"Greenwashing ist ein Ablasshandel für die Reichen"

"Die Sichtweise der Mächtigen wird freiwillig angenommen"

Was hat das Konzept der kulturellen Hegemonie damit zu tun?
Kathrin Hartmann: Unser Lebensstil mit viel Konsum, hoher Mobilität, Besitz, also die imperiale Lebensweise, wie die Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen sie nennen, ist mittlerweile hegemonial geworden. Sie erscheint legitim, weil es alle tun, wir es gar nicht anders kennen, sie uns als erstrebenswert gilt und politisch abgesichert ist.
Man wird also nicht von den Mächtigen dazu verdonnert, ihre Sichtweise zu teilen, sondern sie wird freiwillig angenommen. Und genau die Schicht, die davon profitiert und mit ihrem aufwendigen Lebensstil die Zustände vorantreibt, die über ein hohes Einkommen und eine hohe Bildung verfügt, glaubt gleichzeitig daran, dass sie das höchste Umweltbewusstsein besitzt.
Diese Schicht ist also für Greenwashing besonders empfänglich?
Kathrin Hartmann: Ja. Denn Greenwashing bestärkt die imperiale Lebensweise, weil es besagt, dass alles bleiben kann, wie es ist, ja, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht das Problem sei, sondern die Lösung. Es müsste also nur an ein paar Stellschrauben gedreht werden. In dieser Logik sind dann auch die Zerstörer unsere Retter. Das macht die Gehirnwäsche des Greenwashing so wahnsinnig erfolgreich. Und deshalb ist gerade diese Zielgruppe so empfänglich für grüne Lügen.
Zum Beispiel dann, wenn George Clooney in einem Nespresso-Werbespot irgendwelchen Klein-Bauern in Costa Rica auf die Schulter klopft und meint, dass das Unternehmen ganz besonders viel für die Gerechtigkeit und die Umwelt tue. Gut, George Clooeny ist Schauspieler. Aber ich kann mir vorstellen, dass er selbst daran glaubt, er steht ja auf der Gewinnerseite des Systems.
Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich dann in Publikumsdiskussionen höre, dass ein verschwenderischer Lebensstil mit Bildung zu tun hätte - dass man Kindern und Jugendlichen in der Schule nachhaltige Lebensstile beibringen sollte. Aber wenn ich mit Kindern und Jugendlichen spreche, habe ich den Eindruck, dass sie diese Probleme besser verstehen als die Elterngeneration. Wenn ich denen Bilder von abgeholzten Regenwäldern zeige, sagen die: "Das ist doch ein Verbrechen, warum wird das nicht bestraft?" Aber die sind auch noch nicht alltagszynisch geworden, obwohl ihnen der Zynismus in dieser Gesellschaft tagtäglich vorgelebt wird.
Ist also "ethischer Konsum" mit Bourdieu gesprochen "kulturelles Kapital", also ein Mittel, um sich im Konkurrenzkampf und von der Unterschicht abzuheben?
Kathrin Hartmann: Auf jeden Fall. Greenwashing spielt die Menschen gegeneinander aus. Das hat zum Teil den banalen Grund, dass diese Öko-Produkte einfach teurer sind. Ich bin übrigens der Meinung dass man den biologischen Markt und die biologische Landwirtschaft voneinander trennen muss, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.
Wenn man in einen Bio-Supermarkt geht, sieht man dort auch ein riesiges Sortiment an Blödsinn, den kein Mensch braucht, der aber sehr teuer ist und den sich nur eine gewisse Schicht leisten kann - die dann gerne mit dem Finger auf die sogenannte Unterschicht zeigt und meint, dass auch die Armen ihr Geld für Bio-Produkte anstatt für Alkohol und Zigaretten ausgeben sollten.
Das ist extrem gesellschaftszersetzend und ich erlebe immer wieder solche Diskussionen, in denen die Armen als "Schuldige" ausgemacht werden, denn man selbst kauft ja "gut" ein. Da kommt dann auch der Vorwurf mangelnder Bildung ins Spiel, wobei die Frechheit darin besteht, dass Armut mit fehlender Bildung gleichgesetzt wird. - Was damit zusammenhängt, dass die Mittelschicht wegen ihrer Bildung immer noch auf der besseren Seite zu sitzen glaubt, auch wenn sie finanziell eher nach unten neigt.
Greenwashing macht, dass sich Leute besser als andere fühlen, und das macht die Debatte so boshaft und auch so anstrengend. Denn es ist eine extrem dämliche und zynische Sichtweise: Ein Investment-Banker, der im Bioladen einkauft, richtet, auch wenn er mit dem Fahrrad statt dem SUV zu seinem Bioladen fährt, die Welt viel mehr zugrunde, als die Hartz IV-Empfängerin, die bei KIK einkauft. Der einzige Skandal an letzterem ist, dass Billigproduke wie diese trotz ihrer ganzen Folgen politisch erwünscht sind - weil wenn auch die Armen kaufen können, können Löhne niedrig bleiben und HartzIV beibehalten werden. So gesehen ist Greenwashing auch ein Ablasshandel für die Reichen.
Sie pinkeln ihnen quasi in ihren Swimmingpool…
Kathrin Hartmann: Leider laden sie mich ja nicht ein!
Wie kann man sich gegen Greenwashing wehren?
Kathrin Hartmann: Indem man aufhört, sich als Konsument zu betrachten: Indem man aufhört zu fragen, was man kaufen soll, sondern sich die Frage stellt, warum man dafür verantwortlich gemacht wird und warum diese Dinge, die mit Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen zu tun haben, überhaupt im Supermarkt zu erwerben sind.
Kann man also durch Konsumboykott überhaupt etwas erreichen oder muss, um eine Ressourcenwende zu erreichen, der Kampf gegen solche globalen Ungerechtigkeiten tiefer gehen, also auf die Produktionssphäre zielen?
Kathrin Hartmann: Na klar. Was in dieser ganzen Diskussion völlig fehlt, ist ja die Produktionsebene und die Machtfragen, die damit verbunden sind. Zu fordern, dass Unternehmen in ihren Zulieferfabriken bessere Löhne zahlen und besser auf die Umwelt aufpassen, reicht nicht. Denn was wir und wie wir produzieren, ist immer noch fundamental eine Frage von Macht und Besitz. Bei Palmöl in Indonesien ist es beispielsweise so: Der Scheiß ist nur so billig, weil dort die Ausbeutung so exorbitant ist - Zwangsarbeit inklusive.
Würde sich dort eine gut organisierte Arbeiterbewegung zu wirkungsvollen Streiks entschließen, könnte sich binnen kurzer Zeit wahnsinnig viel verändern. Genau in diesen Ländern werden Gewerkschaften besonders extrem unterdrückt - aber es gibt sie, sie wachsen und sie haben sich Rechte erkämpft. So wie auf der ganzen Welt Menschen gegen ihre Unterdrückung aufstehen. Das wiederum ist die gute Nachricht. (Reinhard Jellen)
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