Griechenlands helfende Hände

Ankunft der Flüchtlinge. Foto: Eleni Ioannidou

Nicht nur auf der Insel Lesbos, in ganz Griechenland gibt es Freiwillige, die sich um Arbeitslose und Flüchtlinge kümmern

"Wie lange müssen wir noch Laufen?" fragen die Flüchtlinge 30 Kilometer vor dem Ziel. Der Weg von den Stränden, wo die Schlauchboote aus der Türkei ankommen, bis zum Hafen, wo die Fähren Richtung Athen und Thessaloniki fahren, ist fast 50 Kilometer lang. In kleinen Gruppen laufen die Menschen entlang der Straße, die sich durch Hügel und Felder windet.

In einem Dorf passieren die Neuankömmlinge ein Schild, dass ein Anwohner aufgespannt hat. "Nicht in unser Dorf, nicht in unsere Schule. Es gibt andere Lösungen für die Flüchtlinge." Solche Transparente seien eine absolute Ausnahme auf Lesbos, meint die Ärztin Eleni Ioannidou, die Ende September zusammen mit drei Kolleginnen aus der nordkretischen Stadt Rethymno einen unbezahlten Freiwilligeneinsatz auf der Insel gemacht hat. Eleni verdient ihr Geld im Krankenhaus der nordkretischen Stadt Rethymno. Dort treffe ich sie spätabends. Während einer 24-Stunden-Schicht, hat sie gerade noch Zeit für ein Interview.

Eleni erzählt, es habe einen Aufruf der selbstorganisierten griechischen Gesundheitszentren gegeben, nach Lesbos zu fahren, um Hilfe zu leisten. Sie habe von dem Aufruf gehört, weil sie selbst neben ihrer Arbeit im Krankenhaus noch als Freiwillige im selbstorganisierten Gesundheitszentrum "Sozialen Solidarität" in ihrer Heimatstadt Rethymnoktiv ist. Auf Lesbos gab es schon eine von den griechischen "Gesundheitszentren" aufgebaute Klinik in einem Zelt, erzählt die Ärztin. Sie selbst hatte den Eindruck, dass es auf der Insel nicht so sehr an medizinischer Hilfe mangelt. Es gäbe vor allem menschliche Probleme.

Täglich kommen auf Lesbos 4.000 bis 5.000 Flüchtlinge an. Diese Zahl hätte ihr die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) genannt, die vor Ort zusammen mit der UNO und anderen Hilfsorganisationen im Einsatz ist. Die Haltung der Insel-Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen sei "sehr freundlich", erzählt die Ärztin.

Ankunft der Flüchtlinge. Foto: Eleni Ioannidou

An der Küste von Lesbos erlebte die Freiwilligen-Gruppe aus Kreta herzzerreißende Szenen. Die Flüchtlinge umarmten und küssten sich, nachdem sie griechischen Boden betreten haben. Sie machten Selfies, küssten auch den Boden und riefen begeistert, "Danke, Griechenland".

Neun Kilometer liegen zwischen dem türkischen Festland und der Insel Lesbos. Die Überfahrt dauere im günstigsten Fall eineinhalb Stunden, so Eleni. "Doch viele Boote sind 24 Stunden unterwegs. Sie haben die Orientierung verloren. Manche schaffen die Überfahrt nicht und sinken."

Damit die Boote den Weg zur günstigsten Lande-Stelle finden, winkten Eleni und ihre Kolleginnen einem Boot, was zunächst nur als kleiner Punkt zu sehen war, mit orangenen Schwimmwesten. Am Steuer der Schlauchboote sitzen oft Flüchtlinge, die nicht genau wissen, wo die günstigen Stellen zum Landen in Lesbos sind.

"Auf der türkischen Seite zahlt jeder Flüchtling 1.000 Dollar", erzählt die Ärztin. "In ein Schlauchboot passen 40 Personen. Nachdem sie bezahlt haben, bekommen die 40 Leute das Schlauchboot zur eigenen Verfügung."

Meist haben die Passagiere der Schlauchboote noch keinen Fuß auf griechischen Boden gesetzt, da greifen schon geschäftstüchtige Anwohner, die ins Wasser gewatet sind, nach den Booten. Die Boote werden dann komplett zerlegt und weiterverwertet. Das Gummi wird zerschnitten, das Holz und die Motoren abmontiert und abtransportiert.

Dort wo die Schlauchboote ankommen, herrsche ein ziemliches Chaos, erzählt Eleni. Anstatt, dass sich die Freiwilligengruppen verschiedener Hilfsorganisationen untereinander koordinieren und auf alle Strände verteilen, wo Schlauchboote ankommen, fahren die freiwilligen Helfer immer nur dorthin, wo gerade ein Boot ankommt. An anderen Stränden fehlten sie dann.

Eleni Ioannidou. Foto: Ulrich Heyden

Überall am Strand finde man Kinderschwimmwesten, die normalerweise für Kinder-Planschbecken benutzt werden. "Diese Schwimmwesten sind fürs Meer nicht geeignet", erregt sich Eleni, die selbst zwei Kinder hat.

Einige Schlauchboote drehen nach dem Abliefern der Flüchtlinge auf Lesbos Richtung Türkei um. Doch Eleni wird Zeugin, wie eines dieser Boote von einem Frontex-Hubschrauber an der Weiterfahrt Richtung Türkei gehindert wird. Der Hubschrauber fliegt sehr niedrig über dem Boot, bis ein Schiff der Marine kommt, welches das Boot beschlagnahmt.

Ihre Videos und Fotos von der Situation auf Lesbos will Eleni Ende Oktober auf einer Informationsveranstaltung in ihrer Heimatstadt Rethymnozeigen. Um ihren Mitbürgern, die Situation näher zu bringen, wollen Eleni und ihre Kollegen vom Gesundheitszentrum auch einige Fundstücke von den Stränden auf Lesbos zeigen, Kinderspielzeug, Frauenkopftücher und Schwimmwesten. Außerdem sollen Soziologen von der Uni den Bürgern das "Phänomen Flüchtlinge" erklären.

Nach ihrem Einsatz auf Lesbos hat Eleni viele Ideen, weshalb sie jetzt einen Bericht mit Vorschlägen an das griechische Flüchtlingsministerium geschrieben hat. An den Stränden gibt es keine Klos. Und überall wo die Schlauchboote anlanden, lassen die Flüchtlinge ihre nassen Sachen und Schwimmwesten liegen. Man könnte eine Wäscherei in Betrieb nehmen, welche die nassen Sachen wäscht und trocknet. Die Schlauchboote könnten von der örtlichen Verwaltung recycelt werden, anstatt dass die Boote von Geschäftemachern ausgeschlachtet werden. Bisher hat es der griechische Staat nicht geschafft die Hilfsarbeit auf der Insel zu koordinieren.

Foto: Eleni Ioannidou

Für die große Zahl der Flüchtlinge haben UNO und MSF nicht genug Busse. Nur die Kranken, Kinder und Schwangeren dürfen mit dem Bus zu den Camps fahren. Dort werden die Flüchtlinge innerhalb von zwei Stunden registriert. Danach können sie sofort weiterreisen, wenn sie denn Geld haben.

Die wohlhabenderen Flüchtlinge verlassen die Insel mit dem Flugzeug, erzählt die Ärztin. Doch der Großteil wartet auf die Fähren. Manche campen direkt auf der Hafen-Pier und hoffen auf Geld von Hilfsorganisationen für ein Schiffsticket.

Der Tourismus auf Lesbos sei zusammengebrochen, erzählt Eleni. Die Wirtschaft auf der Insel werde jetzt durch die Flüchtlinge angekurbelt. Die Hotels und Restaurants auf der Insel seien voll von Syrern.

Auf Lesbos gibt es zwei Flüchtlingscamps, "eines für die Syrier und eines für Afghanen, Pakistaner". Die Lager seien "sehr schmutzig. Ich denke das ist ein Problem der Organisation", sagt die Ärztin.

Viele Afghanen seien Wirtschaftsflüchtlinge, meint Eleni und zeigt ein Foto von einem Schlauchboot in dem nur junge afghanische Männer sitzen. Ihre Pässe würden viele Afghanen kurz vor der Ankunft auf Lesbos ins Meer werfen. Bei der Registrierung im Flüchtlingslager würden sie dann sagen, dass sie Syrer sind. Von Europa aus, so hofften diese jungen Männer offenbar, könnten sie ihre Familien in der Heimat ernähren.

Um etwas darüber zu erfahren, wie die selbstorganisierten, nichtstaatlichen Gesundheitszentren in Griechenland arbeiten besuchte ich das Büro der "Sozialen Solidarität" in der nordkretischen Stadt Rethymno.Von außen ist das Zentrum leicht zu erkennen. Durch die großen Glasfenster leuchten bunte Regenschirme gemalt, mit denen die Innenräume bemalt wurden.

Foto: Eleni Ioannidou

Bei meinem Besuch arbeiteten indem Büro vier Freiwillige, zwei Sekretärinnen und zwei Apotheker. Die Sekretärin Pinelopi kümmerte sich gerade um Alexandros, einen Arbeitsmigranten aus Albanien. Der 54jährige ist im Gesundheitszentrum von Rethymno kein Unbekannter. Seinen Job als Gärtner in einem Hotel hat Alexandros verloren.

Er ist nun arbeitslos und ist damit nach neuerem griechischem Recht automatisch aus der staatlichen Krankversicherung herausgefallen. Aber Alexandros braucht Medikamente. Er leidet an chronischem Bluthochdruck. Also geht er zweimal im Monat ins Gesundheitszentrum in der Kastrinogiannaki-Straße Nr. 12, um sich dort kostenlos Medikamente abzuholen. Dafür legt er ein Rezept vor, dass man ihm in einem staatlichen Krankenhauses ausgestellt hat.

Im Gesundheitszentrum sind die Freiwilligen einmal im Monat ohne Bezahlung im Einsatz. Pinelopi verdient ihr als Sozialarbeiterin. Sie zieht die Schublade mit den Hängeordnern auf und sucht nach der Akte des Albanders Alexandros. "Bei uns sind rund 2.000 Erwachsene und 1.000 Kinder registriert", erklärt sie. Mit einem Vermerk geht Alexandros dann zum Nachbartisch. Dort arbeitet der Apotheker Wassilis. Der 38jährige, leistet seit fünf Jahren Freiwilligen-Dienst im Gesundheitszentrum.

Foto: Eleni Ioannidou

Der Albanier Alexandros lebt schon 25 Jahre in Griechenland. Aber die griechische Staatsbürgerschaft hat der 54jährige immer noch nicht. Die Partei Syriza will die Einbürgerung erleichtern, erzählt Dmitris, eine Links-Aktivist, der mich begleitet. Aber selbst, wenn Alexandros griechischer Staatsbürger wäre, müsste er bei der "Solidarischen Hilfe" vorsprechen. Er hat zwar das Rezept für seine Medikamente, müsste aber beim Kauf in einer Apotheke bis zu 15 Prozent des Preises selbst bezahlen. Das Geld hat Alexandros nicht. Er muss noch seine Familie, eine Frau und zwei Kinder, ernähren.

Der Albaner Alexandros wird im Gesundheitszentrum freundlich behandelt. Hier ist nicht wichtig, welche Staatsbürgerschaft Jemand hat. Das ist wichtig, denn viele, die jahrelang im Berufsleben standen, schämen sich, um kostenlose Hilfe zu bitten. Die Blicke der Hilfesuchenden sind scheu. Außer Alexandros will Niemand mit mir sprechen.

An Werktagen hat das Büro der "Sozialen Solidarität" in Rethymno abends drei Stunden geöffnet. "Im Schnitt kommen 50 Hilfsbedürftige", sagt Theano, die bei meinem Besuch als zweite Sekretärin arbeitet. Dass der Freiwilligen-Job gar nicht so einfach ist, lässt Theano sich nicht anmerken. Sie lächelt. Von Stress keine Spur. Warum sie hier arbeitet? "Uns bringt es Spaß, den Menschen zu helfen." Zusammen mit ihrer Mutter ist sie seit der Gründung der Initiative vor sieben Jahren in dem Zentrum als Freiwillige mit dabei. Ihr Geld verdient Theano als Informatikerin.

Das Büro der "Sozialen Solidarität" in Rethymno. Foto: Ulrich Heyden

Außer den beiden Sekretärinnen und zwei Pharmazeuten arbeitet in der "Solidarischen Hilfe" noch ein Zahnarzt, der Hilfsbedürftige kostenlos behandelt. Bis vor kurzem boten in der Initiative auch noch andere Fachärzte kostenlose Hilfe an. Doch nachdem die griechische Regierung,angesichts der angespannten Situation, anwies, dass sich Arbeitslose und Flüchtlinge auch an Krankenhäuser wenden können, haben - bis auf den Zahnarzt - die Fachärzte - ihre Behandlungszimmer in der Kastrinogiannaki-Straße geschlossen.

Das Gesundheitszentrum sei in der ganzen Stadt bekannt, erzählt die Sekretärin Pinelopi. Viele Bewohner der Stadt bringen Medikamente, die sie nicht mehr brauchen oder Spenden Geld, damit das Zentrum Medikamente kaufen kann. Auch Touristen aus Deutschland und anderen Ländern kommen vorbei und spenden Geld, erzählen die Freiwilligen.

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