Griechenland: Ausweglose Situation für Flüchtlinge

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Regierung und Medien suchen die Schuld am Aufruhr der Flüchtlinge und Immigranten bei den freiwilligen Helfern. Die Vereinbarung mit der Türkei funktioniert nicht, Flüchtlinge landen im Gefängnis

Die griechische Regierung hat zusammen mit der einheimischen Medienlandschaft befunden, dass an dem Aufruhr der Flüchtlinge und Immigranten vom Sonntag im wilden Camp am Grenzort die solidarischen freiwilligen Helfer schuld sind.

Die Jagd auf die nicht in großen internationalen Hilfsorganisationen registrierten Helfer ist eröffnet. In und um Idomeni finden Ausweiskontrollen aller Ankommenden statt. Es gab am Dienstag 15 Festnahmen. Am Mittwoch gesellten sich sieben weitere dazu.

Am Sonntag hatten Flüchtlinge und Immigranten versucht, den Grenzzaun förmlich umzurennen. Sie erhofften sich auf diese Weise entweder, den direkten Weg für eine Weiterreise nach Nordeuropa zu öffnen oder mit ihrer Aktion ein Fanal zu setzen. Sie sollen über ein Flugblatt oder aber über gezielte Mundpropaganda der unter Generalverdacht stehenden freiwilligen Helfer agiert haben.

Der griechische Rundfunk meldete noch am Sonntag, dass Deutsche und Niederländer aus der EJR Mazedonien, speziell aus Gevgelija angereist seien und den Flüchtlingsaufstand organisiert hätten. Die Presse in Griechenland behauptet zudem, dass die Helfer versprochen hätten, den Flüchtlingen Molotowcocktails für eine Attacke auf den Grenzzaun zu liefern.

Die griechische Koordinationsgruppe für Flüchtlinge war gemäß ihres Sprechers Giorgos Kyritsis mit dem Einsatz der eigenen Polizeikräfte zufrieden. Die griechische Polizei habe, so die offizielle Verlautbarung, Schlimmeres verhindert. Während ein Teil der Flüchtlinge und Immigranten den Grenzzaun stürmten, schossen die Ordnungskräfte der EJR Mazedonien mit Tränengas und Blendgranaten, aber auch mit Plastikgeschossen bis ins Flüchtlingslager tief ins griechische Staatsgebiet hinein

"Die heute Geschundenen sind die Dschihadisten von morgen"

Ein gleiches Bild wie am Sonntag bot sich am Mittwoch. Diesmal probierten Marokkaner und Afghanen, den Zaun in Eidomeni einzureißen. Erneut schossen die Grenzer der EJR Mazedonien mit Gummigeschossen, Blendgranaten und Tränengas und wieder antworteten die Immigranten mit Steinen.

Diesmal jedoch griff die griechische Polizei aktiver ein. Die Einsatzpolizisten drängten sich zwischen die Fronten und verhinderten somit größere Ausschreitungen. Bürgerschutzminister Nikos Toskas fürchtet, dass die "heute Geschundenen die morgigen Dschihadisten sein werden".

Es ist absehbar, dass die Ausweglosigkeit der Situation und die geschlossenen Grenzen immer wieder zum Ausbruchsversuch führen werden. Umso mehr ist die Regierung daran interessiert, die Schuldigen am Dilemma oder zumindest einen Sündenbock zu bestrafen.

Die Hexenjagd auf Solidarität

Die Allilegioi, "Solidarische", genannten freiwilligen Helfer eignen sich für letztere Rolle besonders gut. Sie sind meist in kleinen Gruppen organisiert und anders als die Helfer der großen Hilfsorganisationen nicht unter dem Schutzmantel einer internationalen Organisation registriert.

Unter den am Dienstag zunächst Festgenommenen waren fünf Deutsche, zwei Briten, ein Niederländer, ein Österreicher, ein Portugiese, zwei Schweden, ein Tscheche und zwei Griechen. Einer der Deutschen hatte ein langes Messer dabei. Für ihn gab es nach der Verhaftung einen Gerichtstermin im September. Der nach der Erhebung der offiziellen Anklage frei Gelassene behauptet, das Messer, offenbar ein Küchenmesser, für die Zubereitung von Mahlzeiten für die Flüchtlinge mitzuführen. Es nutzt ihm nichts, er muss vor Gericht erscheinen.

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Bis auf einen Griechen wurden alle anderen ohne Auflagen frei gelassen. Bei ihm waren Dutzende leerer Getränkeflaschen gefunden worden. Nach amtlicher Lesart war dies Material für die Herstellung von Molotow-Cocktails. Erst nach Stunden konnte der Unglückliche zweifelslos nachweisen, dass er schlicht Leergut einer in Idomeni aufgestellten Kantine mit sich führte.

Die Solidarischen versuchen, sich zu wehren. Sie informieren sich gegenseitig darüber, dass die von der Polizei auf freiem Feld durchgeführten Leibesvisitationen schlicht illegal sind. Dagegen beharrt Kyritsis darauf, dass die Polizeiaktionen nicht nur fortgeführt, sondern auch intensiviert werden.

Zu den insgesamt sieben Verhafteten des Mittwochs gehörte erneut eine Deutsche. Im Auto der Frau wurde Pfefferspray gefunden. In einem anderen Auto saßen zwei Norwegerinnen und ein Norweger, sowie eine Engländerin. Ihnen wurde unter anderem ein mitgeführtes Funkgerät zum Verhängnis. Dieses sei in der Lage Polizeifunk abzuhören, hieß es. Am Nachmittag wurde ein tschechisches Pärchen festgenommen. Hier bestand der Fund der Polizei aus einer kleinen Menge Haschisch und einem Messer.

Die medial und von Seiten der Regierung gescholtenen Solidarischen wehren sich nach Kräften. Sie berichten ihrerseits den griechischen Medien gegenüber von peinlichen Leibesvisitationen in aller Öffentlichkeit. Zusätzlich dazu kursieren die Bekanntmachungen zahlreicher Gruppen auch auf Englisch.

Die Jagd auf die Solidarischen ist nicht nur auf Idomeni begrenzt. Auch in Piräus werden die Helfer verdächtigt, den dort Campierenden von einer Fahrt in staatliche Camps abzuraten. Die Regierung hat in Piräus mehrsprachige Flyer verteilen lassen. Darin beteuert sie ihre Liebe zu den Flüchtlingen und Immigranten.

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