Grenzkrieger, Razzien und die koloniale Ausnahme

Darfur - Ethnographie und Geschichte eines Konflikts Teil II

Zwar ist es verführerisch in aktuellen Konflikten zu einfache Kontinuitäten zu knüpfen, aber im Darfur-Konflikt wurden die historischen Hintergründe in der Berichterstattung bisher fast vollständig vernachlässigt.

Darfur heißt übersetzt aus dem Arabischen "Land der Fur". Die Schriftquellen über die Geschichte des Landes beginnen mit der Islamisierung und der Herrschaft der heute weitgehend arabisierten Tunjur. Während der darauf folgenden Keira-Dynastie spielten neben den Fur auch Araber und Zaghawa eine wichtige Rolle. Der erste Keira-Sultan, Sulyman Solong ("Sulyman der Hellhäutige"), entstammte einer Mischehe. Eine der ökonomischen Grundlagen des Sultanats war das Aufbringen von Sklaven aus der Feuchtsavanne im Süden, die als "Dar Fertit" bezeichnet wurde. Die Sklaven exportierte man nach Ägypten und in die Levante. Ständige militärische Aktivität sicherte so Wohlstand und Macht der Herrschenden.

Westlich und östlich des Sultanats lagen die Reiche der Quaddai und der Funj. Die Grenzgebiete dazwischen, sowie die nach Süden und Norden, wurden von Beduinen (also von berittenen und daher militärisch relevanten Nomaden) mittels kleiner Territorialkriege, sogenannter "Ghazzwa" (Razzien), beherrscht und erweitert. Doch die Nomaden waren nie willfährige Untertanen, sondern hatten immer ihre eigenen Interessen im Auge: Weiden, Wasserstellen, Vieh, Sklaven und die Kontrolle von Handelswegen. Die treffendste Metapher für sie prägte der arabische Geschichtsschreiber und Gelehrte Ibn Chaldun: für ihn waren die Beduinen am Rande der Reiche sowohl deren Wölfe als auch ihre Wachhunde.

Große Teile der drei heutigen Darfur-Provinzen waren "Grenzgebiete" im Sinne des vom Historiker Paul Wittek entwickelten Konzepts: Regionen, in denen eine Zentralgewalt militärische Institutionen zur Verteidigung installiert, wobei sich eine Kultur ausbildet, deren zentrale Bezugspunkte Heldentum, Razzia und Beute sind. Der Grenzkrieger der viel Beute machte, war der Held dieser Kultur - das Ideal, dem die Jugend nacheiferte. Da die Grenzen oft quer durch Siedlungsgebiete gingen lebten auch Menschen gleicher ethnischer Identität auf beiden Seiten der Grenze, was meist mit einer größeren kulturellen Ferne zur Zentralgewalt einherging.1

1821 bis 1874 geriet Darfur unter ägyptischen Einfluss. 1805 hatte in Ägypten Muhammad Ali Pascha, ein albanischer Offizier im Dienst des Osmanischen Reiches, die Gunst der Stunde nach der Niederlage der französischen Armee gegen Admiral Nelson bei Abukir genutzt und die Macht ergriffen. Er und seine Nachfolger regierten nur mehr formell unter türkischer Oberhoheit. 1821 verlor Darfur die Provinz Kordofan an den Usurpator, der sich damit Einnahmen aus dem Sklavenhandel sicherte.

1874 eroberte Zubeir Rahman Mansur auch den Rest Darfurs für Ägypten. Als Kriegsgrund bzw. Vorwand nahm man die Rizeigat-Beduinen, die Karawanen überfielen - was der Sultan nicht kontrollieren konnte. Danach gliederte man Darfur in das anglo-ägyptische Kolonialgebiet ein - Gouverneur dort wurde 1881 der österreichische Abenteurer Rudolf Slatin.2 Durch den Bau des Suezkanals hatte sich Ägypten derart im westlichen Ausland verschuldet, dass eine von Großbritannien und Frankreich eingerichtete "Staatsschuldenverwaltung" zum eigentlichen Machthaber in Ägypten wurde. Als sich im Volk und bei der Armee Widerspruch gegen die strikt auf Schuldenrückzahlung ausgelegte Haushaltspolitik regte, die vor allem den Bauern harte Opfer abverlangte, besetzte Großbritannien das Land auch militärisch - zur Sicherung seiner Investitionen.

Slatin regierte bis 1883, als die Ansar, die Anhänger des Mahdi, das Sultanat überrollten. 1881 hatte sich Muhammad Ahmad, der sich nach der Messias-Figur in der islamischen Mythologie benannte, gegen die ägyptische Besatzung erhoben und im Sudan einen Staat errichtet, der bis 1898 Bestand hatte. Am 26. Januar 1885 eroberte er auch Khartum und stellte den Kopf des britischen Kommandeurs Gordon in seinem Lager aus. Aber bereits wenige Monate, nachdem er den Briten eine der empfindlichsten Niederlagen ihrer Kolonialgeschichte beigebracht hatte, starb er. Sein Nachfolger Abdallahi ibn Muhammad nahm den Titel eines Kalifen an und regierte bis zum 2. September 1898, als ihn ein britisch-ägyptisches Expeditionskorps in der Schlacht von Omdurman besiegte. Beim Zusammenbruch der Mahdiya kam es in Darfur zu ausgiebigen Plünderungen durch Beduinen. Schließlich nutzte Ali Dinar, ein Nachkomme des alten Herrscherhauses, die Gunst der Stunde und schwang sich auf den Thron. Doch auch seine Herrschaft währte nicht lange.

Zeitgenössische Darstellung Muhammad Ahmads

Die Engländer, die den übrigen Sudan kontrollierten, wollten an der Grenze zu Darfur Ruhe und Ordnung schaffen und die Durchzugswege der Razzien mittels nomadischer Posten an den Brunnen kontrollieren. Allerdings hatten die Verwaltung und die dafür eingesetzten Nomaden vollkommen unterschiedliche Vorstellungen davon, was diese Posten sein sollten: Letztere nutzten sie ganz nach gewohntem Muster für eigene Razzien in den Westen. Vor dem Ersten Weltkrieg war die Kontrolle der Kolonialverwaltung über die Nomaden deshalb marginal. Nachdem aus den Herden der Hawawir geraubte Kamele in der Nähe von Dongola auftauchten, beschwerte sich Ali Dinar, der Sultan von Darfur, beim Generalgouvernement in Khartum 1912 über die Raubzüge der Nomaden von Kordofan, worauf die Verwaltung eine Patrouille entsandte um die Kamele sicherzustellen. Die Nomaden bewirteten die Patrouille freundlich und führten auf Nachfrage die Kamele stolz vor, reagierten aber mit völligem Unverständnis auf die Forderung nach Rückgabe, da für sie durch die Razzia ein vollkommen legitimer Eigentumsübergang stattgefunden hatte und da es sich bei den Beraubten ja um gemeinsame Feinde der Nomaden und der Verwaltung gehandelt hatte.3

1914 proklamierte der türkische Sultan den Dschihad gegen England und Frankreich. Die Engländer wollten deshalb unabhängige islamische Gebiete wie Darfur als mögliche Brückenköpfe für die Mittelmächte ausschalten. 1916 verwickelten sie Ali Dinar per Ultimatum in den Krieg.4 Der Sultan wurde schon bald nach Kriegseintritt in der Nähe von al-Faschir besiegt. Zu seiner Niederlage trug bei, dass sich Nomadenstämme wie die Rizeigat, die Hamar, die Kawahla, die Kababis und die Hawawir auf die Seite der Engländer schlugen. Auch in britischen Diensten plünderten und vertrieben sie im ganzen Land.5

Nach der Integration Darfurs und des von 1884 bis 1922 unabhängigen Masalit-Staates Dar Masalit in das britische Kolonialreich ruhten die Razzien für relativ lange Zeit. Darfur bildete die absolute koloniale Ausnahme: Die Briten hatten keine ökonomischen Interessen dort - und ihre politischen Interessen beschränkten sich darauf möglichst Ruhe zu haben. Das ersparte der Gegend einige Nachteile des Kolonialismus und brachte ihr stattdessen sogar Vorteile. Weil Frankreich (die Kolonialmacht im Tschad) und England in der Region keine Ansprüche mehr gegeneinander hegten, benötigte der Zentralstaat nicht länger die militärische Hilfe einer Grenzkriegerschaft. Damit schwanden auch die wirtschaftlichen und vor allem die Bewaffnungsvorteile, die man damit erringen konnte. Den "Fursan" (Rittern) war die ökonomische und technische Basis entzogen worden, weshalb sie einen Teil ihrer kulturellen Heldenrolle einbüßten - zumindest temporär.

Die koloniale Ausnahmephase dauerte von 1916 bis 1955. Die britische Verwaltung etablierte während dieser Zeit Polizeiposten und Institutionen der Eingeborenenverwaltung, darunter eine regulierte Stammesgerichtsbarkeit und eine Eingeborenenpolizei sowie intertribale Stammesführertreffen, die einmal im Jahr stattfanden, und bei denen Streitigkeiten beigelegt, Weide- Wasser- und Durchzugsrechte verhandelt und geraubtes oder streunendes Vieh zurückgegeben wurde. Ab den vierziger Jahren wurden nicht nur die Bewohner Darfurs, sondern auch die Nomaden aus dem Tschad in diese institutionalisierten Verhandlungen mit einbezogen. Das führte zwar nie zu einer vollständigen Befriedung - aber zu relativer Ruhe. Streitigkeiten über Brunnenrechte, Viehraub und Flurschäden hörten nicht auf - aber die Selbstjustiz und die Bildung von Konfliktketten wurden unterbrochen. Die gewalteindämmenden Routinen der Verwaltung verhinderten erfolgreich eine Eskalation der Konflikte.6

Was gerne verklärend als traditionelle Mechanismen der Konfliktlösung angesehen wird, ist in Wirklichkeit ein Erbe des Kolonialismus, der zwischen 1916 und 1955 tatsächlich bemerkenswerte Befriedungserfolge vorweisen konnte. Der Ethnologe Beck sprach in diesem Zusammenhang von einer

"großen Leistung der kolonialen Ordnung [...], der es gelungen ist, die zentrale Anforderung an einen modernen Staat zu erfüllen: das Monopol der legitimen Ausübung physischer Gewalt in einem Ausmaß zu realisieren, wie es anderen Ordnungen nicht oder höchstens unter außerordentlichen Bedingungen gelungen ist."

Aber die vorläufige Befriedung war nur ein koloniales Zwischenspiel. Der sudanesische Staat schaffte 1971 das System der Eingeborenenverwaltung und die intertribalen Konferenzen ab. Bereits 1970 hatte die Regierung einen Erlass zur Registrierung des Landbesitzes verabschiedet, der entscheidenden Anteil an der Transformation der Konflikte trug. Nach Beck führten diese und die folgenden Verwaltungs- und Bodenrechtsreformen "de facto nicht zur Aufhebung des alten Landrechts [...], sondern vielmehr zu einem potentiell tödlichen Rechtspluralismus" auf den er "alle größeren Konflikte der achtziger und neunziger Jahre in Darfur" zurückführt: "Auch solche Konflikte, die zunächst als Flurschaden, Viehdiebstahl, streunende Tiere oder als Streit um eine andere Alltäglichkeit begonnen hatten, eskalierten unter ihrer Deutung als Landkonflikt."7

Teil 3
der Serie wird sich mit der Geschichte Darfurs seit den 1980er Jahren und den Zusammenhängen mit den Bürgerkriegen im Tschad befassen

(Peter Mühlbauer)

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