Gregor Gog, der "König der Vagabunden"

Blick in einen der grossen Schlafsäle für Männer im städtischen Obdachlosen-Asyl (1930). Bild: Deutsches Bundesarchiv (Bild 102-10839). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

In der Weimarer Republik organisierte Gregor Gog die Underdogs der Gesellschaft in der "Bruderschaft der Vagabunden". Sein bewegtes Leben spiegelt den Verlauf der Geschichte auf eindrückliche Weise wider

Stuttgart, Pfingsten 1929. Zig Polizisten durchstöbern die Straßen. Sie sind auf der Suche nach Obdachlosen, die zum "Ersten Internationalen Vagabundenkongress" pilgern. Straßensperren werden errichtet, Personen durchsucht und festgenommen. Ihr Vergehen? Sie sind in den Augen der Obrigkeit brandgefährlich, rufen sie doch zur Niederlegung der Arbeit auf, ja, sogar zum Umsturz der Gesellschaftsordnung. So jedenfalls steht es im Aufruf zum Vagabundenkongress:

Die tugendfreien Spießer sprechen von den Vagabunden als einem arbeitsscheuen Gesindel. Was weiß diese Gesellschaft vom Weg und Ziel der Landstraße? Am Anfang jeden wesentlichen Werkes steht die Erkenntnis von den Dingen. Der Kunde, der Vagabund aber ist es, der auszieht, sie zu bringen! Seine Aufgabe ist in dieser Welt nicht die spießbürgerliche Arbeit. Diese Arbeit wäre Mithilfe zur weiteren Versklavung, wäre Arbeit an der bürgerlichen Hölle! Sklavendienst zum Schutze und zur Erhaltung der Unterdrücker! Der Kunde, revolutionärer als Kämpfer, hat die volle Entscheidung getroffen: Generalstreik das Leben lang! Lebenslänglich Generalstreik! Nur durch einen solchen Generalstreik ist es möglich, die kapitalistische, "christliche", kerkerbauende Gesellschaft ins Wackeln, ins Wanken, zu Fall zu bringen!

Der Verfasser dieser Zeilen ist heutzutage fast in Vergessenheit geraten; in der Weimarer Republik war er landesweit bekannt: Gregor Gog, Matrose, Gärtner und Dichter, aber vor allem der "König der Vagabunden", wie die Presse ihn damals taufte. Schon Ende 1928 war der bevorstehende Kongress in aller Munde: Der Aufruf kursierte auf Handzetteln, die in Wärmehallen, Kneipen und Spelunken, Armenspeisungen und Gefängnissen herumgereicht wurden.

Gregor Gog, um 1933. Bild: Fritz-Hüser-Institut, Dortmund

Vom 21. bis 23. Mai 1929 schließlich trafen sich die rund 600 internationalen Teilnehmer, unter ihnen viele Frauen, im Freidenker-Jugendgarten auf dem Stuttgarter Killesberg. Gog wollte den oft einsam umherirrenden Vagabunden gleichzeitig ein "Gefühl der Geborgenheit" geben und sie zur Rebellion aufmuntern. Erich Mühsam, Knut Hamsun und Sinclair Lewis schickten Grußbotschaften; das Presseecho war gewaltig: Über 500 Zeitungen, unter ihnen die britische "Times" und sogar chinesische Blätter, berichteten über den friedlichen Kongress, meist äußerst gehässig: "Der Gummiknüppel zur Remedur gegen geistige Platzverunreinigung ist ja leider nicht statthaft. Glücklicherweise wurde der Pferch außerhalb der Stadt in einem Freidenkerjugendheim aufgeschlagen." Gog schrieb sichtlich unbeeindruckt zurück: "Hatten die Behörden uns früher beunruhigt, so beunruhigten wir jetzt die Behörden."

Gregor Gog kam am 1. November 1891 in Schwerin als Sohn einer Magd und eines Zimmermanns auf die Welt. Nach der Schule weigerte er sich, die Laufbahn eines Pfarrers oder Beamten einzuschlagen, die Mutter reagierte harsch: "Es wäre besser gewesen, ich hätte dich in der Badewanne ertränkt." Gog heuerte 1910 als Segelschiffmatrose an - weil er für die zivile Schifffahrt zu alt ist, geht er zur Kriegsmarine. "Ich war aber kein Soldat, wollte nie einer werden. Was ich mochte, war das Meer, die Länder, die Menschen", erklärte er später. Das Segeln an den europäischen Küsten vermochte nicht, sein Fernweh zu stillen. Gog schlich sich heimlich in die Schreibstube und setzte seinen Namen auf die Liste des Auslandsgeschwaders. Als der Betrug entlarvt wurde, war Gog bereits auf einem Schiff Richtung China unterwegs.

Im Ersten Weltkrieg musste er auf dem Kriegsschiff SMS Fuchs dienen. Gog schleuderte seinem Vorgesetzten einen Stiefel ins Gesicht und verteilte antimilitaristisches Propagandamaterial. Wegen Anstiftung zur Meuterei kam er zweimal vor das Militärgericht und wurde in "Irrenanstalten" eingewiesen. Während der Haft, in einem ausgedienten feuchten Salzstock, zog er sich ein chronisches Nierenleiden zu und wurde 1917 als "dauernd kriegsunbrauchbar" entlassen. Anschließend arbeitete er in Pforzheim, München und Stuttgart als Gärtner. Eine Stelle beim Botanischen Garten in München kündigte er, weil "der Betrieb mir zu geschäftsmäßig ohne berufliche Liebe geführt" werde.

1918 beteiligte er sich am Matrosenaufstand und ließ sich dann im schwäbischen Urach nieder, wo er erstmals in Kontakt mit Anarchisten und ihren Ideen kam. In Lesezirkeln organisierten sich Matrosen, Vagabunden und andere Interessierte und lasen die Schriften von Leo Tolstoi, Pjotr Kropotkin, Michail Bakunin und Gustav Landauer. Entgegen aller heutigen und damaligen Vorurteile lasen die sogenannten "bildungsfernen" Menschen also durchaus politische Literatur.

Im gleichen Zeitraum heiratete er Erna Klein (die später im KZ Auschwitz ermordet wurde), 1919 kam der Sohn Gregor zur Welt. Als die Ehe zerbrach, kümmerte sich Gogs zweite Ehefrau, die Kinderbuchautorin Anni Geiger-Gog, um den Sohn. Das Ehepaar reiste im April 1924 ins brasilianische Rio de Janeiro, um dort eine "Bruderschafts-Familiensiedlung" nach dem Vorbild Tolstois zu gründen. Das Vorhaben scheiterte und die Gogs kehrten nach Stuttgart zurück, wo sie eine Holzhütte errichteten und als Autoren arbeiteten; das meiste Geld verdiente Gogs Frau. 1928 erschien Gogs Buch Vorspiel zu einer Philosophie der Landstraße mit dem Motto: "Lieber ein ganzes Leben zu gottverfluchtem Dasein in der Gosse verurteilt, als einen einzigen Tag lang Bürger sein!"

Ende der 1920er Jahre waren rund 70.000 Obdachlose auf den Straßen Deutschlands unterwegs. Schätzungsweise 20 Prozent von ihnen hatten sich bewusst für dieses Leben entschieden und ihre Arbeit gekündigt, um mit der bürgerlichen Gesellschaft zu brechen. Die Obdachlosen lebten von Almosen und verdingten sich als Tagelöhner, nur selten konnten sie ihrem Schicksal entrinnen: Wer in einer der Wärmehallen Zuflucht fand - allein in Berlin gab es 1927 mehr als 60 dieser Unterkünfte - durfte sich dort nur für fünf Tage aufhalten. Im Anschluss wurden die Betroffenen oft wegen Obdachlosigkeit verhaftet und eingesperrt, nicht selten in "Irrenanstalten".

In diesem Klima gründete Gregor Gog 1927 die "Bruderschaft der Vagabunden". Das erklärte Ziel der Bruderschaft - deren Schutzpatron Till Eulenspiegel war - lag weniger darin, Unterstützung vom Staat zu bekommen, als vielmehr, mittels Selbsthilfe und guter Organisation den Staat zu unterwandern - oder ihn gleich abzuschaffen. Die Bruderschaft wollte schlichtweg den Kapitalismus und mit ihm alle Staatsgrenzen beseitigen. Politisch stand sie dem Anarchosyndikalismus und der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) nahe.

1936 schrieb Gog rückblickend über einen angeklagten Vagabunden, der sich 1927 vor Gericht verteidigt hatte:

Hohes Gericht, ihr Beruf ist, zu richten und zu strafen. Mein Beruf ist, durchs Land zu stromern und zu betteln. Ohne mich gäbe es Sie nicht. Oder - was wahrscheinlicher ist - umgekehrt? Bin ich, weil Sie sind? Gesellschaftsordnung nennen Sie das. Schöne "Ordnung", solange es uns gibt. Zehntausende meiner Sorte. […] Sie nennen mich einen Lumpen. Natürlich bin ich ein Lumpen, ein ausgewrungner, zerfetzter und auf die Straße geworfener Lumpen! Sie haben recht. Ihre Gesellschaftsordnung fabriziert erstaunlich viel Lumpen, Herr Richter! Hoher Gerichtshof: Sie sagten, es sei uns ein "ausgesprochenes Vergnügen zu betteln". Erstaunlich, muss ich dann schon sagen, dass Ihre Millionäre, die sich sonst doch kein Vergnügen entgehen lassen, an unsern "Vergnügen" nicht teilnehmen?

Gregor Gog

Ebenfalls 1927 gab der vagabundierende Dichter Gustav Brügel die erste Ausgabe derjenigen Zeitschrift heraus, die fortan zum Zentralorgan der Vagabunden wurde: "Der Kunde". Schon die erste Ausgabe wurde beschlagnahmt, weil sie eine homoerotische Erzählung enthielt. Brügel wurde angeklagt, konnte aber nach Jugoslawien fliehen. Seitdem war Gog verantwortlicher Chefredakteur. Der Kunde erschien "in zwangloser Folge" etwa vier Mal jährlich mit einer Auflage von 1.000 Exemplaren. Da die Zeitschrift auch in Arbeitsämtern und Wärmehallen auslag, dürfte die Leserschaft weit größer gewesen sein. Der Preis betrug 30 Pfennige, aber "Kunden, die unterwegs sind, bezahlen nichts".

Der Name der Zeitschrift leitet sich ab von der rotwelschen Bezeichnung "Kunde", mit der man seit dem frühen 19. Jahrhundert wandernde Handwerksleute und Bettler bezeichnete. Gog bezweckte mit der Zeitschrift, "den lauen feigen Kunden ohne Rückgrat zum Denken anzuregen, ihn aus der bürgerlichen Sphäre, in der er noch so tief steckt, herauszureißen, ihn zum Revolutionär, zum Kämpfer zu erziehen, ihm zu helfen, in sich den Bürger zu überwinden".

Obdachlose vor dem Eingang des städtischen Asyls (1930). Bild: Deutsches Bundesarchiv (Bild 102-10836). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Das Blatt enthielt Tipps für das Leben auf der Straße, politische Essays, Holzschnitte und Zeichnungen von Künstlern wie Hans Tombrock sowie Gedichte, zum Beispiel von der Tänzerin und Dichterin Jo Mihaly, die 1946 zu den Gründungsmitgliedern des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) gehörte. Thema waren auch Roma und Sinti (damals als "Zigeuner" bezeichnet), mit denen die Vagabunden oft gemeinsam auf Wanderschaft gingen und mit denen sie sich bedingungslos solidarisierten. Hermann Hesse publizierte in der Zeitschrift ebenso wie Helmut Klose, Artur Streiter, Oskar Maria Graf oder Erich Mühsam.

Gemäß der Parole von 1929, "Generalstreik das Leben lang", sollte das gesellschaftspolitische System lahmgelegt werden, indem man der Muße frönt, keine Lohnarbeit verrichtet und den Kirchen fernbleibt. Mit spitzer Feder schrieb Gog über die Kirchen: "Ob der liebe Gott den Betenden auch nur Kupfermünzen in den Hut wirft?" Hans Tombrock, der später Illustrationen für die Bücher seines Freundes Bertolt Brecht anfertigte, beschrieb das harte Leben auf der Straße:

[Wir] trafen uns in den Obdachlosenasylen, gedemütigt, geduldet, entrechtet, aller Menschenwürde beraubt - standen in Wohlfahrtsämtern, bittend und von bürokratisch verseuchten Nutznießern dieser Institute fortgejagt, schlimmer als winselnde Hunde, lagen unter Brückenbögen, in Straßengräben und knackten die Läuse, die man uns aus den Herbergen zur Heimat als Abschiedsgruß mit auf den Weg gab.

Hans Tombrock

Und die selbsterklärte Tippelschickse Jo Mihaly dichtete 1929 in ihrem Bettelsong:

Wat is denn das Leben? Asyl und Spital! / Jeboren, jestorben, verjessen. / Und der Hunger, mein Sohn, is manchmal fatal, / und du kriegst nich das mind’ste zu fressen. […] Und vor Schwäche knicken die Beine dir weg … / Eines Tages, da liegste im Dreck!

Jo Mihaly

1930 wurde der Redaktionsbetrieb vorübergehend eingestellt, weil Gog als Berater und Schauspieler beim Film "Der Vagabund" mitwirkte. Der 49-minütige Streifen, der unter der Regie des Österreichers Fritz Weiß entstand, sollte das alltägliche Leben auf der Straße darstellen.

Einen Monat nach der Uraufführung am 6. Juni 1930 im Marmorhaus Berlin ging Gog auf Wanderschaft, genauer: Er reiste in die Sowjetunion - und veränderte seine Sicht der Dinge: 1931 erschien "Der Kunde" wieder unter Beibehaltung der Jahrgangszählung, aber unter neuem Namen: "Der Vagabund". Inhaltlich war die Zeitschrift kaum wiederzuerkennen. Wie konnte es dazu kommen?

Auf seiner Reise besuchte Gog zahlreiche Heime und Werkstätten; ganz besonders interessierte er sich für die Besprisornij, die vagabundierenden Kinderbanden. Auf Stalins Geheiß sollten sie "in den gesellschaftlichen Aufbauprozeß integriert werden", indem man sie in Heime und Arbeitskolonien steckte. Auf dem Vagabundenkongress hatte Gog sämtliche Versuche kommunistischer Parteifunktionäre abgeschmettert, irgendwie Einfluss auf die Bewegung zu nehmen - in der Sowjetunion aber wurde er zum überzeugten Kommunisten.

Gog glaubte nicht mehr daran, dass die Vagabunden die Gesellschaft auf links krempeln können, sondern einzig und allein die organisierte Arbeiterklasse. Gog verfolgte das Ziel, "die Vagabunden in eine Reservearmee des kämpfenden Proletariats zu verwandeln, denn sonst werden sie zur Reservearmee der kämpfenden Bourgeoisie". Aus anarchistischen Positionen wurden kommunistische. Etliche anarchistische Weggefährten kehrten Gog und der Zeitschrift daraufhin den Rücken, insbesondere die Vagabunden hatten nicht viel übrig für die eiserne Parteidisziplin.

Aufrufe zum Arbeitsboykott las man nicht mehr im Blatt; stattdessen rührte Gog die Werbetrommel für die KPD, der er 1930 auch beitrat. 1933 zählte man rund 4,5 Millionen Arbeitslose und 450.000 obdachlose Menschen. Die Weltwirtschaftskrise hatte sie zu einem Leben auf der Straße verdonnert. Viele der jungen und arbeitslosen Notwanderer liefen zur SA der Nationalsozialisten, wo sie Brot und Arbeit bekamen. Gog hatte schon früh vor dieser Entwicklung gewarnt, fand aber, wie viele andere Warner, kaum Gehör. Auch deshalb trat Gog der KPD bei: In der Partei sah er die einzige Kraft, die der NSDAP etwas entgegenzusetzen hätte. Doch die Geschichte nahm einen anderen Verlauf …

Die Arbeitsämter waren damals verpflichtet, der Gestapo jede Person zu melden, die zweimal einen ihr angebotenen Arbeitsplatz ausgeschlagen oder nach kurzer Zeit aufgegeben hatte - mit weitreichenden Folgen: Die Arbeitsunwilligen wurden im NS-Faschismus als "Volksschädlinge", "Asoziale" und "Ballastexistenzen" bezeichnet und auch so behandelt: Zwangssterilisationen, Schläge, Isolationshaft, Psychiatrie, Zwangsmedikamentation, all das gehörte zu den grausamen "Maßnahmen" des Regimes.

Aus dem städtischen Asyl für Obdachlose in Berlin (1930). Bild: Deutsches Bundesarchiv (Bild 102-10841). Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Ein Mahnmal gibt es für diese verfolgte Menschengruppe bis heute nicht, geschweige denn eine öffentliche Diskussion über die Verfolgung der "Arbeitsscheuen" im NS-Faschismus. Vom 13. bis 18. Juni 1938 organisierte die Gestapo die Terroraktion "Arbeitsscheu Reich", bei der sie über 10.000 als "asozial" eingestufte Menschen verhaftete und in Konzentrationslager verschleppte. Unter den Opfern befanden sich Obdachlose, Roma und Sinti, Bettler, Prostituierte - und Arbeitsunwillige. Im KZ wurden sie mit einem braunen, später schwarzen Dreieck als "Asoziale" gekennzeichnet.

"F. ist ein arbeitsscheuer Mensch. Er zieht planlos im Land umher und lebt vom Betteln. Einer geregelten Arbeit ist er bisher noch nie nachgegangen. Die Allgemeinheit muss vor ihm geschützt werden", so begründete zum Beispiel die Kriminalpolizeistelle Kassel die Verhaftung eines 27-jährigen Bettlers im Juni 1938. Er starb 1941 im KZ Gusen.

Bereits im September 1933 organisierten die Nazis eine landesweite "Bettlerrazzia", bei der tausende Vagabunden verhaftet und gefoltert wurden; fortan galt im gesamten Einflussgebiet des NS-Regimes ein striktes Bettelverbot. Gregor Gog und seine Frau Anni kamen schon vorher in die Hände der Gestapo: im April 1933 wurden sie verhaftet. Die Gestapo beschlagnahmte das Archiv der Bruderschaft und steckte die Gogs in die Konzentrationslager Heuberg, Reutlingen und Ulm.

Während seine Frau wenig später entlassen wurde, saß Gregor Gog siebeneinhalb Monate im KZ, erkrankte dort schwer und war fast vollständig gelähmt. Als er "zur Heilbehandlung" seiner schweren Wirbelsäulentuberkulose entlassen wurde, gelang ihm über den zugefrorenen Bodensee die Flucht in die Schweiz und im Juni 1934 dann in die Sowjetunion. Sein Fluchthelfer war der Dichter und spätere Präsident des Kulturbundes der DDR, Johannes R. Becher. Gogs Frau blieb mit dem Sohn zurück in Stuttgart, die Ehe wurde kurz darauf geschieden.

Im sowjetischen Exil lebte Gog als freier Autor und arbeitete für die deutsche Sektion des Moskauer Radios. Er litt unter massiven Geldsorgen, außerdem machte ihm sein Nierenleiden und seine Wirbelsäule zu schaffen. 1939 heiratete er Gabriele Haenisch. Als die Nazis im Juni 1941 die Sowjetunion angriffen, verließ das Ehepaar im Herbst mit einem der großen Flüchtlingsströme die Hauptstadt und gelang nach Usbekistan - ihre beiden Kinder kamen bei der kräftezehrenden Flucht ums Leben.

In Usbekistan lebten Gog und Haenisch in einem winzigen Zimmer eines Majors Borlssenko. Gog wird zum Arbeitsdienst im Kusnezker Steinkohlerevier verpflichtet und in Sommerkleidung nach Sibirien deportiert, obwohl Amtsärzte seine Arbeitsunfähigkeit attestierten. Freunde aus Moskau, unter ihnen Johannes R. Becher, versuchten, Gog wieder nach Moskau zu holen. Doch Gogs Gesundheitszustand verschlechterte sich dramatisch, so dass er ins Taschkenter Sanatorium eingeliefert wurde. Von starken Schmerzen geplagt, getrennt von seiner Ehefrau und von allen Hoffnungen beraubt, schnitt sich Gog die Pulsadern auf. Die Ärzte retteten ihn. Doch zwei Wochen darauf, am 7. Oktober 1945, starb Gregor Gog im Alter von 54 Jahren.

Patrick Spät lebt als freier Journalist und Buchautor in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch: "Und, was machst du so?", Zürich: Rotpunktverlag, 2014.

(Patrick Spät)

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