Greenpeace: an den Scharfschützen vorbei ins Kreuzfeuer der Kritik

Kurz vor der Notlandung. Foto: Akcja Protestacyjna / Greenpeace / CC-BY 4.0

Trotz Reue bezieht die Organisation von Freund und Feind verbale Prügel, nachdem ein Aktivist mit einem Gleitschirm versehentlich zwei Menschen verletzt hat

Ein Gleitschirmflieger der Umweltorganisation Greenpeace, der am Dienstag bei einer Notlandung in der Münchner Allianz-Arena zwei Menschen verletzt hat, ist nach Aussage des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann (CSU) selbst nur knapp einem Scharfschützeneinsatz der Polizei entgangen. "Es hätte ganz anders ausgehen können, auch für den Piloten", betonte Herrmann in München. "Wenn die Polizei zur Einschätzung gelangt wäre, dass es sich um einen Terroranschlag handelt, hätte er das mit dem Leben bezahlen müssen. Die eingesetzten Scharfschützen hatten ihn bereits im Visier." Nur wegen des Schriftzugs auf dem Gleitschirm hätten sich die Einsatzkräfte gegen den Abschuss entschieden. Greenpeace will allerdings kurz vorher die Polizei über die geplante Aktion informiert haben.

Während Unionspolitiker die Umweltorganisation nun härter anfassen wollen, hat sich Greenpeace für die Panne öffentlich entschuldigt und sucht Kontakt zu den Verletzten, die inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen wurden.

Der Motorschirmflug sei Teil einer Protestaktion mit dem Ziel gewesen, den EM-Sponsor Volkswagen zur schnelleren Abkehr von klimaschädlichen Verbrennungsmotoren gewesen, erklärte Greenpeace am Mittwoch. Der Aktivist war demnach mit einem Elektromotor mit Lithium-Ionen-Akku geflogen und wollte während der EM-Partie zwischen Deutschland und Frankreich einen Ballon mit einer entsprechenden Botschaft an den VW-Konzern ins Stadion schweben lassen. Der Motor sei in technisch einwandfreiem Zustand, neu und geprüft gewesen, versicherte Greenpeace. Aus noch nicht geklärten Gründen sei aber die Handgassteuerung zeitweise ausgefallen. So habe der Pilot an Höhe verloren und dabei ein Stahlseil gestreift. Deshalb habe er notlanden müssen und dabei zwei Männer verletzt.

Greenpeace will "dafür gerade stehen"

"Wir bitten um Entschuldigung bei den beiden Personen, die gestern bei der Aktion in der Allianz-Arena verletzt wurden, und hoffen, dass es ihnen schon wieder besser geht", sagte Greenpeace-Verkehrsexperte Benjamin Stephan einer Videobotschaft und betonte, Greenpeace stehe für friedlichen und gewaltfreien Protest. Dabei stehe die Sicherheit Dritter und natürlich auch der eigenen Aktiven "immer im Mittelpunkt". In diesem Fall habe der Pilot mit dem nötigen Sicherheitsabstand über das Stadion hinwegfliegen wollen, um den Ballon abzusetzen. Greenpeace arbeite den Vorfall auf und dabei "mit allen zusammen", so Stephan. Seine Organisation stehe "natürlich dafür auch gerade".

Die Aktion wird auch in Kreisen kritisiert, die das Grundanliegen von Greenpeace teilen oder zumindest verstehen. Zeit-Redakteur Sasan Abdi-Herrle empfahl der Organisation aber, von der jungen Klimabewegung zu lernen: Die "missglückte Aktion eines Dinosauriers" habe "der eigenen Sache geschadet" und sei "eine Vorlage für alle beharrenden Kräfte", also die Klimaschutzverweigerer. "Seht her, so durchgeknallt ist die Klimabewegung", sei die dominierende Lesart des Abends gewesen.

Tatsächlich hatten Unionspolitiker, die sich von jeher gegen effektiven Klimaschutz stemmen, sofort versucht, den Vorfall zu instrumentalisieren. So will etwa der CDU-Politiker Friedrich Merz die Organisation genauer unter die Lupe nehmen und Gemeinnützigkeit von Greenpeace überprüfen lassen, wie er bereits am Dienstag twitterte. CSU-Generalsekretär Markus Blume unterstellte der Organisation, "mutwillig Menschenleben gefährdet" zu haben - und forderte den Entzug der Gemeinnützigkeit. Greenpeace würde dadurch Steuervorteile gegenüber nicht gemeinnützigen Organisationen verlieren.

Abdi-Herrle setzt allerdings große Hoffnungen in die Jugend, die Masse und einen gewissen Restverstand in den oberen Etagen der Gesellschaft: "Die Klimakrise ist mittlerweile als globale Herausforderung anerkannt. Die Jugend hat übernommen mit angepassten Strategien. Bewegungen wie Fridays for Future setzen auf breit angelegten Protest, auf Schulstreiks, Klagen vor Gericht, Allianzen mit den Mächtigen, Talkshow-Auftritte. Das ist vielleicht nicht so spektakulär wie eine Motorfliegeraktion, doch langfristig viel effizienter." (Claudia Wangerin)