Griff zu den Sternen

Jeff Bezos, Richard Branson, Elon Musk und Co. zieht es in den Weltraum. Oft finden ihre windigen Projekte die politische Unterstützung von demagogischen Politikern. Was steckt hinter diesem besonderen Fernweh?

Diesen Sommer trafen sich in der Wiener Hofburg die Delegierten von "Asgardia". Asgardia ist ein neu gegründeter Staat, der nicht auf der Erde liegt, sondern irgendwo am Firmament schwirren soll. Dort wird man wohnen können in - nun ja - späterer Zukunft.

Das Treffen in Wien bestand aber nicht aus partyfreudigen Trekkis, sondern war bierernst und voller falschem Pathos. Die Ausstattung des Events orientierte sich mit eigens entworfenen Flaggen und Emblemen auf teuren, hölzernen Rednerpulten am optischen Erscheinungsbild der Vereinten Nationen, deren Anerkennung Asgardia anstrebt. Es gibt eine Nationalhymne und jemand hat eine Verfassung geschrieben. Asgardia ist übrigens rechtlich gesehen ein Königreich. Der Name klingt ein bisschen nach Burschenschaft und das muss nicht unbedingt ein Zufall sein.

Erfunden hat das Sternenreich Asgardia der russisch-aserbaidschanisch Milliardär und Oligarch Igor Ashurbeyli. Bislang konnte er 270.000 teils wohlbetuchte Menschen finden, die mitmachen wollen.

Wo sich so viel Geld einfindet, geht es meist um noch mehr Geld. Und tatsächlich sind diese Wolkenkuckucksheimprojekte in vielerlei Beziehung lukrativ. Ashurbeyli hat sein Geld mit dem Raketenbau für Putin gemacht. Die Beherrschung des Sternenhimmels ist seit der Sputnik-Krise eine militärische Obsession geworden und der (Pseudo-)Bedarf an neuen Star-Wars-Utensilien muss bei den Herrschern der Erde wachgehalten werden.

Ein Hochleistungs-Laser im All als Zukunftsvision des US Space Command für 2020. Bild: US Space Command

Was bei den Plänen den Himmel zu erobern und zu beherrschen verschwiegen wird: Alle militärischen Einrichtungen im Orbit haben ihren einzigen Grund in der Bedrohung der Menschen auf der Erde. Im Himmel befindet sich kein Science-Fiction-Turnierplatz und durch den Kessler-Effekt ist leicht begründet, warum jede Kampfhandlung in der Erdumlaufbahn unsinnig wäre: Die Trümmer der zerschossenen feindlichen Satelliten oder Raumschiffe würden nach einer Erdumrundung die eigenen zerschießen und bald wären alle Flugobjekte zerstört. Die politisch-ökonomischen Hintergründe der Star-Wars-Pläne werden hingegen leicht durchschaubar, wenn man sie sich von Donald Trump erklären lässt.

Trump macht bei dem fragwürdigen Kampf um die Weltraumbeherrschung natürlich auch mit und will als neuen Truppenteil die "Space Force" errichten. Dies macht er aus den üblichen zwei Gründen. Es ist einerseits ein politisches Ablenkungsmanöver, das die Anhänger begeistern und die Gegner erzürnen soll. Andererseits steckt in der Militarisierung des Weltraums (und die ist nicht nur keine Erfindung Trumps, sondern schon lange in Gang) sehr viel Geld.

Nicht zu Unrecht besagt ein Spott, die USA hätten schon längst den Sozialismus eingeführt, aber eben nur für das Militär. Das Pentagon verfügt über nahezu unbeschränkte Mittel. Konzerne, die im Verteidigungsfall kriegswichtige Utensilien herstellen sollen, dürfen diese in "Friedenszeiten" ganz nach eigenem Gusto produzieren, um ihre Herstellungskapazitäten zu erhalten. Bezahlt wird somit sowieso, auch wenn es keinerlei Nachfrage nach den Produkten gibt.

Deswegen ist dem Pentagon das Konzept: "Produktion von irgendwelchem Unsinn" bestens bekannt. Die Gründung einer neuen Abteilung wird große Mittel benötigen und verschiedenen Unternehmern enorme Summen in die Kassen spülen. Genau deswegen hat Trump noch immer die Unterstützung der Republikaner - trotz all seiner Eskapaden.

Somit liegt ein Grund für Asgardia, das bereits über den eigenen Satelliten "Asgardia 1" verfügt, vermutlich darin, sich im Spiel um Rüstungsdeals in Stellung zu bringen. Ein Ziel, das auf der Konferenz in Wien mit schwülstigen Reden über die Zukunft der Menschheit im All kaschiert werden sollte. In ihren Reden offenbarten die Asgardianer allerdings eine eigentümliche, eskapistische Psychologie, die tief blicken lässt.

Szenenwechsel. Der Cyberpunk Douglas Rushkoff hatte sich sehr gefreut eine Einladung zu einem jener Silicon-Valley-Events zu erhalten, bei denen sich periodisch die Tech-Elite der Welt versammelt. Das Honorar war sein halbes Jahresgehalt als Professor und somit war er blitzschnell überzeugt.

Intellektuell erwartete er sich allerdings wenig, denn die Hedgefondsspitzen denken binär. Sie wollen im Grunde nichts über neue technische Innovation wissen, außer, ob sie "1 = investieren" oder "0 = nicht investieren" sollen. Der Rest ist den Herren wurscht. Somit war Rushkoffs Freude noch größer, als er in ein Hinterzimmer gebeten wurde und er dort allein mit fünf Männern war, die gemeinsam über mehr Geld verfügen als Dänemark. Der Cyberpunk erwartete sich, dass nun einmal richtig geredet werden würde und er jetzt Zugang zu einem jener Hinterzimmer hätte, in dem sich die Geschicke der Welt … aber weit gefehlt.

Bald wurde ihm klar, die Männer und mit ihnen weite Teile der Technologie- und Geldelite rechnen mit etwas, das sie "The Event" nennen und wollten wissen, wie sie sich für die Zeit danach rüsten können. Der "Event" ist der Untergang der Zivilisation, sei es durch Atombomben, Klimawandel oder einen Supervirus. Eine Sorge, die weite Teile der zukünftigen Bewohner von Asgadia teilen.

Keiner der anwesenden Herren betrachtete diese Erörterung mit Rushkoff als philosophische Spekulation, sie wollten viel mehr ganz konkrete Handlungsanweisungen. "Wie kann die Loyalität der Angestellten gesichert werden, nachdem das Geld wertlos ist?" Was er - Rushkoff - von Halsbändern hielte, die von den Angestellten angelegt werden würden, als Preis für ihre Rettung. Der Herr würde über einen Code verfügen, durch den er per Knopfdruck bestrafen oder töten könne. Nun, ähm … , meinte Rushkoff, das sei natürlich eine Möglichkeit.

Baupläne von bereits errichteten Bunkern wurden ihm vorgelegt, andere wollten wissen ob Neuseeland oder Alaska ein besserer Zufluchtsort sei. Wie der Zugang zu Nahrungsmitteln effektiv vor anderen geschützt werden könne, ob eine Roboterarmee sinnvoll sei und dergleichen mehr. Rushkoff beantwortete die Fragen brav (bezahlt ist bezahlt) und verließ das Treffen mit mulmigem Gefühl.

Die Weltraumpläne von Elon Musk, Jeff Bezos, Igor Ashurbeyli und Co. wurden ihm plötzlich verständlich. Die nihilistischen Firmenbosse wollen nach dem "Event" einfach abhauen! Wer noch Zweifel an der auch tiefenpsychologisch zerstörerischen Wirkung des Kapitalismus hatte, sollte diese jetzt endgültig ablegen.

Aber wie sieht es denn nun konkret aus, mit den Plänen abzuheben, die Erde zu verlassen und beispielsweise den Mars zu kolonialisieren? Bei aller besoffenen Begeisterung, die öffentlich kolportiert wird, fallen die Probleme ein wenig unter den Tisch.

Zunächst wird gerne verschwiegen, dass der Mars sehr, sehr weit weg ist. Unter günstigsten Bedingungen dauerte ein Flug hin und zurück mehrere Jahre. Das allein ist aus mindestens zwei Gründen schlecht. In der Schwerelosigkeit pumpt der menschliche Körper zu wenig Blut in seinen unteren Teil, weil es dorthin auf der Erde von der Schwerkraft gezogen wird. Somit entsteht in den Astronauten-Köpfen mächtiger Überdruck. Die Gefäße altern in sechs Monaten so sehr wie sonst in 30 Jahren. Bei einem zweijährigen Flug kommt man auf ein Gefäßalter von 120 Jahren. Selbst wenn man Säuglinge schickt, ist das mehr, als die Herzleitungen aushalten.

Illustration einer Mars-Behausung. Bild: NASA

Ein größeres Problem aber ist die Moral. Sowohl die USA, als auch die Sowjetunion haben grausame Isolationsexperimente durchgeführt, bei denen sie die Bedingungen eines jahrelangen Fluges getestet haben. Auf zehn Quadratmetern wurden zwei Astronauten, beziehungsweise auf 12 Quadratmetern drei Kosmonauten eingepfercht.

Die Amerikaner öffneten nach einem halben Jahr gnädig die Türen der Kammer, weil sich die Probanden täglich prügelten. Die Russen waren zäher und hielten es ein Jahr durch. Als die Sowjetwissenschaftler die Türen zu dem Raum der Probanden öffneten, mussten sie sich sogleich übergeben. Menschen stoßen unter anderem Methan aus, die Luft in der Test-Raumkapsel war - um es unwissenschaftlich auszudrücken - komplett verfurzt. Ein russischer Proband beschrieb es als einen Aufenthalt in der "Hölle" und seine einzige Freizeitmöglichkeit sei gewesen auf den Griff des Kühlschranks zu blicken. Dies habe er ein dreiviertel Jahr lang gemacht, um nicht verrückt zu werden. Seine Definition von "nicht-verrückt" ging in die Geschichte der Psychologie ein.

Darüber hinaus gibt es keine Raketen, die ein genügend großes Fahrzeug in den Weltraum befördern könnten. Der Flug zwischen Erde und Mars müsste dann zum Beispiel mit Ionenantrieb bewältigt werden, eine Antriebsart die (wie sämtliche ihrer Alternativen) den kleinen Nachteil hat, dass es sie in der nötigen Dimension gar nicht gibt - und es besteht letztlich überhaupt keine Möglichkeit, beim Anflug auf dem Mars zu stoppen, weil dafür Fallschirme nötig wären, die so groß wie ein Fußballstadion sein müssten. Warum also überhaupt das ganze Science-Fiction-Gerede?

Die Gründe haben nichts mit Weltraum zu tun, sondern mit dem allzu irdischen industriell-kapitalistischen Regime. Die Herren, die sich für Weltraumflüge interessieren wie Alon Musk oder Richard "Beardy" Branson sind im Grunde alle auf die ein oder andere Art Subventionsbetrüger. Was als "Menschheitstraum" apostrophiert wird, ist eine Karotte an einer Stange, die der Öffentlichkeit hingehalten wird, während im Hintergrund die Milliarden in der eigenen Tasche verschwinden.

SpaceX Interplanetary Transport System (15 Bilder)

Elon Musk träumt von einer Kolonie auf dem Mars. Das erste Schiff soll die "Heart of Gold" sein, benannt nach dem Hitchhiker's Guide to the Galaxy.
(Bild: SpaceX)

Musk und Branson kassieren Unsummen in den USA und Großbritannien für Aufgaben, die diese Länder selbst übernehmen und viel kostengünstiger gestalten könnten, statt das Geld den "Visionären" hinterherzuwerfen. Die einzige Raumstation beispielsweise, die ISS, wird mit Sowjettechnologie der 1960er Jahre in Betrieb gehalten und die USA haben keine Möglichkeit mehr, die Station zu erreichen, weil alle eigenen Programme eingestellt wurden. Deswegen darf SpaceX, die Firma von Musk, als der amerikanische Monopolist für Weltraum, Fantasiebeträge in ihre Rechnungen schreiben, damit die USA Zugang zum Himmel behalten.

Der leidenschaftliche Space-Aspirant Sir Richard Branson, der angeblich seinen Lebensabend auf dem Mars zu verbringen gedenkt, kassiert mit seiner Firma "Virgin Care" vom britischen National Health Service Milliarden für fragwürdige Gesundheitsdienstleistungen. Die Wirkung sah der schwarze Musiker und Poet Gil Scott-Heron bereits 1970 voraus: "I can't pay no doctor bills - But whitey's on the moon." Damals sind sie wenigstens noch gepflogen, heute reden sie nur davon.

Frank Jödicke ist Redakteur des österreichischen Musik- und Kulturmagazins skug.at, das sich im Herbst diesen Jahres ausführlich mit dem Weltuntergang, als ästhetischem und politischem Phänomen, beschäftigen wird.

(Frank Jödicke)

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