Großer Bahnhof in Thessaloniki bei der Einweihung einer U-Bahn ohne Bahnen

Bild: Büro des Premiers, Fotograf Andrea Bonetti

Griechenlands Wahlkampffieber und seine Auswüchse

Potemkin hätte seine Freude an ihm gehabt. Der griechische Premierminister Alexis Tsipras weihte am Samstag, den 29. Dezember 2018, die Metro in Thessaloniki ein. Hat Thessaloniki, offiziell als Nebenhauptstadt Griechenlands bezeichnet, nun endlich eine Untergrundbahn?

Wenn man der Regierung Glauben schenken darf, dann ist wie Tsipras und die Staatsministerin für Makedonien und Thrakien Katerina Notopoulou am Samstag feierlich verkündeten, die "Metro von Thessaloniki" kein Witz mehr, sondern vielmehr endlich Realität. Giannis Mylopoulos, der Vorsitzende der Attiki-Metro, der Gesellschaft, die neben der Metro Athens nun auch noch die Metro in Thessaloniki betreut, postete stolz bei Facebook: "Am Samstag, den 29. Dezember, verabschieden wir das Jahr 2018 und empfangen das Jahr 2019, ein Jahr, in dem die Metro in die Schienen für Probefahrten gelegt wird." Für Mylopoulos endet damit das Jahr mit dem 29. und nicht mit dem 31. Dezember.

Die Efimerida ton Syntakton, kurz EfSyn, eine regierungsnahe Tageszeitung titelte: "Für die Allgemeinheit wird der erste fertige Bahnhof der Metro Thessalonikis eröffnet." Dieser Titel ist keineswegs vollkommen falsch, nur etwas aufgehübscht. Denn der "erste fertige" Bahnhof "Syntrivani-Ekthesi" nahe dem Gelände der Internationalen Messe von Thessaloniki ist noch nicht wirklich fertig. Außer den Schienen und der Gelegenheit, in einen U-Bahnwagon zu steigen, fehlen die Kassenhäuschen und weitere Details. Schnell installierte Attrappen sorgten für die Kulisse für die obligatorischen Fotos. Immerhin funktioniert die Rolltreppe der beinahe fertigen Station bereits.

Tsipras reiste zusammen mit zahlreichen Ministern und Parlamentariern an. Seine Einweihungsrede für die U-Bahn wurde, wie alle seine öffentlichen Auftritte, mit einer Live-Schaltung über den Staatssender ERT übertragen. Ebenso wie bei all seinen übrigen öffentlichen Auftritten nutzte die ERT die Gelegenheit, die Hälfte der abendlichen Nachrichtensendung mit den Äußerungen Tsipras und der Feierstunde für die Metro Thessaloniki zu füllen.

Die Kommentatoren des staatlichen Rundfunks betonten, wie wichtig die U-Bahn für Thessaloniki ist und wie großartig es nun sei, dass sie fertig werde. Fertig? Über den Zeitpunkt einer tatsächlichen Eröffnung gibt es mehrere Versionen. Laut Tsipras können die Nordgriechen bereits 2020 ihren Weihnachtseinkauf in Thessaloniki mit Fahrten in einer hochmodernen Untergrundbahn verbinden. Er verspricht gar, dass die Metro bereits früher, im Februar 2020, in Betrieb genommen würde. Allerdings können frühestens im ersten Halbjahr 2021 sämtliche Stationen der ersten Strecke fertig sein.

Die Metro von Thessaloniki - ein dreißigjähriger Witz

"Mit einer kleinen Verzögerung von dreißig Jahren hört der Witz auf, ein Witz zu sein. Die Metro ist hier. Möglich, dass die Bürger keine Gelegenheit haben, es zu sehen, aber das Werk ist zu beinahe 95 Prozent fertig, was die Konstruktion der 13 Bahnhöfe angeht. Es fehlen die Wagonzüge und der Besitzer. Besitzer sind die Bürger von Thessaloniki, die nach so vielen Jahren des Wartens ein Recht haben auf eine moderne Infrastruktur, welche ihre Lebensqualität, ihren Alltag ändern wird", sagte der Premier in seiner Rede.

Warum Tsipras jetzt schon diese Show abzieht? 2019 wird ein Wahljahr. Er möchte demonstrieren, dass in den nunmehr dreieinhalb Jahren seiner Regierungszeit Sachen geschaffen wurden, die von Vorgängerregierungen nur versprochen wurden. Aus dem gleichen Grund fuhr im September, zeitgleich mit der Internationalen Messe von Thessaloniki, ein moderner Schnellzug, der "Asimenio Velos" (Silberpfeil) die Strecke von Thessaloniki nach Athen hin und zurück. Der Zug war eigens aus Italien nach Griechenland gebracht worden, um zu demonstrieren, was sein soll, wenn Tsipras länger an der Macht bleibt.

Zu diesem Zweck erzählte der Premier auch vom Plan, 150 neue Busfahrer für Thessaloniki einzustellen, neue Busse zu kaufen und den mangelhaften ÖPNV der Stadt auf Vordermann zu bringen. Für das Umland von Thessaloniki und die Stadt selbst soll eine neue Universität gegründet werden, eröffnete Tsipras den Zuhörern. Er vergaß nicht zu versprechen, dass auch für die bevölkerungsreichsten Stadtteile Thessalonikis, die bislang von allen Regierungen vernachlässigten westlichen Teile, eine Erweiterung der Metro geplant ist.

Der Premier nutzte die Gelegenheit, sich als Macher zu präsentieren. Die Enteignungen, welche für den Bau der Strecke erforderlich gewesen seien, hätten nach von der Regierung angestrebten Gerichtsverfahren nur 188 Millionen Euro, statt wie von den enteigneten Besitzern gefordert 1,1 Milliarden Euro gekostet. Darüber hinaus sei das Problem mit den archäologischen Funden gelöst worden, versicherte Tsipras.

Unter dem modernen Thessaloniki befinden sich nämlich die Reste der früheren Stadt, römische und antike griechische Häuser, Tempel und Straßenanlagen. Auch dies war ein Grund für die jahrzehntelange Verzögerung beim Bau.

Das Loch von Kouvelas

Die erste Einweihung der Metro von Thessaloniki fand 1986 unter dem damaligen Bürgermeister Sotiris Kouvalas statt. Der konservative Politiker wollte die Metro mit den Einnahmen eines neu gegründeten kommunalen TV-Senders TV 100 finanzieren. Kouvelas ließ, unweit von der Stelle der diesjährigen Einweihung ein Loch graben, stellte sich davor und fabulierte von der nun begründeten Untergrundbahn und von schier unerschöpflichen unterirdischen Parkplatzanlagen.

Damit begründete er den beliebten Witz von der Metro zu Thessaloniki. Denn durch das Loch gab es keinen Zugang zu einem Verkehrsmittel, vielmehr war es ein Sammelbecken für Regenwasser, welches andauernd mit Pumpen geleert werden musste.

Im Mai 2018 rettete die nun eingeweihte Station die Stadt vor einer schlimmeren Katastrophe. So erklärte es zumindest Mylopoulos damals: "Die Baustellen für die Metro retteten die Stadt", sagte er. Stürmischer Regen hatte die Stadt überschwemmt. Die Baustellen für die Station Sintrivani und Vardaris "funktionierten wie Ausgleichbecken. Das Wasser hätte, wenn es nicht die Baustellen der Metro geben würde, die umliegenden Geschäfte und Wohnungen überflutet", befand Mylopoulos. Vielleicht hielt er den eigentlichen Zweck für die Tunnel und Stationen für eine ferne Utopie?

Fremde Besucher der Stadt liebten es, die lokalpatriotischen Einheimischen mit der Frage: "Wo kann ich einen Fahrausweis für die U-Bahn kaufen?" zu piesacken. Die Arbeiten an den Tunneln unter der Stadt schritten kaum fort, bis wie in Athen statt Baggern, Schaufeln und Hacken moderne Tunnelbaumaschinen eingesetzt wurden.

Erste Pläne für eine Metro gab es allerdings bereits in den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts. Diskussionen über eine theoretische Möglichkeit soll es bereits 1918 gegeben haben, behaupten zumindest einige Quellen. Seit 1976 gibt es im kommunalen Haushalt der Stadt einen Etatposten für die Untergrundbahn. Bis sie endlich fährt, kann sie bestimmt noch ein paarmal eingeweiht werden. Denn tatsächlich sind solche Einweihungsfeste bereits eine Tradition, welche schon Tsipras Vorgänger im Amt geübt haben. Costas Simitis, Konstantinos Mitsotakis und Kostas Karamanlis hatten jeweils ihre "Metro-Show". Allerdings stellte Tsipras mit seiner Einweihung einer Station, die noch keine ist, alle anderen in den Schatten. (Wassilis Aswestopoulos)

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