Grauzone Antisemitismus

Mit einer Konferenz wollten Wissenschaftler in Aachen diskutieren, wie und ob sich der Antisemitismus modernisiert hat

Der Antisemit von heute wird nicht sagen, er sei (k)ein Antisemit - er wird sagen, er kritisiere nur Israel oder die israelische Regierung, um die Juden davor zu schützen, unter dem Antisemitismus anderer leiden zu müssen. Weit hergeholt? Bei einer Seminarreihe an der RWTH Aachen ging es am 13. und 14 Januar um die Klärung der Frage, ob es neben dem hinlänglich bekannten, historisch-klassischen Judenhass auch - besonders seit dem Ende der Nazizeit - eine Art von modernem Antisemitismus gibt. Resultat: Antisemitismus ist heute in Deutschland um einige Facetten reicher geworden und selbst Menschen, die weit von sich weisen, Juden zu hassen, verwenden antisemitische Stereotype.

"Man wird doch wohl noch…" lautete der Titel des wissenschaftlichen Workshops. Eingeladen dazu hatten das Institut für Politische Wissenschaft sowie das Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH. An der Kombination von Politik und Literatur wird deutlich, dass die bei dem Seminar analysierten "zentrale[n] Diskursereignisse" aus den letzten Jahrzehnten "bevorzugt aus der kulturellen Sphäre" stammten.

Insgesamt thematisierten rund zehn Wissenschaftler Themen wie den Historiker-Streit, die Fassbinder-Kontroverse oder den Antisemitismus-Bericht des Expertenkreises an den Deutschen Bundestag.

Was an- und umgedeutet werden muss

Politik und Kultur: Mona Körte, Dozentin am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald, fand, Günter Grass’ Gedicht "Was gesagt werden muss" sei ein "Grenzfall" im Bereich des Antisemitismus. Grass selbst habe sich mit der besonders breiten Streuung des Gedichtes durch die zeitgleiche Publikation in der "Süddeutschen Zeitung", in "El País" (Spanien) und in "La Répubblicca" (Italien) sowie der Art der Lesung für den NDR und der späteren Publikation im Buch "Eintagsfliegen" als "Dichter und Seher" auch über Sprachgrenzen hinweg präsentiert.

Körte bewertete das Gedicht voller "scharfer und schiefer Thesen" nicht nur danach, dass Grass vorgebe, ein ominöses "Schweigen" zu brechen und nun, lange nach dem Holocaust, Israel endlich zu kritisieren. Grass suggeriere dabei auch durch seine Wortwahl unterschwellig die große Gefahr für den Weltfrieden durch den jüdischen Staat. Für Körte deute etwa die Umschreibung, der Poet schreibe "mit letzter Tinte" nicht nur an, dass der Dichter alias Grass schon sehr alt sei, sondern auch, dass es "5 vor 12" ist, immerhin ergänze er: "Weil gesagt werden muss, was schon morgen zu spät sein könnte."

Während Grass in seiner Rolle als Dichter, Denker und Ich-Mahner vorgebe, Wirklichkeit und Wahrheit auszusprechen, würde andererseits die Bundesregierung "mit flinker Lippe" Waffenhandel betreiben, Irans damaliger Diktator Ahmadinedschad verniedliche Grass derweil als einen "Maulhelden", demgegenüber die "Atommacht Israel" bedrohlich wirke und ganz alleine "den ohnehin brüchigen Weltfrieden" gefährde. Überdies, so Körte, verschiebe Grass Worte "in ganz andere Diskurse". Den im Judentum und im Gedenken an die NS-Opfer für die Holocaust-Überlebenden genutzten Begriff der oder des "Überlebenden" führe er in das Gedicht ein, "beansprucht" diesen jedoch für sich.

Damit aber degradiere er die "Opfer des Holocaust" auch angesichts seiner eigenen Biografie während der Nazizeit "zu einer Fußnote". Grass habe so in dem Gedicht Worte "geleert" und sie "anders funktionalisiert". Grass mahne und warne seine Leser und Zuhörer, "das Verdikt Antisemitismus" sei "geläufig". Er aber breche nun das "Schweigen" und appelliere somit auch an das "Kollektiv der Deutschen", jenes selbst auferlegte "Schweigen" auch zu brechen. Allerdings, sagte Körte, glaube sie, dass Grass keine geschichtsrevisionistische "Reinwaschung" geplant habe, jedoch stecke die "poetisch und ideologische Rede" des Dichters "voller unbewusster Anteile" in diese Richtung. Deswegen sei das Gedicht ein "Grenzfall".

Walsers Inszenierung als Opferkeule

Als solchen ordnete Nike Thurn von der Universität Bielefeld nicht unbedingt einen anderen großen Schriftsteller ein: Martin Walser und dessen "Erweiterung des Bereichs des Sagbaren" bis hin zur "Moralkeule" von Auschwitz, die von dem Literaten angedeutete Herrscher oder Mächte schwingen würden, um Deutschland zu reglementieren. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft nutzte bei dem Seminar in Aachen zur Einordnung Walsers Adornos Hinweis auf die "wesentlichen Tricks von Antisemiten", sich selbst "als Verfolgte darzustellen". Demgemäß sei denn auch die Andeutung gefährlicher als die offene Aussprache dessen, was wirklich gemeint sei.

Thurn skizzierte an den Walser-Aufsätzen "Über freie und unfreie Rede", "Über Deutschland reden", "Deutsche Sorgen" und dessen "Sonntagsrede", wie Walser über die Jahre immer deutlicher artikulierte, wobei er ebenso wie Grass Andeutungen oder rhetorische Fragen benutzt habe, um das indirekt auszusprechen, was ihn offenbar bewege. Walser verstehe sich dabei als Kämpfer gegen die political correctness (PC) und Streiter für die freie Meinungsäußerung.

Dabei inszeniere Walser sich, so Thurn, unter Berücksichtigung der Nazizeit und der eigenen Vergangenheit als Kriegskind und Wehrmacht-Soldat auch selbst als Opfer. Doch wegen "etwas Herrschendem" könne er nicht frei sprechen, deute Walser an. In seiner "Sonntagsrede" anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998 sei jenes Schema dann "konzentriert und krawallisiert" aufgegangen. Walser habe über sich auch in der dritten Person gesprochen, sich des "rhetorischen Tricks" der Fragestellungen und Andeutungen bedient, "argumentierte" so also "um die Ecke" und fabulierte davon, andere wöllten "uns" weh tun oder hinderten "uns" an der freien Rede. Und womit? Mit der "Moralkeule" von Auschwitz eben.

Wiewohl habe Walser, und hier verschwimme wieder die Grenze, vorwiegend gegen Intellektuelle und die "Verhinderer" eines positiven Nationalgefühls der Deutschen gesprochen, interpretierte Thurn. Dass es sich bei diesen "Verhinderern" etwa um "die Juden" handeln könnte, habe er nie ausgesprochen, jedoch bemängelt, die Deutschen seien im "Würgegriff der Schuld" gefangen. Walsers "Sonntagsrede" sei deswegen "hoch schwierig" einzuordnen. Walser vermische die Themen Schuld und Deutschland und bringe sie indirekt in Stellung gegen Juden. Denkfiguren, sagte Thurn, würden aufgerufen, aber nicht ausformuliert - also liegt es demnach bei den Zuhörern oder Walsers Publikum, alles zu Ende zu denken.

Die Medizinerlobby in den USA beschneidet eine Debatte

Wie an den Beispielen deutlich wird gingen die Seminare und Diskussionen des wissenschaftlichen Workshops stark ins Detail. Unter dem Titel "Wieder fremd. Deutsche und Juden in der Beschneidungsdebatte" war ein Vortrag des Leiters des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel, Alfred Bodenheimer - Autor des Buches "Haut ab! Die Juden in der Beschneidungsdebatte" - angekündigt. Bodenheimer hatte allerdings kurzfristig seine Teilnahme absagen müssen, weswegen einer der beiden Seminarleiter, Stephan Braese das Redemanuskript vortrug.

Statt sich hierbei der allgemeinen Diskussion oder etwa deren "Ventilfunktion" (Braese) für antisemitische Ausfälle in Internetforen nach dem Kölner Urteil zum Thema Beschneidungen zu widmen, analysierte Bodenheimer in seinem Manuskript zwei Essays des Autors Friedrich Pohlmann. Dieser hatte sich Ende 2012 für den SWR der Beschneidungsdebatte und Ende 2013 dem Antisemitismus besonders unter Muslimen angenommen.

Pohlmann lenke dabei im Text zum Thema Antisemitismus vom deutschen respektive christlichen, abendländischen Antisemitismus ab, weil er einer Parallelität von Antisemitismus und Islamophobie widerspricht, da der Antisemitismus im Islam verwurzelt sei. Demgegenüber habe Pohlmann in seinem Essay zur Beschneidungsdebatte selbst mit antisemitischen Stereotypen gearbeitet.

Bodenheimer erinnerte daran, dass Pohlmann etwa Argumente für das Beschneiden in die Welt des "Aberglaubens" verbannt, hingegen werde "die Mär vom medizinischen Nutzen der Bescheidung" aus rein finanziellen Interessen "von einer Medizinerlobby" in den USA "lautstark propagiert". Überdies entkopple Pohlmann die Beschneidung im Judentum: sie "markiert Zugehörigkeit in einem ganz frühen Alter und macht ihren späteren Widerruf für die Beschnittenen, also den Gruppenaustritt im Erwachsenenstadium, zu einer kaum übersteigbaren Hürde".

Die Beschneidung werde laut Pohlmann als eine "Markierung auf die nächste Generation [...] übertragen". Als "Erfindung zur Sicherung des Gruppenerhalts" sei sie also "eines der zentralen Mittel, um gerade das Judentum als eine separierte Gemeinschaft mit eigener Identität über die Jahrtausende zu erhalten", zitierte Bodenheimer Pohlmann. Fast gewann man so den Eindruck, als habe Pohlmann seinerzeit vergessen, dass nicht nur Juden beschnitten werden und das Kölner Urteil gesprochen wurde zum Wohle eines Kindes muslimischer Eltern. Alles sei also, so Bodenheimer weiter, ein Spiel mit antisemitischen Stereotypen, obschon sich Pohlmann selbst immer wieder davon distanziere, antisemitisch zu denken.

Sekundärtugend Antisemitismus

Anlässlich der Debatte über Walsers Texte warnte Michael Kohlstruck vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin davor, unterdessen werde der Begriff "sekundärer Antisemitismus" ausgeweitet. Die alte Bedeutung, wonach Juden aus dem Holocaust Profit ziehen würden, werde nun darum erweitert, dass Menschen, die sich etwa gegen die PC äußerten ebenso als sekundär antisemitisch eingestuft würden. Auf diese Weise werde nun auch gegen Linke und Liberale argumentiert. Wegen jener "Verschiebung der Koordinaten" müsse die Wissenschaft also sehr genau analysieren, gerade die "Gemengelage" in Walsers Texten zeige dies beispielhaft auf, so Kohlstruck.

Wobei Nike Thurn daran erinnerte, dass gerade Walsers "Sonntagsrede" ein "sekundärer Antisemitismus at it's best" sei. Anders sei es nicht zu bewerten, wenn Walser angesichts der Vernichtungslager und Auschwitz von einer "Moralkeule" und sodann einer "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" spreche. (Michael Klarmann)

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