Großbritannien: Labour-Abgeordnete Jo Cox ermordet

Ein politischer Mord? Nachdem der Angreifer dafür keine eindeutigen Indizien liefert, wurde das aufgeheizte Klima vor dem Brexit-Referendum zum politischen Mörder erklärt

Gestern Nachmittag wurde die Labour-Abgeordnete Jo Cox nach ihrer Bürgersprechstunde in ihrem Wahlkreis in West-Yorkshire von einem Mann angegriffen, der auf sie schoss und auf sie einstach. Sie erlag ihren Verletzungen. Schnell kam die Frage auf, ob es sich um einen politischen Mord handele.

In den ersten Berichten war die Rede davon, dass Augenzeugen gehört haben, dass der Angreifer "Britain first" gerufen habe, der Name einer Partei weit rechts im politischen Spektrum.

Auf deren Homepage ist, wenn erstmal das Pop-up zur Brexit-Umfrage weggeklickt wird (Ja oder Nein zum EU-Superstaat), ein Video mit einer anderen Zeugenaussage zu sehen ("Never heard that") und ein offizielles Statement, das auf eine Version des Tathergangs aufmerksam macht, die gestern anfänglich in manchen Berichten auftauchte. Demnach habe die Labour-Abgeordnete in eine Auseinandersetzung zwischen zwei Männern eingegriffen, um zu schlichten. Das Statement erfolgte, bevor bekannt wurde, dass die 41-jährige Frau ihren Verletzungen erlag.

Im Bericht des Telegraph heißt es, dass die Polizei einen 52-jährigen Mann festnahm, der laut Augenzeugen der Täter sei. Er soll demnach mehrmals auf die Frau geschossen haben und auf die am Boden liegende eingetreten haben. Auch in diesem Bericht taucht ein dritter Beteiligter auf, ein77-jähriger Mann, der zu intervenieren versucht habe, und niedergestochen worden war. Der zeitliche Ablauf ist unklar. Herausgestellt wird, dass der mutmaßliche Täter in der Vergangenheit in psychiatrischer Behandlung war. Laut Aussagen seines Bruders sei er mental gestört.

Im Guardian wird der Hergang heute so zusammengefasst: Die Polizei habe einen Mann, der bei seinem Angriff ein altertümliches Gewehr und ein Messer benutzt habe, festgenommen. Nach Augenzeugen habe er sich der Abgeordneten genähert, die ihre Bürgersprechstunde in der öffentlichen Bibliothek beendet hatte und das Gebäude mit Begleitern verlassen habe. In einem "Gerangel" habe er bis zu drei Mal auf sie geschossen und mehrmals auf sie eingestochen. In dem Bericht zweier Augenzeugen wird erneut erwähnt, dass der Mann "Britain first" gerufen habe.

Eine Augenzeugenaussage erwähnt noch eine weitere Person. Ob das einer der Begleiter der Abgeordneten oder ein Passant war, ist nicht ersichtlich. Der 77-jährige Mann taucht dann als weitere Nebenperson auf.

Einer versuchte den Angreifer zu packen, er rang mit ihm, dann zog der Angreifer ein Jagdmesser. Mit diesem stach er auf die Frau ein, mehrmals. Die Passanten schrieen und liefen davon, als Mann mit dem Messer anfing, auf alle loszugehen.

"Ein 77-Jähriger wurde ebenfalls angegriffen. Auf ihn wurde eingestochen, er wurde nicht ernsthaft verletzt", ergänzt der Guardian-Bericht.

Ein klares Bild ist aus den bisherigen Berichten nicht zu herzustellen. Dafür müssen die polizeilichen Ermittlungen sorgen. Darüber wurde gestern Abend und heute Morgen noch nichts Verlässliches bekannt. Nach einem politisch geplanten Attentat sieht es bislang nicht aus. Die Berichterstattung zur Frage, ob es sich um einen politischen motivierten Mord handeln könnte, wandte sich einem anderen Schwerpunkt zu. Darin spielte das aufgeheizte Klima in Großbritannien, etwa eine Woche vor dem Referendum, die Rolle des "politischen Mörders".

Das war sehr anschaulich in Deutschland zu sehen. In der Halbzeitpause des EM-Spiels Polen-Deutschland fragte ein erneut von der Gewalt erschütterter Claus Kleber in den Tagesthemen die Korrespondentin in Großbritannien danach, ob nicht das politische Klima im UK derart sei, dass solche Gewalttätigkeiten damit in Verbindung zu bringen sei. Kleber stellte seine Frage mit anschaulichen Beschreibungen einer heruntergekommenen, aggressiven Debatte, dass es zu einer Suggestivfrage wurde, die von der Korrespondentin auch mit einem einleitenden, wenn auch etwas zögerndem Ja beantwortet wurde.

Auch der Guardian-Leitartikel, der noch in der Nacht gestrigen veröffentlicht wurde, nahm das "Abgleiten von der Zivilisation zur Barbarei" zum Thema. "Es ist ein kurzer Weg, kürzer als wir uns das vorstellen."

Dass der Mord ein politischer war, wird damit begründet, dass es "in einem sehr echten Sinn" ein Angriff auf die Demokratie sei.

Guardian-Titel, am tag nach dem Mord

Dem Idealismus der Labour-Abgeordneten Jo Cox, die sich jahrelang bei Oxfam engagierte, für ein gutes Zusammenleben mit Flüchtlingen eintrat und sich für ein positives Bild der Einwanderer stark machte, für mehr Einsatz für Flüchtlinge aus Syrien mobilisierte, wird der Zorn der Hasserfüllten und der Extremisten rechtsaußen entgegengesetzt. Für deren Botschaft, dass manceh Menschen weniger wert seien als andere und dadurch "fair game for attack", seien Menschen am Rand, wie der Mörder der Abgeordneten empfänglich.

Die Rhetorik des westlichen Rassismus und der Islamophobie, so der Guardian-Kommentar sei der Spiegel zur Ideologie des IS und al-Qaida, heißt es im Guardian-Kommentar. Und im nächsten Satz wird die Brücke geschlagen zur EU-Brexit-Debatte, die mit der Immigrationsdebatte eng verknüpft sei:

Wir sind in der Mitte von etwas, das ein Plebiszit über Einwanderung und Einwanderer wird.

Der Ton der Debatte sei polarisierend und fies. Als Beispiel wird Nigel Farage genannt, der mit Postern von Einwanderern Stimmung gegen den Verbleib in der EU macht. Das sei zynisch und brutal, der noble Idealismus von Jo Cox sei die richtige Antithese dazu gewesen.

Viel geholfen ist mit solchen Erklärungen, die alles zusammenmischen, nicht, da sie nur bereits vorhandene Einstellungen in den Lagern bekräftigen. Umso mehr als der Kommentare bemüht ist, vor allem am Schema "wir sind die Guten, die anderen die Schlechten" festzuhalten. Das angeprangerte aufgeheizte Klima der Debatte wird mit solchen Einwürfen nicht gedämpft. Die Auseinandersetzung darüber, dass man selbst Teil der Debatte ist und darin eine Rolle spielt, wird draußen gelassen, nicht einmal berührt. Also ob die Einstellung, sich so sicher auf der richtigen humanen Seite zu wähnen, keinen Einfluss auf die Art und Weise der Diskussion habe.

Der Schock über die Mordtat wird eine Wirkung auf die Schlussrunde der Brexit-Debatte haben, welche wird sich noch zeigen. David Cameron, Boris Johnson und andere Politiker haben erstmal eine kurze Pause eingelegt, die politischen Kampagnen zur Berxitabstimmung werden zunächst angehalten.

Nachtrag: Ergänzt werden sollte, dass Nigel Farage, Chef der UK Independence Party (UKIP), große Kaliber bei seiner Kampagne zum Austritt aus der EU auffährt, die eindeutig hetzerisch sind. So enthüllte er gestern ein Plakat, das einen großen Flüchtlingszug in einer Weise darstellt, die das Böse-Blut-Gerede von Invasion unterstreicht, überschrieben mit "Breaking Point". Darunter ist zu lesen: "The EU has failed us all."

"Wenn man immer wieder Breaking Point schreit, muss man nicht überrascht sein, dass dann einer bricht. Wenn man Politik als Angelegenheit auf Leben und Tod darstellt, als Überlebensfrage für die Nation, muss man nicht überrascht sein, wenn dich jemand beim Wort nimmt", kommentiert dies der Spectator. Dessen Folgerung lautet: " You didn’t make them do it, no, but you didn’t do much to stop it either." (Thomas Pany)

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