Gras statt Drogen

Warum Lucky Luke unentwegt an einem Grashalm kaut und was Homer Simpson mit Meskalin am Hut hat: zwei Publikationen zum Drogenkonsum im Comicuniversum

Spätestens seit Asterix’ Zaubertrank lässt sich das Drogenproblem so mancher Comicfigur nicht mehr so einfach unter den Teppich kehren. Dabei hätte man eigentlich schon bei Popeyes spinatgrüner Kraftnahrung ahnen müssen, dass der gewohnheitsmäßige Drogenkonsum vor der Comic- und Cartoonwelt keineswegs Halt macht. Doch es sind bei weitem nicht nur kauzige Seebären und aufsässige Gallier, die ihren Hang zu psychoaktiven Substanzen regelmäßig unter Beweis stellen; auch Die Simpsons oder Lucky Luke lohnen, wie zwei Publikationen zeigen, eine eingehende Betrachtung.

Da ist zum einen Falko Hennig (siehe auch hier), der sich in seiner Broschüre „Springfield auf Trip“, erschienen in der „Edition Rauschkunde“, ganz dem Thema „Rausch, Wahn und Halluzinationen bei den Simpsons“ verschrieben hat. Der Berliner Autor, laut eigenen Angaben Schriftsteller, Bühnenkünstler, Literaturorganisator und Gründer der Charles-Bukowski-Gesellschaft, unternimmt darin einen kenntnisreichen Streifzug durch die Zeichentrickserie und schließt mit einem Katalog der diversen Wahnwahrnehmungen, von denen die gelbe Cartoonfamilie mit besorgniserregender Häufigkeit heimgesucht wird.

Bilder: Simpsons - Staffel 8, Episode 9 (Großzitat nach § 51 UrhG)

Einmal verzehrt Homer etwa eine guatemaltekische Chili-Schote und gerät daraufhin in einen psychedelischen Strudel, in dem ihm ein sprechender Kojote begegnet – für Hennig ein Beweis für eine kräftige Dosis Meskalin.

Bilder: Simpsons - Staffel 8, Episode 9 (Großzitat nach § 51 UrhG)

Diese ganzen Filmemacher, diese ganzen Typen, die da sitzen und die Simpsons machen, sind alle in den 70er Jahren an den Unis gewesen in Amerika und haben sich LSD und Meskalin bis unter die Schädeldecke reingepumpt. Es ist wirklich wahr. Ich erinnere mich noch an eine Statistik-Professorin, die mir von LSD erzählte, dann ungläubig in die Luft kuckte und sagte: ‘Mann, haben wir damals VIEL genommen’

zitiert der Autor dazu den Jugendpsychiater Jakob Hein, der auch das humorige Vorwort beigesteuert hat. Dass es den Simpsons-Autoren Rausch, Drogen und Visionen besonders angetan haben, ist freilich auch anderswo nicht gänzlich unbemerkt geblieben, und man wird auf der Suche nach entsprechendem Anschauungsmaterial auch im Internet dementsprechend schnell fündig (hier zum Beispiel ein mehrteiliger Zusammenschnitt einschlägiger Szenen aus verschiedenen Simpsons-Folgen). Allerdings weist Hennig auch daraufhin, dass es sich bei den von ihm erfassten und kategorisierten Wahnzuständen nicht ausschließlich um drogenindizierte Halluzinationen handle. Auch ohne chemische Substanzen seien Homer und Bart verstärkt von wahnhaften Anfällen betroffen: „ein Indiz für die Neigung zu Psychosen und Schizophrenien in Familien“.

Sitzt Hennig bei allem Forschergeist doch auch der Schalk im Nacken, macht sich Gesa Thomas’ am Hamburger Institut für kriminologische Sozialforschung entstandene Studie zu Lucky Luke mit akademischem Ernst ans Werk. Mit wahrhaft kriminalistischer Sorgfalt protokolliert sie vom Fliegenpilz über Koffein bis zur Friedenspfeife jede noch so versteckte Anspielung auf psychotrope Mittel und führt penibel Buch über jede einzelne Zigarette, die sich der Lonesome Cowboy im Laufe seines 60jährigen Heldendaseins angesteckt hat.

Und die Bilanz hat es in sich: Kein einziges Album kommt demnach ohne Alkohol (vorwiegend Whiskey) und Tabak aus, in 46 von 75 Bänden wird Koffein konsumiert und in 13 Ausgaben ist sogar „definitiv ein Kokainvorkommen zu verzeichnen“ (was damit erklärt wird, dass das historische Cola, ebenso wie ein Großteil der damaligen Wunderelixiere, mit Kokain versetzt war). Die Drogenbilanz führt aber unumstritten der Tabakkonsum an. In den frühen Alben begegnet uns Lucky Luke zwar noch als zaghafter Gelegenheitsraucher, im allerersten Band reagiert er auf Tabakprodukte sogar noch mit Abscheu („Ein Zigarrenstummel! Er qualmt noch … Puuu! Widerlich!“). Doch spätestens 1952 – drei Jahre, bevor mit dem Marlboro-Mann ein weiterer rauchender Cowboy Furore machte – ist er der Sucht dann völlig verfallen und verkommt zum wahren Kettenraucher, der sich „häufig schon die nächste Zigarette dreht, während er noch eine im Mund hat“.

Bei Gesa Thomas liest sich das so:

Er raucht neunmal vor Gericht, achtmal bei einem Faustkampf, sechsmal beim Duell, viermal bei Kunstvorführungen mit seinem Pferd, dreimal beim Sport, beim Exerzieren, beim Tierarzt, im Theater, bei einem an ihm durchgeführten Initiationsritus bei Indianern und in der Kirche. Sogar wenn er gefesselt ist (16 mal), über Stunden und Nächte, lässt er die Zigarette nicht aus dem Mund fallen und zündet sie sofort nach der Befreiung wieder an. Trotz Explosionsgefahr in der Erdölstadt Titustown, in der er als Sheriff tätig ist, raucht er dort ca. 33 Zigaretten und wird aber zweimal wartend gezeigt mit insgesamt 17 Zigarettenstummeln vor seinen Füßen.

Erst 1982 sollte sich das ändern, als sich Lucky Lukes Schöpfer Maurice de Bévère alias Morris – unter dem Druck des US-Trickfilmstudios Hanna-Barbera (das gerade eine Kino- und Fernsehserien-Version des Comics vorbereitete) und der auch in Europa erstarkten Anti-Raucher-Bewegung – dazu durchrang, seinem Helden von heute auf morgen das Rauchen abzugewöhnen: Von nun an musste der Westernheld, statt an der Zigarette zu nuckeln, mit einem Grashalm Vorlieb nehmen.

In diesem unfreiwilligen Nikotinentzug erblickt die Hamburger Kriminologin nun ein besonders aufschlussreiches Beispiel für die Wirksamkeit informeller Zensurmechanismen – und nicht zuletzt für die Wandelbarkeit gesellschaftlicher Skandalisierungs- und Kriminalisierungsprozesse. Nicht mehr Comics als Medium standen nun im Visier der Schmutz- und Schundkampagnen, die Autoren und Verlagshäuser in den 50er Jahren erfolgreich in die Enge und zu rigider Selbstzensur getrieben hatten, sondern inhaltliche Elemente einer einzelnen Serie. Am Umgang mit dem über viele Jahre unbeanstandeten Tabakkonsum Lucky Lukes wird durchexerziert, wie mediale Tabus gesetzt – und verschoben – werden.

Dass der Kreuzzug gegen legale wie illegale Drogen nicht zwangsläufig auch mit geschärfter Sensibilität für andere Bereiche einherging, illustriert u. a. ein Detail, das Lucky Lukes Entzug begleitete, ohne dass irgend jemand daran Anstoß genommen hätte: Auf dem Umschlagrücken, der den Cowboy im siegreichen Duell mit seinem eigenen Schatten zeigt, sorgte Morris nämlich neben dem Grashalm gelegentlich noch für einen weiteren Ersatz, indem er seinem rauchfreien Helden jetzt noch einen zweiten Revolver in die Hand drückte. Und es sollte nicht nur bei dieser Schusswaffenvermehrung bleiben, auch Schussverlauf und Einschussstelle wurden bei dieser Gelegenheit einer Korrektur unterzogen: Die Kugeln treffen Lukes Schatten nun nicht mehr in die Magengegend, sondern mit kühler Präzision mitten ins Herz.

Band 40 & 74

Die Weltgesundheitsorganisation WHO ließ es sich dennoch nicht nehmen, dem belgischen Zeichner für den Zigarettenverzicht seiner Hauptfigur am 7. April 1988 eine Medaille zu überreichen. Dabei dürfte den Preisstiftern allerdings entgangen sein, dass es – zumindest die deutschen – Verleger mit der verordneten Nikotinabstinenz nicht immer so genau nahmen. Auf dem Umschlag und im Inhaltsverzeichnis durfte Lucky Luke nämlich auch nach 1982 noch hie und da unbekümmert seinem alten Laster frönen. Bis 2002, dann war schließlich auch damit Schluss.

Falko Hennig: Springfield auf Trip. Rausch, Wahn und Halluzinationen bei den ‚Simpsons‘ (=Edition Rauschkunde 72), Löhrbach 2004 (Bestellung: www.gruenekraft.com).

Gesa Thomas: Helden rauchen nicht!? Darstellung, Rezeptionsannahmen und Zensur von Drogen im Comic am Beispiel der Comicserie Lucky Luke (=Studien zur qualitativen Drogenforschung und akzeptierenden Drogenarbeit 43), Berlin 2006.

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