Grenze zur Türkei: EU-Kommission will Geflüchtete mit "Laubdurchdringung" aufspüren

Bild: Thales Alenia Space

Ein Forschungsprojekt testet die Zusammenführung verschiedener Überwachungstechnologien an Geflüchteten. Zum Einsatz kommen Kameras, Radargeräte, Bewegungsmelder, elektromagnetische Sensoren sowie Lauschmikrofone

Die Europäische Kommission will die Entdeckung irregulärer Grenzübertritte mit neuer Technik verbessern. Im Mittelpunkt stehen dicht bewaldete Landgrenzen, die mit Patrouillen schwer zu überwachen sind. Das Sicherheitsforschungsprojekt trägt den Titel Laubdurchdringung, auch in Gebieten in äußerster Randlage der EU" (FOLDOUT) und wird angeführt vom Austrian Institute of Technology. Beteiligt sind unter anderem der französische Rüstungskonzern Thales sowie Grenzpolizeien aus Bulgarien, Finnland, Litauen und Polen.

Die Grenzabschnitte werden zunächst mit konventionellen Systemen überwacht, darunter Kameras, akustische oder Bewegungsdetektoren. Dabei soll etwa "verdächtiger Autoverkehr" festgestellt werden. Die verschiedenen Sensoren sind in einem gemeinsamen Gehäuse verbaut. Die Behörden wollen sich außerdem die mitgeführten Handys von Geflüchteten zunutze machen. Wird ein Telefon in einer bestimmten Funkzelle festgestellt, erfolgt eine Ortung des Geräts.

Geostationäre Beobachtung aus 20 Kilometer Höhe

Anschließend kann eine Kaskade weiterer Maßnahmen in Gang gesetzt werden, darunter die Beobachtung aus dem All und aus der Luft. Dabei sollen auch Radarsatelliten eingesetzt werden, deren Bilder Laub durchdringen können. Werden Personen geortet, können diese mit Drohnen aufgespürt werden. Auch die unbemannten Luftfahrzeuge befördern kleine Radarsensoren oder Wärmebildkameras. Am Ende erfolgt der Zugriff durch die zuständige Grenzpolizei.

FOLDOUT könnte auch zur dauerhaften Überwachung einer bestimmten Region genutzt werden. Dabei würde die Überwachungstechnik an "stratosphärische Plattformen" montiert, wie sie von einigen Rüstungsfirmen derzeit entwickelt werden. Die geostationären Anlagen fliegen in rund 20 Kilometer Höhe und bieten daher eine deutlich höhere Auflösung als die Erdbeobachtung per Satellit. Der an FOLDOUT beteiligte Konzern Thales vermarktet ein solches System unter dem Namen "Stratobus".

EU-Außengrenze zur Türkei im Mittelpunkt

Das Sicherheitsforschungsprojekt soll ein sogenanntes "System of Systems" entwickeln. Alle eingehenden Informationen werden in einem Lagezentrum verarbeitet und koordiniert. Die verwendeten Algorithmen sollen laut der Projektbeschreibung "auf maschinellem Lernen basieren". Die Technik soll dabei helfen, die Informationen der Sensoren nach "ungewöhnlichen Mustern" zu analysieren. FOLDOUT soll auch unter extremen Wetterbedingungen funktionieren, Tests erfolgen bei Temperaturen zwischen 40 Grad Plus und 40 Grad Minus.

Bild: FOLDOUT

Die Forschungen dauern 42 Monate und werden über das EU-Forschungsrahmenprogramm "Horizont 2020" finanziert. Das Gesamtbudget von über acht Millionen Euro wird von der Kommission übernommen. Im Mittelpunkt steht die irreguläre Migration nach Bulgarien, ein zweijähriges Arbeitspaket widmet sich allein der Beobachtung der Grenze zur Türkei.

Vergangene Woche hat die EU-Kommission den Zeitplan für die Erprobung der digitalen Entlaubung mitgeteilt. Anfang 2021 erfolgen Tests an der bulgarisch-türkischen Grenze, einige Monate später soll FOLDOUT am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros ausprobiert werden. Weitere Tests werden an der finnischen EU-Außengrenze sowie im Regenwald in Französisch-Guayana durchgeführt. (Matthias Monroy)