Griechenland: Der Ball rollt nicht

AEK-Fans veranstalten Feuerzauber beim Spiel gegen Olympiakos Piraeus. Bild: W. Aswestopoulos

Der Kampf gegen die Fußballmafia

"Same procedure as last year?", heißt es in dem in Deutschland wohl berühmtesten Silvesterfilm. "Same procedure as every year", ist die Antwort. Der Start der griechischen Fußballliga wird auch dieses Jahr verschoben. Sportminister Stavros Kontonis, der sich nach Drohungen des Ausschlusses Griechenlands von allen Wettbewerben der FIFA und UEFA mit dem griechischen Fußballverband geeinigt hatte, schaltet wieder auf stur. Er verbat den Beginn der Meisterschaftsrunden im bezahlten Fußball.

Schuld ist auch der entgegen der Einigung erfolgte Eingriff des griechischen Fußballverbands EPO in die Sportgerichtsbarkeit. Die EPO schaltete schlicht sämtliche Sportrichter, welche ihr nicht in den Kram passen, kalt. Es handelt sich um einen für Insider erkennbaren gezielten Angriff auf diejenigen, die nicht im Sinn der großen Vereine entschieden.

Zudem wird der gesamte Vorstand des Fußballverbands wegen illegaler Aktivitäten bei den für Fußballer obligatorischen Gesundheitszeugnissen angeklagt. Rein rechtlich müssten nun alle zurücktreten. Der griechische Fußball, der auf Nationalmannschaftsebene noch bei der WM in Brasilien glänzte, liegt komplett am Boden. Es ist bezeichnend, dass der nach der WM ausgetauschte Trainer Fernando Santos mit Portugal durchaus überraschend Europameister wurde. Sein Nachfolger, Claudio Ranieri, fuhr mit der Nationalelf nur Misserfolge ein, wurde entlassen und schaffte dann aber mit Leicester City eine geradezu als unmöglich angesehene Meisterschaft in der englischen Premier League.

Auch bei den europäischen Mannschaftswettbewerben sieht es nicht gut für den griechischen Fußball aus. Das Problem ist hausgemacht. Die griechische Meisterschaft ist zu sehr auf die so genannten großen Klubs zugeschnitten, die dann auch in den entscheidenden Spielen von den Schiedsrichtern seltsame Elfmeter oder einen dubiosen Platzverweis für die Spieler des Gegners bekommen. Das hin und wieder Anschläge auf nicht "linientreue" Schiedsrichter oder zu kritische Journalisten vorkommen, scheint im griechischen Fußball mittlerweile zur Tagesordnung zu gehören.

Bild: W. Aswestopoulos

Die großen Zampanos des Fußballs

Die Klubchefs der "großen Vier", Olympiakos Piräus, Panathinaikos Athen, AEK Athen und PAOK Thessaloniki beschäftigen nicht nur die Sportmedien. Ihre Missetaten bringen sie durch gegenseitige Anzeigen, Anklagen oder Aussagen selbst ans Tageslicht.

Vangelis Marinakis vom Serienmeister Olympiakos Piräus wird in der Presse und auch auf zahlreichen Graffitis in Athen als Drahtzieher des Drogengeschäfts mit dem Tanker Noor 1 in Verbindung gebracht. Die Noor 1 war mit einigen Tonnen Heroin beladen in Griechenland eingelaufen. Als Folge des Aufsehen erregenden Prozesses kam heraus, dass dahinter eine Drogenbande steckt, deren Kopf jedoch unbehelligt bleibt. Bei in den Prozess involvierten Staatsanwälten und Richtern gingen Briefbomben ein. Es gab zahlreiche dubiose Todesfälle von Zeugen oder Angeklagten.

Graffiti: "Marinakis Drogenhändler".Bild: W. Aswestopoulos

Einer der Beschuldigten brachte mit seiner Aussage Marinakis als Geldgeber des Unternehmens ins Spiel. 107 eigene Schiffe hat der Reeder Marinakis. Alle haben antike, urgriechische Namen, fahren jedoch unter Billigflaggen, damit kein Cent an Steuern oder Abgaben beim griechischen Staat landet. Marinakis wurde gerichtlich verboten, als Fußballpräsident aktiv am Geschehen teilzunehmen. Er schert sich jedoch nicht darum, tritt in Stadien auf und gibt in seiner Funktion als Fußballboss Presseerklärungen ab.

Kaum besser steht es um AEK Athen. Der Verein wurde von seinem neuen Besitzer Dimitris Melissanidis "saniert", indem er kurz in die dritte Liga abstieg. Nach dem zur vergangenen Saison gelungenen Durchmarsch in Liga 1, die Superleague, steht AEK schuldenfrei da. Der dreistellige Millionenbetrag an Steuern und Abgaben, welche die alte AEK schuldet, bleibt an teilweise verstorbenen Altbesitzern hängen und trifft mangels pfändbarer Masse die Steuerzahler.

Melissanidis, der sich innerhalb weniger Jahre vom Fahrlehrer zum Reeder und Multiunternehmer hocharbeitete, wird mit Kraftstoffschmuggel und der Bedrohung von Journalisten in Verbindung gebracht (Morddrohung wegen eines Berichts über Dieselschmuggel).

SIvan Savvidis, 2. von links, Dimitris Melissanidis, 2. von rechts. Bild: W. Aswestopoulos

Panathinaikos Athen wird vom Reeder und Medienzaren Yannis Alafouzos geführt. Der Athener Traditionsverein gilt als Erzrivale von Olympiakos Piräus. Alafouzos selbst stand vor Jahren wegen Steuerhinterziehung am Pranger. Offenbar wurde er, der sich gern als geläuterter Sünder präsentierte, mittlerweile rückfällig. Sein mediales Flagschiff, SKAI TV gerät immer wieder wegen Urheberrechtsverletzungen in den Fokus der Kritik (Das griechische Drama als TV-Posse).

Der vierte im Bunde, Ivan Savvidis, Klubchef von PAOK FC, ist justiziabel bisher kaum aufgefallen. Der Putin-Freund und russische Politiker, der auch in der russischen Duma für Putins Politik eintrat, scheint über beinahe unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten zu verfügen. Er gehört zu den Pontosgriechen, die bei der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im Rahmen ethnischer Säuberungen und eines international als Genozid anerkannten Kriegsverbrechens bei der Vertreibung aus der Türkei in russischen Gefilden Zuflucht fanden und nicht nach Griechenland gingen. In Russland schaffte Savvidis nach dem Zerfall der Sowjetunion ein Tabakimperium und wurde Fußballboss. Das Gleiche macht er seit wenigen Jahren in Griechenland.

Vor den organisierten Anhängern der Vereine stellen sich die Klubchefs gern als philanthropische Sponsoren dar. Sie gewinnen so ein wahres Heer an treuen Anhängern. Das wiederum macht sie für Politiker nahezu unangreifbar. Denn die organisierten Anhänger wählen bei Parlamentswahlen gern im Sinn des Vereins und nicht wegen einer persönlichen, politischen Ideologie.