Griechenland: Flüchtlinge vs. Fremdenhass

Archivbild von 2015 aus dem Lager Amygdaleza. Bild: W. Aswetsopoulos

Auf Lesbos stehen sich Gegner und Befürworter der Flüchtlinge unversöhnlich gegenüber

Lesbos ist in den Tagen nach den katastrophalen Bränden im Hotspot Moria und den gewalttätigen Demonstrationen um die Flüchtlingsproblematik eine geteilte Insel. Gegner und Befürworter der Flüchtlinge stehen sich unversöhnlich gegenüber.

"Wir schlafen nicht, wir haben Angst, sie könnten in unsere Häuser kommen", sagen die Bewohner von Moria auf Lesbos. Die Sorge klingt durchaus berechtigt und nachvollziehbar. Sind doch mehr als tausend Flüchtlinge und Immigranten auf Lesbos seit Montagabend obdachlos gefangen auf einer Insel. Es ist jedoch nur die halbe Wahrheit in einem Drama, bei dem Flüchtlinge, Migranten aber auch Inselbewohner die Opfer einer verfehlten Politik sind.

5.708 Flüchtlinge und Immigranten befanden sich am Dienstagmorgen auf der Insel. Platz für 3.500 hatten die Lager auf Lesbos offiziell. Am Mittwoch waren es bereits 5.777. Das Lager bei Moria, der berüchtigte, aus unzähligen Zelten bestehende Hotspot ist jedoch am Montag nach mehreren Stunden Ausschreitungen unter den Insassen verbrannt und unbewohnbar.

Immigranten hätten Flüchtlinge aus Syrien, die Privilegierten unter den Verdammten des Lagerlebens, angegriffen und deren Zelte samt Habe angezündet. In der Folge zahlten die Syrer die Anschläge mit gleicher Münze zurück, so heißt es in zahlreichen Berichten. Die dem Lager benachbarten Felder der Dorfbewohner wurden durch das Feuer ebenfalls verbrannt. Wäre dies die gesamte Nachricht, dann würde der Sachverhalt eindeutig die Furcht der Bürger entschuldigen, und diese von jeglichen Vorwürfen hinsichtlich eines dahinter steckenden Rassismus frei sprechen.

Vor den Ausschreitungen im Lager gab es jedoch Ausschreitungen außerhalb des Lagers gegen die Insassen. Zudem ermittelt die Polizei wegen offenbar gezielter Brandstiftung des Lagers. In eine ähnliche Richtung gehen die Stellungnahmen der örtlichen Gruppe der kommunistischen Partei. Auch sie vermutet hinter dem Brand eine Provokation.

Bislang wurden von der Polizei neun Immigranten verhaftet, 18 Personen sind vorläufig festgenommen worden. Einheimische Chaoten der Protestdemonstration wurden bislang ebenso wenig gefasst wie die rund 200 Rechtsgerichteten, welche Helfer in einem Auto angriffen und dabei deren Auto zerstörten.

Die Ausschreitungen vor dem Lager fanden im Zusammenhang mit einer Demonstration gegen die Präsenz der Flüchtlinge statt. Die Protestveranstaltung, die von der Goldenen Morgenröte dominiert wurde, fand mit dem Segen der Nea Dimokratia statt.

Der ehemalige Justizminister, Oberstaatsanwalt und örtliche Abgeordnete der Nea Dimokratia, Charalambos Athanasiou, hatte die Protestveranstaltung unter anderem als "reinen unschuldigen Kampf zur Rettung unseres Lesbos" begrüßt.

Auch als am gleichen Tag bekannt wurde, dass die Anhänger der Goldenen Morgenröte Studentinnen körperlich angegriffen und drei von ihnen ernsthafter verletzt hatten, gab es keine Reaktion von Athanasiou. Die Studentinnen hatten teilweise durch eindeutige T-Shirts demonstriert, dass sie die Protestveranstaltung ablehnen. Die wütende Menge skandierte: "Werft sie ins Meer!" Athanasious Personenschützer standen ebenso wie die Bereitschaftspolizisten nur als teilnahmslose Beobachter herum.

Der Sprecher der Regierungskoordination für Flüchtlingsfragen, Giorgos Kyritsis, rief noch am gleichen Tag die Nea Dimokratia und Athanasiou zu einer Stellungnahme auf. Es gab keine Reaktion.

Im Vorfeld der Ausschreitungen hatten, auch von Athanasiou verbreitete und von rechtsgerichteten Blogs aufgegriffene Gerüchte über den Neubau eines weiteren Flüchtlingslagers die Stimmung zusätzlich angeheizt.

Noch am Dienstag verteidigte Athanasiou seine Einstellung gegenüber der Flüchtlingsfrage mit dem Hinweis, dass die Flüchtlinge Olivenbäume fürs Heizen abbrennen und Nutztiere schlachten würden. Erst am Mittwochmittag gab es seitens Athanasiou eine eindeutige Distanzierung vom Faschismus.

Der Schattenminister für Öffentliche Ordnung der Nea Dimokratia, Makis Voridis, ging zusammen mit seinem Fraktionskollegen Dimitris Kyriazidis demonstrativ mit dem im Fadenkreuz der Antifaschisten stehenden Bürgermeister von Oraiokastro, Asterios Govotsis, zu einem gemeinsamen Abendessen.

Govotsis hatte die Bürger seiner Gemeinde zum tatkräftigen Widerstand - auch außerhalb des gesetzlichen Rahmens - gegen die Präsenz von Flüchtlingen in Oraiokastro und gegen des Schulbesuchs der Flüchtlingskinder aufgerufen. Diesbezüglich läuft ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren gegen den Politiker. Der Vorsitzende der Nea Dimokratia, Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis, hat sich indes von den Positionen des zu seiner Partei gehörenden Bürgermeisters distanziert.

Anzeige