"Grünasketische Verdrängungs- und Verbotskultur"

Michael Hirsch zu den Aporien der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft. Teil 3

Die philosophische Grundlage des Buches Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft von Michael Hirsch ist das Werk Theodor W. Adornos. Im Interview schildert er, wie dessen Schriften erst zu unserer Zeit so akuell wurden wie noch nie und kommt auf ihre hedonistischen und utopistischen Seiten zu sprechen.

Teil 1: Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft
Teil 2: "Es mangelt an der Kohärenz eines Fortschrittsprogramms"

Herr Hirsch, während der Kapitalismus immer weiter menschliche Arbeitskraft durch Technologie ersetzt, wird die Lohnarbeit als zentrales Motiv individueller Lebensgestaltung beibehalten. Welche Konsequenzen hat dies für die Gesellschaft?
Michael Hirsch: Die Hauptkonsequenz wurde meiner Meinung nach am Bestem von Theodor W. Adorno in diesem schönen Satz beschrieben: "Vollbeschäftigung wird zum Ideal, wo Arbeit nicht länger das Maß aller Dinge sein müsste." Die These von Adorno besteht darin, dass wir es mit einem historischen Anachronismus zu tun haben. Es gibt Entwicklungspotentiale, die aufgrund von Produktivkraftentfaltung, aber auch von politischen Forderungen und sozialen Kämpfen über das kapitalistische System der Lohnarbeit hinaustreiben, aber diese Chancen, die seit den 70er Jahren in der Luft liegen, wurden politisch und kulturell nicht ergriffen und auch von der Gegenseite sehr effektiv bekämpft. Dadurch sind wir in eine Situation geraten, wo sich viele von dieser emanzipatorischen Idee mehr und mehr verabschiedet haben.
Was genau ist denn in den 70er Jahren passiert?
Michael Hirsch: Jenseits von simplen Verschwörungstheorien, nach denen sich neoliberalen Think Tanks oder Geheimgesellschaften seit den späten 1970er Jahren durchgesetzt haben sollen, ist der interessante Punkt, dass innerhalb der Linken die Kohärenz des Fortschrittsprojekts, also wie die sozialen Kämpfe mit den verschiedenen Aspekten wie etwa Geschlechter-, Umwelt- und Demokratiefrage zusammen hängen, immer undeutlicher wurde. Das ist alles in Einzelteile zerfallen und dadurch war für eine politische, aber auch für eine intellektuelle Linke kein übergreifendes Projekt mehr sichtbar gewesen. Irgendwann standen die Gewerkschaften mit ihren Forderungen alleine da.
Die Sozialdemokratie hat sich überhaupt nicht mehr mit progressiven gesellschaftlichen Kräften verbunden. Es gibt also ein Versagen sowohl der politischen und sozialen als auch der intellektuellen Bewegungen, die sich dann auch alle seit den 1980er Jahren gespalten haben.
Es hat sich eine Achsenverschiebung innerhalb der Linken ergeben: Weg von der sozialen Idee und Kategorien wie menschlicher Fortschritt zu einer protestantisch geprägten, grünasketischen Verdrängungs- und Verbotskultur: Man muss möglichst politisch korrekt agieren, man darf den Islam nicht kritisieren und ansonsten hat man möglichst gesund zu leben...
Michael Hirsch: Genau. Wichtig an neomarxistischen Positionen wie denen von Marcuse und Adorno scheint mir deren hedonistische Achse zu sein, das heißt man denkt Befreiung im Lichte von verbesserten Lebensmöglichkeiten. Es gibt von vornherein eine klare Vorstellung, wohin der Fortschritt führen könnte und deswegen auch eine klarere Idee, was diesem Vorhaben auch innerhalb des eigenen Lagers entgegen steht. Man konnte einen schlechten Asketismus auch bei den eigenen Leuten kritisieren. Der Hedonismus, also die Idee eines guten, eines besseren Lebens ist einer der wesentlichsten Aspekte bei der neomarxistischen Linken, die irgendwann innerhalb der intellektuellen Linken sehr stark an Einfluss verloren hat.
In Deutschland wurde zum Beispiel in der Frankfurter Schule Adorno und Marcuse durch Habermas und seine Schule abgelöst und institutionell irgendwann fast vernichtet. Gleichzeitig wurden Theorieformen französisch-poststruktureller Art hegemonial, die sich von vornherein als antimarxistisch und antimaterialistisch verstanden haben.
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