Großbritannien: Je jünger die Generation, desto weniger Konservative

Theresa May auf dem Parteitag. Bild: James Cleverly

Die Konservativen haben der jungen Generation nichts zu bieten, auch wenn Theresa May eine Tanzeinlage auf dem Parteitag machte

Das war der Parteitag der britischen Konservativen in Birmingham: In den Fluren des Konferenzzentrums kam es zu Tätlichkeiten zwischen Delegierten. Diverse ehemalige und gegenwärtige Mitglieder des Regierungskabinetts wie Boris Johnson und Jeremy Hunt brachten sich als mögliche Kandidaten für den Parteivorsitz in Stellung. Nur Minuten vor Beginn der Parteitagsrede von Theresa May am Mittwoch schickte ein weiterer konservativer Parlamentarier (James Duddridge) einen Brief an den Fraktionsvorsitzenden der Tories, um einen Misstrauensantrag gegen die Premierministerin zu fordern. Als Innenminister Sajid Javid am Dienstag seine Rede hielt blieben wie auch bei vielen anderen Reden zahlreiche Sitze leer. Selbst Theresa May fehlte. Normalerweise zählen die Reden des Innenministers zu den Highlights britischer Parteitage.

Immerhin fielen dieses Mal keine Bestandteile der Bühnendekoration zu Boden. Dafür gab es eine Tanzeinlage von Theresa May zur Musik von Abbas "Dancing Queen". Das konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass May zwar viele Allgemeinplätze brachte, aber wenig konkrete Politikvorschläge in ihrer Rede aus dem Hut zauberte. Stattdessen blieben viele politische Fragen ungelöst.

Beim Thema Brexit etwa droht die nordirische DUP mit der Aufkündigung des Tolerierungsabkommens, sollte Theresa May Grenzkontrollen zwischen Nordirland und dem Rest Großbritanniens im Rahmen eines Brexit-Abkommens mit der EU zustimmen. Das ist nur einer von zahlreichen Unsicherheitsfaktoren.

Die Tories galten über Jahrhunderte als die "natürliche Regierungspartei" Großbritanniens. Heute müssen sie im Rahmen ihres Parteitages Seminare zum Thema: "Wie wir Menschen unter 45 besser erreichen können" abhalten. Der Altersdurchschnitt der Partei liegt bei über 50, seit Jahren gibt die Parteispitze keine zuverlässigen Daten über die Mitgliedszahlen mehr heraus. Die konservative Mitgliedschaft dürfte aber weit unter 100.000 Personen liegen.

Dem stehen die über 600.000 Parteimitglieder bei Labour entgegen. Zehntausende Menschen nahmen am Parteitag in Liverpool sowie Veranstaltungen im Rahmen des "The World Transformed"-Festivals teil. Vor allem junge Menschen zeigen sich vom linken Programm Corbyns inspiriert. Das wird durch eine aktuelle YouGov-Umfrage unter britischen 18 bis 24-jährigen deutlich. Wäre nur diese Altersgruppe wahlberechtigt, würde Labour bei der nächsten Unterhauswahl 66% aller Stimmen und 600 Sitze kriegen. Weit abgeschlagen liegen die Liberaldemokraten mit 13%. Dann erst kommen knapp dahinter die Konservativen mit 12% und 12-Parlamentssitzen.

Dahinter verbirgt sich der Fakt, dass es in Großbritannien zunehmend schwieriger wird, offen auftretende Verteidiger der freien Marktwirtschaft zu finden. Je jünger die Generation, desto weniger Konservative lassen sich finden. Der jüngste "British Social Attitudes Survey" vom National Centre for Social Research liefert Statistiken mit Hinweisen, warum das so sein könnte. Demnach sind 77% der britischen Öffentlichkeit für höhere Löhne. 71% fordern eine Erhöhung des staatlichen Mindestlohns auf zehn Pfund pro Stunde - ein Schlüsselversprechen von Corbyns Labour-Partei.

Sozialstaat findet mehr Zuspruch

Laut dem Bericht hat "eine signifikante Minderheit junger Menschen nicht vorhersehbare Arbeitszeiten", was die massive Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse in den vergangenen Jahren beschreibt. Gegen solche prekären Arbeitsbedingungen gab es am 4. Oktober einen gemeinsamen Streik von Beschäftigten bei McDonald's und anderen großen Ketten im Cateringbereich. Hier war gewerkschaftliche Organisation bis vor einiger Zeit noch ein Fremdwort, nun wollen gerade junge Lohnabhängige ihr Schicksal nicht mehr klaglos hinnehmen.

Die Konservativen haben dieser Generation nichts zu bieten. Stattdessen erblickte am 3. Oktober eine Skandalgeschichte in der Tageszeitung "Daily Mirror" das Licht der Öffentlichkeit. Auf der Titelseite veröffentlichte das Blatt Fotos von einer konservativen Studentenfeier. Als "Motto" trugen die abgebildeten jungen Tories selbstgemalte Schriftzüge mit Slogans wie "Fickt das Gesundheitssystem" oder auch Hitlerbärte. Dem steht gegenüber, dass eine Mehrheit der britischen Bevölkerung gegen die Privatisierung des Gesundheitswesens ist und auch die von Labour geforderte Verstaatlichung öffentlicher Güter wie der Wasserversorgung befürwortet.

Forderungen nach einem Ende des Kahlschlags im Sozialbereich finden zunehmend offene Ohren. Laut dem "Social Attitudes Survey" stimmen 56% der Bevölkerung der Aussage zu, dass "Kürzungen bei den Sozialleistungen das Leben zu vieler Menschen beschädigt". Auch hier gilt: Je jünger das Alter, desto mehr Personen befürworten eine Stärkung des Sozialstaates. Im Survey heißt es dazu, dass jene im Alter von 18 bis 34 Jahren 32 mal so bereit seien Labour zu wählen wie jene im Alter von 65 Jahren und höher, während sie 33 mal weniger bereit seien das Kreuz bei den Konservativen zu machen. Noch nie habe es in der britischen Politik einen solch großen Altersgegensatz im Wahlverhalten gegeben.

Die Tories spüren ihre Verwundbarkeit. Theresa May gab während es gesamten Parteitages nur dem Staatssender BBC Interviews und verweigerte sich allen anderen Fernsehsendern, obwohl derlei Interviews während Parteitagen in Großbritannien normalerweise üblich sind. Erstmals in der Nachkriegsgeschichte gab es deshalb einen unter anderem von den Fernsehsendern "Channel 4" und "ITV" unterschriebenen Protestbrief an die Tories.

Letztendlich versuchte die Partei die Kleider von Jeremy Corbyn zu stehlen. Theresa May versprach in ihrer Rede am Mittwoch ein Ende der Austeritätspolitik und ein Wohnungsbauprogramm. Ähnliches haben die Tories auch in vergangenen Jahren versprochen. Doch zumindest, was die Stimmung unter britischen jungen Menschen angeht, scheint der Zug für die Tories abgefahren. Allerdings sollte auch ein Jeremy Corbyn gewarnt sein. Hoffnung kann schnell in Enttäuschung umschlagen. Und sollte Labour in kommenden Monaten an die Regierung kommen, wird seine Partei vor großen Herausforderungen stehen. (Christian Bunke)