Griechenland - Entsetzen über deutsche Reaktionen auf den Zwangskredit

Tsipras bei der Kranzniederlegung. Bild. andreas bonetti

Deutscher Professor behauptet, Griechenland würde den Deutschen Millionen für die Kosten während der Besatzungszeit schulden

Nachdem der Überparteiliche Parlamentarische Ausschuss für die deutschen Kriegsreparationen, der im vollen Intergruppe Parlamentarische Kommission für die Forderung der deutschen Schulden (Reparationen, Entschädigung, die Rückzahlung der Besatzungsdarlehen, Rückgabe gestohlener archäologischer Schätze) des griechischen Parlaments heißt, das Thema der deutschen Kriegsschulden an Deutschland wieder ins Gespräch brachte und eine Kombination aus diplomatischen Schritte sowie als ultima ratio den Klageweg vorschlug, war Alexis Tsipras bei seinem ersten öffentlichen Auftritt am 16. August nach den Sommerferien auf den Zug aufgesprungen.

Für Tsipras war es in seinem Heimatdorf gleich ein doppeltes Heimspiel. Denn hier ist sein fünfundneunzigjähriger Onkel, Dimitris Tsipras, Dorfpriester und Zeitzeuge. Vor 73 Jahren hatte die Edelweiß Division das Dorf verwüstet und die 317 anwesenden Einwohner ohne Erbarmen niedergemetzelt. Das Massaker fand während einer Hochzeit statt, die Braut wurde ebenso wenig verschont wie Säuglinge, welche die Soldaten der Wehrmacht mit dem Bajonett erstachen.

Tsipras wiederholte seine Forderungen, diesmal direkt an das Bundeskanzleramt gerichtet, am 21. August. Die seit 1995 regelmäßige Einforderung der Schuld auf diplomatischen Weg stößt in Berlin immer wieder auf taube Ohren. Entweder gilt sie den deutschen Politikern als verjährt oder sie wird, wie durch Bundespräsident Joachim Gauck im Frühjahr 2014 lediglich auf eine moralische Schuld begrenzt. In den Blickpunkt der deutschen Presse gelangten die Forderungen vor allem, seit Griechenland faktisch pleite, nur durch Kredite von EZB, EU und IWF finanziert wird. Für die meisten war dabei die Sachlage klar, es gab einen Krieg, eine Besatzung und eine offene Frage über die Reparationen sowie einen immer wieder erwähnten Zwangskredit, mit dem die Besatzer ihre Truppenkosten finanzierten.

In der aktuellen Debatte werden dagegen sogar Stimmen laut, welche Griechenland wegen der erlittenen Besatzung eher als Schuldner, denn als Gläubiger ansehen. Diese Meinung wird in deutschen Medien auch von Vertretern der Berliner Regierungskoalition adaptiert. Sie begründet sich auf eine Veröffentlichung des emeritierten Mannheimer Professoren Heinz Richter. Richter behauptet, dass rein rechnerisch vielmehr Griechenland den Deutschen Millionen für die Kosten während der Besatzungszeit schulde.

Für Griechen ist dies kaum nachvollziehbar. Zumal für die Zwangsanleihe Belege existieren und penibel Buch darüber geführt wurde. Die Dokumente existieren, sind historisch nie bestritten worden und liegen dem griechischen Parlament vor. Die Anleihe wurde von allen Besatzungsmächten, also auch von den Italienern erhoben. Die Italiener haben sie bis Anfang des laufenden Jahrtausends komplett zurückgezahlt. Dies, obwohl nach dem Seitenwechsel, der auf Mussolinis Sturz erfolgte, komplette Regimentszüge sich samt Munition dem griechischen Widerstand anschlossen. Somit also Italien eine doppelte Rolle - als Besatzer aber auch als teilweiser Alliierter spielte.

Telepolis konfrontierte griechische Politiker mit dieser Aussage. Die Frage ging direkt an einen hochrangigen Kontakt im Außenministerium, der jedoch nur "Kreise des Außenministeriums" genannt werden möchte. Gebeten wurde um eine Stellungnahme von Außenminister Nikos Kotzias.

Allein des Sachverhalt der Theorie Richters und die darauf basierenden Äußerungen stießen auf blanke Verwunderung und Entsetzen. Es dauerte fünf Minuten, bis die Botschaft und die damit verbundene Frage verstanden wurden. Die "Kreise des Außenministeriums" resümierten: "Das heißt also, dass die, obwohl sie uns Geld schulden, nun auch noch Geld verlangen werden, dafür, dass sie uns besetzt und ausgeraubt haben?" Eine halboffizielle Stellungnahme des Außenministeriums wurde in Aussicht gestellt, ging jedoch auch drei Tage nach der Anfrage nicht ein.

Gesprächiger zeigte sich Eleni Avlonitou, eine prominente Parlamentarierin des SYRIZA. Sie hatte Deutschland als knapp dreizehnjährige Teilnehmerin an den Olympischen Spielen in München 1972 erlebt. Das dort erlebte blutige Geiseldrama beendete als tiefer Einschnitt ihre Kindheit und verbindet sie auf eigentümliche Weise mit Deutschland.

Eleni Avlonitou. Bild: W. Aswestopoulos

Avlonitou ist in Griechenland dafür bekannt, ohne diplomatische Floskeln und in einer direkten Art und Weise zu kommunizieren. Dabei geht sie Konflikten nie aus dem Weg. Trotz oder eher gerade deswegen wird sie von ihrer Partei immer wieder in die schwierigsten Talk-Show Runden geschickt und hat als Regierungsabgeordnete bei vielen schwierigen Gesetzesinitiativen die Funktion einer wichtigen Fraktionsrednerin.

Man sollte vom offiziellen deutschen Staat erwarten, dass er zuerst das erfüllt, was er von anderen verlangt.

Wir hören andauernd von deutschen Offiziellen, dass Kredite immer vollständig abbezahlt werden müssen. Offensichtlich meinen sie damit nur die Kredite, bei denen Deutschland Gläubiger ist. Für Kredite, die Deutschland anderen Staaten schuldet gilt etwas anderes. Das Gegenteil ist der Fall. Wir dürfen über diese Kredite nicht einmal sprechen!

Während des 2. Weltkriegs erhielt der deutsche Staat von der Notenbank Griechenland einen Kredit über 476 Millionen Mark und es gab von der seinerzeitigen Naziregierung eine Order zur Rückzahlung. Eine Tatsache, die beweist, dass die Existenz des Kredits anerkannt wurde. Wie ist es dann möglich, dass 71 Jahre später Deutschland weiterhin dieses Geld schuldet und nun behauptet, dass der Kredit gar nicht existiert!? Vielleicht weil es Deutschland nicht angenehm ist? Es ist beschämend!

Eleni Avlonitou

Der griechische Parlamentsausschuss stellte seine Ergebnisse der Öffentlichkeit vor. Entgegen der Verlautbarung der Bundesregierung, dass sämtliche Schulden des Ersten Weltkriegs getilgt seien, fand die Kommission im Versailler Vertrag eine Eintragung über die zum Ende des Ersten Weltkriegs Griechenland zugesprochenen Reparationen für Privatpersonen über 47 Millionen Reichsmark, welche ausgezahlt wurden. Von den übrigen, auf 485.975.000 Goldmark taxierten Reparationen wurden lediglich 7.275.380 tatsächlich bezahlt. Die ausstehende Summe berechnet der Spezialausschuss der staatlichen Rechnungskammer auf 9.189.270.837 Euro.

Hinsichtlich des Zweiten Weltkriegs berechnet die Rechnungskammer die Reparationszahlungen gemäß des Pariser Kongresses auf 6.741.07.692 US-Dollar aus dem Jahr 1938, was auf 309.498.827.179,51 Euro umgerechnet wird.

In dieser Summe nicht enthalten sind einige weitere Forderungen. Hier kam die Rechnungskammer auf 171.442.057.838 Euro. Dabei fehlt zum Beispiel auch noch der von der deutschen Besatzungsmacht abgepresste Zwangskredit, der auf 10.344.859.092 Euro beziffert wird. Ebenso ermittelt die Rechnungskammer wegen der Besatzung einen BIP-Rückgang von 53.886.160.462 Euro. Folgeschäden schlagen mit 33.873.928.462 Euro zu Buche.

Mit zwei unterschiedlichen Berechnungsmethoden ermittelt die Rechnungskammer die Entschädigungsgelder für menschliche Kriegsopfer. Mit der einen Methode ergeben sich 22.120.000.000 Euro für Tote, Versehrte und Verletzte der Kriegshandlungen, während bei der zweiten Methode unter Einberechnung der von der Besatzung verursachten Hungersnot und den Seuchen 107.268.000.000 Euro resultieren.

In der Gesamtsumme aller Posten sieht die Kommission nach umfangreichen Berechnungen und Gewichtungen der Berechnungsmethoden Forderungen in Höhe von 269.547.005.854 Euro. Darüber hinaus besteht ein Rückgabeanspruch für die Beutekunst über mindestens 1208 verschwundene antike Kunstgegenstände.

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