Googlegänger & Gangsta

Wie bedeutend sind Namen?

Wie wichtig ist der Name im Internet? Einmal abgesehen von Nicknames, die, wie Partnervermittler uns belehren, wenn sie "Britney-Spears69" heißen, von "mangelndem Einfallsreichtum zeugen", als "ballermann69" oder "der-frauen-besteiger" negative Gefühle erzeugen und als "Sternenhimmel" dagegen angenehme Gefühle.

Während Forenteilnehmer wissen, dass ihr Nick erst über ihre Postings Persönlichkeit und Glanz erwirbt, verteilt bei den Partnervermittlern schon das Pseudonym allein "starke Hinweise auf Charakter und Persönlichkeit". Das Interesse am Namen ist in der Webwelt allerdings nicht auf vielsagende Pseudonyme beschränkt, auch der Echtname erregt Neugier aus unerwarteten Winkeln: "Googlegänger" bzw. "Google twins" ist einem aktuellen Bericht der New York Times zufolge nicht nur ein Neologismus, der von der American Dialect Society zum kreativsten Wort des letzten Jahres gekrönt wurde, sondern auch Zeichen eines Trends, der mehr in unseren Namen lesen will.

So gibt es laut Artikel zum einen die nicht kleine Menge derjenigen Personen, die im Internet nach anderen Trägern ihres Namens ("Googlegänger") suchen und Beziehungen aufbauen. Zum anderen wird die Neigung zur Bedeutungsaufladung von Namen, die manche von der Zeitung zitierte Gruppierungen pflegen, mit teilweise sehr skurrilen Ergebnissen aus Studien untermauert.

Der Sozialpsychologe Brett Pelham hat mit seinen Kollegen in Studien herausgefunden, dass Amerikaner "mit überproportional hoher Wahrscheinlichkeit" in Städte oder Staaten ziehen, die ihren Namen ähneln: Zum Beispiel würden Personen, die Louis heißen, "besonders wahrscheinlich" in St.Louis leben und Virginias in Virginia, Dennis, Denis und Dena würden " especially likely" den Beruf des Zahnarztes ergreifen. Natürlich funkt diese buchstabentreue Liebe auch in die Partnerschaft hinein: Die Johnsons verheiraten sich angeblich gerne mit den Johnsons.

Und beim Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 2000 sollen Amerikaner, deren Familiennamen mit dem Buchstaben "B" beginnt, eher für George W. Bush gespendet haben, während jene, deren Nachname mit "G" anfängt, Al Gore finanzierten – der westliche Beweis dafür, dass blinde Buchstabentreue sich gerne mit dem Desaster vermählt?

Die Erklärung von Brett Pelham: Seiner Auffassung nach gibt es so etwas wie "impliziten Egoismus". Genauer versteht er darunter "die Neigung Personen, Orte und Objekte zu bevorzugen, die einen an sich selbst erinnern".

Suchen diejenigen, die „Googlegänger“ googlen also nur das Eigene im Fremden? Möglich, da auch die "prosaischeren Gründe, weshalb sich Personen mit ihren Googlegängern verbunden fühlen", laut New York Times mit der Tatsache zu erklären sind, dass der gleiche Name auf ähnliche ethnische oder vielleicht gar familiäre Herkunft verweisen könnte. Oder wollen sie sich nur versichern, dass die Namensdomain noch frei ist, dass niemand anders damit PR macht, dass amn der bessere Johnson ist?

Möglich, dass auch im Netz, was die Bedeutung des Namens angeht, nur Varianten der alten Kontroverse neu durchgespielt werden. Für die einen würde "die Rose unter jedem anderen Namen eben so lieblich riechen", für die anderen ist "die Rose eine Rose, die eine Rose ist".

Was steckt also hinter einem Namen? Diese Frage stellte sich zu Wochenanfang auch die Las Vegas Sun und versuchte sie mit Beispielen aus dem echten Straßenleben zu beantworten. Dabei lieferte sie dem Leser vor allem Nicknames von Gangstern aus der Datenbank des Metro Police's Gang Crimes Bureau. Ob nun Mark Crip Crazy, Matsumo Brett oder die Top-Five der beliebtesten Namen von Hispanic Gangs: "Flaco, Joker, Pee Wee, Puppet und Wicked" – sie klingen alle besser und frischer als die dazugehörige theoretische Untermalung der Soziologen. Denen zufolge kommt den Straßennicknames "große Bedeutung" zu, weil sie den Trägern zu größeren Auftritten verhelfen und eine Art Familiensinn in der Gang beleben. Für Professor Malcolm Klein, bekannter Spezialist für "Streetgang-Culture" darf man den "Nick" auf keinen Fall intellektualisieren: Nur Gott wisse, woher die Namen kämen. (Thomas Pany)

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