Griechenland: Skepsis gegenüber Tourismus-Experiment

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Nach der Generalprobe: Es sieht nicht besonders gut aus mit dem "problemlosen" Tourismus in Zeiten von Corona

Pfingsten, in Griechenland wegen des Kalenders der orthodoxen Kirche eine Woche später als in römisch-katholischen Ländern, war eine Generalprobe für den Tourismus in Griechenland in Zeiten der CoVid19-Pandemie. Das Wetter spielte mit. Knapp zehn Tage Regenwetter endeten am Samstag. Das Pfingstwochenende ist für Beamte verlängert. Für sie ist auch der Montag ein Feiertag. Weitere Branchen haben sich freiwillig der Feiertagsregelung angeschlossen. Für viele Beamte und Angestellte in Griechenland sind solche Feiertage traditionell eine Gelegenheit für einen kurzen Ausflug.

Steigende Infektionszahlen

Die Generalprobe verursachte zahlreiche kontroverse Diskussionen. Alarmierend erscheinen für einige Beobachter dagegen die wieder stark ansteigenden Infektionszahlen. Am 8. Juni meldete die Regierung 52 Neuinfektionen für die vergangenen vierundzwanzig Stunden, den höchsten Wert seit dem 23. April. Die Kommission des Gesundheitsministeriums hatte zu Beginn der Lockerungsphase angekündigt, "bei 50 bis 100 Neuinfektionen über Lock-down-Maßnahmen nachzudenken".

Die Bekanntgabe täglicher Bulletins zu den Infektionszahlen wurde Anfang Juni zunächst eingestellt. Künftig soll es wieder ein tägliches Bulletin geben. Innerhalb von vier Tagen seit dem letzten Bulletin wurden 97 neue Infektionen registriert. Nun gibt es seitens der Regierung bereits die Ankündigung, dass zumindest lokale Lock-down-Maßnahmen in Betracht gezogen werden.

Dabei beziehen sich die Infektionszahlen wegen der Inkubationszeit auf den Zeitraum der Geschehnisse, die Ende Mai - Anfang Juni stattfanden. Regierungssprecher Stelios Petsas mahnte in seiner Stellungnahme auch, dass die bestehenden Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen streng eingehalten werden müssten.

Der für den Katastrophenschutz und die Corona-Pandemie zuständige ministerielle Staatssekretär für Bürgerschutz Nikos Chardalias mahnte ein Einhalten der Schutzmaßnahmen an. Er weilte am Montag in Thessaloniki, wo er am Flughafen zusammen mit den Verantwortlichen von Fraport das Vorgehen für die am 15. Juni beginnende Wiederaufnahme von internationalen Flügen an den von Fraport genutzten griechischen Regionalflughäfen besprach.

Viele der neuen Infektionen werden mit den ersten aus dem Ausland kommenden Linienflügen und mit Autoreisenden aus dem Ausland in Verbindung gebracht. Dies lässt Skepsis aufkommen, ob das Experiment der griechischen Regierung, den Tourismus für die laufende Saison zu ermöglichen, realisierbar ist.

Epidemiologien, wie Professor Nikos Sypsas, führen die ansteigenden Infektionszahlen auf verantwortungsloses Handeln von Bürgern zurück. Sypsas warnt, dass der eigentlich geplante, weitgehend uneingeschränkte Tourismus in Gefahr ist.

Berichte von Reisenden, die am Flughafen Eleftherios Venizelos nahe Athen ankommen, berichten jedoch davon, dass die Menschenansammlungen und das Gedränge am einzigen momentanen internationalen Flughafen des Landes eher von den Verantwortlichen, denn von den Reisenden verursacht werden. Es gibt Klagen darüber, dass sich in den Warteschlangen für die Tests auf CoVid19 Passagiere von verschiedenen Ländern auf engstem Raum stauen.

Gleiches betrifft die Schiffsreisenden. Eine Fähre mit Rückkehrern von der Insel Ägina war am Montag offensichtlich überfüllt, obwohl es eine Vorschrift gibt, dass Fähren nicht bis zur vollen Auslastung gebucht werden dürfen. Beim Boarding darf es kein Gedränge in Warteschlangen geben. Dass für dieses Chaos allein die Bürger verantwortlich sein sollen, erscheint zumindest ungerecht. Daran, dass ab Montag auch Bars und Nachtclubs geöffnet werden dürfen, haben die jüngsten Entwicklungen nichts geändert.

Reisezahlen vergleichbar mit dem Vorjahr

Das Pfingstwochenende war, weil die Möglichkeit für den Massentourismus nach Griechenland erst ab dem 15. Juni besteht, eine Generalprobe für die Binnennachfrage und für die Durchsetzbarkeit der strengen und komplizierten Infektionsschutzbestimmungen. Ein Maß für die Abschätzung der Zahl der Reisenden sind die von den Mautstationen gelieferten Zahlen der durchfahrenden Autos. Die diesbezüglichen statistischen Erhebungen wurden von einer Reihe von Medien unterschiedlich beurteilt. Die Zeitung Proto Thema berichtete zunächst, dass es im Vergleich zu 2019 weniger Ausflügler gab, die Zeitung Ta Nea sah einen Anstieg der Zahl der Reisenden.

Die Kathimerini sah die Zahlen für 2020 auf gleichem Niveau wie im Vorjahr. In den Fernsehnachrichten des Senders Ant1 wurde dagegen am Sonntagabend von der Insel Paros berichtet, dass Touristen ausgeblieben seien. Einige Medien verbreiteten dagegen, dass zwanzig Prozent weniger Menschen als im Vorjahr einen Ausflug unternommen hätten.

Etwas differenzierter analysierte The TOC, dass in absoluten Zahlen vergleichbar viele Reisende den Großraum Attika verlassen hätten, sich allerdings die Ziele für die Kurztrips etwas geändert hätten. Im Großen und Ganzen scheint die Corona-Pandemie den inländischen Tourismus nicht zu beeinträchtigen.

Des einen Freud ist des anderen Leid

Während die Live-Schaltung des Senders Ant1 aus Paros eine Strandbar zeigte, in der, mangels Touristen, die Angestellten der übrigen Lokale zusammen mit den Beschäftigten der Strandbar demonstrativ unter Einhaltung sämtlicher Abstandsregeln feierten, gab es von der Insel Mykonos andere Bilder. Mykonos konnte sich vor Touristen nicht retten.

Die Szenen von Paros wirkten gestellt. Hier sollte offenbar demonstriert werden, dass ein aus epidemiologischer Sicht sicherer Tourismus möglich ist. Hinsichtlich der Buchungszahlen klagten die Befragten auf Paros über ein Ausbleiben des Interesses. Ähnliche Meldungen gab es von der Insel Lefkada. Hier ist von einem Rückgang der Buchungen über knapp neunzig Prozent die Rede.

Teure Party auf der Insel Mykonos

Dort, wo es Touristen gab, wollten diese auch das tun, was sie gewöhnlich an ihren touristischen Zielen unternehmen. Die Insel Mykonos steht für Party und gute Laune. Ergo wurde in den Strandbars der Insel gefeiert.

In einer Strandbar, Alemagou, registrierten Kontrolleure ein Gedränge, wie es normalerweise in Corona-freien Jahren mitten in der Hochsaison beobachtet wurde. Die Feiernden waren dicht gedrängt, weder Personal noch Gäste trugen Masken.

Das Resultat der Prüfung war ein Bußgeld über 20.000 Euro, sowie die Verordnung einer Schließung für die nächsten zwei Monate. Damit ist die Saison für die Strandbar gelaufen, bevor sie angefangen hat. Die lokalen Konkurrenten des Strandbar-Betreibers zeigen sich solidarisch. Viele blieben nach dem verhängten Bußgeld aus Solidarität, aber auch aus Angst vor Strafen geschlossen, berichten lokale Medien.

Die Wirte sehen die Schuld nicht bei den Ladenbetreibern, sondern bei den Touristen. Sie verweisen darauf, dass ein Wirt trotz eigener Einhaltung der Regeln wenig unternehmen könne, wenn sich am Strand die Leute um die Theke herum sammeln. Manche Medien, wie Myconos TV, berichteten sogar darüber, dass für die Strandbars ein Proteststreik geplant sei.

Wirtschaftsminister Adonis Georgiadis will hart bleiben. "Ich bin der zuständige Minister und wir haben festgestellt, dass ein Unternehmen mitten im Blick der Öffentlichkeit die Regeln nicht einhält. Was hätte ich sagen sollen? Bravo, weiter so", kommentierte er in einer Fernsehsendung bei Skai TV. Er bemerkte in der Sendung auch, dass es bei zahlreichen Kontrollen im Land keinen "so extremen Fall des Brechens der Regeln gegeben" habe.

"Dort war wirklich der eine an den anderen gedrängt und passen sie auf, wir haben verboten, dass die Theke benutzt wird. Auf der Theke klebte einer auf dem anderen. Es war, als gäbe es keinerlei Gesetz, keine Bestimmung. Wenn jemand so dreist ist, muss er die Konsequenzen spüren", sagte Georgiadis.

Der Minister wusste zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nicht, dass es auch einen weiteren Fall im Land gegeben hatte. Auf der Insel Euböa im Dorf Triada hatte ein Restaurantbetreiber kurzerhand ein Straßenfest organisiert. Er hatte eine Bühne aufgestellt, eine Live-Band eingeladen und ließ seine Mitbürger fröhlich feiern.

Die Polizei zeigte sich wenig begeistert. Der Betrieb des Wirts muss zwei Wochen schließen und gegen den Wirt wurde ein Bußgeld von 3.000 Euro verhängt. Die Bekanntgabe des Falls von der Insel Mykonos führte zudem dazu, dass zahlreiche Sender auch Amateurvideos von anderen, ebenfalls überfüllten Gaststätten im gesamten Land zeigten.

Es wurde bekannt gegeben, dass es auch an weiteren Orten verhängte Bußgelder, zum Beispiel wegen Servierpersonal ohne Maske gegeben hat. Den betroffenen Unternehmern bleibt die Möglichkeit, gegen die Bußgelder und Strafen Einspruch zu erheben, obwohl seitens des Ministeriums das Gegenteil behauptet wird.

Ist Mitsotakis ein Kommunist?

Nicht allen Kommentatoren im Land gefällt das strenge Vorgehen der Prüfer. Der Chefkommentator des Senders Skai TV und Radiomoderator bei Skai Radio, Aris Portosalte, geriet vor laufender Kamera live in Rage. Er wiederholte sein Statement auf Twitter:

Die demonstrative Strafe der Schließung für zwei Monate und nicht nur ein hohes Bußgeld für ein Unternehmen, welches 280 Angestellte in einer Beach-Bar auf Mykonos beschäftigt ist eine korrekte Entscheidung für eine kommunistische Regierung! Hat unsere liberale Regierung den Ruhm [der Kommunisten] geneidet?

Aris Portosalte, Skai TV

Portosalte gehörte bislang zu den Journalisten, die unverblümt für Mitsotakis und seine Minister geworben hatten. Wenige Wochen vorher, als sich Jugendliche auf Plätzen im Land trafen und im Freien ihr Bier tranken, klang Portosaltes Einstellung anders. Damals begrüßte er, dass die Jugendlichen von Einsatzpolizisten brutal verprügelt und komplette Straßenzüge von Tränengasschwaden überzogen wurden. Noch stellt sich Adonis Georgiadis, der mit Portosalte freundschaftlich verbunden ist, hinter den Journalisten, der für seinen Vergleich Mitsotakis mit Kommunisten scharf kritisiert wurde.

Das bürokratische Eigentor

Portosalte hätte für eine weitere Maßnahme der Regierung durchaus berechtigt Kritik üben können, tat es aber nicht. Schließlich sorgte der Staat mit seiner Bürokratie selbst für ein Eigentor. Premierminister Kyriakos Mitsotakis hatte am Donnerstag in einer Feierstunde den offiziellen Werbespot für den Tourismus in Griechenland vorgestellt. Alles sei bis ins letzte Detail geplant, hieß es von Seiten der Regierung.

Dabei wurde, wie üblich ein kleines Detail übersehen. Die Hotels, die am 1. Juni wieder öffnen durften, waren diejenigen, die über das ganze Jahr geöffnet sind. Folglich nahmen nahezu alle Hotels mit ganzjährigem Betrieb wieder Buchungen entgegen. Viele hatten vergessen, dass sie vor Jahren oder Jahrzehnten ihren Betrieb beim Finanzamt anfänglich als saisonal angemeldet hatten.

Schließlich fällt diese Kleinigkeit in der Regel niemandem auf und beeinträchtigt die zu zahlenden Steuern in keiner Weise. Mit der Anmeldung verbunden ist eine Code-Nummer, im griechischen Finanzsystem KAD genannt.

Die von der Regierung öffentlich verkündete Wiedereröffnung der ganzjährigen Betriebe wurde in dem behördlichen Rundschreiben an die zuständigen Ämter mit der entsprechenden KAD-Nummer versehen. So kam es, dass allein in der Stadt Nafplio Hoteliers knapp 1.000 Buchungen für die Pfingsttage stornieren mussten.

Sie hatten im buchstäblich letzten Moment erfahren, dass sie die falsche KAD-Nummer haben. Ein Zuwiderhandeln gegen die im Rundschreiben verordnete Schließung der saisonalen Betriebe bis mindestens 15. Juni wäre eine Straftat, die neben einem Gerichtsverfahren gegen den Hotelier eine Schließung für sechzig bis neunzig Tage, ein vom Tourismusverband vorgesehenes Bußgeld von 5.000 Euro, sowie ein zusätzliches Bußgeld an die Touristenpolizei von weiteren 5.000 Euro nach sich zieht.

Eine Änderung der KAD-Nummer, eigentlich ein ziemlich simpler bürokratischer Vorgang, ist für die Dauer der Pandemie-Schutzmaßnahmen nicht möglich. Dies beruht auf einem weiteren, vor Monaten beschlossenen Regierungserlass.

Den betroffenen Hoteliers bleibt nun nichts weiter übrig, als die Betriebs- und Personalkosten ihrer Hotels für die nächsten Tage bis zur erlaubten Eröffnung ohne Gäste zu zahlen.