Grenfell Tower

Upper Grenfell Tower. Foto: ChiralJon / CC BY 2.0

Der Hochhaus-Komplex

Am 14. Juni 2017 brach - nach Zeugenaussagen: im vierten Stock - des Grenfell Towers ein Brand aus. Das Feuer griff relativ rasch auf die Fassadenverkleidung über und entwickelte sich zu einem Großbrand. Es waren über 250 Einsatzkräfte, 40 Fahrzeuge und 100 Sanitäter im Einsatz. Am 17. Juni meldete die Polizei, 58 Menschen seien in dem Feuer umgekommen. Am 19. Juni korrigierte sie die Meldung nach oben: 79 Tote seien zu beklagen.

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Die Tragödie hatte einen Vorlauf. Einige Bewohner des Hochhauses haben sich zur Grenfell Action Group zusammen geschlossen und mehrere Mängel an der Infrastruktur und Hausverwaltung des Grenfell Towers geäußert.

In diesem Artikel soll es weniger um die Katastrophe selbst, sondern um eine kulturanalytische Einschätzung des "Hochhaus-Komplex" gehen. Der britische Autor James Graham Ballard veröffentlichte 1975 seinen Roman "High Rise" (in der deutschen Ausgabe "Hochhaus" betitelt) und stellt darin ein 40-stöckiges Gebäude vor.

In jedem der Stockwerke haben sich verschiedene Gesellschaftsschichten eingebürgert und sind durch das Treppenhaus oder den Lift miteinander verbunden. Ein wesentlicher Unterschied zum Grenfell Tower ist es, dass sein High Rise kein Sozialwohnungsbau ist. Aber in den unteren Stockwerken leben Menschen, die nur Teile des Luxus der oberen Etagen beanspruchen können.

1974 wurde der Grenfell Tower fertig gestellt. Durchaus möglich, dass sich Ballard von dieser Baustelle oder auch anderen vergleichbaren Hochhausbauten in diesem Zeitraum zu seinem Werk inspirieren ließ.

Hochhäuser versprechen möglichst viel Wohnraum mit wenig Flächenanspruch. Durch die Konzentration einer Wohnanlage auf ein Grundstück lassen sich Kosten sparen. Die Devise in den Siebzigern lautete: möglichst viel billigen Wohnraum schaffen. Hochhäuser galten als schick, als neu, als modern. In die Höhe zu bauen, spart Platz und konzentriert eine Siedlung. Würden die Hochhausbewohner eigene Wohnungen beziehen oder Häuser bauen, wäre die Siedlung "zerstreuter".

Experten sagen, dass ein Hochhaus bei einer Höhe ab 300 Meter unwirtschaftlich wird. Der Grenfell Tower ist weniger ein Symbol der Macht. Das aktuell höchste Bauwerk und Wolkenkratzer steht in Dubai mit einer Höhe von 828 Metern, der jedoch bereits einen neuen Konkurrenten hat: den Jeddah Tower, früher als Kingdom Tower bekannt, der in Saudi-Arabien entsteht. Die verantwortlich zeichnende Baufirma ist im Besitz der saudischen Königsfamilie. Größenwahn? Zukunft des urbanen Wohnens? Selbstzweck oder Ideen zu nachhaltigem Umgang mit den knappen Ressourcen und Platz?

Zwei Werke, die sich eingehender mit Hochhäusern beschäftigen, sind "High Rise" von James G. Ballard aus dem Jahr 1975 und der Film "Shivers" (1975) von David Cronenberg.1 Im letzteren nimmt der "Starliner Tower" eine wichtige Rolle ein. In diesem Hochhaus bietet sich ein Luxusleben, abgeschottet vom Rest der Stadt.2

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Der "Starliner-Tower" ist ein Apartmentkomplex, isoliert auf einer Insel im St.-Lorenz-Strom gelegen und mit allen Einrichtungen ausgestattet, die die Bewohnerinnen zum Komfort und zur Gestaltung der im Gebäude zu verbringenden Freizeit benötigen: Geschäfte, Erholungsanlagen, Schwimmbäder, Restaurants und sogar eine eigene Klinik. Er steht für ein Konzept sorglosen, komfortablen Lebens in Sicherheit und mit den Annehmlichkeiten einer luxuriösen Kreuzfahrt. "Explore our island-paradise secure", wie es in dem Werbefilm zu Beginn von Shivers heißt, "Sail through life in quiet and comfort!"

Serjoscha Wiemer

Cronenbergs Film fokussiert sich auf den so genannten Körperhorror. Die Eigenart des Hochhauses kommt nur in wenigen Kameraeinstellungen zum Tragen. Die Ausbreitung des Parasiten wird durch diese Art Hochhaus-Komplex vereinfacht. Zudem verschafft der Komplex eine anonyme Umgebung, die für die Ausbreitung des Parasiten ideal ist.

In Ballards Werk "High Rise" unterteilt das Hochhaus die gesellschaftlichen Schichten: das "Proletariat" lebt im Erdgeschoß und den ersten Stockwerken, der Mittelstand entsprechend im Mittelteil und weiter oben schließt sich die Elite an. Der Erbauer des Gebäudes mit bezeichnendem Namen Anthony Royal residiert in einem Penthouse auf dem Dach des Gebäudes mit einem eigenen Park. Mit dem Fahrstuhl in einen Teil des Gebäudes zu fahren, das nicht der eigenen sozialen Schicht entspricht, gestaltet sich als schwierig.

Zunächst erntet der Eindringling nur missliebige Blicke. Später eskaliert solche Grenzüberschreitung in eine Gegenreaktion mit körperlicher Gewalt. Das Hochhaus bietet neben Annehmlichkeiten des (kapitalistischen) Alltags wie Supermarkt oder Frisörsalons auch Schulräume und Freizeitangebote wie Swimmingpools und Sportstudios.

In Ballards Roman fragt sich der Protagonist, der Psychologe Robert Laing, der an der Medizinischen Hochschule lehrt, ob das Gebäude die zunehmende Aggression bedingt. Er kommt zu dem Schluss, dass sich Menschen und Wohnungen wechselseitig bedingen. Der Architekt Royal verlässt, als das Chaos zwischen den Bewohnern zunimmt, mit seiner Frau schließlich das Apartment im 40. Stock. Seine Arbeit ist bis zu einem gewissen Stück gescheitert.3

Der schon zu lange hinausgeschobene Entschluss, ihr Apartment zu verlassen, war ihm schwergefallen. Obwohl er sich als einer der Architekten professionell mit dem Hochhaus identifizierte, war Royals Beitrag geringfügig gewesen, betraf aber unglücklicherweise gerade die Bereiche, gegen die sich in erster Linie die Feindseligkeit der Bewohner richtete - die Halle im zehnten Stock, die Grundschule, das Panoramadach mit dem Abenteuerspielplatz für Kinder und Ausstattung und Design der Fahrstuhllobbies. Royal hatte enorme Sorgfalt darauf verwandt, die Wandverkleidungen auszusuchen, die jetzt mit Tausenden von Obszönitäten besprayt waren. Vielleicht war es dumm von ihm, aber es war schwer, sie nicht persönlich zu nehmen, zumal er sich der Feindseligkeit, die seine Nachbarn ihm entgegenbrachten, nur zu bewußt war.

James Graham Ballard: Hochhaus

Diese Beobachtungen reflektieren auf die Umstände, die sich in einem Hochhaus entwickeln können und dann zu Katastrophen verschiedener Art führen. Die geplante soziale Ordnung sollte sich durch die Verteilung im Gebäude und die Ausstattung desselben regeln. Leider stürzt eines Tages ein Mitbewohner aus der Höhe auf den Parkplatz, vom höchsten Stockwerk auf ein parkendes Auto. Dieses Ereignis setzt die bisherige Ordnung aus.

Ein anderer Protagonist, Wilder, der beim Fernsehen arbeitet, plant einen Dokumentarfilm. Es heißt, durch den Film "wolle er mit dem Gebäude ins Reine kommen".4 Die Person ist zwiespältig, weil latent aggressiv und auf der anderen Seite reflektiert. Das High-Rise wird von Wilder als Teil eines umfassenderen Ganzen betrachtet.5

Die erste Hälfte des Programms (Die Rede ist hier von Wilders geplantem Film, Anm. ds.V.) würde das Leben im Hochhaus unter dem Aspekt von Konstruktionsfehlern und kleineren Ärgernissen untersuchen, während der Rest sich dann damit befassen würde, was es psychologisch bedeutete, in einer Gemeinschaft von zweitausend Menschen zu leben, die bis in die Wolken in Kästchen untergebracht waren - mit allem, was dazugehörte, von der Verbrechens- und Scheidungsrate, dem Vorkommen sexueller Delikte bis zur Fluktuation der Bewohner, ihrer Gesundheit, der weiten Verbreitung von Schlaflosigkeit und anderen psychosomatischen Beschwerden.

James Graham Ballard: Hochhaus

Man stelle sich vor, in jedem Hochhaus Großbritanniens würde diese Ballardsche Aufgabe realisiert werden. Was könnte man aus der Zusammenschau des vorhandenen Materials lernen und eventuell auch für das soziale Gefüge "Hochhaus" verändern?

Richard Wilder geht noch weiter:

Das ganze, in mehreren Jahrzehnten zusammengekommene Beweismaterial warf ein kritisches Licht auf das Hochhaus als funktionsfähiges soziales Gebilde, aber Kosteneffektivität im Bereich des öffentlichen Wohnungsbaus und hohe Rentabilität auf dem privaten Sektor sorgten dafür, daß diese vertikalen Stadtgemeinden ohne Rücksicht auf die wirklichen Bedürfnisse ihrer Bewohner nach wie vor hochgezogen wurden.

James Graham Ballard: Hochhaus

Eine weitere delikate Angelegenheit wäre das Recht am eigenen Bild und Fragen zum Datenschutz. Wenn Wilder, wie sein Name bereits impliziert, wild in den Hochhäusern filmt und offensives Material zuweilen produziert, so wäre bereits die Präsentation dieses Filmmaterials vor einer Untersuchungskommission problematisch.

Würden die gefilmten Bewohner vor der Kamera nicht anders sprechen, sich anders verhalten als ohne Kamera? Beides wäre möglich: Im Beisein der Kamera halten sie sich mit dem Demolieren von Brandausrüstung zurück oder werden gerade durch die Anwesenheit eines Kameramanns besonders motiviert, die Tapete im Treppenhaus abzureißen oder Bewohner aus anderen Etagen in den Fahrstühlen zu verprügeln.

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