Griff nach dem irakischen Erdöl

Ein Gespräch mit Greg Muttit, Autor eines Berichts über die geplante Privatisierung des irakischen Erdöls, die den Irakern teuer zu stehen und den Ölkonzernen zugute kommt

Zuerst kamen die Besatzer, dann die Erdölkonzerne. Irak ist inzwischen zwar ein äußerst gefährliches Terrain für multinationale Energieunternehmer – allerdings auch ein äußerst profitables. Wie ein neuer Bericht aus Großbritannien zeigt, können die Konzerne in Irak mit Gewinnraten von bis zu 160 Prozent rechnen. Voraussetzung dafür sind spezielle Verträge zur öffentlich-privaten Gemeinschaftsproduktion, bei denen der Staat mit den weitaus geringeren Gewinnen rechnen kann. Diese so genannten Vereinbarungen über gemeinsame Produktion (PSA, production sharing agreements) werden in erster Linie von US-Vertretern verteidigt. Telepolis sprach mit Greg Muttit. Der Brite ist Hauptautor des Berichts Crude Designs: The Rip-Off of Iraq's Oil Wealth

Iraq is estimated to hold 115 billion barrels of proven oil reserves, and possibly much more undiscovered oil in unexplored areas of the country. Iraq also is estimated to contain at least 110 trillion cubic feet of natural gas. The country is a focal point for regional and oil security issues.

US-Energieministerium
Greg Muttit
Seit Beginn der Besatzung Iraks argumentieren Anti-Kriegs-Gruppen, die wahren Gründe des Angriffes Ende März 2003 seien nicht politischer, sondern ökonomischer Natur gewesen: Es ginge um das irakische Erdöl. Konnten Sie diese These mit Ihrer Studie belegen?
Greg Muttit: Ein Stück weit sicherlich, aber es gab schon vorher entsprechende Belege. In Strategiepapieren beider Angriffsstaaten, der USA und Großbritanniens, wurde wiederholt das Interesse an den Erdölressourcen am Arabischen, bzw. Persischen Golf erklärt. In Irak befinden sich zehn Prozent der nachgewiesenen globalen Erölvorkommen, in den Nachbarstaaten – Saudi Arabien, Kuwait und Iran – liegen weitere 40 Prozent. Auch wenn eine Kriegsentscheidung komplex ist, also zahlreiche Aspekte berücksichtigt, gab es eine ganz entscheidende Motivationslage: Erstens, die Kontrolle über die irakischen Reserven zu erlangen. Zweitens, den Einfluss auf die gesamte erdölreiche Region auszudehnen.
Laut Ihrer Studie wird die irakische Volkswirtschaft zwischen 74 und 194 Milliarden US-Dollar verlieren, sofern geplante Kooperationsverträge mit multinationalen Erdölkonzernen abgeschlossen werden. Wie kommen Sie auf diese Zahl?
Greg Muttit: Im Kern unserer Studie haben wir die so genannten Vereinbarungen über gemeinsame Produktion (PSA, production sharing agreements) unter die Lupe genommen, bei denen der Herkunftsstaat nur mit äußerst geringem Gewinn rechnen kann. Diese Vertragsart wird vor allem von den USA für Geschäfte zwischen dem irakischen Erdölministerium und Erdölkonzernen favorisiert. Wichtig ist, dass entsprechende Verträge noch nicht unterzeichnet wurden. Wenn dies erst einmal geschehen ist, wird jegliche öffentliche Debatte sinnlos sein, weil die PSA-Abkommen Laufzeiten von bis zu 40 Jahren haben.
Als offenbar wurde, dass in Irak PSAs abgeschlossen werden sollten, haben wir uns diese Verträge in anderen Staaten angesehen und die Konditionen auf die irakische Situation angewandt. Mit den Daten aus verschiedenen Ländern und den Angaben des Bagdader Erdölministeriums erstellten wir dann eine Wirtschaftskalkulation, um die voraussichtlichen Gewinne von Staat und Konzernen zu ermitteln. Die Marge von 74 bis 194 Milliarden US-Dollar bezieht sich dabei nur auf die zwölf Ölfelder, an denen private Konzerne bislang Interesse gezeigt haben.
Wir mussten bei dem Ausblick natürlich eine Reihe von Vermutungen anstellen, diese Punkte sind in dem Bericht jedoch erklärt. So gingen wir etwa von einem durchschnittlichen Weltmarktpreis von 40 US-Dollar pro Fass Erdöl (1 Fass entspricht 159 Litern) über die kommenden 30 Jahre aus. Grundsätzlich gilt: Je höher der Preis, desto größer die Verluste für den irakischen Staat.
Wer würde also vom irakischen Erdöl profitieren?
Greg Muttit: Nach unseren Berechnungen könnten multinationale Erdölkonzerne Ertragsraten zwischen 40 und 160 Prozent erwarten – das sind atemberaubende Aussichten für jedes Unternehmen. Zum Vergleich: Erdölkonzerne setzen die notwendige Profitschwelle gemeinhin bei zwölf Prozent an. Liegt der Ertrag über dieser Rate, ist das Geschäft profitabel. Angestrebt werden gemeinhin 15 bis 18 Prozent, 20 Prozent ist ein Topwert. Die Profitaussichten in Irak sind also enorm – ebenso wie die Verluste für das irakische Volk.
Gemeinsame Deals zwischen Staat und privaten Investoren sind im globalen Energiegeschäft aber doch gang und gäbe. Inwiefern heben sich die PSA-Geschäfte ab?
Greg Muttit: Jeder Erdölkonzern würde Ihnen nun sagen, dass diese Verträge an der Tagesordnung sind. Nach Angaben der Internationalen Energiebehörde gelten PSAs aber nur für zwölf Prozent der globalen Erdölgeschäfte. Tatsächlich werden PSAs fast ausschließlich von Staaten unterzeichnet, die über kleine Erdölvorkommen verfügen, die zudem schwer zu erschließen sind und deren Ausbeutung ein hohes Geschäftsrisiko in sich birgt, bei Erdölfeldern auf hoher See etwa. In diesen Fällen ist die ungleiche Gewinnaufteilung zugunsten des privaten Partners sogar gerechtfertigt. Von den sieben weltweit größten Erdölstaaten hat nur einer PSAs abgeschlossen. Russland, das mit seien nachgewiesenen Erdölvorkommen derzeit auf Platz sieben auf der Liste Erdöl exportierender Staaten steht, hat drei dieser Verträge unterzeichnet. Das war in der Zeit unmittelbar nach dem Ende der Sowjetunion. Bis heute bieten sie wegen der enorm schlechten Konditionen für den Staat Anlass für Kontroversen. Seither hat Moskau keine weiteren Verträge dieser Art unterzeichnet, obgleich zwei dieser Verträge für risikoreiche Felder auf hoher See gelten. Irak verfügt über die weltweit zweitgrößten Erdölvorkommen, die einfach zu erschließen sind. PSAs haben für Bagdad schlichtweg keinen Sinn.
Seit 1970 war in Irak die Privatisierung des Erdöls verboten. Seit Mitte Oktober ist eine neue Verfassung in Kraft. In der neuen Konstitution heißt es nur noch, das Erdöl gehöre dem irakischen Volk. Wo liegt der Unterschied?
Greg Muttit: Die Formulierung in der neuen Verfassung ist rein legalistisch. Sie bedeutet, dass die Regierung als Vertreterin des Volkes die Erdölgeschäfte kontrolliert. Das wäre aber ohnehin der Fall gewesen. Selbst in Ländern, in denen die natürlichen Ressourcen privatisiert sind, behält sich der Staat in jedem Fall ein Eingriffsrecht vor. Im Nachbarstaat Iran ist die Privatisierung bis heute zudem grundsätzlich verboten – so wie in Irak bis vor wenigen Wochen.
Macht die neue Verfassung die Ausbeutung der Erdölressourcen durch private multinationale Konzerne erst möglich?
Greg Muttit: Zwei Punkte der Konstitution betreffen die Erdölreserven. Erstens heißt es darin, dass alle Erdölfelder, die im Moment nicht in Betrieb sind, nach den „Prinzipien des Marktes und zur Steigerung der Investitionen“ ausgebaut werden. Zweitens, auch wenn diese Regelung vage und mehrdeutig formuliert ist, wird den Regionen eine stärkere Verhandlungsposition eingeräumt, die Rolle der Zentralregierung also geschwächt. Die regionalen politischen Strukturen haben aber bei weitem nicht die Kompetenz und Verhandlungsmacht des Erdölministeriums in Bagdad. Kurzum: Sie können leichter über den Tisch gezogen werden.
Es können demnach aber nur die Erdölfelder privatisiert werden, die aktuell nicht in Betrieb sind. Von welchen Größenordnungen sprechen wir?
Greg Muttit: In Irak gibt es rund 80 bekannte Erdölfelder, in 17 wird zurzeit Erdöl gefördert. Die Privatisierung unter den Konditionen der PSAs beträfe also über 60 Erdölfelder.
Weshalb, denken Sie, findet in Irak keine öffentliche Debatte über den Umgang mit dem Erdöl statt?
Greg Muttit: Weil es in der Bevölkerung eine starke Ablehnung gegen die Übergabe der Erdölgeschäfte an ausländische Unternehmen gibt. Die Erdölarbeiter etwa wenden sich geschlossen gegen solche Geschäfte. Der Irakische Verband der Erdölgewerkschaften organisiert mit seinen 23.000 Mitgliedern zunehmend Widerstand gegen die geplante Privatisierung. Das ist in Irak natürlich auch bekannt. Wenn der Erdölminister auf internationalen Konferenzen auftritt, spricht er enthusiastisch über PSAs und die Öffnung der Erdölindustrie für internationale Investoren. Im Land selber streitet er jegliche Privatisierungspläne ab. Angesichts der enormen Bedeutung des Erdöls für die irakische Volkswirtschaft – 95 Prozent der Staatseinkünfte stammen aus diesem Geschäft – wäre eine öffentliche Debatte aber dringend notwendig.
Gibt es bereits Reaktionen auf Ihren Bericht, vor allem aus Irak selbst?
Greg Muttit: Ein Regierungsvertreter erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: „Wir sind noch lange nicht soweit, in direkte Verhandlungen einzutreten. Wenn es soweit ist, wird jeder Schritt zur öffentlichen Diskussion gestellt werden. Jeder, der daran teilhaben will, wird die Möglichkeit haben.“ Das widerlegt aber nicht unseren Bericht. Darin erklären wir, dass sich die irakische Regierung in einem frühen Stadium der Verhandlungen mit multinationalen Konzernen befindet und dass erste Verträge 2006 unterzeichnet werden sollen. Ein Vertreter der Erdölindustrie bezeichnete unseren Bericht als „Blödsinn“ – er wollte zugleich aber nicht namentlich genannt werden! Die britische Regierung nannte den Bericht „hypothetisch“. Die Thesen widerlegen konnten aber auch sie nicht.
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