Großzügige Umverteilung erhöht Lebenserwartung

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Eine aktuelle Studie konnte einen starken Zusammenhang zwischen der Umverteilung von Ressourcen innerhalb einer Gesellschaft und der durchschnittlichen Lebenserwartung belegen

Die aktuelle Studie "Intergenerational resource sharing and mortality in a global perspective" von Tobias Vogt (Universität Groningen), Fanny Kluge (Max-Planck-Institut, Rostock) und Ronald Lee (Universität Berkeley) untersuchte die Auswirkungen von Umverteilung von Ressourcen innerhalb einer Gesellschaft: "Unsere Ergebnisse aus 34 Ländern auf sechs Kontinenten deuten darauf hin, dass die Lebenserwartung in Gesellschaften, die sich gegenseitig mehr unterstützen und sich um einander kümmern, höher sind." Das beschriebene Ergebnis ist hierbei unabhängig davon, ob die Umverteilung in einer Gesellschaft staatlich organisiert ist oder sich auf privater Ebene abspielt (Erbschaften wurden hierbei jedoch explizit nicht berücksichtigt).

Dies ist ein bemerkenswertes Ergebnis, das gerade in einer Zeit, in der der Schutz des Lebens eine zentrale Rolle in der politischen Diskussion eingenommen hat, besondere Berücksichtigung finden sollte. Aber es ist auch ein Ergebnis, das erstaunt, denn die Tatsache, dass Reduzierung der Ungleichheit, Teilen und Großzügigkeit gesundheitsförderlich sind, also offenbar der Natur des Menschen zu entsprechen scheinen, widerspricht der weitverbreiteten Ansicht, der Mensch sei mit einer naturgegebenen egoistischen "Winner takes all"-Mentalität ausgestattet und Ungleichheit daher der natürliche Zustand der Menschen und Kapitalismus die natürliche Wirtschaftsform.

Natürliche Bereitschaft zu teilen

Das Ergebnis kann aber nur diejenigen erstaunen, die sich nicht mit der Forschung über die Natur des Menschen beschäftigt haben. Entgegen der weitverbreiteten Ansicht, dass Großzügigkeit und die Bereitschaft zu teilen gelernte und anerzogene Eigenschaften sind, weisen eine ganze Reihe von Experimenten und Studien das Gegenteil nach. Schon im Windelalter zeigen Kleinkinder ein Empfinden für Gerechtigkeit und bereits mit 15 Monaten erkennen sie den Unterschied zwischen einer fairen und einer unfairen Verteilung.

Auch die Bereitschaft der Kleinkinder, ihr Verhalten nach ihrem Gerechtigkeitsempfinden auszurichten, zeigt sich früh. In einem beeindruckenden Experiment des Harvard-Professors Felix Warneken zogen zwei dreijährige Kinder gemeinsam an einem Seil, um ein Brett heranzuholen und so an ein Spielzeug oder an Süßigkeiten in einer durchsichtigen Box zu gelangen. Nachdem die Kinder erfolgreich waren, gab es in der Box manchmal nur ein Loch, sodass regelmäßig ein Kind in der Versuchung war, sich die Belohnung alleine zu sichern. Doch fast immer teilten die Kinder den Fund gerecht auf. Warneken kommentiert: "Wir waren überrascht, dass diese Regel so strikt war, dass Gleichheit so stark bevorzugt wurde. Es war selten der Fall, dass ein Kind alles nahm und das andere Kind zu sagen hatte: 'Hey, das ist nicht fair.'" Einige Male wies ein Kind seinen Partner sogar darauf hin wenn er seinen Teil vergessen hatte.

Kinder verzichten sogar freiwillig auf den eigenen Vorteil zugunsten einer gerechten Verteilung: In einem Experiment erhielten zwei Dreijährige nach einer gemeinsamen Arbeit drei Belohnungen, wobei ein Kind zwei und das andere nur eine bekam. Fast immer teilte das von Glück begünstigte Kind von sich aus. Bei Kindern im Alter von sieben bis acht Jahren konnte dieses Phänomen bestätigt werden. Auch bei Erwachsenen zeigt es sich, dass Menschen deutlich großzügiger sind, als zumeist angenommen. Besonders aussagekräftig hierfür dürften die zahlreich Studien zu dem sogenannten Ultimatum- und dem Diktatorspiel sein.

Das soziale Gehirn belohnt Großzügigkeit

Beim Belohnungszentrum, das Teil des sogenannten "sozialen Gehirns" des Menschen ist, spielt der "Glücksbotenstoff" Dopamin eine Schlüsselrolle. Bei Dopamin geht es "nicht um das Glückserlebnis der Belohnung. Es geht um das Streben nach Belohnung", wie der Neurowissenschaftler Robert Sapolsky von der Universität Stanford erklärt. Dopamin "fördert das zielgerichtete Verhalten." Das Belohnungszentrum des Gehirns reagiert positiv auf Situationen und Eigenschaften und versucht mittels Dopaminausstoß sicherzustellen, dass die entsprechenden Handlungen auch tatsächlich durchgeführt werden. Die Auslöser, die das Belohnungszentrum aktivieren, sagen daher sehr viel über die Natur des Menschen aus.

Erstaunlich: Zwar aktiviert die Vorstellung, eine größere Geldsumme zu erhalten, das Belohnungszentrum, aber die Vorstellung, den gleichen Betrag für einen wohltätigen Zweck zu spenden, aktiviert diese ebenso. Letzter Variante wirkt sich deutlich positiver auf den Menschen aus, denn zusätzlich wird auch ein Teil des präfrontalen Cortexes aktiv, der für soziale Aufmerksamkeit und Zuneigung zuständig ist. Ein wichtiges Experiment der Psychologin Elizabeth Dunn beweist, wie stark und erfolgreich das soziale Gehirn Großzügigkeit fördert. In dem Experiment wurden 632 repräsentativ ausgewählten US-Amerikanern ein unverhofftes Geldgeschenk gemacht. Die eine Hälfte sollte das Geld noch am selben Tag für sich selber auszugeben. Die andere Hälfte musste das Geld am selben Tag für andere Menschen verwenden. Am Abend wurden die Testpersonen nach ihrem Wohlbefinden gefragt. Das Ergebnis: Menschen, die mit dem Geld anderen eine Freude gemacht hatten waren in besserer Stimmung, als diejenigen, die mit dem Geld sich selbst etwas Gutes tun durften. Eine Meta-Studie, die Daten aus 136 Ländern untersuchte, kommt zu dem Ergebnis, "dass prosoziale Ausgaben mit größerem Glück auf der ganzen Welt verbunden sind, sowohl in armen als auch in reichen Ländern."

Gesundheitsfördernde Großzügigkeit

Die eingangs zitierte Studie kommt zu einer bemerkenswerten Begründung für die gesundheitsfördernden Wirkung von Großzügigkeit und Umverteilung in einer Gesellschaft: "Wir gehen davon aus, dass diese Unterstützung die Sterblichkeit durch die Befriedigung dringender materieller Bedürfnisse verringert, aber auch, dass gemeinsame Großzügigkeit die Stärke der sozialen Verbundenheit widerspiegeln kann, die wiederum der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Menschen zugute kommt und indirekt das Überleben erhöht. (…) Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass sowohl das Geben als auch das Nehmen die Gesundheit verbessert."

Als Hintergrund für die positive Wirkung auf die Gesundheit: Zahlreiche Studien belegen, dass Gemeinschaft das Immunsystem stärkt. Beispielsweise zeigte eine Meta-Studie, die 41 Studien untersuchte, dass "die soziale Unterstützung und die soziale Integration signifikant mit einem niedrigeren Entzündungsniveau verbunden waren." Freiwillige Tätigkeiten reduzieren zudem das Sterberisiko um 47 Prozent. Und nicht zuletzt: Die Fähigkeit zu vertrauen ist für die menschliche Gesundheit zentral und hat einen erstaunlich signifikanten Einfluss auf die Lebenserwartung der Menschen, wie eine aktuelle Studie zeigt. Ob man anderen Menschen, auch Fremden, vertraut oder nicht, führt zu einem Unterschied in der Lebenserwartung von 10 Monaten.

Mehr als reziproker Altruismus

In der Diskussion ihres Ergebnisses zu der Studie "Intergenerational resource sharing and mortality in a global perspective" kommen die Autoren zu einer wichtigen Erkenntnis, die sie mit einer Reihe weiterführenden Studien belegen: "Es ist sicherlich weit mehr als Egoismus oder Quid-pro-quo-Erwartungen, die uns zu Gebern und Unterstützern machen. Die Motive, finanzielle oder nicht-materielle Unterstützung zu leisten, sind eng miteinander verbunden und tragen zu dem hohen Maß an prosozialem Verhalten bei, das in menschlichen Gesellschaften anzutreffen ist. (...) Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass altruistisches Verhalten und Risikoteilung tief in der menschlichen Evolution verwurzelt sind."

Ungleichheit in der Wirtschaftswissenschaft

"Von allen Tendenzen, die sich negativ auf eine vernünftige Wirtschaftslehre auswirken, ist die Fokussierung auf Verteilungsfragen am verführerischsten, nach meiner Meinung aber auch am nachteiligsten." So warnte Robert Lucas, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und seine mahnenden Worte dürfen durchaus als stellvertretend für viele Wissenschaftler seiner Zunft angesehen werden, denn all die hier präsentierten Fakten über die menschliche Natur finden in den Wirtschaftswissenschaften nicht ausreichend Berücksichtigung.

Dabei hatte ein Apostel des Kapitalismus eine deutlich andere Haltung: Adam Smith schrieb in "Der Wohlstand der Nationen" nicht nur davon, dass das Streben aus Eigennutz der Allgemeinheit zu Gute komme, sondern betont auch bezeichnenderweise: "Keine Gesellschaft kann gedeihen und glücklich sein, in der der weitaus größte Teil ihrer Mitglieder arm und elend ist." Seine Mahnung findet heute im wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs kaum mehr Gehör.