Griechenlandurlaub: Lassen Sie ihre Hände lieber am Lenkrad

Bild: Wassilis Aswestopoulos

Beleidigungen sind und waren verboten. Dennoch halfen die Medien mit einer angeblichen Skandalmeldung, bestehendes Strafrecht erst durchzusetzen.

Was der Mittelfinger in Deutschland ist, das ist in Griechenland die Mountza: eine Handgeste älter als der neugriechische Staat. Nun steht diese Geste, vor allem, wenn Autofahrer sie zeigen, unter Strafe. Als strafbewehrte Beleidigung. Mitte Juni wurden die Griechen darüber durch entsprechende Presseberichte in Hauptnachrichtensendungen landesweiter und regionaler Sender sowie Internetmagazinen informiert.

Das Thema war einige Tage omnipräsent und den Verantwortlichen viel Platz und Sendezeit wert. Die Mountza sei künftig verboten, hieß es. 100 Euro Bußgeld, zehn Tage Führerscheinentzug und Stilllegung des Kraftfahrzeugs für zehn Tage drohen, hieß es. Was steckt dahinter?

Was ist die Mountza

Um die Aufregung zu verstehen, muss man wissen, was eine Mountza ist. Bei der Mountza handelt es sich um eine Geste, bei der ein Arm gestreckt und dem Adressaten die Handfläche mit abgespreizten Fingern gezeigt wird.

Deutschen Beobachtern griechischer Politik mag die Mountza aufgefallen sein, als nach der Staatspleite von 2010 und den folgenden sozial einschneidenden Maßnahmen der jeweiligen Regierungen die Bewegung der Empörten mit Zehntausenden auf dem Syntagma-Platz demonstrierte und nach ergiebigen Beschimpfungen und Verwünschungen die Mountza tausendfach in Richtung Parlament gezeigt wurde.

Demonstranten zeigen Moutzas zum Griechischen Parlament während der Proteste 2010–2012. Bild: Ggia / CC-BY-SA-3.0

Die Geste ist leicht mit einem Gruß zu verwechseln, vor allem, wenn der Arm nicht vollständig gestreckt wird. Es gibt sie auch in verstärkter Ausführung mit zwei Armen und Händen. Sie ist verbreiteter als das Griechenlandkennern bekannte Schimpfwort "Malakas" (Wichser), welches von einigen Griechen mal scherzhaft positiv, aber auch beleidigend in gefühlt jeden zweiten Satz eingebaut wird.

Anders als der "Malakas" ist die Mountza im Fernsehen und Kino nicht verpönt. Besonders in den sittenstrengen Fünfzigern und Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts war sie in Filmen ein beliebtes, vor der Zensur sicheres Stilelement, um Schauspieler Ärger ausdrücken zu lassen. Dagegen wird "Malakas" im Fernsehen vorwiegend zu Zeiten, in denen Minderjährige als Zuschauer vermutet werden, mit einem Piepton überdeckt.

Die Mountza ist auch Gegenstand der Forschung. Griechische Psychologen betonen, dass sie Stress abbauen würde. Andere Mediziner loben, dass sie Blutdruck abbauen würde. In ihrer aktuellen Form wird sie von Historikern mit dem Byzantinischen Reich in Verbindung gebracht.

Dort hatte sie eine vergleichbare Bedeutung mit dem "an den Pranger stellen" der westeuropäischen Gerichtsbarkeit. Richter schmierten bei minderschweren Vergehen mit ihrer Handfläche Asche auf das Gesicht von Delinquenten und diese wurden dann auf einem Esel angebunden durch die Straßen geführt. Es gibt zudem Theorien, dass die Mountza als Abwehrfluch gegen Feinde oder "das Böse" bereits bei den Mysterien von Eleusis in der Antike existierte.

Ohne Zweifel handelt es sich um eine Geste, die griechische Autofahrer auch in Deutschland anwenden, und damit ein Bußgeld wie für das "Vogel zeigen" oder den "Stinkefinger" vermeiden. Denn, wer eine Beleidigung nicht als solche erkennt, kann sie schwerlich anzeigen.

Ein Hoax oder Realität?

Kurzfristig vergaßen die Griechen über die Nachricht den Krieg in der Ukraine, die Inflation, den Vorwahlkampf und die Diskussionen über die vorgezogenen Neuwahlen im Herbst. Viele schimpften auf die Regierung von Kyriakos Mitsotakis, die, so heißt es in der vorherrschenden Verschwörungstheorie, in ihrem Versuch, das Land "zu europäisieren" sogar die Mountza antasten würde. In sozialen Medien trendete die Mountza ebenso wie im erheblich älteren sozialen Treffpunkt, dem Kafeneion, wie die Kaffeehäuser in Griechenland heißen.

Die griechischen Faktenchecker von Ellinika Hoaxes nahmen sich des Themas an und fanden heraus, dass die Mountza nicht von Mitsotakis verboten worden ist, sondern bereits seit Langem verboten war. Tatsächlich konnte bis zu einer Reform unter der Regierung Tsipras, eine Mountza mit 200 Euro und dem entsprechenden Führerschein- und Kraftfahrzeugscheinentzug bestraft werden. Alles nichts Neues also. Viel Lärm um nichts also?

Es ist damit zu rechnen, dass in den kommenden Wochen die Mountza von Verkehrspolizisten schärfer sanktioniert wird. Die mediale Aufregung über die beliebte Beleidigung wurde auch von den Beamten bemerkt. So gesehen haben die Medien durch den Hoax über eine angeblich neue Regelung das bereits bestehender Verbot der Beleidigung erst durchzusetzen verholgen. (Wassilis Aswestopoulos)