Griechenland: Redakteurin zur Kündigung genötigt

Titelseite der Sonntagszeitung To Vima

Corona-Strategie der Regierung: Kritische Reportagen sind unerwünscht

Am 29. November erschütterte die Titelseite der Sonntagszeitung To Vima das politische Leben in Griechenland. Der Leitartikel und die wichtigsten Reportagen handelten nur von einem Thema, dem Versagen der Regierung von Kyriakos Mitsotakis in der sogenannten zweiten Welle der Pandemie. Die Regierung in Athen tut sich schwer damit, eigenes Handeln selbstkritisch zu hinterfragen. Sie drängte darauf, die Boten schlechter Nachrichten zu bestrafen.

Auf Geheiß der Regierung entlassen

So jedenfalls stellt es die Hauptbetroffene, die Redaktionsleiterin Dimitra Kroustalli, dar. Sie war knapp dreißig Jahre bei To Vima und zeichnete sich nicht gerade durch Sympathie für linke oder sozialdemokratische Politik aus. Die Journalistin schreibt in ihrem Facebook Profil zu ihrem Abgang:

Am Montag habe ich Vima verlassen und ich gestehe, dass dies eine Möglichkeit war, die mir nie in den Sinn gekommen war. Nach der Veröffentlichung des Berichts über das parallele und ineffektive System zur Erfassung von Covid-Fällen durch IDIKA und EODY übte der Maximos-Palast erdrosselnden Druck aus. Dies führte zu inneren Spannungen und brachte mich in das Dilemma: persönliche und berufliche Demütigung oder Resignation.

Bei Vima war ich dreißig wunderbare Jahre, während der Perioden [der Herausgeber] Labrakis - Psycharis, Psycharis und zuletzt Vangelis Marinakis. Der plötzliche Umschwung erinnerte mich daran, wie fragil die Selbstverständlichkeiten in unserem Leben sind. Aber der Kampf, den wir Journalisten von Vima und Ta Nea gegen die Regierung von Syriza und den Unabhängigen Griechen führten, damit beide Zeitungen bestehen können, hilft mir, die Dinge im richtigen Rahmen zu sehen.

Eine besondere Erwähnung schulde ich Antonis Karakousis, mit dem wir gemeinsam diesen Sturm durchgemacht haben. Ich danke den Kollegen von Vima von ganzem Herzen für ihre emotionale Unterstützung. Ich wünsche Vima, Nea und [dem Fernsehsender] Mega, dass sie in der Medienwelt immer den Platz haben, den sie verdienen.

Dimitra Kroustalli

Eine Journalistin, die nach dreißig Jahren erfolgreicher Karriere die Kampagnen gegen die Vorgängerregierung als wichtigsten Karrierepunkt ansieht, kann mitnichten als feindlich gegenüber dem Nutznießer der Kampagnen, dem aktuellen Premier Kyriakos Mitsotakis, angesehen werden. Der Maximos Palast ist der Amtssitz von Kyriakos Mitsotakis. Von dort kam der Druck auf das Medium und die Journalistin.

Diese hatte gewagt, einen weiteren Fall von Greek Statistics offenzulegen. Zwei miteinander konkurrierende Erfassungssysteme für Covid19-Infektionen. Beide waren als Systeme im Auftrag des Staats tätig. Das Datenchaos führte dazu, dass dem Rat der Virologen, der die Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie diskutieren und vorschlagen muss, keine verlässliche Datengrundlage für die Analyse der Infektionsentwicklung zur Verfügung steht. Am 1. Dezember kam ein drittes Erfassungssystem hinzu. Die zeitliche Erfassung der Daten der Systeme ist nicht kongruent.

Das ältere System des EODY (Hellenic National Public Health Organization) besteht seit dem 3. April. Das zweite System der IDIKA, der Elektronischen Regierung der Sozialversicherungen, wurde kurz darauf, am 14. April begründet. Das dritte System ist vom Generalsekretariat für Öffentliche Gesundheit. Alle drei Systeme haben ihren eigenen Verwaltungsapparat, ihre Chefs und müssen von den öffentlichen und privaten Laboren mit Daten gefüttert werden.

Der EODY erfasst nur die positiven Testresultate, kann daher keine verlässliche prozentuale Aussage darüber treffen, wie viele Tests positiv ausfielen. Das zweite System von IDIKA wurde im Sommer feierlich vorgestellt, funktioniert laut Medienberichten aber erst seit Ende November. Es erfasst die Covid-Patienten, die Therapien und den Verlauf. Es gab Klagen von Laboren, die sich über ständige Abstürze der Computersysteme von IDIKA beklagten. Alle Daten des Patienten müssen von den jeweils behandelnden Ärzten per Hand eingegeben werden.

Kroustalli zeigte in ihrer Reportage die Missstände, das Chaos und die vermeidbaren Verzögerungen auf. Die Reportage erschien nach ihrer Veröffentlichung online auf den Internetseiten von To Vima und Ta Nea. Sie wurde im TV Sender Mega TV vorgestellt. Die Medien des Marinakis-Imperiums waren stolz auf ihren Coup. Die Veröffentlichungen wurden mittlerweile vom Netz genommen.Der Text selbst ist nicht verschwunden, er wurde von anderen Medien erneut ins Netz gestellt.

Kroustalli ist nicht die einzige langgediente Journalistin, die aus dem Medienkonzern ausscheidet. Vor ihr hatte die Kolumnistin Elena Akrita nach mehr als zwanzig Jahren bei Ta Nea ihre Kündigung eingereicht. Akritas Kolumne war zensiert worden. Sie hatte sich im zensierten Text darüber ausgelassen, dass die regierende Nea Dimokratia eine von Ministern initiierte Kampagne gegen Oppositionsführer Alexis Tsipras fährt, weil dieser sich eine Ferienvilla nahe Sounion gemietet hat.

Außer der Tatsache, dass die Diskussion inmitten einer Pandemie taktlos erscheint, echauffierte sich Akrita über die Tatsache, dass niemand sich fragt, wie Mitsotakis als Spross einer seit Generationen im Staatsdienst befindlichen Politikdynastie auf 32 Immobilien, darunter auch einem früheren Wohnhaus von Voltaire in Paris kommt. Ta Nea kippte die Kritik am Premier aus der Zeitung und Akrita zog daraus die Konsequenzen.

Die Reaktion der Presse und der Journalisten auf die Entlassung ihrer Kollegen nach Druck aus dem Premierministerbüro ist geteilt. Es gibt Medien, die selbst gegen Regierungskritiker vorgehen und sich nicht scheuen, anonyme Kreise der Regierung wortwörtlich zu zitieren und im eigenen Textbeitrag unkommentiert zu wiederholen.

Regierungsnahe Medien vs Kritiker

"Erbarmen mit der Kleinlichkeit", titelt das Online-Magazin Protagon in einem aktuellen Artikel. Es reagiert damit auf harsche Kritik der oppositionellen Presse an der Gattin des Premierministers. Die Gründerin der Modefirma Zeus & Dione, Mareva Grabowski, ist mit Vertretern der Modefirma Dior rund 240 km quer durchs Land, von Athen nach Kalamata gefahren, ließ dort wegen der Pandemie geschlossene Museen öffnen und sah sich zusammen mit den Dior-Vertretern antike Stoffe und Schnittmuster an.

Gleichzeitig ist es den Bürgern des Landes nicht gestattet, ohne triftigen Grund das Haus zu verlassen. Reisen von einem Nomos in den benachbarten sind bei hohen Strafen verboten. Bürgerschutzminister Michalis Chrysochoidis verkündete am Mittwoch, er werde auch Häuser und Wohnblocks versiegeln lassen, damit die Menschen sich in dieser Phase der Pandemie und insbesondere während der Weihnachtstage nicht treffen.

Grabowski fiel bereits Anfang Dezember, damals mit ihrem Mann dem Premier, auf, als beide bei einer Rad- und Motorradtour im Naturschutzgebiet Parnitha gleich reihenweise Gesetze und Pandemiemaßnahmen übertraten. Mitsotakis entschuldigte sich später beim Interview im Sender Alpha TV, es sei ein Moment der Unbekümmertheit gewesen. Weitere Konsequenzen zog er nicht.

Offiziell hat sich Mareva Grabowski im Juni von ihrer Modefirma zurückgezogen und übt keine unternehmerischen Aktivitäten mehr aus. Damit würde ein beruflicher Grund für die Reise wegfallen. Die Gattin des Premiers ist zudem keine gewählte oder ernannte Amtsträgerin. So gibt es Fragen, die zahlreiche kritische Veröffentlichungen in Griechenland stellen. Protagon liefert als Antwort, dass Kreise des Premiers das Medium darüber unterrichtet hätten, dass die Ehefrau des Regierungschefs eine Sondererlaubnis vom Zivilschutz erhalten habe.

Denn die Reise nach Kalamata habe nationalen Interessen gedient. Angeblich will Dior pünktlich zur 200 Jahr Feier des Aufstands der Griechen gegen das Osmanische Reich eine griechisch inspirierte Kollektion vorstellen. Die Person aus dem Kreis des Premiers wird mit den Worten zitiert:

Die Vulgarität einiger hat alle Grenzen überschritten. Wir müssen beachten, dass Frau Mareva Grabowski Mitsotakis nicht zu einem Ausflug nach Kalamata fuhr, sondern nach schriftlicher Genehmigung des Zivilschutzes Führungskräfte von Dior, einem der größten Modehäuser der Welt, begleitete, die in unser Land kamen.

Diese besichtigten ein Museum, um auszuloten, ob ihre neue Kollektion im Jahr 2021 anlässlich der 200-jährigen Unabhängigkeit einen Bezug zu Griechenland haben könnte. Diese Tatsache wird, wie jeder erkennt, eine wichtige Werbung für das Land sein. Es ist auch bekannt, dass Frau Mitsotakis systematisch an der Förderung des griechischen Handwerks in aller Welt beteiligt ist, was in direktem Zusammenhang mit der Umsetzung der Sammlung steht. Erbarmen jetzt mit der Kleinlichkeit!.

Protagon

Wo es die erwähnte Sondergenehmigung beim Zivilschutz gibt und unter welchen Bedingungen sie beantragt werden kann, darüber gibt es keine Informationen. (Wassilis Aswestopoulos)