Großzügige Umverteilung erhöht Lebenserwartung

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Eine aktuelle Studie konnte einen starken Zusammenhang zwischen der Umverteilung von Ressourcen innerhalb einer Gesellschaft und der durchschnittlichen Lebenserwartung belegen

Die aktuelle Studie "Intergenerational resource sharing and mortality in a global perspective" von Tobias Vogt (Universität Groningen), Fanny Kluge (Max-Planck-Institut, Rostock) und Ronald Lee (Universität Berkeley) untersuchte die Auswirkungen von Umverteilung von Ressourcen innerhalb einer Gesellschaft: "Unsere Ergebnisse aus 34 Ländern auf sechs Kontinenten deuten darauf hin, dass die Lebenserwartung in Gesellschaften, die sich gegenseitig mehr unterstützen und sich um einander kümmern, höher sind." Das beschriebene Ergebnis ist hierbei unabhängig davon, ob die Umverteilung in einer Gesellschaft staatlich organisiert ist oder sich auf privater Ebene abspielt (Erbschaften wurden hierbei jedoch explizit nicht berücksichtigt).

Dies ist ein bemerkenswertes Ergebnis, das gerade in einer Zeit, in der der Schutz des Lebens eine zentrale Rolle in der politischen Diskussion eingenommen hat, besondere Berücksichtigung finden sollte. Aber es ist auch ein Ergebnis, das erstaunt, denn die Tatsache, dass Reduzierung der Ungleichheit, Teilen und Großzügigkeit gesundheitsförderlich sind, also offenbar der Natur des Menschen zu entsprechen scheinen, widerspricht der weitverbreiteten Ansicht, der Mensch sei mit einer naturgegebenen egoistischen "Winner takes all"-Mentalität ausgestattet und Ungleichheit daher der natürliche Zustand der Menschen und Kapitalismus die natürliche Wirtschaftsform.

Natürliche Bereitschaft zu teilen

Das Ergebnis kann aber nur diejenigen erstaunen, die sich nicht mit der Forschung über die Natur des Menschen beschäftigt haben. Entgegen der weitverbreiteten Ansicht, dass Großzügigkeit und die Bereitschaft zu teilen gelernte und anerzogene Eigenschaften sind, weisen eine ganze Reihe von Experimenten und Studien das Gegenteil nach. Schon im Windelalter zeigen Kleinkinder ein Empfinden für Gerechtigkeit und bereits mit 15 Monaten erkennen sie den Unterschied zwischen einer fairen und einer unfairen Verteilung.

Auch die Bereitschaft der Kleinkinder, ihr Verhalten nach ihrem Gerechtigkeitsempfinden auszurichten, zeigt sich früh. In einem beeindruckenden Experiment des Harvard-Professors Felix Warneken zogen zwei dreijährige Kinder gemeinsam an einem Seil, um ein Brett heranzuholen und so an ein Spielzeug oder an Süßigkeiten in einer durchsichtigen Box zu gelangen. Nachdem die Kinder erfolgreich waren, gab es in der Box manchmal nur ein Loch, sodass regelmäßig ein Kind in der Versuchung war, sich die Belohnung alleine zu sichern. Doch fast immer teilten die Kinder den Fund gerecht auf. Warneken kommentiert: "Wir waren überrascht, dass diese Regel so strikt war, dass Gleichheit so stark bevorzugt wurde. Es war selten der Fall, dass ein Kind alles nahm und das andere Kind zu sagen hatte: 'Hey, das ist nicht fair.'" Einige Male wies ein Kind seinen Partner sogar darauf hin wenn er seinen Teil vergessen hatte.

Kinder verzichten sogar freiwillig auf den eigenen Vorteil zugunsten einer gerechten Verteilung: In einem Experiment erhielten zwei Dreijährige nach einer gemeinsamen Arbeit drei Belohnungen, wobei ein Kind zwei und das andere nur eine bekam. Fast immer teilte das von Glück begünstigte Kind von sich aus. Bei Kindern im Alter von sieben bis acht Jahren konnte dieses Phänomen bestätigt werden. Auch bei Erwachsenen zeigt es sich, dass Menschen deutlich großzügiger sind, als zumeist angenommen. Besonders aussagekräftig hierfür dürften die zahlreich Studien zu dem sogenannten Ultimatum- und dem Diktatorspiel sein.

Das soziale Gehirn belohnt Großzügigkeit

Beim Belohnungszentrum, das Teil des sogenannten "sozialen Gehirns" des Menschen ist, spielt der "Glücksbotenstoff" Dopamin eine Schlüsselrolle. Bei Dopamin geht es "nicht um das Glückserlebnis der Belohnung. Es geht um das Streben nach Belohnung", wie der Neurowissenschaftler Robert Sapolsky von der Universität Stanford erklärt. Dopamin "fördert das zielgerichtete Verhalten." Das Belohnungszentrum des Gehirns reagiert positiv auf Situationen und Eigenschaften und versucht mittels Dopaminausstoß sicherzustellen, dass die entsprechenden Handlungen auch tatsächlich durchgeführt werden. Die Auslöser, die das Belohnungszentrum aktivieren, sagen daher sehr viel über die Natur des Menschen aus.

Erstaunlich: Zwar aktiviert die Vorstellung, eine größere Geldsumme zu erhalten, das Belohnungszentrum, aber die Vorstellung, den gleichen Betrag für einen wohltätigen Zweck zu spenden, aktiviert diese ebenso. Letzter Variante wirkt sich deutlich positiver auf den Menschen aus, denn zusätzlich wird auch ein Teil des präfrontalen Cortexes aktiv, der für soziale Aufmerksamkeit und Zuneigung zuständig ist. Ein wichtiges Experiment der Psychologin Elizabeth Dunn beweist, wie stark und erfolgreich das soziale Gehirn Großzügigkeit fördert. In dem Experiment wurden 632 repräsentativ ausgewählten US-Amerikanern ein unverhofftes Geldgeschenk gemacht. Die eine Hälfte sollte das Geld noch am selben Tag für sich selber auszugeben. Die andere Hälfte musste das Geld am selben Tag für andere Menschen verwenden. Am Abend wurden die Testpersonen nach ihrem Wohlbefinden gefragt. Das Ergebnis: Menschen, die mit dem Geld anderen eine Freude gemacht hatten waren in besserer Stimmung, als diejenigen, die mit dem Geld sich selbst etwas Gutes tun durften. Eine Meta-Studie, die Daten aus 136 Ländern untersuchte, kommt zu dem Ergebnis, "dass prosoziale Ausgaben mit größerem Glück auf der ganzen Welt verbunden sind, sowohl in armen als auch in reichen Ländern."

Gesundheitsfördernde Großzügigkeit

Die eingangs zitierte Studie kommt zu einer bemerkenswerten Begründung für die gesundheitsfördernden Wirkung von Großzügigkeit und Umverteilung in einer Gesellschaft: "Wir gehen davon aus, dass diese Unterstützung die Sterblichkeit durch die Befriedigung dringender materieller Bedürfnisse verringert, aber auch, dass gemeinsame Großzügigkeit die Stärke der sozialen Verbundenheit widerspiegeln kann, die wiederum der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Menschen zugute kommt und indirekt das Überleben erhöht. (…) Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass sowohl das Geben als auch das Nehmen die Gesundheit verbessert."

Als Hintergrund für die positive Wirkung auf die Gesundheit: Zahlreiche Studien belegen, dass Gemeinschaft das Immunsystem stärkt. Beispielsweise zeigte eine Meta-Studie, die 41 Studien untersuchte, dass "die soziale Unterstützung und die soziale Integration signifikant mit einem niedrigeren Entzündungsniveau verbunden waren." Freiwillige Tätigkeiten reduzieren zudem das Sterberisiko um 47 Prozent. Und nicht zuletzt: Die Fähigkeit zu vertrauen ist für die menschliche Gesundheit zentral und hat einen erstaunlich signifikanten Einfluss auf die Lebenserwartung der Menschen, wie eine aktuelle Studie zeigt. Ob man anderen Menschen, auch Fremden, vertraut oder nicht, führt zu einem Unterschied in der Lebenserwartung von 10 Monaten.

Mehr als reziproker Altruismus

In der Diskussion ihres Ergebnisses zu der Studie "Intergenerational resource sharing and mortality in a global perspective" kommen die Autoren zu einer wichtigen Erkenntnis, die sie mit einer Reihe weiterführenden Studien belegen: "Es ist sicherlich weit mehr als Egoismus oder Quid-pro-quo-Erwartungen, die uns zu Gebern und Unterstützern machen. Die Motive, finanzielle oder nicht-materielle Unterstützung zu leisten, sind eng miteinander verbunden und tragen zu dem hohen Maß an prosozialem Verhalten bei, das in menschlichen Gesellschaften anzutreffen ist. (...) Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass altruistisches Verhalten und Risikoteilung tief in der menschlichen Evolution verwurzelt sind."

Ungleichheit in der Wirtschaftswissenschaft

"Von allen Tendenzen, die sich negativ auf eine vernünftige Wirtschaftslehre auswirken, ist die Fokussierung auf Verteilungsfragen am verführerischsten, nach meiner Meinung aber auch am nachteiligsten." So warnte Robert Lucas, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und seine mahnenden Worte dürfen durchaus als stellvertretend für viele Wissenschaftler seiner Zunft angesehen werden, denn all die hier präsentierten Fakten über die menschliche Natur finden in den Wirtschaftswissenschaften nicht ausreichend Berücksichtigung.

Dabei hatte ein Apostel des Kapitalismus eine deutlich andere Haltung: Adam Smith schrieb in "Der Wohlstand der Nationen" nicht nur davon, dass das Streben aus Eigennutz der Allgemeinheit zu Gute komme, sondern betont auch bezeichnenderweise: "Keine Gesellschaft kann gedeihen und glücklich sein, in der der weitaus größte Teil ihrer Mitglieder arm und elend ist." Seine Mahnung findet heute im wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs kaum mehr Gehör.

Ungleichheitsaversion des Menschen

Nicht nur zentrale Eigenschaften wie die Bereitschaft zu teilen, Großzügigkeit und ein Gefühl für Gerechtigkeit zeichnen den Menschen aus. Menschen haben auch von Natur aus eine sehr klare Einstellung zur Ungleichheit. Denn faszinierenderweise bevorzugen Menschen eine relativ egalitäre Verteilung der Ressourcen und akzeptieren nur eine geringe Ungleichheit, wie eine Reihe von Studien belegen (Hier, hier, hier und hier)

Sowohl Kinder als auch Erwachsene lehnen in der großen Mehrheit unfaire Verteilungen ab, auch wenn sie damit auf einen Teil des Kuchens verzichten müssen. Erstaunlicherweise hängt jedoch die an den Tag gelegte Fairness nicht davon ab, ob der Mensch Opfer einer ungerechten Verteilung ist, sondern Menschen sind grundsätzlich bereit, auch auf den eigenen Vorteil zu verzichten, um eine Ungleichheit zu vermeiden.

Für diese Eigenschaft, die die Wissenschaft "Ungleichheitsaversion" nennt, liefert ein faszinierendes Experiment des Teams um Christopher Dawes (Universität San Diego) einen wichtigen Beleg. Jeder Proband einer Gruppe erhielt eine Summe Geld zugesprochen, über deren Höhe ein Computer entschied, sodass von Anbeginn eine ungleiche Verteilung herrschte, die für alle Teilnehmer sichtbar war. Die Spieler hatten dann die Möglichkeit, durch Einsatz ihres Geldes entweder das Guthaben eines Mitspielers zu erhöhen oder zu verringern, wobei die erzielte Veränderung dreimal höher als das eingesetzte Guthaben war. Die Spieler blieben in diesem Experiment anonym, nach jeder Runde wurden die Gruppen neu zusammengesetzt, um konkrete Reaktionen auf das Verhalten eines Spielers sowie den Einfluss von Reputation zu verhindern.

Im Verlauf des Experiments nahmen zwei Drittel der Probanden die Chance zur Veränderung der Guthaben der beteiligten Spieler wahr. Zwar reduzierten hiervon gut zwei Drittel der Probanden mindestens einmal das Guthaben eines Spielers, aber erstaunlicherweise opferten knapp drei Viertel mindestens einmal einen Teil ihres eigenen Geldes, um das Guthaben eines anderen Spielers zu erhöhen. Dabei war insbesondere die Bedeutung der Ungleichheit in der Gruppe für die Auswahl der Aktion entscheidend. So wurde hauptsächlich das Guthaben eines Mitspielers aufgestockt, der unterdurchschnittlich wenig Geld hatte, oder die Vermögen jener Probanden verringert, die besonders viel Geld zugeteilt bekommen hatten. Die Forscher bestätigen mit ihrem Experiment eine ausgeprägte Ungleichheitsaversion und schreiben: "Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass soziale Ungleichheit negative Gefühle hervorruft, sowohl zur Reduzierung als auch zur Steigerung der Einkommen anderer motivieren."

Tatsächlich offenbarte ein neueres Experiment desselben Forscherteams, dass Menschen in ungleichen Verteilungssituationen mit Schmerz reagieren, der in einem Gehirnscan objektiv zu sehen ist, wenn andere Probanden zusätzlich Geld erhalten, obwohl diese bereits mehr als man selbst besitzen. Faszinierenderweise reagiert das Belohnungszentrum jedoch positiv auf einen Geldtransfer zu anderen Probanden, wenn man selbst bereits mehr besitzt. Das soziale Gehirn belohnt also die Herstellung einer zunehmenden Gleichheit in der Gruppe.

Neoliberalismus und Ungleichheit

So eindeutig es ist, dass Menschen eine Aversion gegen Ungleichheit haben und von Kindesbeinen an auch bereit sind, für eine gerechte Verteilung Opfer zu bringen, so eindeutig ist es, dass der Neoliberalismus eine gänzlich andere Haltung zur Ungleichheit hat. Friedrich von Hayek, Wirtschaftsnobelpreisträger und Ikone des Neoliberalismus, schreibt: "Als Tatsachenaussage ist es einfach nicht wahr, dass alle Menschen von Geburt aus gleich sind (...daher folgt), dass der einzige Weg, sie in gleiche Positionen zu bringen, wäre, sie ungleich zu behandeln. Gleichheit vor dem Gesetz und materielle Gleichheit sind daher nicht nur zwei verschiedene Dinge, sondern sie schließen einander aus."

Aus der natürlichen Ungleichheit und der Bedeutung des Rechtsstaat folgt für Hayek die logische Konsequenz der wirtschaftlichen Ungleichheit: "Es ist nicht zu leugnen, daß das Prinzip des Rechtsstaates wirtschaftliche Ungleichheit hervorbringt; alles, was man zu seinen Gunsten geltend machen kann, ist, daß es nicht im Wesen dieser Ungleichheit liegt, bestimmte Menschen in einer bestimmten Weise zu treffen." Ähnlich argumentiert auch der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama: "Marktwirtschaften sind von individuellen Streben nach Eigennutz abhängig, was, die unterschiedlichen Begabung und Herkunft der Menschen bedacht, zu Ungleichheiten des Wohlstands führt."

Ungleichheit ist für den Neoliberalismus also gewissermaßen eine natürliche Erscheinung. Darüber hinaus ist Ungleichheit aber auch in dieser Denkschule aus anderem Grund eine Notwendigkeit, wie der Wirtschaftshistoriker Philip Mirowski anmerkt: "Neoliberale betrachten wirtschaftliche und politische Ungleichheit nicht als ein bedauerliches Nebenprodukt des Kapitalismus, sondern als notwendige und funktionale Eigenschaft ihres idealen Marktsystems. Ungleichheit gilt ihnen nicht nur als der natürliche Zustand der Marktwirtschaft, sondern auch als einer der stärksten Fortschrittsmotoren."

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass der Neoliberalismus ausdrücklich kein Interesse an einer gerechteren Verteilung hat (Hayek spricht von der "Illusion der sozialen Gerechtigkeit"), sondern vielmehr an deren Verhinderung. Der Wirtschaftshistoriker Quinn Slobodian erklärt: "Die normative neoliberale Weltordnung ist kein grenzenloser Markt ohne Staaten, sondern eine doppelte Welt, die von den Hütern der Wirtschaftsverfassung vor den Forderungen der Massen nach sozialer Gerechtigkeit und Umverteilung geschützt wird." Ein Leak der sogenannten Citigroup-Memos im Jahr 2005, der bis heute nicht dementiert wurde, mag zwar einzig aus der Perspektive der Bank an ihre Kunden und deren nicht ganz uneigennützigen Zielen geschrieben sein, liegt aber ganz auf der gezeichneten Linie des Neoliberalismus. In dem Memo, das die USA als Plutonomie bezeichnet, also eine Gesellschaft, deren wirtschaftliches Wachstum von der reichsten Bevölkerungsschicht kontrolliert wird, heißt es: "Die stärkste und kurzfristigste Bedrohung wären Gesellschaften, die einen 'gerechteren' Anteil am Wohlstand einfordern."

Rechtfertigung für Ungleichheit

Keine Gesellschaft ist um eine Rechtfertigung der jeweils herrschenden Ungleichheit verlegen. Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty hat in seinem neuen Opus Magnum "Kapital und Ideologie" die verschiedenen Rechtfertigungen untersucht. In einem Artikel fasst er die aktuelle Rechtfertigung prägnant zusammen: "In den heutigen Gesellschaften übernimmt diese Rolle vor allem die proprietaristische und meritokratische, den Unternehmergeist beschwörende Erzählung: Die moderne Ungleichheit ist gerecht und angemessen, da sie sich aus einem frei gewählten Verfahren ergibt, in dem jeder nicht nur die gleichen Chancen des Marktzugangs und Eigentumserwerbs hat, sondern überdies ohne sein Zutun von dem Wohlstand profitiert, den die Reichsten akkumulieren, die folglich unternehmerischer, verdienstvoller, nützlicher als alle anderen sind. Und dadurch sind wir auch himmelweit entfernt von der Ungleichheit älterer Gesellschaften, die auf starren, willkürlichen und oft repressiven Statusunterschieden beruhte."

Scheitern an der Wirklichkeit

Lange Zeit galt der Trickle-down-Effekt als Rechtfertigung für Ungleichheit. Auch heute wird dieses Argument gerne genutzt, wenn es darum geht, die Steuerlast der sogenannten Leistungsträger in der Leistungsgesellschaft zu deckeln. Aber, wie Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger, zu Recht moniert: "Wir warten auf diesen Trickle-down-Effekt nun seit 30 Jahren - vergeblich." So die ebenso simple wie traurige Erklärung, warum gerade im Land des Amerikanischen Traumes die Wahrscheinlichkeit nachweisbar auffallend gering ist, sich vom Tellerwäscher bis zum Millionär hocharbeiten zu können.

Aber generell scheitert der Anspruch des Kapitalismus an der Wirklichkeit. Piketty hatte bereits in seinem Werk "Das Kapital im 21. Jahrhundert" basierend auf einer 15-jährigen Forschungsarbeit nachweisen können, dass die Natur des Kapitalismus keineswegs langfristig zu einer Reduzierung der Ungleichheit führt, sondern ganz im Gegenteil die zunehmende Ungleichheit in die DNA des Kapitalismus eingeschrieben ist. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus entspricht nicht der Natur des Menschen, sondern er widerspricht gerade seiner grundlegenden Eigenschaft, nur überschaubare Ungleichheit zu dulden und sogar für eine Reduzierung von Ungleichheit Opfer zu bringen. Dass zudem auch obige Rechtfertigung der Ungleichheit, die Piketty zusammengefasst hat, nicht den Test der Wirklichkeit besteht, vervollständigt das Bild. Dies beweist Piketty dank einer extrem umfangreichen Datenrecherche in "Kapital und Ideologie".

Leistung ist ein soziales Konstrukt

Ein besonderer Aspekt der Rechtfertigung verdient hier kurz eine besondere Erwähnung: das Mantra, dass in einer Leistungsgesellschaft Leistung sich wieder lohnen und Leistungsträger nicht abgestraft werden dürften. Was hierbei grundsätzlich gerne übersehen wird - abgesehen von dem sehr diskussionswürdigen Prinzip der Meritokratie und damit verbunden der Chancengleichheit - ist eine Tatsache, auf die die Historikerin Nina Verheyen verweist: "Individuelle Leistung gibt es nicht, sie ist ein soziales Konstrukt oder anders ausgedrückt: Sie ist eine Leistung von vielen."

Die beiden Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman respektive Thomas Piketty machen dies an den Beispielen von Donald Trump und Bill Gates anschaulich klar: "Trump selbst wäre nichts ohne die Infrastruktur, die seine Wolkenkratzer mit dem Rest der Welt verbindet, das Kanalsystem, über das ihre Abwässer ablaufen, die Lehrer, die seinen Rechtsanwälten das Lesen beigebracht haben, oder die Ärzte und die öffentliche Forschung, die ihn gesund halten, ganz zu schweigen von den Gesetzen und Gerichten, die sein Eigentum schützen. Was Gemeinschaften aufblühen lässt, ist nicht der ungezügelte Wettbewerb, sondern Kooperation und gemeinschaftliches Handeln." Und: "Sollen wir wirklich annehmen, Bill Gates und die anderen Tech-Milliardäre hätten ihre Geschäfte ohne die Hunderte von Millionen öffentlicher Gelder machen können, die seit Jahrzehnten in Ausbildung und Grundlagenforschung investiert wurden? Und glaubt man allen Ernstes, ohne tätige Hilfe des geltenden Rechts- und Steuersystems hätten sie ihr kommerzielles Quasi-Monopol aufbauen und ein Wissen, das allen gehört, zum privaten Patent anmelden können?"

Ungleichheit ist größte Angst der Menschen

In einer hochindividualisierten Gesellschaft sind wir es gewohnt, Leistung einzig einem Individuum zuzuschreiben und keiner Weise das Gemeinwesen hierfür zu belohnen, noch in dieser Hinsicht ein wichtiges Argument für die Reduzierung von Ungleichheit zu sehen. Vielmehr hat Ungleichheit inzwischen ein derartiges Gewicht erhalten, dass bereits im Jahr 2014 bei einer Umfrage in den USA und in Europa "die Sorge über die Ungleichheit alle anderen Gefahren in den Schatten stellt." Im März diesen Jahres, noch vor dem eigentlichen Beginn der Krise, erklärten drei von vier Deutschen, die Kluft zwischen Arm und Reich sei ungerecht groß.

In der aktuellen Krise deuten alle Vorzeichen auf eine gravierende Verschärfung der Ungleichheit hin. Bereits Mitte Juni hatte in den USA allein die sehr überschaubare Anzahl an Milliardären während der 12 Wochen der Krise 637 Mrd. US-Dollar bzw. 21,5 Prozent gewonnen. In der gleichen Zeit waren 44 Millionen US-Amerikaner in die Arbeitslosigkeit gesunken. In Deutschland steht eine genauere Analyse der aktuelle Ungleichheitsverschiebung noch aus. Allerdings hatte bereits kurz vor der Krise eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bereits ergeben, dass Vermögen in Deutschland weit ungleicher verteilt sind, als bisher angenommen.

Ungleichheit ist destruktiv, zerstört das soziale Kapital

"Für ein 'gesundes' Vertrauen, das Grundlage gesellschaftlichen Zusammenhalts sein kann, müssen wir zunächst zwei Bedingungen beachten. Erstens, dass der Kontakt zwischen unterschiedlichen Menschen überhaupt möglich ist. Zweitens, dass die Ungleichheit in der Gesellschaft insoweit begrenzt bleibt, dass ein solcher Kontakt auf Augenhöhe stattfinden kann." So schreibt Prof. Jutta Allmendinger und Jan Wetzel, die in ihren aufwendigen "Vermächtnisstudie" herausarbeiten, dass Ungleichheit Vertrauen, den Kitt der Gesellschaft, zersetzt.

Gerade im Angesicht des gängigen Diskurses, Ungleichheit entspreche der Natur des Menschen, wird allzu leicht auch die destruktive Kraft der Ungleichheit übersehen. Die britischen Epidemiologen Kate Pickett und Richard Wilkinson analysierten in ihrem grundlegenden Buch "Gleichheit ist Glück. Warum gerechtere Gesellschaften für alle besser sind" 23 der 50 reichsten Länder, die über gesicherte Daten der Einkommensverteilung verfügen. Sie kommen zu einem alarmierenden Ergebnis. Die Rate der physisch Kranken, der Drogenabhängigen, der Analphabeten, der Schulaussteiger, der Inhaftierten, der Morde, der psychisch Kranken, der Übergewichtigen und die Höhe der Säuglingssterblichkeit - all das steht jeweils in direktem Zusammenhang mit der Ungleichheit der Gesellschaft.

Studien anderer Autoren konnten ihre Ergebnisse bestätigen. Hieraus folgt, dass das Erste und auch das Entscheidende, was die Politik analysieren und verbessern müsste, wenn sie so unterschiedliche Probleme wie Bildung, Drogen, Gesundheitsprobleme, Analphabetismus und weitere bekämpfen will, der Grad der gesellschaftlichen Ungleichheit ist. Eine weitere bemerkenswerte Tatsache, die die Untersuchung zutage fördert: Nicht nur die unteren Gesellschaftsschichten profitieren von geringerer Ungleichheit, sondern die gesamte Gesellschaft.

Stigma der Neid-Debatte

Der Wirtschaftswissenschaftler Robert Lucas hat, wie eingangs erwähnt, vor einer näheren Beschäftigung mit der Frage der Ungleichheit gewarnt. Tatsächlich zeigt es sich aber, dass Ungleichheit das zentrale Thema und die entscheidende Frage schlechthin ist. Insbesondere wenn man den Lebensschutz ernst meint. Denn Ungleichheit steht auch im direkten Zusammenhang mit der Lebenserwartung, wie Wilkinson und Pickett demonstrieren konnten. Allein in London beträgt der Unterschied der Lebenserwartung eines Menschen, der in einem reichen oder in einem armen Viertel geboren wird, fast 25 Jahre. In den letzten 20 Jahren hat zudem der Unterschied der Lebenswartung in Großbritannien bei Männern um 41 Prozent und bei Frauen gar um 73 Prozent zugenommen.

Während derzeit täglich in den Diskussionen immer wieder der Lebensschutz als das Hauptargument für die daraus abgeleiteten Einschränkungen der Rechte und die Auflage neuer Sicherheitsmaßnahmen dient, sucht man das Thema der Ungleichheit vergebens auf der politischen Agenda. Wer aber Lebensschutz wirklich ernst meint und das Thema Ungleichheit nicht automatisch mit dem Stigma der sogenannten Neid-Debatte abqualifiziert, muss eine konsequente Politik betreiben, die die Ungleichheit wieder reduziert und Leben rettet.

Zweiter Akt der Solidarität

Daher gilt - nach wie vor und mehr denn je - die Forderung nach einem zweiten Akt der Solidarität. Nachdem der Schutz insbesondere der Risikogruppen in Deutschland insbesondere schwer für die ärmeren Menschen zu stemmen und ärmere Menschen überproportional häufig Opfer des Virus wurden, ist es an der Zeit, dass nun die ärmeren Menschen eher entlastet und insbesondere reichere Menschen zur Mithilfe aufgefordert werden.

Großzügigkeit, Umverteilung und Verringerung der Ungleichheit ist gesundheitsfördernd, denn sie entspricht der Natur des Menschen. Es ist Zeit, endlich Politik im Sinne dieser Natur des Menschen zu betreiben.

Verwendete Literatur:
Allmendinger, Jutta und Wetzel, Jan: Die Vertrauensfrage.
Atkinson, Anthony B.: Ungleichheit.
Fukuyama, Francis: Identität.
Hayek, Friedrich von: Der Weg zur Knechtschaft.
Mirowski, Philip: Untote leben länger.
Pinker, Steven: Das unbeschriebene Blatt.
Piketty, Thomas: Das Kapital im XXI. Jahrhundert.
Piketty, Thomas: Kapital und Ideologie.
Ricard, Matthieu: Allumfassende Nächstenliebe.
Slobodian, Quinn: Globalisten.
Tomasello, Michael: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral.
Verheyen, Nina: Die Erfindung der Leistung.
Wilkinson, Richard und Pickett, Kate: Gleichheit ist Glück. Warum gerechtere Gesellschaften für alle besser sind.

Von Andreas von Westphalen ist im Westend Verlag das Buch erschienen: "Die Wiederentdeckung des Menschen - Warum Egoismus, Gier und Konkurrenz nicht unserer Natur entsprechen"