Griechenland: Zu Tode gespart

Bitteres Fazit und düsterer Ausblick

Berlins Kahlschlagskurs hat nicht nur einen massiven Verarmungsschub in Griechenland ausgelöst, er scheiterte somit auch an seiner eigenen Zielsetzung, dem Abbau der europäischen Schuldenberge. Wie bereits erwähnt: Die Staatsverschuldung Griechenlands ist von rund 100 Prozent des BIP 2007 über etwa 120 Prozent bei Krisenausbruch 2009 bis auf rund 176 Prozent des BIP angestiegen.

Der Effekt des "in die Staatspleite Sparens", der durch die deutsche Austeritätspolitik ausgelöst wurde, ist hiermit empirisch eindeutig belegt. Das Spardiktat hat nicht nur Griechenland in einen sozioökonomischen Zusammenbruch geführt, der an Kriegsfolgen erinnert, es ist auch an seiner eigenen Zielsetzung, der Reduzierung der griechischen Schuldenberge, spektakulär gescheitert.

Volkswirtschaften sind nun mal keine "schwäbischen Hausfrauen", die Angela Merkel in ihrer berüchtigten Rede bei Krisenausbruch ganz Europa als leuchtendes wirtschaftspolitisches Vorbild hinstellte, da die Einsparungen und Steuererhöhungen (bei Sozialleistungen, im öffentlichen Sektor, höhere Konsumsteuern) zugleich zu rezessionsbedingt verminderten Staatseinnahmen (sinkende Steuern) und erhöhten Staatsausgaben (steigende Arbeitslosigkeit) führen.

Von einer grundlegenden Erholung Griechenlands kann gegenwärtig auch im Hinblick auf die ökonomischen Eckdaten keine Rede sein: Das anämische Wachstum von 1,4 Prozent 2017 (EU-Durchschnitt: 2,3) und voraussichtlich 2,1 Prozent in diesem Jahr wird auf absehbare Zeit nicht den krisenbedingten Einbruch des griechischen BIP kompensieren können, der um rund ein Viertel einbrach.

Derzeit verzeichnet das Mittelmeerland eine Arbeitslosenquote von rund 20 Prozent die immerhin niedriger ist als zur Hochzeit der Krise im Jahr 2013, wo 27,5 Prozent aller Griechen erwerbslos waren. Die Jugendarbeitslosigkeit bleibt hingegen weiterhin auf einem sehr hohen Niveau von rund 40 Prozent.

Dabei gilt es zu bedenken, dass die Senkung der Arbeitslosenquote teilweise auf die enorme Arbeitsmigration aus Griechenland zurückzuführen ist, die vor allem hochqualifizierte Arbeitskräfte erfasste. Mehr als eine halbe Million griechischer Lohnabhängiger hat das Land im Krisenverlauf verlassen, die Einwohnerzahl Griechenlands sank allein zwischen 2011 und 2018 um 355 000 Menschen.

Seit 2010 ist infolge der immer neuen schäublerischen Sparpakete das Lohnniveau um rund 20 Prozent gefallen, während die Aufwendungen für den griechischen Sozialstaat um rund 70 Prozent zusammengestrichen wurden.

Infolge der Wechselwirkung aus Sozialstaatsabbau und explodierender Arbeitslosigkeit haben sich Hunger und Unterernährung in Hellas breit gemacht.

Mangelernährung und dramatische soziale Situation

Betroffen von Mangelernährung waren oftmals Kinder aus verarmten Gesellschaftsschichten: 2013 sahen sich rund zehn Prozent der Schüler in Griechenland mit "Nahrungsmittelunsicherheit" konfrontiert, sie mussten Mangelernährung oder Hunger verkraften. Im Jahr 2015 galten rund 22 Prozent aller Griechen als extrem arm - sie waren nicht mehr in der Lage, ihre grundlegenden Bedürfnisse selbst zu befriedigen.

Ohnehin scheine die Krise in Griechenland nur für die Beobachter überwunden, die nicht in dem Land lebten, so kommentierte die Washington Post die weiteren sozioökonomischen Aussichten des Mittelmeerlandes. Das Land bedrohe nicht mehr die Stabilität der globalen Ökonomie, doch seien deren Einwohner immer noch gefangen in dem "größten Kollaps, den ein reiches Land durchmachen musste".

Sollten sich die Prognosen des IWF bewahrheiten, würde das Mittelmeerland "weitere zehn Jahre" brauchen, um konjunkturell auf das Niveau von 2007 zurückzukehren. Dieses "best-case Szenario" gehe von zwei verlorenen Dekaden, aus - solange es in der Zwischenzeit keine Rezession gebe.

Die Menschen würden "kein Licht am Ende des Tunnels" sehen können, kommentierten griechische Bürger gegenüber britischen Medien die weiterhin dramatische soziale Situation im Land, in dem Elendslöhne, Suppenküchen, Mangelernährung und Obdachlosigkeit und zum Alltag geworden seien. (Tomasz Konicz)