versuch, den er heute in Berlin vorgestellt hat.

Mit der App Google Pay, die es in den USA bereits seit drei Jahren gibt, können seit heute auch deutsche Android-Nutzer an Ladenkassen Beträge in Höhe von bis zu 25 Euro bezahlen, ohne eine Karte oder eine Geheimzahl einzugeben. Die Bezahlung funktioniert (anders als herkömmliche Bezahl-Apps wie Glase) sogar dann, wenn das Handy nicht entsperrt ist. Dafür müssen allerdings mehrere andere Voraussetzungen erfüllt sein.

Voraussetzungen

Das Mobiltelefon muss einen (in neueren Modellen regelmäßig verbauten) NFC-Chip haben und die Ladenkasse des Verkäufers den EMV-Kontaktlos-Standard unterstützen. Ob Letzteres der Fall ist, kann der Kunde an einem Logo erkennen, das dem WLAN-Symbol ähnelt (vgl. Google Pay startet heute in Deutschland). Bislang sind bei weitem noch nicht alle Terminals damit ausgerüstet. Google Pay könnte jedoch manchen Verkäufer dazu bewegen, diese Investition jetzt zu wagen.

Eine weitere Voraussetzung ist, dass die App vorher mit einer Kreditkartennummer gefüttert wurde. Die in Deutschland deutlich verbreiteteren EC-Karten reichen für eine Aktivierung nicht aus. Ein weiterer Haken ist, dass Google Pay aktuell bei weitem nicht jede Kreditkarte akzeptiert, sondern nur Mastercards von Boon, der Commerzbank oder der Direktbank N26 sowie Visa-Karten von Comdirect und der Commerzbank. Dafür soll die App die Funktion "diverser" Rabattkarten mit übernehmen können.

Nutzer von Apple-Geräten können das Bezahlverfahren nicht nutzen: Ihre Marke will einen eigenen Bezahldienst durchsetzen: Apple Pay.

Drei Faktoren, die bei der Akzeptanz eine Rolle spielen

Ob sich Google mit seinem Pay-Angebot durchsetzen wird, ist noch offen. Obwohl viele Unternehmungen des Konzerns ausgesprochen erfolgreich waren und sind, gibt es auch immer wieder welche, die eher vor sich hindümpeln. Google+ zum Beispiel konnte sich gegenüber anderen Sozialen Medien nicht behaupten. Eine Rolle, ob Verbraucher das Angebot großflächig annehmen, könnten Überlegungen spielen, in welche Hände die Bezahldaten gelangen. Allerdings hat der Datenschutz in Deutschland durch die DSGVO (die das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat) gerade einen so schweren Imageschaden erlitten, dass viele Verbraucher abwinken, wen sie Warnungen dazu hören.

Darüber hinaus erhält Google keine Auskunft darüber, was ein Verbraucher erwirbt, sondern nur für wie viel Geld er wo einkauft. Wo er einkauft, weiß Google durch die Standortdaten häufig schon jetzt. Viele Verbraucher nutzen außerdem die Gelegenheit, nach schlechtem Service und langen Wartezeiten bei Google Dampf abzulassen und Läden auf Fragen des Betriebssystems hin entsprechend zu bewerten.

Eine andere - und möglicherweise wichtigere - Rolle bei der Akzeptanz von Google Pay spielt die Angst vor möglicher "Abzocke". Dass Deutschland heute weniger digitalbegeistert ist als viele andere Länder, liegt auch daran, dass der Gesetzgeber in den 1990er Jahren Malware- und Mehrwertdienstnummer-Abzockern die Türen so weit öffnete, dass zahlreiche Familien unmittelbar negative Erfahrungen damit machten. Viele Verbraucher werden deshalb erst einmal abwarten, ob in den nächsten Monaten oder Jahren entsprechende Fälle mit Google Pay bekannt werden.

Ein dritter wichtiger Punkt bei der Akzeptanz oder Nichtakzeptanz einer neuen technischen Dienstleistung ist der praktische Mehrwert, den sie hat. Bislang hält sich dieser Mehrwert gegenüber dem Zahlen mit Bargeld oder EC-Karte in Grenzen. Er könnte allerdings deutlich steigen, wenn man dem Kunden Vorzüge anbietet, wie sie beispielsweise Starbucks in den USA offeriert: Dass er von Büro oder von Zuhause aus bequem online einkaufen und das Bestellte zu einem vereinbarten Zeitpunkt ohne Wartezeit abholen kann.

Push-Faktoren

Neben solchen Pull-Faktoren, mit denen Unternehmen wie Google Verbraucher zum elektronischen Zahlen locken, gibt es auch Push-Faktoren, die sie vom Zahlen mit Bargeld abbringen sollen: So hat beispielsweise die Direktbank ING-Diba angekündigt, ab dem 1. Juli für Automatenabhebungen unter einem Betrag von 50 Euro monatlich zehn Euro Zusatzgebühr zu verlangen. Nur dann, wenn sich weniger als 50 Euro auf dem Konto befinden, soll weiter die Möglichkeit bestehen, ohne Zusatzkosten einen geringeren Betrag ausbezahlt zu bekommen.

Die ING-Diba rechtfertigt den Schritt, den andere Direktbanken bereits vorher gingen, mit den hohen Kosten, die ihr Geldinstitute in Rechnung stellen, wenn ING-Diba-Kontoinhaber an deren Automaten Geld abheben. Dabei wird kein summenabhängiger, sondern ein Pauschalbetrag pro Abhebevorgang fällig. (Peter Mühlbauer)