Griechenland ehrt Vietnams Revolutionsführer

In Vietnam stehen seit Jahrzehnten Ho-Chi-Minh-Denkmäler. Nun bekommt auch Edessa eines. Foto: © Steffen Schmitz (Carschten) / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Ein Denkmal für Ho Chi Minh: Was den späteren Präsidenten Nordvietnams nach Edessa verschlug.

Es ist weder ein sommerlicher Aprilscherz, noch hat die rechtskonservative Regierung in Athen beschlossen, sich in Richtung Kommunismus zu orientieren. Sie wird trotzdem in Edessa in Makedonien, der ersten Hauptstadt des antiken Makedoniens nahe der Geburtsstätte Alexanders des Großen, einer der Ikonen der kommunistischen Bewegung des vergangenen Jahrhunderts ein Denkmal errichten.

Dies hat der griechische Außenminister Nikos Dendias anlässlich seines jüngsten Staatsbesuchs in Vietnam verkündet. Gleichzeitig möchte Dendias die Asche eines im Juni 2021 verstorbenen Helden des vietnamesischen Widerstands gegen die USA, Nguyen Van Lap, in Griechenland als Kostas Sarantidis geboren, nach Vietnam überführen und dort mit in einem Ehrengrab beerdigen lassen.

Sarantidis und "Onkel Ho" stehen für ein vielen eher unbekanntes Kapitel gemeinsamer Geschichte beider Länder. Beide haben zunächst für die französischen Streitkräfte Krieg geführt.

Ho Chi Minh in Griechenland

Der 1890 geborene Ho Chi Minh gelangte 1916 mit dem französischen Heer im Ersten Weltkrieg nach Edessa, das damals als Vodena bekannt war. Der spätere vietnamesische Revolutionsführer war bis 1917 als Koch und Fotograf für die französischen Streitkräfte tätig. Er hinterließ schon damals seine Spuren mit einem von ihm im Hof des örtlichen Militärkrankenhauses gepflanzten Ginkgo biloba Baum, welchen die Nordgriechen seinerzeit durch Ho Chi Minh kennenlernten.

Die Geschichten um Ho Chi Minhs Wirken in Edessa erzählte er 1965 selbst, als er bereits seit 20 Jahren Präsident Nordvietnams war und von dem griechischen Journalisten Solon Grigoriadis interviewt wurde. Zu Beginn des Interviews fragte Ho Chi Minh Grigoriadis nach dessen Herkunftsregion in Griechenland.

Familiär stammte der in Kastoria geborene Grigoriadis aus Edessa. Der Journalist war erstaunt, als er vom vietnamesischen Präsidenten wie ein alter Freund umarmt wurde. Der Journalist bekam eine Story über das Leben des prominenten Kommunisten, die er im damals politisch turbulenten Griechenland kurz vor dem Militärputsch kaum veröffentlichen konnte.

Er übergab seine Aufzeichnungen an einen Verwandten, Tryfon Sivena, der nach Grigoriadis Tod 1994 mit seinem Wissen zum Stadtrat Edessas ging. Nachforschungen wurden gemacht, die Stadtgemeinden Edessas und der Nachbarstadt Verias kontaktierten staatliche Behörden in Vietnam und konnten so das überlieferte Wissen des Journalisten verifizieren. Tatsächlich finden sich auf dem Militärfriedhof Zeitenlik in Thessaloniki auch die Gebeine verstorbener vietnamesischer Soldaten.

Dendias, der bestrebt ist, Griechenlands Ansehen auch in Asien zu verbessern, ergriff die Gelegenheit, mit der gemeinsamen Geschichte Brücken zu bauen. Ausgerechnet unter den Anhängern seiner Partei, der Nea Dimokratia, rumort es, weil mit Hồ Chí Minh ein Kommunist geehrt wird.

Kostas Sarantidis in Vietnam

Für die Rechtskonservativen ist der zweite Teil der Vereinbarung, die Ehrung von Kostas Sarantidis, nicht minder ärgerlich. Der 1927 geborene Sarantidis entstammte einer griechischen Flüchtlingsfamilie aus Kleinasien. Er wurde von griechischen Mitarbeitern der Gestapo aufgegriffen und im September 1943 zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt.

Beim Fußmarsch der Zwangsarbeiter durchs ehemalige Jugoslawien gelang ihm nahe Zagreb die Flucht. Er schlich sich als "blinder Passagier" auf Eisenbahnwaggons und konnte bei der Bombardierung eines Zuges einen Koffer mit einer deutschen Uniform ergattern. Mit der Uniform bekam er eine Ernährungskarte und gelangte nach Österreich.

Bei Kriegsende fand er weitere verirrte Griechen in Italien. Sie wollten über die griechische Botschaft eine Möglichkeit zur Rückkehr in die Heimat bekommen, erfuhren jedoch, dass dort der Bürgerkrieg ausgebrochen war. In ihrer Verzweiflung schlossen sich der französischen Fremdenlegion an, ohne zu wissen, was dies bedeutete.

Sarantidis gelangte als Legionär im Februar 1946 nach Vietnam und empfand, dass die Franzosen die Vietnamesen ebenso schlecht behandelten wie die Wehrmacht ihn in Griechenland. Keine zwei Monate nach seiner Ankunft wechselte er die Seiten und lief zu den Viet Minh über.

1949 wurde er Mitglied der vietnamesischen kommunistischen Partei, was er zeitlebens blieb. Aus Sarantidis wurde Nguyen Van Lap. 2010 erhielt der 1965 nach Griechenland zurückgekehrte, mehrfach ausgezeichnete Partisan die vietnamesische Staatsbürgerschaft. 2013 wurde er in Vietnam zum Helden der Volksarmee erklärt.

Die gegenseitige Ehrung der Kriegshelden ist für die Bevölkerung beider Länder eine Gelegenheit, sich mit der Geschichte zu beschäftigen. In internationalen Lexika sind beim Thema Ho Chi Minh kaum Hinweise zu dessen Wirken in Griechenland zu finden. Auch dies könnte sich mit dem Denkmal in Edessa mittelfristig ändern. (Wassilis Aswestopoulos)