Griechenland: Kamen die Attentäter über griechische Inseln?

Die Attentatsserie in Paris fand auch in Griechenland ihren Widerhall

Auch in Griechenland ging das einen Tag vor den Anschlägen in Paris in Beirut ebenfalls vom IS begangene Massaker medial unter. Zudem werden einige der Attentäter mit dem aktuellen Strom der Flüchtlinge über Griechenland nach Europa in Verbindung gebracht. Auch renommierte Medien wie der englische Guardian berufen sich in ihren Reportagen auf griechische Medien.

Regierungssprecherin Olga Gerovasili verwehrte sich dagegen, dass die Attentate von Paris mit den für Flüchtlinge offenen Grenzen verbunden werden. Sie rief zu Mäßigung auf. Allerdings bewies die einheimische Presse zunächst einmal, wie viele Nachrichten in der Aufregung um das Geschehene entweder falsch oder aber zumindest übertrieben sind.

Bild: giopso

Eine Glanzleistung von kopflosem Copy & Paste

Zuallererst jedoch zeigte die griechische Medienwelt, wie wenig eigene Recherchen zählen und wie viel der Kunst des Abkupferns gefrönt wird. Das eklatanteste Beispiel handelt von einem Foto der Akropolis. Diese soll, glaubt man den Medien, beleuchtet mit den französischen Nationalfarben erschienen sein, und damit soll, wieder gemäß der Medien, die Solidarität der Griechen gegenüber dem französischen Volk demonstriert worden sein.

Das auch vom Fernsehsender Skai in der Hauptnachrichtensendung von der hörbar gerührten Sia Kosioni mit Stolz verbreitete Märchen hat nur einen Haken. Die Akropolis wurde niemals mit den revolutionären französischen Symbolfarben für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beleuchtet. Die Trikolore auf der Akropolis war ein, nach eigener Einschätzung des Schöpfers, des Twitternutzers giopso, eine schlechte Umsetzung mittels des bekannten Softwareprogramms Photoshop. Das hinderte freilich kein Medium daran, die Nachricht als authentisch zu verbreiten.

Noch übler als die dreiste Lüge stößt auf, dass keines der involvierten Medien auf die Idee kam, die Quelle oder gar den wahren Urheber zu nennen. Die Achtung des Urheberrechts ist in Griechenland regelmäßig ein Kollateralschaden, wenn Medien meinen, berichten zu müssen. Wenn die Medien, wie bei der Webseite Ysterografa auf die Idee kamen, eine Quelle zu nennen, dann beließen sie es bei dem Twitter-Account, welcher die ursprüngliche Aktion von @giopso weiterverbreitet hatte. @giopso nahm das ganze sehr amüsiert auf. Für die übrigen Medienschaffenden ist es dagegen ein Kardinalsbeweis für das Berufsethos der Verleger.

Es bleibt zu bemerken, dass die abgebildete Athener Akropolis von ihrer Planerin, der mit Perikles, dem Erfinder der Demokratie, verbandelten ehemaligen Hetäre Aspasia so konzipiert wurde, dass sie im gesamten damaligen Athen sichtbar war. Aspasia war die treibende Kraft, welche in der Neuerrichtung der in den Perserkriegen zerstörten Akropolis ein Fanal für das so genannte "Goldene Zeitalter" des Perikles setzen wollte.

Dem damaligen Stadtkern hin gerichtet befindet sich übrigens eine auch heute noch komplette Begrenzungsmauer, in welcher Steine des von den Persern geschleiften ursprünglichen Bauwerks verwertet wurden. Dies sollte nach den Plänen Aspasias den Athenern immer vor Augen halten, dass Ruhm und Ehre vergänglich sind und Demut sowie Besonnenheit somit zu den Grundtugenden gehören.

Auch heute noch kann das antike Bauwerk von nahezu jedem Punkt der Stadtgemeinde Athen aus gesehen werden. Selbst bei den mit Hochhäusern durchzogenen Vierteln ist sie von jedem der Flachdächer aus sichtbar. Es wäre den Medienmachern somit ein Einfaches gewesen, das von @giopso geklaute Foto zumindest hinsichtlich der Plausibilität zu verifizieren.

Auch die internationale Presse beruft sich gern auf griechische Quellen

Unter diesem Prisma muss die Nachricht, dass zwei mutmaßlichen Attentäter über Griechenland in die EU gelangten, gesehen werden. Eine der größten griechischen Sonntagszeitungen, "To Proto Thema" rühmte sich auf ihrer Webseite, dass zahlreiche internationale Medien wie der Guardian, die Daily Mail oder der Figaro die Meldung der eigenen Webseite übernommen hätten.

To Proto Thema erwähnt mehrfach die Geschichte von den beiden Attentätern und belegt, wie mit dem Foto, welches die serbische Zeitung Blic als die Abbildung des Passes eines der Verdächtigen präsentierte, die übrigen Reisedaten ermittelt wurden und danach von den anderen Medien übernommen wurden.

Die Version von zwei Verdächtigen befindet sich, garniert mit Zitaten von Premierminister Alexis Tsipras und Verteidigungsminister Panos Kammenos, zudem in einem weiteren Artikel des englischsprachigen Teils der Internetpräsenz von To Proto Thema. In Sondersendungen griechischer Fernsehsender wurde die Nachricht ebenfalls verbreitet. Über Korrespondenten in Griechenland kam die Meldung auch an die Nachrichtenagentur Reuters.

So weit so gut. Allerdings berichtet To Proto Thema ebenfalls über die aktuell einzige offizielle Version, nämlich dass ein syrischer Pass bei einem als Attentäter verdächtigten und getöteten Mann in Paris gefunden wurde. Diese Version wurde über die staatliche, griechische Nachrichtenagentur Athens News Agency-Macedonian Press Agency verbreitet.

Update: Die französische Justizministerin Christiane Taubira soll am Sonntag gesagt haben, dass es sich bei dem Pass um eine Fälschung handelt. Die Staatsanwaltschaft von Paris gab mittlerweile bekannt, dass die Fingerabdrücke eines der Selbstmordattentäter, der sich vor dem Stadion in die Luft sprengte, mit denen eines den Sicherheitsbehörden unbekannten Syrers zu übereinstimmen scheinen (Fingerabdrücke des Attentäters ähneln denen eines in Griechenland registrierten Syrers).

To Proto Thema beruft sich in der Berichterstattung darüber sogar auf ein Gespräch mit dem griechischen Immigrationsminister Mouzalas. Mouzalas gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass der fragliche syrische Pass nur in drei der fünf bis sechs von der verdächtigen Person passierten Länder, nämlich Griechenland, Serbien und Kroatien, erfasst wurde.

Minutiös erklärte der Minister, dass der Verdächtige mit 198 weiteren Flüchtlingen in einem Boot am 3. Oktober auf Leros ankam und am 8. Oktober weiter nach Piräus reiste. Er wurde mit sämtlichen biometrischen Daten erfasst und registriert.

Der Minister wehrt sich dagegen, dass Griechenland als sicherheitstechnisch unsicherer Staat angesehen wird, denn schließlich hätten weder Österreich, noch Frankreich Daten erfasst. Weil zwischen Kroatien und Frankreich auch noch Deutschland oder Slowenien sowie Österreich liegen, müssen in mindestens zwei dieser Länder die Vorschriften missachtet worden sein. Die ebenfalls auf dem Weg von Griechenland nach Serbien liegende EJR Mazedonien gehört nicht zu den Schengen-Staaten. Die EJR Mazedonien erwägt übrigens nun auch den Bau eines Grenzzauns.

Die Reaktionen im Land

In Griechenland selbst gibt es ähnliche Reaktionen wie in den übrigen Ländern auch. Verteidigungsminister Panos Kammenos von den Unabhängigen Griechen distanziert sich etwas von der Haltung seines Koalitionspartners SYRIZA. Kammenos spricht über den Flüchtlingsstrom wie von einer über See erfolgenden Invasion, welche schwer kontrollierbare Risiken beinhalten würde.

Der Kandidat für den Vorsitz der Oppositionspartei Nea Dimokratia, Adonis Georgiadis, fürchtet dagegen, dass die EU nun Griechenland wegen der Anschläge in Paris bestrafen würde. Georgiadis sieht einen Großteil der Schuld in der seines Erachtens nach laschen Haltung der Regierung gegenüber den Flüchtlingen. Dagegen sieht der Bürgermeister von Thessaloniki, Giannis Boutaris, keine Gefahr für Griechenland. Als eher neutrales Land ohne den Hintergrund von Kolonialherrschaften sei Griechenland nicht in Gefahr, meint Boutaris.

Genau das Gegenteil sei der Fall, moniert der Herausgeber Thanassis Mavridis in seinem neuen Medium "Liberal". Mavridis ist der Überzeugung, dass Griechenland Stellung beziehen müsse. Seitens der griechischen Kirche verstörte der Beitrag des Bischofs von Thessaloniki, Anthimos, zahlreiche Griechen. Anthimos nahm die Anschläge in Paris zum Anlass, auch sich selbst als potentielles Opfer der IS-Schergen zu präsentieren.

Die öffentliche Diskussion wurde wie in den letzten Jahren üblich auch angereichert aus dem Buch der Prophezeiungen des Mönchs Paisios. Der vor wenigen Jahren heiliggesprochene Mönch hatte in einem seiner Bücher geschrieben: "Lass diejenigen, welche die Moslems sammeln und Moscheen bauen. Später werden sie begreifen, was es bedeutet, und dann werden sie die ersten sein, welche Maßnahmen gegen sie ergreifen. Ihr werdet sehen, was sie tun werden." Paisios Prophezeiungen haben im Land den gleichen Stellenwert wie im übrigen Europa die Schriften des Nostradamus. Außer von den zum übrigen Europa vollkommen analogen Personenkreisen von Esoterikern und religiösen Fanatikern werden sie auch von politisch Rechtsgerichteten gern als Beleg präsentiert. (Wassilis Aswestopoulos)

Anzeige