Grinsekatzen forever?

Ohne Gnadenschuss: Die neuen Reality-Shows

Im Januar letzten Jahres führte ein falscher Millionär News Corps Sender Fox aus einem desaströsen Quotenherbst zu einem überragenden Prime-Time-Erfolg; jetzt soll die deutsche Version von "Joe Millionäre" starten.

So angelt man sich keinen Millionär, Bild: RTL2

"El, der Millionär", ein smarter und charmanter Kerl, siebt unter zwölf paarungswilligen Kandidatinnen aus. Was die Auserwählte erst in der letzten Folge (Drehort: Südafrika) erfährt: Ihr Gewinn, der vermeintliche Millionär, ist ein "armer" Dachdecker namens Elmar. Dass El kommenden Montag für RTL2 40 Millionen Zuschauer einfährt, wie es weiland "Joe Millionaire" für Fox schaffte, ist mehr als unwahrscheinlich. Dennoch könnte ein weiterer Höhepunkt aus der Inzuchtbude der Reality-TV-Peinlichkeiten bevorstehen.

Und es wird sicher nicht der letzte sein, denn der Große Bruder USA hat schon den nächsten Coup auf Lager: Im Frühjahr will Fox für eine Handvoll Kandidaten das Paradies auf Erden schaffen - nicht für einige Tage, Wochen oder Monate sondern womöglich für Jahre. Da keine abschließende Auflösung geplant sei, könne man das Projekt "Forever Eden", so die stolzen Erfinder, als die weltweit erste "Reality Soap Opera" bezeichnen. Der Fluss des Lebens, den die Soap schafft, speist sich von der Quelle der Wiederholung; leichte Variationen in ewig sich wiederholenden Rahmenstrukturen.

Das Leben außerhalb des Lebens, das ist es, was die Kandidaten von "Forever Eden" kennen lernen sollen. Familie und Freunde lassen sie zurück, - darin nicht unähnlich einem buddhistischen Swami - um in einem extrem luxuriösen Resort außerhalb ihres Heimatlandes auf Ihresgleichen losgelassen zu werden. Ihresgleichen, das sind junge, gutaussehende Singlefrauen und -männer. Wer bleiben wolle und seine Karten geschickt ausspiele, so die TV-Macher, könne es schaffen, "für immer" auf Sendung zu sein. "On the air forever" - dieses Truman Show-ähnliche (vgl. Vom Leben als Soap Opera) (Alp)-Traumszenario blüht natürlich nur dem, der mitspielt. Wer sich hingegen wochenlang in seinem Luxuszimmer einschließt, um seine Memoiren zu schreiben, wird wohl recht schnell wieder zurück in die "Realität" geschickt. Andererseits könnte auch bei einem latenten Stubenhocker die "Transformation des Immergleichen" einen gewissen Unterhaltungswert für den Zuschauer entwickeln.

"Du gehst nicht zu einer Reality Show, dein neues Leben ist die Reality Show", lautet die Devise. Die Kandidaten seien wie Soap-Stars für eine sehr lange Zeit mit einer neuen Identität gesegnet. Doch kein Paradies ohne Schlange: "Obwohl die Kandidaten ein wunderbares luxuriöses Leben führen, werden wir doch auch Elemente einführen, die dafür sorgen, dass es nicht ganz so wundervoll wird", so die schelmischen Programmmacher. Dazu gehören u.a. Überraschungsbesucher, welche die Pseudoidylle ein wenig aufmischen sollen (Freddy Krueger? Gerhard Schröder?).

"leichte Formen des Wahnsinns", Bild aus "Paradise Hotel"

Auch wenn "Forever Eden" weltweit einzigartig zu werden verspricht, Blutsverwandte gibt es genug in der paranoid-schadenfrohen Welt der neuen Spanner. Am nächsten steht dem ewigen Eden das Paradise Hotel, welches letzten Sommer auslief. Dieses Ende, abgefeiert mit dem sogenannten endgame, macht eigentlich auch schon den einzigen Unterschied zwischen den beiden Formaten aus, denn "Forever Eden" soll ja potentiell unsterblich sein. Bekanntlich kann man ein Pferd so lange reiten, bis es umfällt. Ähnliches gilt für die Kandidaten von "Forever Eden":

Wir haben bei "Paradise" ein paar Lektionen gelernt: Wenn man Menschen auf diese Weise lange genug an einem Ort festhält, kommt es zu Funktionsstörungen und auch zu leichten Formen des Wahnsinns. Da kamen wir auf die Idee: wie lange können es Menschen in einer Reality Show aushalten?

(Und für die, die danach nicht mehr können, gibt es einen kostenlosen Aufenthalt in der Reality Soap "Merry Madhouse")

In dem Film "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" führt verzweifelte Existenznot die Teilnehmer eines Marathontanzwettbewerbes an die Grenzen ihrer Menschenwürde. Der Film ist aus den späten sechziger Jahren und prangert gesellschaftliche Verhältnisse an, die Menschen in derartige Situationen zwingen. Heute produziert das Fernsehen ähnliche Szenarios, Demütigung inklusive.

Die britische Show Shattered etwa arbeitet auch mit dem Topos der Müdigkeit: Die Kandidaten im Lab dürfen nicht schlafen; um die Sache noch witziger zu machen, werden ihnen Videos von gähnenden Menschen vorgeführt oder sie müssen stundenlang trocknende Farbe betrachten. Der Schlappste wird jeden Abend rausgeschmissen. Die Gewinnerin schaffte es, 178 Stunden am Stück wach zu bleiben. Der Reiz der Sendung besteht den Verantwortlichen zufolge in den durch Schlafentzug entstehenden Wahnvorstellungen der Teilnehmer. Die Landesmedienaufsicht prüft jetzt Beschwerden von Zuschauern und Ärzten, welche die Erschöpfungszustände und Halluzinationen der Kandidaten als gesundheitsgefährdend und erniedrigend empfanden. (Michaela Simon)

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