Großbritannien: Immer mehr Hochschulabgänger landen in Jobs, für die sie überqualifiziert sind

Bild: ONS

Fast die Hälfte der kürzlich Graduierten hat einen Job, der keine Hochschulausbildung verlangt, ein Drittel geht einer gering qualifizierten Beschäftigung nach, seit 2008 steigt auch die Arbeitslosigkeit

Für Studenten, neudeutsch: Studierende, hat zumindest die Statistikbehörde in Großbritannien keine gute Nachrichten. Versprochen wird Akademikern stets, sie würden bessere und höher bezahlte Jobs als weniger gut Ausgebildete finden, zudem sei das Risiko, arbeitslos zu werden, geringer.

Massiv wurde der Hochschulzugang in vielen Ländern auch deswegen ausgebaut und gilt die Losung, es sei das Wichtigste, in Bildung zu investieren: Bildung ist der Weg zu Chancengleichheit, zum sozialen und ökonomischen Aufstieg, zur Verringerung der Kluft zwischen Arm und Reich, wird in Endlosschleife propagiert.

Die Statistikbehörde rechnet unter die Graduierten auch diejenigen, die einen Abschluss über dem Advanced Level, dem höchsten Schulabschluss, erreicht haben. 12 Millionen Graduierten gibt es nach dem Bericht in Großbritannien, 38 Prozent der Männer zwischen 21 und 64 Jahren und der Frauen zwischen 21 und 59 Jahren (insgesamt 31 Millionen). Im Allgemeinen gelten die Versprechungen, die man Hochschulabgängern macht, auch für diese – vielleicht sollte man sagen: noch immer. Sie haben eher Arbeit als Menschen mit einer niedrigeren Qualifikation und suchen weniger nach Arbeit oder sind beschäftigungslos (inaktiv), ihr Einkommen ist im späteren Alter höher, sie haben eher Jobs, die hohe Qualifizierungen erfordern, und sie haben auch mit 44 Prozent eher Kinder als Nichtgraduierte (42 Prozent). Wer aus Top-Universitäten kommt, verdient mehr als diejenigen, die nur Abschlüsse anderer Universitäten haben, am besten stehen Mediziner und Zahnärzte da: Sie sind am ehesten beschäftigt und erzielen die höchsten Durchschnittseinkommen. Am schlechtesten schneiden die Sozial- und Geisteswissenschaftler ab. Der Anteil der Graduierten ist in den letzten Jahren stetig gewachsen: von 17 Prozent in 1992 auf jetzt 38 Prozent.

In der Krise ist die Zahl der Arbeitslosen zwischen 21 und 30 Jahren stark angestiegen, auch hier haben die kürzlich Graduierten eher einen Job gefunden als die Nichtgraduierten, aber sie sind eher arbeitslos als die älteren Graduierten und Nichtgraduierten. Im Alter zwischen 21 und 30 Jahren haben die Nichtgraduierten allerdings mit einem Anteil von 26 Prozent sehr viel häufiger bereits Kinder als die Graduierten (9 Prozent). Deswegen ist auch der Anteil der Inaktiven, die ohne Beschäftigung Zuhause bleiben, bei den Nichtgraduierten sehr viel höher. 60 Prozent der Menschen, die in London leben, sind graduiert, hier ist aber auch die Arbeitslosigkeit unter den Graduierten am höchsten.

Interessant – und vielleicht auch ernüchternd – ist aber vor allem, dass fast die Hälfte der kürzlich Graduierten in Jobs arbeitet, die keine Hochschulausbildung benötigen, ein Drittel arbeitet sogar in Jobs für gering Qualifizierte. Besonders seit 2008 ist nach der Statistikbehörde der Trend größer geworden, dass Graduierte Jobs für Nichtgraduierte einnehmen (und diese dann möglicherweise in die Arbeitslosigkeit drängen). 2001 waren es 37 Prozent der Graduierten, 2013 bereits 47 Prozent. Entsprechend üben jetzt auch mehr kürzlich Graduierte niedrig qualifizierte Beschäftigungen aus: 2001 waren es 24 Prozent der kürzlich Graduierten mit einem Job, 2013 schon 33 Prozent.

Bild: ONS

Dazu kommt, dass nun 9 Prozent der kürzlich Graduierten arbeitslos sind, 2012 waren es 8 Prozent, 2008, vor der Krise, nur 5 Prozent. Offenbar handelt es sich um eine Überqualifizierung, die die Hochschulabsolventen angesichts der drohenden Arbeitslosigkeit dazu zwingt, Jobs anzunehmen, für die sie ihre Ausbildung gar nicht bräuchten und die ihnen vermutlich weniger Einkommen bieten, als sie erhofft hatten. Bitter ist dies besonders für diejenigen, die sich für ihr Studium schwer verschuldet haben. Die Ursache des Trends hat die Statistikbehörde nicht eruiert. Möglicherweise liegt es daran, dass immer mehr Graduierte auf den Arbeitsmarkt kommen – oder dass die Nachfrage nach höherer Qualifizierung sinkt, vermutlich beides zusammen.

Anzeige