Ground Zero der Menschheit

Interview mit Mike Davis über sein Buch "Planet der Slums"

Sein kurzes Haar und der Schnurrbart sind stark angegraut, aber er hat noch immer den stämmigen, kräftigen Körperbau des Fleischersohns, der vor langer Zeit in El Cajón, einer Vorstadt von San Diego, geschlachtetes Vieh für seinen Vater geschleppt hat. Ehe man sich versiehst, sitzt man schon in seinem Wagen mit Allradantrieb und fährt mit ihm nach McManson, einen Außenbezirk von San Diego, oder runter zur mexikanischen Grenze, direkt zu dem neuen, umstrittenen Dreifachzaun, der gerade errichtet wird (und wo ihr prompt mit der Border Patrol aneinander geratet). Er ist ein wunderbarer Reiseführer, ein wandelndes Lexikon, er kennt alles, was an Südkalifornien außergewöhnlich oder fesselnd ist. Nichts in der Landschaft scheint einem Kommentar, einer kurzen Beschreibung oder Analyse zu entgehen. Die Brücke des Interstate-Highway, über die man irgendwo in der Ödnis fernab der Stadt fährt, ist die höchste gegossene Betonbrücke im ganzen Land. Alle möglichen Kriegsschiffe, die den blauen Hafen von San Diego regelmäßig anlaufen, werden identifiziert und erörtert, einschließlich des Stealth-Landungsschiffes der Navy SEALs1 („Die Navy hat hier noch mehr Spielzeug!“) .

Mike Davis: Bild: Assoziation A

Einem kleinen Vortrag über den örtlichen Immobilienmarkt folgt die Klage, dass „das einzige, worüber alle heutzutage in San Diego reden, Immobilienpreise sind“! Auf jede Militärbasis und jedes Sperrgebiet am Weg weist er hin: „Die Leute hier nehmen das Militär, mit dem sie Wand an Wand leben, nicht wahr. Sie sehen nicht den Tod überall um sie herum, die mörderischen Waffensysteme. Sie blenden einfach alles aus.“ Ab und zu kommt eine kuriose Erinnerung an alte Zeiten hoch: „Das einzig Gute daran, in San Diego aufzuwachsen, waren das Navy-Viertel und seine billigen Kinos. Das war ein Teenagerparadies.“ Als Beifahrer merkt man schnell, dass man Zeuge einer überwältigenden, aber alltäglichen Performance eines Universalgelehrten bist, der niemals etwas zu vergessen scheint.

Sein schlichtes Haus liegt am Rande einer der ärmsten Gegenden San Diegos, durch die ihr eine kurze Spritztour unternehmt – während er dir beiläufig die örtlichen Graffitis erläutert. Sein kleines Wohnzimmer, in dem wir meine Aufnahmegeräte aufstellen, wird von einem riesigen, bunten Spielhaus für seine zweijährigen Zwillinge James und Cassandra (oder Casey) dominiert. Bei einem Interview in seinem Haus, ist man von einer Welt revolutionärer Geschichte umgeben: keine Wand, kein Winkel und keine Ecke, nicht einmal das Badezimmer, ohne revolutionäre Plakate („Camarada! Trabaja y lucha por la revolucion!“). Überall um einen herum Stiefel, die auf russische Plutokraten treten, riesige Fäuste, die die deutsche Ausbeuterklasse zerschlagen, während man dich im Jahr 1919 dazu aufruft: „Wählt Spartacus!“

Mike Davis, dessen erstes Buch über Los Angeles, City of Quartz, ein Bestseller wurde und ihn als den innovativsten Stadt-Gelehrten des Landes etablierte, hat seitdem über alles Mögliche geschrieben, von der „fiktionalen Zerstörung Los Angeles’“ über die Geburt der Dritten Welt im 19. Jahrhundert bis hin zur Möglichkeit einer Vogelgrippe-Pandemie in unserer Zeit2. Zuletzt hat er seinen rastlosen, suchenden Geist in einem neuen Buch, Planet der Slums, der globalen Stadt zugewandt. Ein Buch, dessen Schlussfolgerungen so alarmierend sind, dass ich sie zum Ausgangspunkt unseres Gesprächs nehme.

Wir richten uns ein provisorisches Eckchen mit meinen Rekorder in seinem Wohnzimmer ein und fangen an. Davis hat etwas von der alten, nahezu verloren gegangenen amerikanischen Tradition des Autodidakten. In der Welt eines Stammes wäre er sicher der angesagte Geschichtenerzähler.

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